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Schafott-Justiz:
Über John Brown und Mumia Abu-Jamal
Von Victor Grossman
John Brown died
that the slaves might be free, and his truth goes marching on! - John
Brown starb, damit die Sklaven frei werden, und seine Wahrheit marschiert
weiter!
Am 2. Dezember 1859,
vor 140 Jahren, stieg in Charlestown (West Virginia) ein großer, älterer
Mann mit weißem Bart auf ein Schafott, bekam eine Schlinge um den Hals
und wurde gehängt! Fünf andere folgten. Am 2. Dezember 1999 sollte einem
jüngeren schwarzen Mann mit langen Rastalocken in einer Sonderzelle
ein tödliches Gift in die Venen eingespritzt werden. Wenige Wochen zuvor
wurde die Entscheidung verschoben. Mumia Abu-Jamal hat noch eine Chance.
Was verbindet den weißen Mann aus dem 19. Jahrhundert mit dem schwarzen
Mann aus dem 20., der - verdammt - auch das 21. Jahrhundert erleben
wird! Als John Brown 13 war, erlebte er, wie ein gleichaltriger Freund
ausgebeutet, gedemütigt und hart geschlagen wurde. Er war ein schwarzer
Sklave. Als Brown erwachsen wurde, schwor er, den Fluch der Sklaverei
in den USA zu bekämpfen.
Auch Mumia, geboren
1954, merkte früh, daß im Lande viel zu verändern war. Er mußte es merken,
er war Schwarzer in Philadelphia, »der Stadt der Bruderliebe«, der Unabhängigkeitserklärung
und der Freiheitsglocke - und eine der brutalsten, rassistischen Städte
in einem Land, das genügend rassistische Städte besitzt. Mit 14 Jahren
wurde er bei einer Demonstration verhaftet.
Die Black Panther Party nutzte in den 60er Jahren das inzwischen berühmt
gewordene Verfassungsrecht, Waffen zu besitzen und zu tragen, was bis
dahin nur Weißen gestattet war. Sie nahm den Kampf gegen Polizeibrutalität
auf und organisierte kostenlose medizinische Hilfe für die Menschen
im schwarzen Ghetto. Mumia wurde 1969 Mitbegründer der Black Panther
Party in Philadelphia. 1855 ging es zunächst um Kansas. Die Sklavenhalter
von Missouri schickten Mordbanden über die Grenze, um auch Kansas als
Sklavenstaat zu sichern. John Brown, seine Söhne und seine Anhänger
griffen zu den Waffen. Mumia Abu-Jamal hatte sich den afrikanischen
Namen gewählt und arbeitete im kleinen Sender der Afroamerikaner. Er
schloß sich einer kleinen Gruppe an, die sich »Move« nannte. Sie gründeten
Wohngemeinschaften in Philadelphia und einigen anderen Städten. Die
Polizei reagierte mit Gewalt auf: Bei einem Großangriff wurde 1981 ein
Polizist im Kreuzfeuer der eigenen Leute getötet. Neun der »Move«- Leute
wurden »wegen Mordes« zu je 30 bis 100 Jahren verurteilt. Mumia berichtete
über die Ungerechtigkeit des Prozesses. Man nannte ihn »die Stimme der
Stimmlosen«, »the voice of the voiceless«. Danach ließ ihn die Polizei
nicht mehr aus den Augen.
In einer kalten
Oktobernacht des Jahres 1859 überquerten John Brown und 22 Mitkämpfer,
schwarz und weiß, die Potomac-Brücke von Maryland ins südliche Virginia,
eroberten ein befestigtes Arsenal und eine Waffenfabrik der kleinen
Ortschaft Harper's Ferry. Sie hofften, einen Stützpunkt für die Flucht
der Sklaven zu schaffen. Der Plan scheiterte an der Feigheit und Dummheit
von zwei Teilnehmern. Marineinfanteristen eilten heran, geführt von
Robert E. Lee, dem späteren Kommandeur der Südstaatenarmee. Nach vierzigstündigem
Kampf waren zwei von Browns Söhnen und acht andere Männer tot, er selbst
wurde mit sechs anderen verletzt gefangengenommen, sechs konnten fliehen.
Zunächst stand das ganze Land unter Schock. Doch immer mehr Menschen
im Norden wurden davon beeindruckt, wie würdig sich Brown beim Prozeß
benahm: »Ich meine, daß ich jetzt der Sache, die ich so sehr liebe,
nicht besser dienen kann, als für sie zu sterben; und mit meinem Tod
werde ich vielleicht mehr schaffen als in meinem Leben.«
So war es auch. Der Haß gegen die Sklaverei verbreitete sich. Als 1860
Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde, lösten die Sklavenhalter
den Bürgerkrieg aus. Das oben zitierte Lied wurde zur Hymne der Nordtruppen.
Nach vier blutigen Jahren kam es zum Verbot der Sklaverei. Dieses Verbot
führte nicht zum Ende der Unterdrückung und eines Rassenhasses, der
bis in unsere Gegenwart den Fortschritt verhindert.
Menschen wie Mumia
kämpfen dagegen, sind also »im Wege«! 1982 geriet er in eine Schießerei
der Polizei, die seinen Bruder angegriffen hatte. Mumia wurde schwer
verletzt, ein Polizist starb. Als man merkte, wer erwischt worden war
(oder planten sie es so?), setzten sie auf Rache. Mumia erhielt einen
unfähigen Pflichtanwalt und wurde gehindert, sich selbst zu verteidigen,
schließlich fällte Richter Sabo das Todesurteil.
Seit 17 Jahren kämpft Mumia, nun mit der Hilfe von Anwälten wie Leonard
Weinglass, darum, aus der Todeszelle zu kommen und einen neuen Prozeß
zu erhalten, in dem Fakten, die damals verheimlicht, und Zeugen, die
erpreßt wurden, nunmehr die Wahrheit offenbaren können. Das wurde stets
verweigert.
Vor kurzem kam der Fall endlich vor Richter Yohn, der beiden Seiten
Gelegenheit geben will, ihre Positionen darzulegen. Alles ist möglich,
auch das Schlimmste. Vieles hängt davon ab, wieviel Druck in der Welt
erzeugt wird. Mumia sagte: »Dies ist nur die nächste Stufe dieses Kampfes.
Wir werden den Kampf fortsetzen. Wir werden siegen!«
Der Sieg ist nicht nur wichtig, um seiner Frau und seiner Tochter einen
Unschuldigen zurückzugeben und eine mutige Stimme zu befreien. Es wäre
ein Sieg über die Todesstrafe, besonders gegen Minderheiten und Arme;
3.500 Menschen, mehrheitlich Farbige, warten in den USA auf Galgen,
elektrischen Stuhl, Gas oder Giftspritze. Es wäre ein Sieg für ärmere
Menschen überall, für alle, die sich ehrlich um »Leben, Freiheit und
das Streben nach lück« mühen, wie es in der US- Unabhängigkeitserklärung
heißt, die in Philadelphia vor mehr als zweihundert Jahren stolz proklamiert
wurde.
Der alte John Brown
berief sich darauf, und es gilt genauso in Frankfurt und Erfurt, Hamburg
und Berlin, für Türken, Kurden, Afrikaner und Vietnamesen wie für alle
anderen. Für uns alle gilt der Kampf um Mumias Leben und Freiheit!
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