Solidarität
mit Genosse Erich?
Zum politisch-historischen Hintergrund der Kriminalisierung von Funktionär/innen
der DDR
Dieser Diskussionsbeitrag
ist die gekürzte Fassung eines Textes der Gruppe basis, der für
ein Libertad!-Seminar zur Vorbereitung der Berliner Konferenz geschrieben
wurde.
Wir veröffentlichen ihn an dieser Stelle auch aus aktuellem Anlaß:
der BGH bestätigte am 8.11.1999 die Urteile gegen die ehemaligen
Mitglieder des SED-Politbüros Egon Krenz, Günter Schabowski
und Günther Kleiber zu sechseinhalb bzw. drei Jahren Haft.
Wiedervereinigung und linke Wahrnehmungen:
Die sogenannte Wende in der DDR, aus deren Dynamik heraus die Wiedervereinigung
auf die Tagesordnung gesetzt wurde, und zwar von der herrschenden Klasse
der BRD genauso wie mit Zustimmung und unter nationalistischer Begeisterung
von sehr großen Teilen der Bevölkerung hüben wie drüben,
war Teil des gesamten Um- bzw. Zusammenbruchs der realsozialistischen
Staaten in Osteuropa. Die DDR verlor unter der Hegemonie der BRD und
unter dem Applaus ihrer eigenen Bevölkerung ihre selbständige
Existenz. Wiedervereinigung bedeutete, das soziale, politische und ökonomische
System der DDR zu zerschlagen, um es als Teil der BRD neu ein- und zuzurichten.
Nur insoweit stimmt der Begriff: Annexion. Sie war eine schockartige,
sozial auch ungeheuer brutale Konfrontation der DDR-Bevölkerung
mit dem kapitalistischen System. Denn alles mußte schnell passieren:
Tatsachen schaffen, um die Entwicklung unumkehrbar zu machen und eventuell
anderen gesellschaftlichen Entwicklungen von vorneherein den Weg abzuschneiden.
Die historische Chance, auf einem erweiterten Territorium wieder Weltmacht
zu werden, wollte die deutsche Bourgeoisie um keinen Preis verpassen.
Die Verfahren gegen
ehemalige Funktionsträger/innen der DDR haben hierin ihre objektive
Bedeutung: Als antikommunistische Abrechnung, in denen sich die BRD
als demokratischer Rechtsstaat legitimiert, im Gegensatz zur ehemaligen
DDR, die pauschal als Unrechtsstaat (Bundestagsbeschluß!)
diffamiert wird. Das ist insoweit nichts neues, weil die BRD diese Linie
von ihrer Gründung an vertrat, und bis in die 70er Jahre (Ostverträge!)
der DDR sogar jedes Existenzrecht absprach. Was in der BRD im Verhältnis
zur faschistischen Vergangenheit nie gelaufen ist, ihre gründliche
Aufarbeitung in der Gesellschaft, wurde im Zusammenhang der Prozesse
gegen Funktionäre der DDR um so vehementer für das sog. Auschwitz
der Seelen gefordert. Nun ja, Klassenjustiz ist immer auch Ideologie-Produktion.
Kein Wunder, wenn dieser ganze Verfahrenskomplex auch für eine
Neuschreibung der Geschichte genutzt, und die Gleichsetzung von rechts
und links als offizielle Ideologie noch einmal so richtig festgeklopft
wurde. Und mehr noch, die gerichtliche und natürlich medienwirksame
Diskreditierung der DDR ist auch ein Signal an diejenigen im Osten,
die zunehmend in Opposition zu den sozialen Auswirkungen der Wiedervereinigung
stehen: Von wegen DDR-Nostalgie - die Kosten der Freiheit werden gezahlt.
Sicher ist es richtig
und notwendig, daß sich die Linke nicht nur der Tatsache stellt,
daß Deutschland eine wiedererstarkte Weltmacht ist, sondern auch
dem qualitativen gesellschaftlichen Umbruch, den die Wiedervereinigung
bedeutet. Dazu ist sie allerdings seit Jahren nicht wirklich in der
Lage. Falsch wird es jedoch, wenn das politische Verhältnis nur
noch aus der objektiven Bedeutung der Verfahren abgeleitet wird - Stichwort:
Siegerjustiz - und davon ausgehend Widersprüche zum DDR-System
eingeebnet werden und die DDR nachträglich als das bessere System
quasi reingewaschen wird.
In den vergangenen
Kampfphasen gab es zur DDR recht unterschiedliche Positionen, in der
Regel ideologisiert und entsprechend den eigenen politischen Orientierungen.
Das reichte also vom sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat
(DKP) bis hin zur Bewertung, die DDR sei sozialimperialistisch
(K-Gruppen). Für den antiimperialistischen Widerstand, wobei es
da sicherlich auch Unterschiede gab, war die DDR kein imperialistischer
Staat, weil sie im Kontext der globalen Ausbeutung weder Profiteur noch
Akteur war. Sie war, wie alle Staaten des Warschauer Vertrages, für
die Befreiungsbewegungen materieller Bezugspunkt, ein Verhältnis,
das allerdings von der DDR fast immer taktisch bestimmt war. Einerseits
unterstützte die DDR finanziell und mit Waffen die sogenannten
jungen Nationalstaaten wie Nicaragua, Angola, Mosambique,
andererseits lieferte sie über die KoKo, zwecks Devisenbeschaffung,
an den Iran und den Irak Waffen für mehrere hundert Millionen Dollar
während des Krieges der beiden Staaten gegeneinander.
Die Wahrnehmung
der realsozialistischen Staaten beschränkte sich darauf, jenseits
von ihrem sozialen und politischen Inhalt, ein gewichtiger Faktor im
internationalen Kräfteverhältnis zu sein. Über gesellschaftliche
Strukturen, soziale Prozesse und Auseinandersetzungen innerhalb der
DDR oder anderen Ländern des Ostblocks machte sich kaum jemand
Gedanken. Das hatte keine wirkliche Bedeutung für den eigenen Kampf
und seine Entwicklung. Jedenfalls sah niemand aus der revolutionären
Linken in der Sowjetunion oder in der DDR einen sozialistischen Staat,
dessen Politik innergesellschaftlich wie international auf Befreiung
und Emanzipation zielte. Revolutionäre Politik war subjektiv mit
den antiimperialistischen Befreiungskämpfen im Süden verbunden,
und es war gerade Vietnam, das auch in den Metropolen die Chance für
eine Politik des Bruchs eröffnete. Nicht nur im Verhältnis
zum herrschenden System, sondern auch mit einer verbürgerlichten
und korrumpierten Politik der traditionellen Linken.
Vom Ende zum
Anfang:
Ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis dessen, was die
DDR-Gesellschaft war, liegt in ihrem Zusammenbruch. Die nationalistische
Euphorie, die zur Wiedervereinigung führte, genauso wie der damit
zusammenhängende und sich offen in Pogromen entladende Rassismus,
sind ein unmittelbarer Ausdruck davon, daß in der jahrelangen
Stagnation und Entpolitisierung der DDR-Gesellschaft der Boden bereitet
war für eine reaktionäre Entwicklung, die im Kippen der weltweiten
Kräfteverhältnisse voll durchschlagen konnte. Wo war es geblieben,
das internationalistische, antifaschistische Bewußtsein? Die Spruchbänder
und Parolen waren nie Ausdruck von Entwicklungen innerhalb der DDR-Gesellschaft,
sondern nur das von Oben drüber geklebte Etikett einer Gesellschaft,
die sich in ihrer Hauptorientierung schon längst den lockenden
Konsumangeboten des Westens zugewandt hatte. Was sich im Aufbegehren
gegen das Regime ausdrückte, um schließlich im vereinigten
Deutschland zu enden, war - von einer kleinen Minderheit mal abgesehen
- keineswegs der Wunsch nach einem besseren Sozialismus. Auch wenn vieles
von Außen inszeniert war, im Vordergrund standen die Bananen,
die schnellen Autos - ein kleinbürgerliches Lebensideal, an dem
die Führung der SED mit ihrer Politik keineswegs unbeteiligt war.
Die Frage ist, warum kam es so, wie es fast zwangsläufig kommen
mußte?
Die Gründung
der DDR war ein Produkt des kalten Krieges. Eine Reaktion auf die US-Politik
in den drei Westzonen, aus denen dann die BRD als Frontstaat und antikommunistisches
Bollwerk in der Umsetzung der us-imperialistischen Strategie in Westeuropa
entstand. Mit dem Marshall-Plan, der nicht nur der Ankurbelung der westeuropäischen
Wirtschaft diente, indem er amerikanischem Kapital die Tür öffnete,
wurden so auch die Grundlagen geschaffen für die Durchsetzung der
US-Politik in Westeuropa und eines auf die Interessen der USA zugeschnittenen
bürgerlich-kapitalistischen Systems in Westdeutschland.
Das bedeutete, entgegen der Vereinbarungen der Potsdamer Konferenz,
Restauration des Monopolkapitals, Remilitarisierung und damit zusammenhängend
die Rekonstruktion der alten Herrschaftseliten aus Wirtschaft und Staat,
die direkt für imperialistischen Krieg und NS-Vernichtungspolitik
verantwortlich waren. Mit der Gründung der NATO und der BRD 1949
kam jetzt der Antagonismus zwischen der Sowjetunion und dem mittlerweile
von den USA dominierten Westen, der zunehmend deutlicher nach der militärischen
Zerschlagung des deutschen Faschismus zu Tage trat, voll zum Tragen.
Stabilität
statt Emanzipation
Kurz vor der Potsdamer Konferenz zündeten die USA ihre erste Atombombe,
und wenige Tage nach der Konferenz erfolgte dann ihr Abwurf auf Hiroshima
und Nagasaki. Für den Krieg gegen Japan hatten diese Abwürfe
kaum noch eine militärische Bedeutung; als Signal an die Sowjetunion
waren sie aber eindeutig: der Kalte Krieg hatte begonnen. Für das
Nachkriegs-Europa konnte das nur heißen: Roll back - gegen die
Tatsache der Oktoberrevolution und die objektive Reife der Gesellschaften
zur Umwälzung. Schon damals stand die Formel von der One
World für die globale Durchsetzung us-imperialistischer Interessen.
Im Gegensatz dazu war die sowjetische Außenpolitik defensiv. Als
Stalin 1943 die Kommunistische Internationale (KI) als Zugeständnis
an die Alliierten auflöste, war der Endpunkt einer Entwicklung
erreicht, die 1919 unter ganz anderen Vorzeichen begann: Von ihrem Grundgedanken
her sollte die KI die weltweite Verbindung und Koordinierung der KP's,
und somit den weltrevolutionären Prozeß voranbringen. Doch
im Laufe der Jahre mutierte sie immer mehr zu einem Instrument der sowjetischen
Außenpolitik. Weniger die revolutionäre Entwicklung in den
verschiedenen Ländern stand im Vordergrund - und so auch nicht
sie zu fördern und zu stärken, sondern vor allem die Verhinderung
von reaktionären Regimen, deren Politik gegen die Sowjetunion gerichtet
war. Auf der internationalen Ebene war die Sowjetunion an Stabilität
interessiert, nicht an der Revolutionierung gesellschaftlicher Verhältnisse.
Was die Pläne und Absichten für das vollkommen militärisch
besetzte Deutschland anbelangt, orientierte sich die Sowjetunion an
den Kriegszielen der Anti-Hitler-Koalition, wie sie auf der Konferenz
von Jalta formuliert, und später dann im Potsdamer Abkommen festgehalten
wurden: Darin waren u.a. strukturelle Maßnahmen vorgesehen, die
für die Zukunft aggressive Handlungen eines deutschen Staates gegen
andere Länder unmöglich machen sollten, also Vernichtung der
Rüstungsindustrie und Zerschlagung/Entflechtung der Monopole, Auflösung
der gesamten Streitkräfte und paramilitärischen Organisationen,
sowie die Zerschlagung aller NS-Organisationen. Weiterhin gab es eine
Übereinkunft über die von Deutschland zu leistenden Reparationen.
Für die Sowjetunion, die die Hauptlast des Krieges zu tragen hatte,
stand berechtigterweise ihr Sicherheitsbedürfnis und eine Wiedergutmachung
wenigstens eines Bruchteils der materiellen Schäden im Vordergrund.
Die Besetzung Deutschlands
durch die alliierten Streitkräfte bedeutete in den ersten Nachkriegsjahren,
daß die (von außen) besiegte Bourgeoisie weder über
Armee, Polizei noch andere bewaffnete Formationen verfügte. Ihr
Machtapparat in Staat und Wirtschaft war zerschlagen. Diese objektiv
günstigen Bedingungen fanden in der gesellschaftlichen Entwicklung
jedoch keine Entsprechung. Abgesehen von den politischen Gefangenen,
die aus den Konzentrationslagern befreit wurden und von denen, die aus
dem Exil zurückkehrten, fühlte sich die übergroße
Mehrheit der Deutschen, auch des Proletariats, subjektiv als Besiegte.
Der Nazi-Faschismus hatte im Bewußtsein deutliche Spuren hinterlassen.
Um es klar zu sagen, in dieser Situation gab es bestenfalls eine diffuse
Stimmung für einen Neuanfang, aber keinen gesellschaftlichen Aufbruch
und so auch keine Organisierung für eine sozialistische Entwicklung,
in der bewußt mit dem alten System und seiner verbrecherischen
Politik gebrochen worden wäre.
Mit der Sowjetunion
Hand in Hand
In einer gesellschaftlich doch ziemlich desolaten und chaotischen Situation
orientierte die KPD vor allem auf eine Demokratisierung Deutschlands.
Wörtlich heißt es in ihrem Aufruf zum Aufbau eines antifaschistisch-demokratischen
Deutschlands vom 11. Juni 1945 u.a.: Wir sind der Auffassung,
daß der Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen, falsch
wäre, denn dieser Weg entspricht nicht den gegenwärtigen Entwicklungsbedingungen
in Deutschland. Wir sind vielmehr der Auffassung, daß die entscheidenden
Interessen des deutschen Volkes in der gegenwärtigen Lage für
Deutschland einen anderen Weg vorschreiben, und zwar den Weg der Aufrichtung
eines antifaschistischen, demokratischen Regimes, einer parlamentarisch-demokratischen
Republik mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten für das
Volk... Die dann aufgeführten Forderungen entsprechen exakt
den völkerrechtlichen Vereinbarungen der Potsdamer Konferenz. Ausdrücklich
forderte die KPD auch eine völlig ungehinderte Entfaltung
des freien Handels und der privaten Unternehmerinitiative auf der Grundlage
des Privateigentums. Inhaltlich, aber auch in dem, wie die KPD
sich die zur Durchsetzung dieser Ziele notwendige Organisierung vorstellte,
handelte es sich um eine Neuauflage der Volksfront-Politik. Auch wenn
dieser Aufruf einer realistischen Lageeinschätzung entsprach, die
in ihm artikulierten Vorstellungen waren aufs engste mit den außenpolitischen
Vorstellungen der Sowjetunion abgestimmt. Mehr noch: Eine eigenständige
revolutionäre Politik der KPD bzw. später dann der SED gab
es die ersten Jahre nicht, alle ihre politischen Entscheidungen waren
mit der Politik der Sowjetunion regelrecht verzahnt. Das gilt auch für
die Gründung und Entwicklung der DDR, die bis Mitte der 50er Jahre
von der sowjetischen Militäradministration in Deutschland bestimmt
wurde.
DDR = Sozialismus?
Schon mit Gründung der DDR wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt,
die zu den ursprünglichen Plänen der Sowjetunion gegenläufig
war, denn ihre Außenpolitik zielte jahrelang auf ein vereintes,
aber neutrales Deutschland und somit auch auf die Absicherung der dringend
benötigten Reparationen. Mitte der 50er Jahre folgte ein zweiter
Sprung, wieder in Reaktion auf die Entwicklung in Westdeutschland (Nato-Integration,
Gründung der Bundeswehr und Wiederbewaffnung). Ab jetzt wurde nicht
nur die Zwei-Staaten-Lösung favorisiert, sondern auch
der beschleunigte Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft deutscher
Nation, so der Titel in der zweiten Verfassung der DDR von 1968.
Für die DDR war konstituierend, daß sich der von der Partei
vorangetriebene Aufbau der sozialistischen Gesellschaft nicht aus der
Kraft und der Kreativität einer revolutionären Erhebung speiste.
Von Anfang an war die Bevölkerung darin Objekt der politischen,
ökonomischen und sozialen Vorstellungen des SED-Staates. Nicht
nur ökonomisch war der Aufbau der DDR eine Roßkur. Es war
auf allen Ebenen ein enorm schwieriger Weg, gegen die Trägheit
einer Gesellschaft, deren Bevölkerung in ihrer Mehrheit bis zum
militärischen Zusammenbruch die NS-Politik mitgetragen hatte. Politisch
bewegte sich das System in einem von Oben dirigierten Krisenmanagement,
gegen den äußeren Druck der NATO-Staaten und die inneren,
konfliktreich aufgeladenen gesellschaftlichen Widersprüche. Daraus
erklären sich auch solche Deformierungen wie die Berliner Mauer
oder das weitverzweigte Stasi-Spitzelnetz. Allerdings sind die Gründe
dafür zuerst einmal in der Organisierung von Staat und Gesellschaft
zu suchen, und nicht, wie es für die SED üblich war, in der
imperialistischen Einkreisung, aus der sie alle ihre Maßnahmen
rechtfertigte.
Waren die ersten
Jahre von einer Vielzahl einschneidender und gesellschaftlich wichtiger
sozialer Veränderungen und Maßnahmen bestimmt: Boden- und
Schulreform, Enteignung von Kriegsverbrechern und Naziaktivisten, Verstaatlichung
der Banken, Versicherungen, Bergwerken und des Großhandels, betrachtete
jetzt die SED, ausgehend von ihrem 2.Parteitag (1952), den Aufbau der
Grundlagen des Sozialismus als die Hauptaufgabe der DDR. Auf Grund enorm
schwieriger ökonomischer Ausgangsbedingungen (allein zwischen 80
und 50 Prozent Kapazitätsverlust wegen der Reparationen), hieß
das für sie vor allem Rekonstruktion der Schwerindustrie und Aufbau
einer landwirtschaftlichen Großproduktion (LPGs). Was zählte
war die Entwicklung der Produktivkräfte, daran orientierte sich
die Politik. Planmäßige Entwicklung der Volkswirtschaft
und Steigerung der Arbeitsproduktivität waren die Schlüsselbegriffe
für den sozialistischen Aufbau, der sich methodisch ziemlich eng
an die Sowjetunion der 30er Jahre anlehnte. Verstaatlichung und genossenschaftlich
organisierte Produktionsgemeinschaften, zentrale Planung und Leitung
unter Kontrolle der SED, das charaktarisierte wesentlich die DDR-Wirtschaft.
In seiner Grundausrichtung wurde dieses System bis zum Schluß
nicht geändert. Korrekturen gab es immer mal wieder als Anpassung
an Wirtschaftskrisen, ohne daß es dabei zu grundsätzlichen
strukturellen Veränderungen gekommen wäre. Gab es auf der
einen Seite zwar kein Privateigentum an Produktionsmitteln mehr, funktionierte
dennoch das ganze System nicht ohne kapitalistische Methoden: Lohnarbeit,
Umsatz und Gewinn als Leistungskriterien für Betriebe; ab Mitte
der 60er Jahre dann Koppelung der Löhne an den Gewinn und Einführung
von Marktmechanismen zur Regulierung der Produktion.
Mit diesem ökonomischen
Prozeß war auf der politischen Ebene untrennbar eine zunehmende
Verschmelzung der Partei mit dem Staatsapparat verbunden. Entsprechend
dem politischen Selbstverständnis der SED, die in der Staatsmacht
das Hauptinstrument zur Durchsetzung und Errichtung des Sozialismus
sah, wurden alle wesentlichen politischen Entscheidungen von der Partei
gefällt und über den Staatsapparat um- und durchgesetzt. Das
förderte nicht nur Bürokratie und Funktionärswesen, Parteimitglied
zu werden wurde tendenziell zu einer Sache, die der Karriere dienlich
ist. Das öffnete nicht nur dem Opportunismus die Tore, es geht
grundlegend an die Substanz und zerstört revolutionäre Politik
und Initiative von innen heraus.
In der Produktion
wie im Staat, die Entscheidungsstruktur lief von oben nach unten. Es
wurde angeordnet. In der Produktion gab es keine kollektiven Planungs-
und Leitungsstrukturen und in der Gesellschaft keine Strukturen proletarischer
Macht - von wegen: Alle Macht den Räten - , also auch
keine selbstorganisierten Orte der Kritik, der Diskussion und der Veränderungen
außerhalb der Partei. Und innerhalb der Partei wurde jede kritische
Stimme als Links- bzw. Rechtsabweichung, vor allem in den 50er Jahren
und unter Anwendung übelster Methoden, rausgesäubert. Die
Konsequenz war nicht nur eine Enteignung der Massen von den ökonomischen
und politischen Entscheidungsprozessen, sondern über Jahre betrachtet
Entpolitisierung und Stagnation des gesellschaftlichen Lebens in der
DDR. Das Sozialismusverständnis der DDR-Führung reduzierte
sich weitgehend auf eine gesamtwirtschaftliche Steigerung der Arbeitsproduktivität
zur Erreichung von gesellschaftlichem Wohlstand. Ergänzend dazu
gab es eine sehr weitgehende Fixierung sozialer Grundrechte. Der Traum
war immer, die BRD in Lebensstandard und Konsum ein- und zu überholen.
Das war der Gradmesser für die Entwicklung des Sozialismus. Hingegen
waren Selbstbestimmung und emanzipatorische Prozesse und der Aufbau
von gesellschaftlichen Strukturen, die das ermöglichen, Fehlanzeige.
Darin liegt der Grund, warum die BRD die DDR fast ohne größere
Reibungen und Widerstände einkassieren konnte - und weniger in
der ökonomischen Krise oder der insbesondere militärisch forcierten
imperialistischen Politik, die tatsächlich auf die Zerstörung
der realsozialistischen Staaten hin angelegt war.
Solidarität
mit Funktionsträgern?
Zur Bewältigung der großen Zahl von Ermittlungsverfahren
wurde extra die Zentrale Ermittlungsstelle, Regierungs- und Vereinigungskriminalität
(ZERV) geschaffen. 1991 aus der Arbeitsgruppe Regierungskriminalität
unter Leitung des leitenden Oberstaatsanwaltes beim Kammergericht Berlin
hervorgegangen, wurde die gesamte Stelle bis 1994 auf 60 Mitarbeiter/innen,
die in der Regel aus dem Westen kamen, erweitert. In vier großen
Bereichen kam es zu Anklagen und Verurteilungen: Verfahren im Zusammenhang
mit den Todesschüssen an der DDR-Grenze/Berliner Mauer; Verfahren
gegen die Stasi; Verfahren gegen Schalck-Golodkowski als Verantwortlichen
der KoKo - Kommerzielle Koordinierung, die ein internationales Netz
von Firmen war, um der DDR Devisen zu beschaffen; Verfahren gegen ehemalige
Richter und Richterinnen der DDR wegen Rechtsbeugung - einmal im Zusammenhang
mit den Waldheimer Prozessen gegen NS-Täter, und dann
noch im Zusammenhang mit der politischen Justiz in der DDR, also gegen
(vermeintliche) Gegner der sozialistischen Gesellschaft.
Daß es juristisch
überhaupt zu diesen Prozessen kommen konnte, hängt damit zusammen,
daß im Einheitsvertrag ausgehandelt wurde, daß für
die BRD-Justiz nur dann eine Strafverfolgung möglich ist, wenn
das, worum es geht, nach DDR-Recht strafbar war und auch nach heutigem
BRD-Recht strafbar ist. Was in den Prozessen angeklagt wurde sind also
nicht einfach zusammengeschusterte Konstruktionen bar jeder Wirklichkeit,
sondern handfeste Tatsachen an denen die Diskrepanz zwischen Anspruch
und Wirklichkeit, zwischen sozialistischer Ideologie und gesellschaftlicher
Realität der DDR deutlich wird. Egal ob es um Schauprozesse, die
Machenschaften der Stasi oder die Toten an der Mauer geht, die Frage
nach der Solidarität mit den Männern und Frauen, die stellvertretend
für ein ganzes Gesellschaftssystem abgeurteilt wurden und werden,
stellt sich nicht unabhängig davon.
Das macht es auch
so schwierig, eine politische Nähe und Solidarität im Verhältnis
zu einer Politik zu entwickeln, die schon sehr lange vor der Wiedervereinigung
als revolutionäre und emanzipatorische zu existieren aufgehört
hat. Sicher, es ist zum Kotzen, wenn die BRD in ihrem Siegesrausch quasi
zum zweiten Mal Leute vor Gericht zerrt, die schon während der
Nazizeit bedingungslos verfolgt und in die faschistischen Knäste
und Konzentrationslager eingesperrt wurden.
Andererseits: Die oft vorherrschende politische Hilfs- und Orientierungslosigkeit
vieler Angeklagter, wie auch der oft genug praktizierte Seitenwechsel,
sind Ausdruck davon, daß hier ein verbrauchtes und abgehalftertes
System auf der Anklagebank sitzt. Gründung und Aufbau der DDR waren
letztendlich das Werk einer bestimmten Generation von Kommunistinnen
und Kommunisten, und ihr Versuch reichte zeitlich kaum über sie
hinaus.
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