| Zur Erschießung
von Horst-Ludwig Mayer und der Verhaftung von Andrea Klump in Wien
Am Mittwoch, den
15.9.99 wurde Horst-Ludwig Meyer von Polizeieinheiten der WEGA in Wien
gezielt erschossen und Andrea Klump festgenommen. An der Festnahme und
Ermordung waren laut Medien Personen aus der Bevölkerung beteiligt.
Innenminister Schlögl redet im Fernsehen von einem Fahndungserfolg,
ehrt die ZeugInnen, den bei der Verfolgung unterstützenden Motorradfahrer
und die beteiligten BeamtInnen. In der offiziellen Berichterstattung
wurde die Fahndung eingeleitet, da aus der Bevölkerung auffällige
Personen gemeldet wurden. Menschen als auffällig zu
definieren ist Teil von Kriminalisierung. Auffällig werden jene,
die in der gesellschaftlichen Normalität nicht vorkommen
sollen. Die Auffälligkeit von Andrea und Horst bestand darin, daß
sie sich öfters an der selben Ecke getroffen haben sollen, auf
und ab gingen, mit Schirmkappe und Sonnenbrille bekleidet waren. Angeblich
behauptete ein Zeuge Angst gehabt zu haben, von diesen auffälligen
Personen in seiner Wohnung überfallen zu werden.
Die mediale Berichterstattung schürt seit Jahren mit Artikeln von
organisierter Kriminalität, Ostmafia, schwarzen
Drogendealern und Terrorismus Angst in der Bevölkerung.
Die staatliche Antwort ist polizeiliche Aufrüstung, Lauschangriff,
Schengenabkommen und NATO-Beitritt. Gleichzeitig werden die BürgerInnen
zur Kontrolle und Denunziation aufgerufen. In den Medien werden Schlagzeilen
verwendet wie Blutspuren und kaltblütige Mörder,
wenn über die RAF berichtet wird.
Die RAF gründete
sich aus der Studenten- und Oppositionsbewegung der 60er Jahre. Bei
Demonstrationen, an denen sich tausende Menschen, gegen die Remilitarisierung
der BRD, gegen den Vietnamkrieg und gegen das Schah-Regime beteiligten,
schritt die Polizei brutalst ein. In den 50er und 60er Jahren begannen
in vielen Ländern des Trikonts Befreiungskämpfe gegen die
Kolonialmächte und gegen Versuche der USA, ihre ökonomische
und militärische Macht zu sichern. In Vietnam kämpfte eine
die kommunistische Guerilla ab 1946 gegen die französische Kolonialmacht.
(...) 1959 siegte die kubanische Revolution gegen die USA. In vielen
Ländern Lateinamerikas nahmen Guerillaorganisationen den Kampf
gegen die von den USA unterstützten Militärdiktaturen auf.
In Namibia kämpfte die SWAPO gegen das Apartheidsregime. In den
USA entstand eine große Bürgerrechtsbewegung gegen die rassistische
Diskriminierung. Es kam zu Massenaufständen. 1966 wurde die Black
Panther Party als schwarze Selbstverteidigungsorganisation gegründet.
1971 gründete sich die palästinensische Organisation Schwarzer
September. Die RAF bezog sich in ihren internationalistischen
Kämpfen gegen Imperialismus und Klassengesellschaft auf diese Befreiungsbewegungen
und bekämpfte Wirtschaftsbosse, das NATO-Militär, die NATO-Stützpunkte
und die Kriegstreiber im eigenen Land.
Die Aufbereitung
der Medien über Aktionen und Anschläge der RAF soll eine kritische,
solidarische Öffentlichkeit verhindern und Guerillagruppen und
bewaffneten Widerstand von der gesellschaftlichen Öffentlichkeit
isolieren und vernichten. Wir lassen uns nicht spalten und den Mund
verbieten. Alle (...) die von einem Leben träumen, in dem Freiheit,
Gerechtigkeit und Solidarität für alle lebbar ist, die sich
gegen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus organisieren, müssen
sich auch über die Möglichkeiten und Widersprüche des
bewaffneten Kampfes und seinen militanten Aktionen Gedanken machen.
Für uns gibt es zur Festnahme und Ermordung viele Ungereimtheiten:
Angeblich filmte eine Person schon vor längerer Zeit zwei
auffällige Personen. Dieser sw-Amateurfilm wurde im Fernsehen
gesendet. Wir zweifeln, an dieser Darstellung und Herkunft. Wir können
uns gut vorstellen, daß diese Situation gestellt und nachgereicht
wurde. In den Zeitungen wird von einer Zeugin und dann wiederrum von
einem Zeugen gesprochen. Die Frage ist, ob es überhaupt eine monatelange
Beobachtung aus der Bevölkerung gegeben hat, oder ob Andrea und
Horst schon längere Zeit von der Polizei observiert wurden.
Genauso unklar wie alle Berichte ist der mögliche Kontakt zum Verfassungsschutz.
Laut Medien soll Andrea 1996 Kontakt mit dem VS gehabt haben. Ob es
um einen Kontakt für eine sog. Rückkehr in die Legalität
ging, blieb in den Medien unklar. Wenn es Kontakt zum VS gab, ist die
Ermordung und Verhaftung in weiteren Zusammenhängen von Aufstandsbekämpfung
und Arbeitsweisen des VS zu sehen.
In einem Standart-Artikel vom 17.9. heißt es in einem
Schreiben des VS, daß es Zweifel an einer tatsächlichen
Zugehörigkeit von Andrea und Horst in der RAF gibt. Trotzdem
befanden sich ihre Photos 15 Jahre lang auf den Fahndungsplakaten. Sie
konstruieren eine herrschende Wahrheit in der bewußten
Täuschung der Öffentlichkeit. (...) Andrea soll nun für
ihre politische Überzeugung hinter Schloß und Riegel. Die
österreichische Staatsanwaltschaft klagt Andrea vorläufig
auf Widerstand gegen die Staatsgewalt, Urkundenfälschung
und Mordversuch an. Die Polizei überprüft sämtliche
ungeklärte Raubüberfälle um sie vielleicht Andrea anlasten
zu können. Für polizeiliche Ermittlungen trafen sich österreichische,
italienische und deutsche Beamte der Terrorbekämpfung in Wien (...)
Andrea verweigert die Aussage. (...) Die Polizei will jetzt schauen,
mit wem Andrea und Horst Kontakt hatten. Das heißt, sie werden
beobachten wer die Ermordung von Horst als solche benennt und wer Andrea
im Häfn (Gefängnis) unterstützt. Diese Einschüchterungen
dürfen uns nicht davor abhalten, solidarische Öffentlichkeit
herzustellen.
Wir alle erleben
alltägliche die Gewalt der ökonomischen Ausbeutung, Sexismus,
Rassismus, von Isolation, Konkurrenz und Zerstörung. Einige haben
sich entschieden, die Gewalt auch bewaffnet zu bekämpfen. (...)
Wenn wir unterschiedlicher Meinung über Ziele und Wege sind, sollten
wir diskutieren und lernen darüber zu streiten. Dazu müssen
wir den Zusammenhang von Basisarbeit in politischen Projekten und Strukturen,
von öffentlichen Protesten und Widerstand und von militanter Praxis
sehen.
Wir schicken Andrea
feministische Grüße, Kraft und Solidarität!
Freilassung für
Andrea! Freilassung für alle politischen Gefangenen die gegen Unterdrückung
und Ausbeutung kämpfen! Freilassung aller sozialer Gefangener!
Freilassung für alle Frauen, die ihren Vergewaltigter, Mißhandler,
Zuhälter, Frauenhändler umgebracht haben! Lassen wir uns nicht
spalten, solidarisieren wir uns! Kämpfen wir für unsere Freiheit!
Feministische Lesben
gegen Sexismus, Rassismus, Imperialismus
Wien, Oktober 1999
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