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Verhaftungen
und Durchsuchungen gegen Revolutionäre (Zellen)
Am
Sonntag, den 19. Dezember 1999 stürmte die berliner Polizei mit einem
Großaufgebot den Mehringhof in Kreuzberg. Vorweg die Sondereinsatzgruppen,
gefolgt von einem Ermittlungsteam der Bundesanwaltschaft und einem fast
1000-köpfigen Aufgebot von Polizei und BGS. Das alternative Zentrum
wurde von 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr durchsucht. Zeitgleich wurden in Berlin
und Frankfurt/Main Wohnungen durchsucht und zwei Männer und eine Frau
verhaftet.
Im Mehringhof wurde Kiloweise Sprengstoff gesucht. Gefunden wurde nichts.Es
wurde aber ein Sachschaden an Türen, Wändern, Einrichtungsgegenständen
usw. im Wert von über 100.000 DM angerichtet.
Verhaftet wurden in Berlin Axel H. (49) und Harald G. (51), die beide
auch in Projekten des Mehringhofes mitarbeiten. In Frankfurt wurde zeitgleich
Sabine E. (53) festgenommen. Ihnen wird von der Bundesanwaltschaft die
Mitgliedschaft in den Revolutionären Zellen bzw. der Rote Zora vorgeworfen.
Zum Teil sind einige Anklagepunkte bereits verjährt, aber das hindert
die Bundesanwaltschaft nicht, endlich nach Jahren auch zu einem Schlag
gegen die RZ ausholen zu können. Nachdem der Ermittlungsrichter am BGH
die Haftbefehle gegen die drei bestätigte, wurden sie auf Knäste in
Düsseldorf, Frankfurt und Wuppertal verteilt. Neben dem Vorwurf der
Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung werden Harald G.
und Sabine E. beschuldigt, an einem Sprengstoffanschlag auf die Zentrale
Sozialhilfestelle für Asylbewerber in Berlin beteiligt gewesen zu sein.
Axel H., der im Mehringhof als Hausmeister arbeitete, soll das dort
gesuchte Sprengstoffdepot betreut haben.
Schwerer Verrat
Zurück gehen die Verhaftungen und Durchsuchungen auf Verrat. Schon aus
dem Durchsuchungsbeschluß für den Mehringhof wurde deutlich, daß aktuelle
Aussagen den Anlaß gegeben haben. Bereits im November verhaftete die
Bundesanwaltschaft den 40jährigen Tarek Mohamad Ali Mousli unter der
Anklage von Anfang 1986 bis Ende 1996 Mitglied der Berliner RZ und dabei
an mehreren Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. Auch dabei gab es
acht Hausdurchsuchungen, auch dort wurde im Mehringhof nach Sprengstoff
Gelamon 40 sowie Sprengkapseln gesucht, den die RZ in den 80er Jahren
in einem Steinbruch enteignet haben sollen. Wie bei den jetzigen Haftbefehlen
ging es auch bei Tarek Mousli. um Anschläge auf den Leiter der Ausländerbehörde,
Harald Hollenberg am 28. Oktober 1986 und auf den Richter am Bundesverwaltungsgericht,
Günter Korbmacher am 1. September 1987. Korbmacher und Hollenberg waren
durch Schüsse in die Beine verletzt worden. Die RZ hatten die Anschläge
mit der Asylpolitik begründet. Aber beide Aktionen sind verjährt. Außerdem
ging es um einen Sprengstoffanschlag auf die Zentrale Sozialhilfestelle
für Asylbewerber am 6. Februar 1987. Tarek Mousli war schon am 19. Mai
1999 wegen Verdachts der „Unterstützung der RZ“ festgenommen, am 7.
Juli aber aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Seine erneute
Verhaftung im November hatte dann den wohl auch beabsichtigten Effekt:
einen Kronzeugen gegen die Revolutionären Zellen zu gewinnen. Tarek
M. ist in der berliner Linken kein Unbekannter, sondern als langjähriger
Aktivist bekannt. Auch aus diesem Grund, ist davon auszugehen, daß seine
umfangreichen Aussagen auch Menschen über den Zusammenhang Revolutionäre
Zellen hinaus betreffen.
Der Angriff auf
den Staat verjährt nie
Auch wenn die einzelnen Straftaten zum Teil verjährt sind, handelt die
Bundesanwaltschaft nach dem Motto, daß die Halbwertzeit des bewaffneten
Angriffs auf den Staat dem des Urans entspricht. Jetzt ist es der Bundesanwaltschaft
offensichtlich gelungen wirkungsvolle Ansatzpunkte für Ermittlungen
gegen die Revolutionären Zellen zu finden. Wie auch schon gegen die
Rote Armee Fraktion ermittelt die BAW wegen Aktionen, die teilweise
schon 20 Jahre zurückliegen. Das verdeutlicht nicht nur ein bürokratisches
Langzeitgedächtnis, sondern vor allem auch, daß die Notwendigkeit auch
weiter besteht, an jedem Punkt den Sieg über die fundamentale Opposition
zu vollstrecken. Da spielt es keine Rolle, ob die Aktivist/innen von
damals auch heute noch weiterkämpfen; das ist allemal nur ein Hebel
für die Erpressung, die Rückkehr in die Bürgerlichkeit mit der Auslieferung
der früheren Genoss/innen glaubhaft zu machen.
Die Bundesanwaltschaft
reibt sich natürlich die Hände: Der Verrat schafft eine Situation, in
der darauf spekuliert werden kann, eine Kettenreaktion auszulösen. Die
Inszenierung der Durchsuchung des Mehringhofes legt auch den Schluß
nahe, daß kein Sprengstoff gefunden werden sollte, sondern ein breites
Echo für die Story, daß jetzt Feierabend ist für die von der BAW so
genannten „Feierabendterroristen“.
So hofft man nun, wie eine BAW-Sprecherin im „Focus“ mitteilte, daß
sich über die aktuellen Verhaftungen vielleicht auch neues im Fall Karry
ergeben könnte. Der damalige hessische Wirtschaftsminister war 1981
im Schlaf ungewollt erschossen worden: getroffen werden sollten nur
die Beine, wie eine RZ damals nach dem Tod Karrys erklärte.
Die Kronzeugenregelung
Als eine der wenigen Wahlversprechen, die die Grünen einhalten wollen,
gilt die Abschaffung des in den 80er Jahren gegen die RAF eingeführten
Kronzeugengesetzes. Die Gewerkschaft der Polizei protestierte zwar pflichtgemäß,
aber an der Verlautbarung der Bundesregierung, die Kronzeugenregelung
zum Endes des Jahrtausends auslaufen zu lassen, schien bisher kein Zweifel
zu herrschen. Justamente zum Ende hin, quasi auf den letzten Drücker,
präsentiert die Bundesanwaltschaft gleich zwei Kandidaten, für die das
Gesetz noch Anwendung finden könnte. Neben Tarek M. ist das Hans-Joachim
Klein, der vor einem Jahr in Frankreich verhaftet und vor wenigen Monaten
an Deutschland ausgeliefert wurde.
Die Rückkehr
des Klein
Keine Überraschung war, daß Klein den deutschen Repressionsbehörden
helfen würde. Bereits 1977, als er mit Hilfe des „Spiegels“ und einem
frankfurter Spontimilieu, das heute Minister stellt, seine „Abkehr vom
Terrorismus“ verkündete, drohte er die Nennung von Namen an. Die Bundesanwaltschaft
klagt ihn jetzt wegen dreifachen Mordes während der Besetzung der OPEC-Konferenz
1975 in Wien an. Fraglich war es offentlichlich nur, ob er auch seine
Freunde unter den Altspontis, die ihn die Jahre finanziell und publizistisch
unterstützten, mit in die Pfanne haut oder nicht. Nachdem Klein mit
der Bundesanwaltschaft aushandelte, daß er nur Aussagen bis 1977 machen
würde, waren einige froh - denn heute ist es kein Verdienst mehr, mal
aktiv gegen die RAF gewesen zu sein. Aus Sicht der Bundesanwaltschaft
ist ein Mörder nur ein Mörder - außer es sind die eigenen.
Dieser indirekte
Deal mit der nachrückenden grünen Beamtenschaft hat natürlich Opfer.
So wurde am 15. Oktober 1999 in Frankfurt der 56jährige Rudolph Schindler
verhaftet. Klein hatte ihn durch die Behauptung belastet, an der Auskundschaftung
des wiener OPEC-Gebäudes beteiligt gewesen zu sein. Rudolph Schindler
sitzt seitdem in Weiterstadt in Untersuchungshaft. Die BAW kündigte
weitere Festnahmen im Zusammenhang mit den Aussagen Kleins an. Der Prozeß
gegen Hans Joachim Klein wird im Frühjahr 2000 vor dem OLG Frankfurt
beginnen. Schon jetzt zeichnet sich ein längeres Verfahren ab, welches
ein spezielles Kapitel des bewaffneten Kampfes der 70er Jahre juristisch
abfertigen soll: Als Zeugen geladen sind u.a. der in Paris gefangene
Ramirez Sanchez, genannt „Carlos“, sowie Johannes Weinrich, gegen den
die berliner Justiz soeben im Moabiter Prozeß ein „lebenslänglich“ beantragt
hat. Beide sind ehemalige Genossen Kleins. Wie immer die Politik und
Aktionen der „Gruppe internationaler Revolutionäre“, besser bekannt
als „Carlos-Gruppe“, im einzelnen zu bewerten sind, im Gegensatz zu
Klein aber haben sich beide bislang in der Haft offensichtlich mit Aussagen
noch nicht verkauft.
Erste Solidarität
In Berlin hat sich für die Verhafteten ein Solidaritätskomitee gegründet.
Eine Pressekonferenz und eine erste Solidaritätsdemonstration mit ca.
250 Teilnehmer/innen wurde durchgeführt. Die alternativen Betriebe des
Mehringhofes protestierten gegen die Durchsuchung und erklärten ihre
Solidarität mit den Gefangenen. Die berliner „Forschungstelle für Flucht
& Migration“ fordert Freiheit für ihren Mitbegründer Harald. Ebenso
rief der BUKO-Schwerpunkt „Rassismus und Flüchtlingspolitik“, im dem
Harald mitarbeitete, auch andere Projekte der Linken dazu auf, die Gefangenen
zu unterstützen. Aus Chile gibt es ein erstes Zeichen internationaler
Solidarität.
Das Solikomitee
ist zu erreichen:
Solidaritätsbüro Mehringhof, Gneisenaustr. 2, 10965 Berlin aktuelle
Infos unter: http://www.gib.squat.net/mh-razzia
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