Editorial: 2000
Die Auflage der aktuellen
”So oder So” number five ist doppelt so hoch. Bislang war der Zweck der Zeitung
die Mobilisierung für die Konferenz ”Befriedung oder Befreiung - Perspektiven
internationaler Solidarität” im April 1999. Danach veröffentlichten wir eine
Ausgabe mit dickem Themenmagazin, in dem die Ergebnisse der Arbeitsgruppen,
Veranstaltungsreden, Eindrücke und Diskussionstexte aus Berlin veröffentlicht
wurden (die noch immer bestellt werden kann). Aber schon die Unterzeile der
letzten Ausgabe „Zeitung der Kampagne Libertad! für internationale Zusammenarbeit
und Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen weltweit” war
nicht nur etwas lang geraten, sie signalisierte bereits: die Zeitung wird
es weitergeben.
Seit Sommer 1999 wurde
in Libertad! einiges kritisch diskutiert und getan, eine Strukturreform vollzogen
(Seite 12); aber eine Sache, die
allen Fragen standhielt, war die Zeitung: sie sollte weiter erscheinen, die
Redaktion erweitert werden. Ersteres geschieht, letzteres hoffen diejenigen,
die sie machen, noch immer. Bestärkt wurden wir aber dadurch, daß unser Blatt
gut weggeht. Wenn es denn nichts kostet. Das wird auch weiterhin so bleiben:
Die Zeitung ist umsonst - zumindest für diejenigen, die sie lesen werden.
Und wir werden versuchen sie über Spenden und Patenschaften zu finanzieren.
Denn wir haben festgestellt: Die letzte besonders dicke Zeitung für 3 DM zu
verkaufen, war für diejenigen, die diesen Job übernahmen, eine eher trostlose
Angelegenheit: Preisausschreiben, Poster und Partytips haben wir nicht, Klatsch
nur selten, und ansonsten ist in Sachen Politik die Zahlungsmoral der Linken
bekannterweise ja eher lau.
Auch in Zukunft soll die
”So oder So” ausdrücklicherweise kein Vereinsblatt von Libertad! sein. Sie
wird nicht nur die Meldungen der eigenen Aktivität verlautbaren, eigene Flugblätter
dokumentieren, oder bereits in anderen Zeitschriften Gedrucktes aufpoliert
erneut auftischen. All das nicht, wiewohl Wiederholungen teilweise nicht vermieden
werden können. Wir werden weiterhin versuchen, eine interessante und lesbare
Mischung aus Informationen über die Lage politischer Gefangenen, Meldungen
staatlicher Repression, aber auch Hintergrundinformationen aus Diskussionen
der Linken in Deutschland und der anderer Länder veröffentlichen.
In dieser Ausgabe u.a.: 25. Jahre Tod von Holger Meins (S.5); Solidarität
mit den gefangenen Funktionären der Ex-DDR? (S. 10); das Ende des baskischen
Waffenstillstandes (S. 4) und die neue kurdische Frauenpartei PJKK (S. 7).
Denn: Diskussion, nicht
die reine Information, ist notwendiger denn je. Auch in der Linken ist die
Erfahrung -spätestens seit dem zunehmenden Gebrauch des elektronischen Datenverkehrs
-, daß die Information als solche nicht das alles entscheidene Problem ist.
Denn: die Bewegungsweise einer Information ist nicht identisch mit der Bewegungsweise
einer Auseinandersetzung. Ist das erste vielleicht auch eine Frage der Menge
und Geschwindigkeit, ist das zweite vor allem eine Frage der Tiefe und praktischen
Orientierung. Also wie aus allem Politik machen? Was ist wichtig, was nicht?
Welche Methode, welche Strategie, welche Taktik? Wie aus der Verarbeitung
eine Entscheidung treffen? Konsequenzen ziehen können nur Subjekte. Und eine
Organisation. Eine Zeitung ist das nicht, sie kann aber versuchen anzuregen,
Diskussionen festhalten und weitergeben. Eine bittere Notwendigkeit, damit
die radikale Linke in den Metropolen tendenziell auch mal wieder in die Lage
kommt einen eigenen Kurs zu bestimmen, der über das Aufwerfen selbstkritisch
rückblickender Fragen (so berechtigt sie sind) hinauskommt. Wir sind bescheiden.
Von der Eroberung einer systemoppositionellen Offensivposition wollen wir
gar nicht erst sprechen (wiewohl wir es gerne täten, wäre es denn so...).
Ein Klassenkompaß ist die ”So oder So” daher nicht, daß wäre ein falsches
Verlangen: wir sind kein Linienblatt und haben auch nicht vor, es zukünftig
zu behaupten. Denn wer glaubt die einzig wahre Richtung schon zu kennen, trägt
eher zur Lähmung bei. Zumindest in der jetztigen Phase.
Die ”So oder So” wird
voraussichtlich 4x im Jahr erscheinen. Dazu planen wir, je nach Möglichkeit
wie schon in der letzten Nummer, ein Magazin mit längeren Texten, Interviews
oder Reportagen. Wenn alles klappt, liegt in einer der nächsten Ausgaben ein
neues Themenmagazin schon bei: ”La Nueva Columbia - Berichte, Gespräche und
Impressionen aus einem 30-jährigen Krieg für den Frieden”. Ansonsten wird
die nächste Ausgabe im März erscheinen, rechtzeitig vor dem 18.3.2000: dem
Bundesweiten Aktionstag, den Libertad! vor fünf Jahren mit anderen ins Leben
rief (siehe den Aufruf auf S. 15). Das Jahr Zweitausend: nein, dazu hier definitiv
kein dummsinnig erhabener Satz. Das überlassen wir anderen. Nur soviel: Freiheit
für alle politischen Gefangenen - Freiheit für die Gefangenen aus der RAF.
Eben: Das Weite suchen... Die Redaktion