|
So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 3 / Februar 1999 -
Seite 5
|
|
|
Erstens
kommt es anders und zweitens, als man denkt....
Zum Stand
der Vorbereitungen der Konferenz
|
|
|
Erstens
kommt es anders und zweitens, als man denkt....
Mit dem neuen
Jahr hat auch die heiße Phase der Vorbereitung begonnen. Mittlerweile
ist das Konferenz-Büro in der Yorckstraße täglich besetzt.
Die Einladungen sind verschickt, die Geldanträge gestellt, die Arbeitsgruppen
und Veranstaltungen inhaltlich skizziert und eine ganze Latte an Dingen, ohne
die eine solche Konferenz nicht zu machen ist, wird gerade organisiert: Schlafplätze,
Kinderbetreuung, Übersetzer/innen, Pressearbeit, technische Anlagen usw.
usf. Jede Menge Arbeit also, und nur noch zwei Monate Zeit. Dann ist es soweit.
Konferenzen
gibt es immer wieder. Auch zu den politischen Gefangenen. Oft genug bleiben
sie einmalige Ereignisse, und gemeinsame Ergebnisse, wenn überhaupt,
bleiben unverbindliche Absichtserklärungen. Sollte es da der Berliner
Konferenz anders ergehen? Unsere Erwartungen jedenfalls sind andere.
Zuerst einmal: Internationale Diskussion zwischen Genossinnen und Genossen
aus Befreiungsbewegungen, Solidaritätskomitees und Basisbewegungen, über
die politische und soziale Entwicklung in ihren Ländern, über Widerstand
und Repression und über die Situation und den Kampf der politischen Gefangenen.
Dann aber auch: praktische Perspektiven. Wie kann die Solidarität international
organisiert werden? Sind gemeinsame Forderungen und Kampfprojekte möglich?
Das zweite ist ohne das erste nicht machbar, und das erste, ohne praktische
Konsequenzen, eigentlich sinnlos. Papiere sind geduldig, die von München
1992, wie die von Chiapas 1996.
International
zeichnete sich lange nichts ab in Richtung gemeinsame Diskussion und Entwicklung.
Immerhin ist es nun sechs Jahre her, seit der Vorschlag von Libertad! auf
den Tisch kam. Die Signale gingen häufig in die Richtung: Fangt
mal an, wir klinken uns dann ein. Aber ein fertiges Konzept für
das oder gegen das sich Organisationen entscheiden können, haben wir
nicht. Es geht nicht um Mitmachen, sich einklinken, sondern den Aufbauprozeß
verantwortlich mitzugestalten. So ist zum Beispiel geplant, die sechs Arbeitsgruppen
der Konferenz in der Zusammensetzung des Internationalen Organisationskomitees
vorzubereiten, damit von Anfang an das Moment internationaler Verständigung
enthalten ist. Das internationale Organisationskomitee quasi als Keimzelle
einer künftigen, Länder und Kontinente übergreifenden, Organisierung.
Das hört sich vielleicht groß an, trifft es aber dennoch, wenn
wir endlich Nägel mit Köpfen machen wollen.
Einfach ist
das alles schon jetzt nicht. Die Tatsache, daß Organisationen aus fünf
Ländern die Konferenz vorbereiten, bedeutet noch lange keine gleichmäßige
Verteilung der dafür notwendigen Arbeit. Es gibt Unterschiede in dem,
wie sich die Genossinnen und Genossen einbringen, vor allem aber einbringen
können: Inhaltlich, in der Organisierung vor Ort, in der Verantwortung
für einen der vielen Aufgabenbereiche. Und die Schwierigkeiten werden
mit Sicherheit noch zunehmen, hochgerechnet auf eine Struktur, die weltweit
von Basis- und Solidaritätsorganisa-tionen aufgebaut werden soll. Das
fängt bei der Verständigung untereinander an, nicht nur sprachlich,
auch inhaltlich, weil eben unterschiedliche Realitäten aufeinander treffen
und hört bei der Frage, inwieweit Organisationen oder Gruppen bereit
sind, Kapazitäten für diesen gemeinsamen Kampf langfristig zur Verfügung
zu stellen, noch lange nicht auf.
Die Betonung
der Konferenz liegt eindeutig auf Arbeit. Wir wollen zu praktischen Ergebnissen
kommen und hoffen, daß sich einige der dort anwesenden Organisationen
für eine verbindliche internationale Zusammenarbeit entscheiden werden.
Ansonsten wird die Handlungsfähigkeit an der Frage der politischen Gefangenen
immer begrenzt bleiben, abhängig von den konjunkturellen Schwankungen
gesellschaftlicher Widerstandsprozesse in den jeweiligen Ländern. Es
versteht sich von selbst, daß die Konferenz kein Ort sein wird für
allgemeine Statements oder ideologische Debatten.
Die Konferenz
findet in Deutschland statt, logischerweise trägt das nationale Organisationskomitee
die Hauptlast der Vorbereitungen. Die bisherige Resonanz läßt hoffen,
daß uns neben dem Interesse zur Teilnahme an der Konferenz, auch eine
wachsende Zahl Aktivist/innen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dabei zeichnet
sich ab, fast alles läuft über Beziehungen. Ein Beispiel: Auf eine
bundesweite schriftliche Anfrage nach Übersetzer/innen, ohne deren Arbeit
diese Konferenz nicht zu machen ist, erhielten wir keine einzige (!) Rückmeldung,
obwohl wir über 100 Gruppen und Infoläden angeschrieben hatten.
Wo wir hingegen auf Gruppen oder einzelne Genoss/innen zugegangen sind, war
unsere Suche dann erfolgreicher.
Ähnliches
läßt sich zu der finanziellen Situation sagen. Die aktuelle Kostenaufstellung
sieht Ausgaben um die 100.000,- DM vor. Das ist kein Druckfehler, sondern
eine realistische Rechnung, die sich sehr wahrscheinlich noch erhöhen
wird. Demgegenüber stehen reale, wie auch fest eingeplante Einnahmen
von maximal 62.000, - DM. Wir haben natürlich bei verschiedenen Stiftungen
und Vereinen Geldanträge gestellt. Entschieden ist noch nichts und finanziell
bleibt die Konferenz ein hohes Risiko. Auch hier sind wir auf die Unterstützung
von Gruppen und Einzelpersonen angewiesen. Und auch hier zeigt es sich wieder,
daß fast alles von direkten Kontakten und dem individuellen Zugehen
auf andere abhängt. So gibt es bereits von einigen Solidaritätsgruppen
die Zusage Reisekosten für Genossinnen und Genossen aus anderen Ländern
zu übernehmen. Ein gutes Beispiel, und wir hoffen, daß es Schule
machen wird. Ein letztes Wort noch zum Thema Finanzen.
Über die laufende Spendenkampagne 1000 x 100 waren bis Ende
Januar 1999 über 10.000 DM eingegangen. Das ist nicht schlecht, sollte
sich aber bis Anfang April mindestens noch verdoppeln.
Eine berechtigte
Frage ist, ob wir uns nicht zuviel vorgenommen haben, angesichts der tristen
Lage linker Kräfte im eigenen Land? Der Ausgangspunkt ist klar: Wirklich
kämpferische Mobilisierungen in Solidarität mit den politischen
Gefangenen hier sind Geschichte. Und der Weg individueller Lösungen ist
schon lange beschritten worden. Das alles ist Ausdruck der Niederlage der
Linken. Und nur sorum können wir es diskutieren. Die deutschen Verhältnisse
sind eben nichts besonderes. Weltweit haben sich die Ausgangsbedingungen qualitativ
verändert.
Die Rückläufigkeit
revolutionärer kennzeichnet genauso die weltweite Lage, wie eine allgemeine
Krise der Linken, die sich in Rückzug, Individualisierung und gesellschaftliche
Integration und ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit ausdrückt.
Die Diskrepanz
ist real: Die Energie und Kraft mit der alle am Organisationskomitee Beteiligten
die Konferenz auf den Weg bringen im Verhältnis zur aktuellen Mobilisierungsfähigkeit
und Kampfbereitschaft der Linken. Das haben nicht nur die Kundgebungen am
10. Dezember deutlich gezeigt, und eine Veränderung ist nicht von heute
auf morgen zu erreichen. Oder kommt es anders? Immerhin steht dieses Jahr
bis in den Sommer ganz im Zeichen internationalistischer Mobilisierungen.
Am 20. Februar die bundesweite Solidaritätsdemo in Hamburg für das
Leben und die Freiheit von Mumia Abu-Jamal; dann der 18. März und nach
der Konferenz die Anti-EU/WWG-Mobilisierungen.
|