Die Erfahrungen
der internationalen Zusammenarbeit
Bulletin des Internationalen Organisationskomitees der Konferenz
Das internationale
Komitee traf sich im Juni 1999 um gemeinsam die Konferenz auszuwerten
und die Schritte der zukünftigen Arbeit festzulegen. An diesem
Treffen nahmen die Vertreter/innen von Addameer (Palästina), Coordinamente
Mumia Abu Jamal (Italien), Gestoras (Baskenland) und Libertad! teil.
Die kurdischen Genoss/innen konnten nicht kommen.
Dieses Bulletin soll die Diskussion und Beschlüsse dieses Treffens
des IK den Teilnehmer/innen der Konferenz bekanntmachen. Wir verstehen
das als Teil unserer Informationspflicht. Auch in Zukunft werden wir
alle interessierten Gruppen über den Fortgang unserer Arbeit und
des Projektes der internationalen Vernetzung informieren.
I. Zur Konferenz:
Von allen Beteiligten
des Treffens wurde die Vorbereitung und Durchführung der Konferenz
im wesentlichen für gut und unseren gemeinsamen Möglichkeiten
entsprechend eingeschätzt. Es ist uns gelungen eine sehr große
internationale Beteiligung von Aktivistinnen und Aktivisten von Solidaritäts-,
Angehörigen- und Menschenrechtsgruppen zu erreichen. Dieses große
Interesse an internationaler Diskussion und Zusammenarbeit ermutigt
uns, unsere Zusammenarbeit fortzusetzen. Die Konferenz hat aber auch
bestätigt, daß eine solche internationale Zusammenkunft und
Diskussion keine einmalige Sache sein darf. Es war nicht möglich,
direkt in konkrete Projekte einzusteigen. Voraussetzung dafür ist
auch das Wissen um die politische und gesellschaftliche Situation der
verschiedenen Länder und Kämpfe und es ist die Bereitschaft,
sich auf die gestellten Fragen einzulassen. Die Konferenz war als Arbeitstreffen
geplant und verfolgte eine Konzeption, die die Trennung Podium - Publikum
aufheben sollte. Dieser Ansatz wurde in der Diskussion des Internationalen
Komitees als nachwievor richtiger Ansatz bewertet. Wir stellten aber
fest, daß der Informationsaustausch eine größere Rolle
spielte als von uns erwartet und das oft den zeitlichen Rahmen sprengte.
Die Diskussion konkreter Vorschläge und Beschlüsse für
eine länderübergreifende Zusammenarbeit trat manchmal in den
Hintergrund. Hinzu kam, daß die Zusammensetzung der Teilnehmerinnen
und Teilnehmer der Konferenz wie von uns gewollt eine große Bandbreite
unterschiedlicher Ansätze repräsentierte. Das stellte den
Reichtum von Erfahrungen und verfolgten Wegen der Konferenz dar. Die
Vorbereitung der Gruppen und das praxisorientierte Engagement war entsprechend
unterschiedlich. Diese Problematik müssen wir in Zukunft bewußter
berücksichtigen.
Die Ausrichtung und Ergebnisse der Diskussion bestätigen trotzdem
aus Sicht des Internationalen Komitees den eingeschlagenen Weg.
Die Konferenz hat
die Notwendigkeit gezeigt, eine internationale Struktur gegen die Strategien
und die Macht der imperialistischen Kräfte zu entwickeln. Eine
Struktur, die sich definitiv als Teil einer weltweiten emanzipatorischen
Bewegung versteht und für die Beseitigung der ausbeuterischen und
unterdrückerischen gesellschaftlichen Verhältnisse eintritt.
Eine internationale Struktur, die für die Menschen eintritt, die
nicht die Regeln der Unterwerfung und Ausplünderung akzeptieren,
für die Menschen, die weltweit für Befreiung kämpfen,
innerhalb und außerhalb der Gefängnisse. Eine Kraft, die
in der Lage ist durch die gemeinsame Arbeit aus Diskussion und Kampf
gegen die Strategie der Repression und Konterrevolution vorzugehen.
Das IK hat einen
ersten Schritt auf diesem Weg gemacht, in dem es die Konferenz in Berlin
organisierte. Bekräftigt wurde, daß der gemeinsame Abschlußtext
des IK, der noch am letzten Tag der Konferenz formuliert wurde, für
die weitere Zusammenarbeit eine Grundlage ist (So oder So
Nr. 4).
Wir bedauern, daß
dieser Text nicht rechtzeitig für das gemeinsame Abschlußplenum
der Konferenz fertig wurde. Er konnte deshalb nicht mehr vorgestellt
und als gemeinsames Ergebnis aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer der
Konferenz verabschiedet werden. Auch war die Zeit auf dem Abschlußplenum
zu knapp um eine ausführliche Aussprache über die Ergebnisse
und Vorschläge der sechs AGs durchzuführen.
II. Die Ergebnisse
der Konferenz:
Auch wenn kein gemeinsames
Manifest mit festumrissenen Vorhaben auf der Konferenz verabschiedet
wurde, konnte das internationale Komitee doch für folgende Aufgaben
und Vorhaben eine mehrheitliche Unterstützung und Zustimmung der
Konferenz feststellen:
1. Aufbau eines
internationalen Netzwerkes von Gruppen und Initiativen, die zu Repression
und Knast arbeiten: ein Netz der Solidarität und gegenseitigen
Unterstützung gegen Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen.
Dazu sollen stabile Verbindungen geschaffen werden.
2. Schaffung einer organisatorischen Struktur dieses Netzes, eines Büros
etc. mit konkreten Instrumenten (Anwaltsnetze, Solidaritätsfonds
etc.)
3. Internationale Information und Kommunikation ermöglichen und
sicherstellen: Informationen sammeln und strukturiert in Form einer
Zeitschrift, einer Homepage sowie Rundbriefen international veröffentlichen;
die Diskussion gemeinsamer zentraler Fragen der Solidarität, bestimmter
Problematiken usw organisieren (beispielsweise über internationale
Mailinglisten); ein Alarmnetz schaffen, um auf die Bedrohung
einzelner Gefangener oder Kollektive schnell reagieren zu können.
4. Durchführung eines Internationalen Kampftages (einer Aktionswoche)
der Solidarität mit den politischen Gefangenen weltweit.
5. Die Organisierung gemeinsamer internationaler Kampagnen, beispielsweise
für den Schutz von gefangenen Frauen vor sexualisierter Folter,
für einzelne Kämpfe und einzelne besonderes bedrohte Gefangene.
6. Durchführung einer zweiten Konferenz und anderer internationaler
Treffen zu bestimmten Fragen.
Auf Aufforderung
der Konferenzteilnehmer/innen übernahmen die Organisator/innen
der Konferenz die Verantwortung dafür, die Initiative in diesem
Sinne weiterzuführen.
III. Das Internationale
Komitee
Auf unserem Treffen
bekräftigten alle Beteiligten im Internationalen Komitee dies.
Wir stehen zu unserer Verantwortung. Das Internationale Komitee sieht
sich in die Pflicht genommen, die Realisierung dieser Aufgaben anzugehen.
Wir verstehen es als einen Auftrag der Konferenz. Die hier in sechs
Punkten zusammengefaßten Vorhaben und Projekte der internationalen
Zusammenarbeit sind unsere Grundlage. Sie sind zusammen mit dem Abschlußmanifest
der Konferenz die Basis für den Aufbau eines praxisorientierten
internationalen Netzwerkes. Die inhaltliche Ausrichtung und den Charakter
der Zusammenarbeit skizzierten wir aus der Diskussion unseres Treffen
in einer kurzen Notiz:
Schlußfolgerungen
der internationalen Konferenz
Die internationale Zusammenarbeit ist ein wirksames Instrument im Kampf
der Verteidigung und der Solidarität mit den Gefangenen, Flüchtlingen
oder überhaupt der politisch Verfolgten aus Prozessen um soziale
und nationale Emanzipation.
Wir verstehen die Solidarität der direkten Hilfe und bedingungslose
politische Unterstützung der Gefangenen, Flüchtlinge und politisch
Verfolgten in der Verteidigung ihrer Rechte als Personen, in den Kämpfen,
die sie für die Respektierung dieser Rechte führen, wie auch
ihre politischen Kämpfe.
Wir glauben, daß
diese Tatsache unabhängig von der Situation ist, in der sich die
verschiedenen politischen Situationen und Prozesse befinden, die sie
hervorgebracht haben, und anerkennen deshalb die Unterschiedlichkeit
der Situationen und bringen ihr den größten Respekt gegenüber.
Auch wenn die Subjekte dieser Solidarität die Gefangenen, Flüchtlingen
und politisch Verfolgten sind, sind die Solidaritätskomitees, Basisgruppen,
die Organisationen der Angehörigen und Freunde, der Anwälte
oder jeder anderen Organisation, die auf ihre Weise für sie arbeitet,
die Handelnden (die diese Solidarität herstellen).
Deswegen versuchen wir eine Struktur der internationalen Solidarität
aufzubauen, die einen realen politischen Zusammenschluß von Solidaritätsgruppen
mit politischen Gefangenen gegen staatliche Repression darstellt. Es
geht dabei um eine Entwicklung als ein Teil weltweiter emanzipatorischer
Bewegungen gegen Krieg, Faschismus, Rassismus und Sexismus. Dabei ist
das Arbeits- und Aufgabenfeld ist klar umrissen.
Eine längere
Aussprache erfolgte über die Frage des Status des Internationalen
Komitees. Wir waren uns einig, daß das Internationale Komitee
in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung vorübergehenden Charakter
hat. Das IK hatte sich zur Vorbereitung der Berliner Konferenz konstituiert.
Charakter und Umstände der Konferenz ließen es nicht zu,
daß sich dort umgehend ein neues, erweitertes Komitee gründete.
Unser Ziel und unsere Aufgabe ist es, die Voraussetzungen für ein
erweitertes Internationales Komitee zu schaffen. Dafür werden einen
konstitutiven Vorschlag erarbeiten, um dem Engagement von Hunderten
von Genossen und Genossinnen eine Kontinuität zu geben. Das IK
ist sich der widersprüchlichen Triebkräfte eines zu schaffenden
internationalen Netzwerkes bewußt: Wir bewegen uns in dem Spannungsverhältnis
zwischen Institutionalisierung und Diskontinuität. Unser Ziel ist,
die Struktur für einen Prozeß zu schaffen, der aus der realen
Diskussion, Initiative und Zusammenarbeit wächst. Wir sind uns
darüber im Klaren, daß wir nicht eine definitive Organisation
repräsentieren, aber wir wollen ein Instrument der Information,
Diskussion und Organisierung all der Menschen werden, die die politischen
Gefangenen in aller Welt verteidigen.
IV. Beschlüsse
des Internationalen Komitees und die nächsten Schritte
1. Die erste Aufgabe
des Internationalen Komitees ist die Auswertung der Konferenz, die Ergebnisse
und praktischen Vorschläge zu prüfen und sie zu veröffentlichen.
Dieses Bulletin soll dem dienen und insbesondere die Veröffentlichung
der Abschlußberichte der Arbeitsgruppen der Konferenz. Diese Aufgabe
hat Libertad! übernommen. Die entsprechenden Materialien wurden
übersetzt und in diesen Tagen allen Teilnehmer/innen der Konferenz
zur Verfügung gestellt. Außerdem werden wir unter allen Teilnehmer/innen
der Konferenz eine Umfrage durchführen. Es geht in dieser Umfrage
um die Schlußfolgerungen aus der Konferenz, Fragen nach aktiver
Mitarbeit und Charakter und Zielsetzung internationaler Zusammenarbeit.
Die Ergebnisse dieser Umfrage sollen dem Internationalen Komitee helfen,
die Schritte zu bestimmen.
2. Es wird eine
internationale Mailinglist eröffnet. Sie dient der Diskussion der
mit dem Aufbau des internationalen Netzwerkes zusammenhängenden
Fragen. Sie wird für alle interessierten Gruppenoffen sein. Da
wir die Arbeit des Internationalen Komitees wird so transparent wie
möglich gestaltet wollen, werden wir diese Mailinglist nutzen,
um über den Fortgang unserer Initiativen zu berichten und uns der
Diskussion zu stellen.
3. Die Hauptaufgabe
in der unmittelbar vor uns liegenden Zeit wird es sein Vorschläge
und Schritte zu überarbeiten und zu bestimmen für die Umsetzung
der sechs Punkte der Konferenz. Dazu wird das Internationale Komitee
zu jedem dieser sechs Punkte einen Zeit- und Arbeitsplan erstellen.
Dabei sind die ersten zu lösenden Aufgaben:
- Bestimmung der organisatorischen Struktur des Internationalen Komitees
und Herstellung der Aktionsfähigkeit,
- die schrittweise Erweiterung des Internationalen Komitees mit an der
aktiven Mitarbeit interessierten Gruppen,
- Erarbeitung eines Vorschlags für eine erste gemeinsame internationale
Initiative oder Kampagne.
4. Das Internationale
Komitee wird ein Dokument erarbeiten, in dem sowohl die politischen
Resultate und Zielsetzungen der internationalen Zusammenarbeit beschrieben,
als auch die Vorschläge und Aufgaben zur Umsetzung vorgestellt
werden.
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