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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 5 / Januar 2000 - Seite 3
Tutuklu Türküsü (Gefangenenlied)
[ Inhalt Nr. 3.]
Tutuklu Türküsü (Gefangenenlied)
Von Osman Yesil Cobanoglu

Für Ahmet Savran, Ismet Kavaklioglu, Aziz Dönmez (DHKP-C), Abuzer Cat (MLKP), Habib Gül, Ümit Altintas, Zafer Kirbiyik (TKIP), Mahir Emsalsiz, Önder Gencaslan (TKP-ML) und Halil Türker (TKP/ML) ermordet in Ankara, Ulucanlar-Gefängnis, 26.9.1999:

Einen nach dem andern holten sie
wurden weggebracht
immer zwei und zwei
drei und drei, vier und vier, viele und viele
wurden mehr, wurden weniger

Die Hände in Ketten
wurden ihnen die Augen verbunden
als man sie holte
Die, die bleiben
schicken ihre Herzen mit
den Gehenden hinterher
Ein Wort
eine Umarmung
ist nicht möglich
die Zeit und der Wächter
kennen kein Mitleid...

Aber
wenn sie sehen könnten
ein Blick
ein Lächeln
ein „Machs gut...„
beim Laufen
schwanken ihre Hände wie das Wehen der Fahne

Die motorisierte Einheit
mit Abzeichen
nahm sie
und schleppte sie weg
wie man die Seele
aus dem Körper reißt

Als sie gingen
füllten sich ihre Herzen
mit Zweifel
ein Schauer fuhr durch ihren Körper
mit enger Kehle
saßen sie da...

Sie wußten nicht wohin
noch wer sie brachte
mit trockenem Mund
Schweißperlen auf der Stirn
die stechende Kälte des Windes
im Rücken
liefen sie
In ihren Gesichtern
hat der Schmerz die Jugend besiegt
Auf der eisigen Steppe
gefriert der Atem in den Schnurrbärten

Überfallen von dem heißen Wunsch
für einen Zug
Tabak zum drehen
einen ausfallenden Fluch zu schleudern
blieben den Gefangenen nur
Kopfschmerzen

Ohne Zigarette
ohne Flüche
schwiegen sie entschieden
Schwiegen und brachen die Ruhe
ihrer Bewacher
Angekommen
stellte man sie in einer Reihe an die Wand
um sie dann
wieder weiterzugeben

Durchsucht
durchsucht
durchsucht
das wievielte Mal?
Ausziehen
sagten sie...

Sie fielen über sie her
wie Wegelagerer
Die Arme über den Kopfschmerzen
warteten die Gefangenen
an die Wand geklatscht
warteten lange, lange...

Jeder kam
in eine Einzelzelle
Jede Verständigung
verboten
denken
verboten
Lieder singen
verboten
rauchen
verboten

Jedoch waren sie immer frei
wenn es um Hunger, Schlaflosigkeit,
Müdigkeit, „schlechte Behandlung“ ging

Noch etwas ist verboten, absolut in die Hände die warme Luft des Atem zu
hauchen
Weil es ein Symbol des Vertrauens, der Hoffnung
und des Zorns in solcher Umgebung ist...

So
Tag für Tag, in den Nächten
hungrig und durstig, müde
und schlaflos haben sie gewartet
Man soll die Hoffnung nicht aufgeben
solange man noch lebt
„Bis zum letzten Tropfen Blut„
sagt man, aber...

Lust und Freude verliert man nicht
in dieser gemeinschaftlichen Vereinigung
Wie eine wissenschaftliche Lösung
spiegeln wir unsere Wut
bilden einen Kreis
wie Halme nebeneinander...

Wandeln wir unseren Schmerz
und Kummer
in Freudengeschrei um
was nutzt es schweigend zu sitzen!?
Stampft mit den Füßen auf den Boden
hebt den Kopf zum Himmel...!

Osman Yesil Cobanoglu war Verleger und politischer Gefangener. Er wurde in den 80er Jahren wegen der Veröffentlichung und Übersetzung von Texten der italienischen Brigate Rosse und der RAF verurteilt. Das Gedicht entstand ca. 1984 im Gefängnis von Malatya.

Ankara, Ulucanlar-Gefängnis, am 26.9.1999: Spezialeinheiten der Gendarma versuchen gezielt einzelne Gefangene auszusondern. Die Gefangenen verbarrikadieren und wehren sich mit allen Mitteln gegen den Transport in die „weißen Särge“ der Isolation. Nach stundenlangem Widerstand schießt die Gendarma in die Zellen, schlägt den Gefangenen die Schädel ein oder sticht sie mit Bajonetten ab. 10 Gefangene werden ermordet, weitere erleiden lebensgefährliche Verletzungen (zwei werden später im Krankenhaus sterben). Die Antwort ist ein Aufstand in nahezu allen Sondergefängnissen. Mit Ausnahme der PKK-Gefangenen beteiligen sich fast alle linken türkischen Organisationen. Insgesamt über 100 Knastangestellte (Wächter, Soldaten, drei Direktoren) werden festgesetzt, tagelang Höfe und Zellen verbarrikadiert. Gefordert wird eine Untersuchung des Massakers in Ankara, sowie das ultimative Ende aller Verlegungen in die neuen „Europa-Zellen“, wie der Justizminister die Einzeltrakte nennt. Das Militär bereitet nach drei Tagen die Stürmung vor. Die Gefangenen bekräftigen ihre Bereitschaft zur Verhandlung. Nur eins sei mit ihnen nicht zu machen: Die Verlegung in die Isolation. Dies wird ihnen zugesichert. Die Gefangenen ziehen sich zurück. Am 4.12.99 erklärt die Staatsanwaltschaft in Ankara das Ende der „Untersuchungen“. Das Ergebnis: keine Disziplinarmaßnahmen gegen das Gefängnispersonal, die Anti-Terror-Einheiten werden zudem belobigt „unter Lebensgefahr die legale Autorität durchgesetzt“ zu haben. Gegen einen Gefangenen wird die Todesstrafe, gegen 84 weitere Haftstrafen von 12 bis 47 Jahren gefordert. Einen Tag später gibt Justizminister Sami Türk für das Frühjahr 2000 die erste Ausschreibung der neuen „F-Typ“-Isolationsgefängnisse bekannt: „Sauber, hell, mit Bibliothek und effizient, wie in Europa!“.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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