| Ein Symbol des
Kapitalismus
Frankfurt,
den 30.11.99. Wohl an die 200 Mächtige des Finanzkapitals strömten
in den Frankfurter Dom. Unter ihnen Hilmar Kopper, der ehemalige Bundesbankpräsident
Hans Tietmeyer, der Graf Lambsdorff, Edzard Reuter, die Vorstände
der Dresdner Bank und Karstadt-Quelle, BDI-Chef Olaf Henkel, Otto Wolff
von Amerongen, die Witwe Herrhausen und zahlreiche weitere Vertreter
der Financial Community. Grund der feinen Zusammenkunft
in schwarz: Vor zehn Jahren hatte ein Kommando der RAF das Leben von
Alfred Herrhausen, dem damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank,
mit gut plaziertem Sprengstoff beendet. Damals war der Wind für
die Mächtigen des Landes noch etwas rauher: Die Akteure dieses
Systems müssen wissen, daß ihre Verbrechen ihnen erbitterte
Feinde geschaffen haben, daß es für sie keinen Platz geben
wird in der Welt, an dem sie vor den Angriffen revolutionärer Guerillaeinheiten
sicher sein können., begründete die Guerilla ihre Aktion
im Winter 1989, die sechs Monate nach dem letzten großen Hungerstreik
der RAF-Gefangenen eine neue Phase revolutionärer Politik einleiten
sollte.
Die Stadtguerilla ist seit März 1998 Geschichte, den Dom aber durften
trotzdem nur Geladene betreten, die Tiefgarage am Römer wurde stundenlang
gesperrt, als sich 10 Jahre später die Elite ihres ungekrönten
Königs der deutschen Wirtschaft (BILD-Zeitung) erinnerte.
Aber völlig ruhig sind die Zeiten dann doch nicht. Wenn auch den
Protest diesmal Andere mit anderen Mitteln ausdrückten: Die katholischen
Initiative Ordensleute für die Frieden (IOF) hatte
sich vor dem Domportal zu einer einstündigen Mahnwache versammelt
und dabei sogenannte Gebets- und Sterbezettel mit der Aufschrift: Wir
gedenken Alfred Herrhausens und der zahllosen Opfer unseres Wirtschaftssystems
verteilt.
Der Eklat folgte: Pfui, schämen sie sich nicht wütete
eine der geladenen Damen und zerriß mit diesen Worten das Flugblatt
in lauter kleine Schnipsel, um sie dann den Mitgliedern der Mahnwache
voller Ekel vor die Füße zu werfen. Wie alle anderen, mußte
auch sie an dem großen Transparent mit der Aufschrift Unser
Wirtschaftssystem geht über Leichen auf ihrem Weg in den
Dom trotzdem vorbei.
Bereits einen Tag zuvor hatte die FAZ die Initiative der Ordensleute
als pietätlos und verwerflich verurteilt.
Auch die Vorstandsetage der Deutschen Bank und die katholische Kirche
hatten sie aufgefordert, zu Hause zu bleiben und das offizielle Gedenken
nicht zu belästigen.
Die Ordensleute aber ließen sich nicht erschrecken. Bereits seit
10 Jahren demonstrieren sie einmal im Monat mit einer Mahnwache gegen
die Deutsche Bank, das nach ihren Worten Symbol unseres kapitalistischen
Wirtschaftssystems. Einer ihrer Aktivisten: Die trauern
hier um einen, und wer redet von den Millionen Toten, die die Deutsche
Bank durch ihre Geldpolitik zu verantworten hat?.
In ihrer Erklärung zur Aktion gegen Herrhausen hatte die RAF erklärt:
Es ist weltweit eine destruktive Entwicklung, die der Imperialismus
zur Sicherung seiner Profit und Machtpositionen produziert; Völkermord,
Hunger, Erniedrigung, Existenzunsicherheit und umfassende Zerstörung
schafft eine im Kern einheitliche Situation, die überall existentielle
Dimension angenommen hat, nirgends können die Menschen wirklich
nach ihren eigenen Vorstellungen und Werten leben.
Die Ordensleute sehen das ähnlich: Die Ursache dieser Entwicklung
liegt im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Die Bedürfnisse der
Armen und der aufkommenden Generationen haben keinen Platz in diesen
Unrechtsstrukturen, so ihr Flugblatt, daß mit den Worten
endet: Ohne Gerechtigkeit für alle gibt es keinen Frieden
- eben, so ist es.
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