Tutuklu Türküsü
(Gefangenenlied)
Von Osman Yesil Cobanoglu
Für Ahmet
Savran, Ismet Kavaklioglu, Aziz Dönmez (DHKP-C), Abuzer Cat (MLKP),
Habib Gül, Ümit Altintas, Zafer Kirbiyik (TKIP), Mahir Emsalsiz,
Önder Gencaslan (TKP-ML) und Halil Türker (TKP/ML) ermordet
in Ankara, Ulucanlar-Gefängnis, 26.9.1999:
Einen nach dem andern
holten sie
wurden weggebracht
immer zwei und zwei
drei und drei, vier und vier, viele und viele
wurden mehr, wurden weniger
Die Hände in
Ketten
wurden ihnen die Augen verbunden
als man sie holte
Die, die bleiben
schicken ihre Herzen mit
den Gehenden hinterher
Ein Wort
eine Umarmung
ist nicht möglich
die Zeit und der Wächter
kennen kein Mitleid...
Aber
wenn sie sehen könnten
ein Blick
ein Lächeln
ein Machs gut...
beim Laufen
schwanken ihre Hände wie das Wehen der Fahne
Die motorisierte Einheit
mit Abzeichen
nahm sie
und schleppte sie weg
wie man die Seele
aus dem Körper reißt
Als sie gingen
füllten sich ihre Herzen
mit Zweifel
ein Schauer fuhr durch ihren Körper
mit enger Kehle
saßen sie da...
Sie wußten nicht
wohin
noch wer sie brachte
mit trockenem Mund
Schweißperlen auf der Stirn
die stechende Kälte des Windes
im Rücken
liefen sie
In ihren Gesichtern
hat der Schmerz die Jugend besiegt
Auf der eisigen Steppe
gefriert der Atem in den Schnurrbärten
Überfallen von
dem heißen Wunsch
für einen Zug
Tabak zum drehen
einen ausfallenden Fluch zu schleudern
blieben den Gefangenen nur
Kopfschmerzen
Ohne Zigarette
ohne Flüche
schwiegen sie entschieden
Schwiegen und brachen die Ruhe
ihrer Bewacher
Angekommen
stellte man sie in einer Reihe an die Wand
um sie dann
wieder weiterzugeben
Durchsucht
durchsucht
durchsucht
das wievielte Mal?
Ausziehen
sagten sie...
Sie fielen über
sie her
wie Wegelagerer
Die Arme über den Kopfschmerzen
warteten die Gefangenen
an die Wand geklatscht
warteten lange, lange...
Jeder kam
in eine Einzelzelle
Jede Verständigung
verboten
denken
verboten
Lieder singen
verboten
rauchen
verboten
Jedoch waren sie immer
frei
wenn es um Hunger, Schlaflosigkeit,
Müdigkeit, schlechte Behandlung ging
Noch etwas ist verboten,
absolut in die Hände die warme Luft des Atem zu
hauchen
Weil es ein Symbol des Vertrauens, der Hoffnung
und des Zorns in solcher Umgebung ist...
So
Tag für Tag, in den Nächten
hungrig und durstig, müde
und schlaflos haben sie gewartet
Man soll die Hoffnung nicht aufgeben
solange man noch lebt
Bis zum letzten Tropfen Blut
sagt man, aber...
Lust und Freude verliert
man nicht
in dieser gemeinschaftlichen Vereinigung
Wie eine wissenschaftliche Lösung
spiegeln wir unsere Wut
bilden einen Kreis
wie Halme nebeneinander...
Wandeln wir unseren
Schmerz
und Kummer
in Freudengeschrei um
was nutzt es schweigend zu sitzen!?
Stampft mit den Füßen auf den Boden
hebt den Kopf zum Himmel...!
Osman Yesil Cobanoglu
war Verleger und politischer Gefangener. Er wurde in den 80er Jahren
wegen der Veröffentlichung und Übersetzung von Texten der
italienischen Brigate Rosse und der RAF verurteilt. Das Gedicht entstand
ca. 1984 im Gefängnis von Malatya.
Ankara, Ulucanlar-Gefängnis,
am 26.9.1999: Spezialeinheiten der Gendarma versuchen gezielt einzelne
Gefangene auszusondern. Die Gefangenen verbarrikadieren und wehren sich
mit allen Mitteln gegen den Transport in die weißen Särge
der Isolation. Nach stundenlangem Widerstand schießt die Gendarma
in die Zellen, schlägt den Gefangenen die Schädel ein oder
sticht sie mit Bajonetten ab. 10 Gefangene werden ermordet, weitere
erleiden lebensgefährliche Verletzungen (zwei werden später
im Krankenhaus sterben). Die Antwort ist ein Aufstand in nahezu allen
Sondergefängnissen. Mit Ausnahme der PKK-Gefangenen beteiligen
sich fast alle linken türkischen Organisationen. Insgesamt über
100 Knastangestellte (Wächter, Soldaten, drei Direktoren) werden
festgesetzt, tagelang Höfe und Zellen verbarrikadiert. Gefordert
wird eine Untersuchung des Massakers in Ankara, sowie das ultimative
Ende aller Verlegungen in die neuen Europa-Zellen, wie der
Justizminister die Einzeltrakte nennt. Das Militär bereitet nach
drei Tagen die Stürmung vor. Die Gefangenen bekräftigen ihre
Bereitschaft zur Verhandlung. Nur eins sei mit ihnen nicht zu machen:
Die Verlegung in die Isolation. Dies wird ihnen zugesichert. Die Gefangenen
ziehen sich zurück. Am 4.12.99 erklärt die Staatsanwaltschaft
in Ankara das Ende der Untersuchungen. Das Ergebnis: keine
Disziplinarmaßnahmen gegen das Gefängnispersonal, die Anti-Terror-Einheiten
werden zudem belobigt unter Lebensgefahr die legale Autorität
durchgesetzt zu haben. Gegen einen Gefangenen wird die Todesstrafe,
gegen 84 weitere Haftstrafen von 12 bis 47 Jahren gefordert. Einen Tag
später gibt Justizminister Sami Türk für das Frühjahr
2000 die erste Ausschreibung der neuen F-Typ-Isolationsgefängnisse
bekannt: Sauber, hell, mit Bibliothek und effizient, wie in Europa!.
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