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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 3 / Februar 1999 - Seite 7
Im Hinterhof des Paradieses
[ Inhalt Nr. 3.]

Widerstand und Repression in Guerrero (Mexico)

August 1972: „Menschenknochen?“ unterbrach der Hauptmann trocken. „Das sagen die Leute, die hierher gekommen sind“, erwiderte der Fischer. „Wir hörten von ihnen, daß es Menschenknochen sind, die das Meer anschwemmt. Aber das Meer schwemmt auch Frauen- und Kinderschuhe, Sandalen an. Das haben wir gesehen“.

„Das ist Strandgut, das von woanders kommt“, unterbrach der Hauptmann. „Denn niemand kann mit Sicherheit sagen, daß sie von Leuten sind, die ins Meer gestürzt wurden. Unsere Hubschrauber werfen nämlich nur Sand ab. Hört ihr das alle? Niemand soll hier Lügen verbreiten. Deshalb werdet ihr alles, was das Meer anspült, den ganzen Müll, den es anschwemmt, verbrennen oder vergraben. Das ist alles. Der Strand ist sehr schön. Die Leute kommen hierher, um sich zu vergnügen, um zu baden...“


Anders als die Aufstandsprovinz Chiapas im äußersten Süden, liegt der Bundesstaat Guerrero in unmittelbarer Nähe zur mexikanischen Machtzentrale. Guerrero grenzt an den Verwaltungsbezirk Mexiko-City. In nur wenigen Stunden gelangt man auf einer neuen Autobahn nach Acapulco, der Bundeshauptstadt Guer-reros an der Pazifikküste. Der ehedem mondäne Badeort hat mittlerweile viel vom Glanz früherer Tage verloren. Kam jahrzehntelang die internationale Prominenz an die malerische Pazifikbucht, so sind es heute vorwiegend amerikanische Rentner und Pauschalurlauber, die im ehemaligen Jet-Set-Paradies einheimischen Klippenspringern bei ihren lebensgefährlichen Sprüngen in die Tiefe für ein paar Dollar zuschauen.


Erst 30 Kilometer hinter Acapulco beginnt das wirkliche Guerrero. Eine an der Küste und in den Bergen vorwiegend von indígener Bevölkerung bewohnte Provinz der Armut. Es ist ein hartes Leben in der Sierra del Sur, den Bergen des Südens. Angebaut wird vorwiegend Mais, Bohnen und Malve zur Teegewinnung. Dazu ein wenig Honig. An der Küste wird traditionell Kopra gewonnen. Seit einigen Jahren entstehen, vorzugsweise unter ausländischer Regie, immer mehr Shrimps-Zuchtanlagen, die das ökologische Gleichgewicht der Lagunen- und Mangrovenküste zerstören und die Fischer in ihrer Existenz gefährden.

Bis Anfang 1994 waren es nur die alten Dorfschullehrer, die es wagten, sich bei Nachfragen der wenigen linken Historiker/innen öffentlich an eines der blutigsten Kapitel mexikanischer Innenpolitik zu erinnern. Der Beginn der siebziger Jahre, der Zeitraum der ersten Hochphase der mexikanischen Guerilla in den Bergen der Sierra del Sur. Es war jene Zeit, in der das außenpolitisch fortschrittliche Mexiko die südamerikanischen Folterdiktaturen anklagte und seine Grenzen für die chilenischen und argentinischen EmigrantInnen öffnete, als die Brandung des Pazifik in unmittelbarer Nähe zu den Badestränden Acapulcos Menschenknochen und Kleidungsreste an die Küste der Costa Grande spülte...


Atoyac, 18.Mai 1967: Auf der Westseite des Platzes macht sich zwei mit M-1-Gewehren bewaffnete Judiciales (Justizpolizisten) den Weg durch die Leute frei, bleiben dann aber wegen der dicht geschlossenen Menge stehen. „Vorsicht, ihr Scheißkerle!“ rief ein dunkler, kräftiger Mann und stellte sich den Judiciales in den Weg. Er schrie, als er einen Schlag aufs Bein erhielt, dann noch einen auf die Schulter... Mit dem Messer noch in der Hand versuchte der Mann sich vom Boden aufzurichten. Der Polizist drehte sich um und schoß seine M-1 auf ihn leer. Die Einschüsse ließen kleine Stücke Erde und Kleidung wegspritzen. Der Brustkorb öffnete sich unter der Gewehrgabe, das Blut sprudelte... Lucio setzte das mit Patronen gefüllte Magazin seiner automatischen Pistole wieder ein. Dann zog er sachte den Verschluß zurück, um die Pistole durchzuladen, und steckte sich die Waffe seitlich unter das heraushängende Baumwollhemd....


Atoyac, 18. Mai 1994: In Guerrero taucht eine neue Organisation auf, die bald von sich reden machen wird: Organisaciòn Campesina Sierra del Sur (OCSS), die Bauernvereinigung des südlichen Hochlandes. Dünger für die Bauern und Wiederkehr der Verschwundenen - so lauteten ihre Forderungen, als sich 600 Bäuer/innen zu einer Demonstration auf dem Marktplatz der Kleinstadt Atoyac sammelten.

An historischem Ort. Die überlebenden AktivistInnen des Massakers in Atoyac 1967 gründeten die „Partei der Armen“ (PDLP). Eine Bauernguerilla, die gegen die Polizisten, Kaziken und Politiker vorging und ein Großaufgebot der Armee in Atem hielt - bis ihr Anführer, der Grundschullehrer Lucio Cabanas, im Dezember 1974 erschossen wurde.

Nachdem die Guerilla im Mai 1974 den Gouverneur Ruben Figueroa entführt hatte, übernahm das Militär erstmals seit dem mexikanischen Unabhängigkeitskrieg die politische Zentralgewalt über einen gesamten Bundesstaat. Sukzessive wurde der Widerstand mit allen Mitteln des Anti-Guerilla-Krieges niedergeschlagen. Das Hochland wurde kartographiert, neue Straßen und Kasernen angelegt. Soldaten überfielen die Dörfer, zerstörten Häuser und Lebenmittelvorräte. Hunderte wurden erschossen oder starben unter der Folter. 400 Bauern verschwanden. Noch heute fordert die OCSS die Aufklärung über ihr Schicksal. Und das Heer erklärt sich noch immer für nicht zuständig.


Das Leben der BäuerInnen im Hochland von Guerrero hängt von Saatgut und Dünger ab. Die Belieferung mit Dünger hängt von Bürgermeistern und Gouverneuren ab, die in Regel der regierenden Staatspartei PRI angehören. Mehr als eine Partei ist die PRI ein ökonomisch-politisches System von Macht, Beziehungen und Gefälligkeit. Mit Dünger und Saatgut, aber auch Arbeitsbeschaffungsprogram-men oder Lebensmitteln werden die Mitglieder der PRI bedacht, als oppositionell geltende BäuerInnen oder ganze Gemeinden erhalten nichts - oder, schlimmer noch: Besuch von der Polizei.

Im Juni 1994 ließ Gouverneur Figueroa junior, dessen Vater 1974 von der PDLP entführt worden war, drei Anführer der OCSS verhaften. Zwei wurden geschlagen und bedroht, der dritte gekauft: von nun an ist er - mit stattlichem Gehalt - Sicherheitsbeauftragter des Gouverneurs und zugleich Anführer einer neuen, „friedlichen“ Bauernvereinigung, die mit Saatgut und Dünger versucht, den oppositionellen Bauern den Dialog mit dem Gouverneur schmackhaft zu machen.


Eine alte Geschichte. Hilario Mesino Acosta, OCSS-Aktivist der ersten Stunde, fühlt sich an die 70er Jahre erinnert: „Wir hatten in allen Gemeinden Delegierte. Die Regierung hat diese Delegierten eingeladen und ihnen Essen, Geld und Frauen gegeben, und sie dabei gebeten, in den nationalen Bauernverband CNC einzutreten. An dem Tag, als der neue Vorstand gewählt wurde, haben sie alle für den CNC gestimmt.“ Die sich damals nicht korrumpieren ließen, bauten mühsam eine neue Bauernbewegung auf, die bis heute existiert. „Sie hat gute Prinzipien“, so Hilario Acosta zu dieser Bewegung, „aber wir mußten feststellen, daß sie sich ausschließlich den Problemen der Produktion widmen. Fragen wie die der Verschwundenen oder auch den Forderungen nach Gesundheitsfürsorge sind ihnen fern.“ Der Bruder von Hilario Acosta verschwand während der Repression 1974. „Wir haben im Komitee der Angehörigen der Gefangenen und Verschwundenen mitgearbeitet. Wir wollten eine breitere Organisation aufbauen, um für alle unsere Rechte zu kämpfen, die mit Füßen getreten werden, also die Meinungsfreiheit, das Recht auf Kredite für uns Bauern, gerechte Preise, vernünftige Löhne“, schildert er die Gründe für den Aufbau der OCSS.



Nach dem zapatistischen Aufstand


Der Aufstand der EZLN zum Jahreswechsel 1993-94 setzte eine neue Dynamik frei. Er wirkte wie ein Befreiungsschlag in dem scheinbar endlosen Kampf der zahlreichen politischen Basisbewegungen und kleinen bewaffneten Gruppen, die trotz erheblicher lokaler Verankerung und Stärke in ihrer politischen Wirkung bislang nur sporadisch ihre regionale oder sektorale Mobilisierungsfähigkeit überwinden konnten. Der Aufstand in Chi-apas, die landesweite und internationale Sympathie und Solidarität mit den Zapa-tist/innen und ihrer politischen Programmatik, löste fieberhafte Unruhe im mexikanischen Innen- und Justizministerium aus. Untersuchungen über andere Provinzen mit ähnlich „aufständischen Potential“ wurden in Auftrag gegeben. Die Zeitschrift Proceso, der mexikanische „Spiegel“, veröffentlichte am 27.6.94, ein halbes Jahr nach dem zapatistischen Aufstand, einen derartigen Lagebericht. Es fallen darin Namen von Bewegungen, die in Europa kaum oder nur wenig bekannt sind. Aber es sind immer wieder dieselben Bundesstaaten, die als potentielle „Bürgerkriegsprovinzen“ gehandelt werden: Oacaxa, Veracruz, Michoacan, Hidalgo und besonders Guerrero. Die Existenz mehrerer Guerillagruppen in den Bergen rund um Acapulco wird beschrieben, auch die OCSS wird genannt: „Die Leute bereiten sich auf den Aufstand vor. Es gibt Zonen, die man nicht passieren kann (...) alle Bauern haben Waffen“. Im Laufe der Jahre 1994 und 1995 spitzen Polizei und Heer die Konfrontation mit den radikalen BäuerInnen zu.


Hilario Mesino Acosta: „Wir stellen Forderungen auf; aber wenn sie nicht erfüllt werden, machen wir Aktionen. Nur Aktionen bringen Resultate. Die Genossen aus Coyuca brauchten Dünger und im Rathaus haben sie immer wieder gesagt, er komme morgen. Morgen! Sie hatten die Schnauze voll.“ Am 18. Mai 1995 besetzten Mitglieder der OCSS und des Komitees der Angehörigen der Gefangenen und Verschwundenen das Rathaus in Atoyac. Sie forderten Dünger für die Bauerndörfer des Hochlandes, Freiheit für die politischen Gefangenen, den Abzug der Armee aus Guerrero und Chiapas, die Wiederkehr der Verschwundenen. Eine Woche nach der Aktion wurde ein OCSS-Mitglied von „Unbekannten“ entführt. Am 28. Juni 1995 wurde ein Planwagen mit 60 OCSS-Mitgliedern auf dem Weg zu einer erneuten Demonstration gestoppt. Die BäuerInnen weigern sich, ihre Knüppel und Macheten abzugeben. Die 200 an der Straßensperre postierten Polizisten schossen sofort. Nach einer Viertelstunde blieben im Tal von Aguas Blancas 17 Tote und 24 Verletzte zurück. Überlebende berichteten, wie Polizisten nach der Schießerei die Identität der Verletzten prüften: „Ich mußte mit ansehen, wie sie vier verletzte Genossen exekutierten“.



Die Rückkehr der Guerilla


Nach dem Massaker von Aguas Blancas schloß sich die OCSS mit anderen Bauernvereinigungen, der lokalen Kirche, der Oppositionspartei PRD und Menschenrechtsgruppen zusammen. Die breite Bewegung konnte eine strafrechtliche Untersuchung erzwingen. 24 Polizisten und einige höhere Regierungsbeamte, die persönlich in Aguas Blancas anwesend waren, wurden schließlich verurteilt. Gouverneur Figueroa mußte auf Druck der Zentralregierung am 12. März 1996 zurücktreten.

Die OCSS, durch die großen Demonstrationen nach dem Massaker politisch gestärkt, beteiligte sich Anfang 1996 maßgeblich an der Gründung der „Breiten Front für den Aufbau der Nationalen Befreiungsbewegung“ (FAC-MLN). In diesem Bündnis, das hauptsächlich in Guerrero Gewicht hat, sind 300 mexikanische Gewerkschaften, Bauernorga-nisationen, linke Gruppen und Parteien zusammengeschlossen. Das mexikanischen Justizministeriums erklärte die OCSS unterdessen zur Gefahr für die öffentliche Sicherheit. In einem Lagebericht wird unmißverständlich davor gewarnt, daß aus Guerrero endgültig ein zweites Chiapas werden könne, wenn nicht entsprechende Maßnahmen ergriffen würden. Wie im Lakandonischen Regenwald, kam es in der Folge auch im Hochland von Guerrero zu paramilitärischen Angriffen gegen oppositionelle Bauerndörfer und Morden „unbekannter Täter“. In den acht Monaten zwischen dem Massaker von Aguas Blancas und dem Rücktritt Figueroas starben im Hochland Guerreros 67 Bäuer/innen. In einigen Fällen waren die Täter uniformierte Polizisten, in anderen Mitglieder einer bis dahin unbekannten Organisation „Benito Juarez“.


Im Laufe der Jahre 1995 und 1996 waren aber auch immer wieder Bürgermeister der PRI, Polizisten und auch Angehörige der Todesschwadron „Benito Juarez“ zum Opfer von Anschlägen geworden. Am 28. Juni 1996, dem ersten Jahrestag des Massakers von Aguas Blancas, wird schließlich bekannt, was ein offenes Geheimnis war: Etwa hundert vermummte und uniformierte KämpferInnen erscheinen auf einer Gedenkveranstaltung der FAC-MLN im Tal von Aguas Blancas. Sie verlesen ein Manifest der „Revolutionären Volksarmee“ (EPR): „Wir haben beschlossen, unsere landwirtschaftlichen Geräte gegen die libertären Gewehre einzutauschen, die zum Sturz des Großkapitals und der volksfeindlichen Regierung beitragen werden... Wir wollen die Errichtung einer demokratischen Volksrepublik... und rufen zur Bildung von Volkstribunalen auf, um über die Feinde des Volkes zu richten“.

Viele der etwa 600 Anwesenden applaudierten. Der Sprecher der OCSS, Benigno Guzman: „Wir respektieren die EPR, sie sind soziale Aktivist/innen wie wir. Wir sind glücklich, daß sie unseren Kampf unterstützen und uns den Rücken stärken“.


„In Mexiko herrscht seit dem Morgengrauen des 23. September 1965, als eine Gruppe junger Guerilleros versuchte, die Militärkaserne von Ciudad Madera zu stürmen, fast ununterbrochen Kriegszu stand. In verschiedenen Gegenden unseres Landes entstanden unzählige Guerillagruppen, die in den Jahren 1971 bis 1977 ihre intensivste Phase hatten. Aber sie haben nie aufgehört zu existieren. Durch ihre Arbeit der Organisierung im Stillen entstand die Basis der EZLN in Chiapas genauso wie die der EPR in Guerrero, Oaxaca und anderen Teilen des Landes. Die Mehrheit dieser bewaffneten Organisationen sind Volksbewegungen, die sich radikalisiert haben“, so der Journalist und Schriftsteller Carlos Montemayor.


Die EPR entstand aus dem Zusam-menschluss von vierzehn Guerillaorga-nisationen, eine der größten unter ihnen ist die „Partei der Armen“, die Guerilla des Lucio Cabanas. Seit dem Sommer 1996 ist die neue Organisation durch Angriffe auf Polizeistationen in sieben Bundesstaaten in Erscheinung getreten. Es kam auch zu größeren Gefechten in den Bergen Guerreros, wo seit dem Sommer 1996 3500 Soldaten Jagd auf die Guerilla machten. Der Antiguerillakrieg trifft in erster Linie die AktivistInnen der Bauernorganisationen, der FAC-MLN und der Oppositionspartei PRD. Mitglieder dieser Organisationen werden von Regierung und Polizei beschuldigt, Teil der EPR zu sein, weil sie sich weigern, die Legitimität des bewaffneten Kampfes in Frage zu stellen. 207 Mitglieder der PRD sind von 1995 bis Mitte 1988 in Guerrero ermordet worden.


„Ich wurde am 1. Juli in Coyuca de Benitez von Soldaten festgenommen. Sie schlugen mich und hielten mir ein Gewehr an den Kopf, mit dem sie drohten, mich umzubringen. Dann verbanden sie mir die Augen und brachten mich und Teodoro Juarez zu einem Hubschrauber und flogen nach Acapulco. Dann hielten sie uns an den Füßen fest und ließen uns aus dem fliegenden Hubschrauber heraushängen. Sie stellten mir Fragen, die ich nicht beantworten konnte“, so der Bauer Domingo Jimenéz. Die Folter ist präsent wie in der Guerillaperiode der 70er Jahre. Es sind die alten Methoden, die zürückkehrten, weil sie nie wirklich verschwunden waren: Die Bandbreite der Quälerei reicht von Scheinexekutionen, Strom an den Geschlechtsorganen und im Mund, über Erstickungsfolter durch eine Plastiktüte über den Kopf, mit scharfem Chili und Salz versetztes Wasser wird unter Hochdruck in die Nase und Schleimhäute getrieben, um nur einige der Methoden zu nennen. Allein der Abwurf von Verhafteten aus Hubschraubern ins Meer wird zur Zeit nur simuliert.

Hilario Mesina Acosta war der erste von hunderten Mitglieder der OCSS und der FAC-MLN, die als EPR-Mitglieder in den letzten drei Jahren festgenommen wurden. Er ist seit 1997 wieder auf freiem Fuß. Zur Zeit gibt es 52 politische Gefangene aus den Organisationen der FAC-MLN. Sie unterliegen einer strikten Abschottung. So gelang es beispielsweise im Sommer 1998 einer internationalen Delegation von amnesty international zwar, gefangene EZLN-KämpferInnen im Gefängnis von Tutxla de Guiterrez zu besuchen, in Acapulco allerdings blieb ihnen das dortige Staatsgefängnis verschlossen.


23.5.1975, Im Weiler Piloncillos, nahe Atoyac: „Wir wissen, wer ihr seid! Wir wissen, daß es hier Überlebende von Lucio Cabanas gibt!“, rief der Hauptmann.

Mehrere Frauen fingen an zu weinen, versuchten, sich zwischen die Jungen zu stellen. Die untergehende Sonne verlängerte die Schatten der Körper, der Bäume und Häuser. Die Soldaten trieben die Frauen und Männer mit Schlägen und Kolbenhieben auseinander, sie bildeten neben dem Basketballplatz der Siedlung einen geschlossenen Kordon. Die Soldaten schossen. Die Körper brachen unter dem Kugelhagel, an den Armen, Hälsen Beinen getroffen, zusammen. Drei Kinder versuchten, zu den Bäumen zu laufen, die sich an der gegenüberliegenden Seite befanden. Die Garben der FAL zerfetzten ihren Hals und Rücken. Auch der Basketball sprang in Fetzen gerissen hoch. Ein Junge versuchte, den Kopf zu heben, verzweifelt den Mund zu öffnen. Ein Arm war zerstückelt, und über den Körper floß das dicke, dunkle Blut bis zu den ruhigen, schmutzigen Sandalen.


Der Krieg in Guerrero rückte erst durch den Auftritt der EPR in Aguas Blancas ins Licht internationaler Öffentlichkeit. Allerdings dominierte in der Berichterstattung nicht nur der bürgerlichen, sondern auch - und vielleicht noch mehr - der linken mexikanischen Öffentlichkeit der Versuch, die EPR in Widerspruch zur EZLN zu setzen. Das Bild der „guten“ Guerilla, der EZLN, und der „schlechten“ EPR, war geboren. Wobei von den Traditionen der kämpferischen Basisorga-nisationen wie die OCSS, von der historischen Kontinuität des Widerstandes in Guerrero kaum die Rede war. Auch in den Berichten der hiesigen Mexiko-Soli-daritätsgruppen erschien die EPR-Guerilla eher als sektiererische, rückwärtsgewandte Organisation. Eine Sichtweise, die fatalerweise nicht zuletzt durch die Autorität des EZLN-Subcomandante Marcos selbst genährt wurde. Er war es, der gegenüber der EPR anfangs polemisch bemerkte, sie „müsse erst ihre Legitimität unter Beweis stellen“. Daraufhin schickte der EPR-Commandante José Arturo eine schneidene Antwort, die in ihrer Wortwahl Marcos selbst paraphra-sierte: „Wen müssen wir um Vergebung bitten, daß wir nicht zulassen, daß die Regierung uns weiter ermordet? Wen müssen wir um Vergebung bitten für unseren bewaffneten Aufstand. Müssen wir beispielsweise die Regierung um Vergebung bitten? Oder die Oligarchie? Oder müssen wir die EZLN um Vergebung bitten für diese Entscheidung?“ Die EZLN korrigierte später ihre Haltung und verurteilte das begonnene „Spiel der Rivalitäten“ selbstkritisch. Marcos selbst reflektierte im Oktober 1998 in einem seiner öffentlichen Briefe das bislang generell eher abgrenzende Verhältnis zur traditionellen radikalen Linken Mexikos im Zusammmenhang mit einer ernüchternden Analyse der innerhalb der EZLN dominierenden Orientierung auf das links-oppositionelle PRD-Spektrum im Rahmen des zivilen FZLN-Bündnisses.



Das ERPI taucht auf


Die Beziehungen zueinander sind in Bewegung gekommen. So traten EZLN-DissidentInnen, die mit der Fortsetzung der Verhandlungen nicht einverstanden waren, der EPR bei. Auf der anderen Seite hat sich die EPR in Guerrero, wo sie laut eigenen Angaben mit Abstand am stärksten ist, vom Rest der Organisation getrennt und eine neue die „Revolutionäre Armee des Aufständischen Volkes“ (ERPI) gebildet. Bleiben Strategie und Taktik der EPR laut ihrer Kommuniqués im landesweit auszudehnenden Konzept des „langandauernden Volkskrieges“ verwurzelt, so begreift sich das neue ERPI eher als „revolutionäre Selbstverteidi-gungsmiliz“ der Gemeinden gegen die Staatsgewalt. Sie erkennen das Bedürfnis nach Wahlen als Option möglicher Veränderungen an und setzten mittelfristig auf den sozialen Aufstand.


In einem Interview beschrieben zwei Kommandanten der EPRI im August 1998 den Grund für die Spaltung: „Viele Gemeinden verlangten eine Antwort auf die Angriffe der Armee, die Folter, die Verschwundenen und Toten. Aber die EPR wollte nicht. Statt dessen organisierte sie Operationen, die nicht den Erwartungen der Bevölkerungen entsprachen. Wir schlugen vor, auf die Repression zu antworten, aber wir bekamen von der Führung nicht die Erlaubnis dafür.“ Die EPRI hatte auf ein erneutes Massaker gegen Bauern des Dorfes El Charco im Juni 1998 mit zwei Angriffen auf Militäreinheiten geantwortet.


Auf die Frage nach ihrem Verhältnis zur EZLN antworteten die EPRI-Kommandanten: „Wir haben uns ihnen angenähert, weil wir sehen, daß die Genossen der EZLN aus ihrer Erfahrung wichtige Beiträge für den Kampf um die Demokratie gewonnen haben. Wir haben mit ihren Prinzipien des „gehorchenden Befehlens“ und des „Alles für alle, für uns nichts“ schon zu der Zeit übereingestimmt, als wir in der EPR waren, aber die EPRI wird sie jetzt umsetzen. Wir begrüßen alle, auch kleinere bewaffneten Gruppen, die sich in direkter Beziehung zum Kampf des Volkes entwickeln“.


Chiapas, Guerrero, Oaxaca, Veracruz sind die rebellierenden Provinzen Mexikos. Hier, an der Südgrenze der riesigen, von Kanada bis an die mexikanisch-gualte-maltekischen Grenze reichenden NAF-TA-Freihandelszone, ist Armut und Unterdrückung, aber auch der soziale Widerstand und die bewaffnete Gegenwehr am breitesten in der Bevölkerung verankert. Wenn die oppositionelle PRD bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 unterliegen sollte, dann sind die letzten Hoffnungen auf etwaige Reformen durch Wahlen vorerst geplatzt. Ebenso wird der Verhandlungsmarathon der EZLN spätestens dann an seine endgültige Grenze kommen. „Wenn das Heer die EZLN angreift“, kündigte das ERPI-Mitglied „Manuel“ vor einem Jahr an, „hat Marcos zwar gesagt, daß er keine Retter will. Aber man kann ja nicht einfach mit verschränkten Armen abwarten. Wir würden von der Selbstverteidigung zur Kriegserklärung übergehen“.


Juni 1976, Acapulco: Im Hinterhof gab es keine Bäume. Die Sonne fiel wie Blei herab, verbrannte die Erde, die Ziegelmauern. Sie gingen zu einem Erdhaufen. Der Mann zog ein rotes Taschentuch heraus, um sich den Schweiß abzuwischen. In der Wand sah er mehrere Schlitze, wie große Luftlöcher, durch die er gerade eine Hand hindurchstecken konnte. Als er näherkam, glaubte er zuerst, es handele sich um das Flirren der Sonne, der Hitze, die auf seinem Kopf, auf der Erde brannte. Dann hörte er das tierische Geräusch, das aus dem Boden, von unter der Erde kam. Ein Geräusch wie von verstörten Tieren, daß aus der Tiefe des Erdhaufens herausrühren mußte, aus dem Keller voller Gestank, der aus den Schlitzen hervorströmte. Durch das am nächsten gelegene Luftloch sah er die Schatten. Undeutliche, menschliche Schatten. Er kam näher. Es blieb ihm nicht einmal Zeit zu erstaunen. Ein Schmerz mit Angst vermischt drückte ihm auf die Eingeweide, auf den Magen. Er fing an mit offenem Mund zu atmen. Durch die Spalten roch er den Geruch, die heiße Feuchtigkeit sich zersetzender Lebewesen. Der Polizist beobachtete ihn. „Dort befindet sich das, was von der Guerilla übriggeblieben ist“, sagte er und zeigte auf die Spalten im Boden. „Dort verfaulen sie...“.


(Alle kursiv gesetzten Passagen aus dem Buch „Der Krieg im Paradies“, von Carlos Montemayor, erschienen bei VLA Schwarze Risse Rote Straße, November 1998)


Vertreter/innen der Menschenrechtsgruppen der OCSS, repräsentiert durch die mexikoweite Struktur zum Schutz politischer Gefangener FEDEFAM, sowie aus dem Bereich der FZLN sind nach Berlin eingeladen.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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