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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 3 / Februar 1999 - Seite 4
Iran: "Die Strategie der Furcht“
[ Inhalt Nr. 3.]

 

Die islamische Republik Iran wird dieser Tage 20 Jahre alt. Die nach Vertreibung des Schahs an die Macht Gekommenen gönnten dem Volk nur eine kurze Ruhepause. Mit Massenverhaftungen und -hinrichtungen in den Gefängnissen sollte die linke und nichtreligiös bestimmte Opposition ausgerottet werden. Eine in Deutschland weitgehend verdrängte Tatsache. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir die Rede einer Iranerin, die dem iranischen Regime entkommen konnte.



Ich selbst habe lange in den Gefängnissen der unmenschlichen Islamischen Republik verbringen müssen und wurde psychisch und physisch gefoltert.


Heute, wenn ich die Genossen aus Lateinamerika, Afrika oder sogar Europa höre, kommt es mir vor, als ob sie meine Worte sprächen. Ihre Erinnerungen ähneln meinen eigenen. Die imperialistischen Staaten zwingen mit Hilfe ihres militärischen und wirtschaftlichen Potentials (zum Zweck ihrer Selbsterhaltung und der Erhaltung ihres Kapitals) die von ihnen abhängigen Regierungen, Druck auf die Bevölkerung auszuüben, damit sie die Ressourcen dieser Länder rauben können und ihre eigene Macht und ihren Reichtum vergrößern können.


Jeder Widerstand dagegen wird dann natürlich zum Schweigen gebracht. Diese abhängigen und despotischen Regierungen bringen im Interesse des Kapitals Furcht unter die Bevölkerung. Ihr erster Schritt ist immer die Verhaftung und das Einkerkern der freiheitsliebenden und revolutionären Kräfte, die für die Unabhängigkeit ihres Volkes kämpfen. Und so fangen die seelischen und körperlichen Folterungen an, bis diese Gruppen vernichtet sind. Die despotischen Regierungen sind nicht in der Lage, die Unterstützung der Bevölkerung zu bekommen, aber durch ihren Druck und die Angst der Bevölkerung vor Repressalien, wird diese davon abgehalten, für die menschliche Würde und die Menschenrechte zu kämpfen.


Diese Strategie der Furcht kann für diese Regierungen als Stabilitätsfaktor funktionieren, da sie nicht nur dem momentanen Machterhalt dient, sondern auch eine natürliche Entwicklung des Bevölke-rungsbewußtseins verhindert wird. Wenn diese Regierungen einen hohen Grad der Furcht unter die Menschen gebracht haben, ist ihr Machterhalt für lange Zeit gesichert. Es kann der Bevölkerung nicht lange verborgen bleiben, wenn eine Regierung ihre politischen Gegner foltert und versucht zu vernichten. Vielleicht kennt oder glaubt die Bevölkerung nicht die ganze Wahrheit in den Gefängnissen, aber sie sehen, daß von ihren Verwandten, Freunden oder Bekannten einige verschwinden, und daß ihnen selber ihre Menschenrechte täglich eingeschränkt werden. Hier und dort wird gehört und gesehen, wie die aus den Folterkammern Entkommenen körperlich und seelisch krank leben und wie lebende Tote existieren. Obwohl in solchen Gesellschaften keine Meinungsfreiheit und keine freien Medien existieren, werden die Nachrichten aus den Gefängnissen mündlich weitergegeben, auch bis in die kleinsten Dörfer. Folter hinterläßt nicht nur Spuren bei den Gefolterten und ihren Familien, sondern bei allen in solch einer Gesellschaft lebenden Menschen. Auch die, die nicht gefoltert wurden, werden davon beeinflußt. Daß Nachrichten von Folter in den Gefängnissen im Volk verbreitet werden, wird von den Diktatoren begrüßt. Denn es ist ihr Ziel, daß die Menschen Angst haben sollen, damit sie passiv bleiben, weil so die Verteidigung der Menschenrechte für die Menschen ein großes Risiko ist.


Ich werde an dieser Stelle einige Ereignisse aus meinem Leben erzählen. Vor meiner Verhaftung hatten wir die Nachrichten aus den Gefängnissen gehört, und von den Massenhinrichtungen dort hatten wir in Radio und Fernsehen erfahren. Die Foltermethoden und die Vergewaltigung der Jungfrauen in den Gefängnissen der Islamischen Republik Iran waren draußen schon bekannt. Dies hatte eine große Angst unter den Familien, deren Kinder gegen das Regime aktiv waren, verursacht. Ich mußte als aktive freiheitsliebende Sozialistin meine Stadt verlassen. Ein Jahr später, während meiner Schwangerschaft, habe ich die Nachricht vom Tod meines Mannes im Fernsehen erfahren. Ich mußte für die Entbindung in das Haus zurückgehen, aus dem ich geflüchtet war und das dem Regime bekannt war. Fünfzehn Tage nach meiner Entbindung wurde ich verhaftet. Ich wurde mit meiner fünfzehn Tage alten Tochter, meiner Mutter und meinem Bruder festgenommen. Bei der Ankunft hat der Folterer ein Kabel in der Luft geschleudert und gefragt: Hörst du das, das wirst du gleich spüren. Ich hatte nach meinem Kaiserschnitt noch Blutungen gehabt und meine gefesselten Hände unbewußt auf den Bauch gelegt. Was wollte ich da verteidigen?


Die Furcht vor Vergewaltigung schmerzte meinen ganzen Körper. Meine Folter begann mit Kabelschlägen unter und über die Füße, auf den Rücken und den Kopf. Ich dachte nur an eins, „Widerstand“. Es ging mir alles schnell durch den Kopf. Da sie meinen Mann nicht lebend erwischen konnten, hatten mich für ihn noch zusätzlich gefoltert, um von mir Informationen über ihn zu sammeln. Einige Stunden vergingen so, und ich hatte die ganze Zeit unter der Folter meine Blutungen gehabt, und sie haben schließlich damit aufgehört. Mich haben sie in eine dunkle Zelle gebracht. Ich habe so laut ich konnte nach meinem Kind geschrieen, und daß es gestillt werden muß. Sie sagten, das Kind sei in ein Kinderheim gebracht worden.


Ich hatte darauf äußerlich nicht reagiert, aber in meinem Inneren tobte es. Vormittags gegen zehn Uhr brachten sie meine Tochter zu mir. Ich habe sie mit geschwollenen Händen aufgenommen und gestillt. Dabei habe ich gemerkt, daß sie bis dahin nichts bekommen hatte. Ich bin wieder in die Folterkammer gebracht worden, obwohl ich noch blutete. Der Arzt, den sie für mich geholt hatten, hat verboten, mich zu foltern. Aber nach einigen Stunden brachten sie mich mit geschlossenen Augen in eine Zelle. Dort saß mein Bruder. Sie machten meine Augenbinde auf, und ich sah meinen gefolterten Bruder, der an einem Bett festgebunden war. Dann haben sie meinen Bruder vor meinen Augen gefoltert. Ich habe keine Reaktion gezeigt. Dann fragten sie mich: „Sagst du nichts, bist du bereit, deinen Bruder zu töten, du gefühllose Kommunistin“. Das war absurd, sie wollten mich für den Tod meines Bruder verantwortlich machen. Sie drohten mir, ihn zu töten, wenn ich nichts sage. Nach einigen Monaten haben sie mich wieder zur Folter aus der Zelle geholt, und noch einmal bekam ich unter der Folter Blutungen. Drei Tage lang durfte ich nicht schlafen, danach machten sie eine Scheinhinrichtung mit mir.


Schließlich mußte ich einen ganzen Monat stehend in einem Schrank verbringen, und konnte mich nicht bewegen. Nur dreimal am Tag durfte ich zum Klo gehen, sonst durfte ich nicht raus. Ich mußte auch stehend schlafen. Danach haben sie mich in einen warmen fensterlosen Raum gebracht, dort blieb ich vierzig Tage. Danach mußte ich mich sieben Monate lang in einem dunklen Raum aufhalten, wo ich Tag und Nacht nur durch die Mahlzeiten unterscheiden konnte. Dann bin ich in die Isolationszellen vom Evin-Gefängnis gebracht worden. Siebzehn Monate blieb ich dort in der Zelle Nr. 209. Danach habe ich zum ersten Mal Besuch von meiner Tochter bekommen. Sie war schon groß, sie konnte laufen und sprechen. Zu mir sagte sie, „Tante, wie geht es dir?“


Wie schon gesagt: Gefängnis und Folter sind keine persischen Entdeckungen. Während es im Iran enge dunkle Käfige als Zellen gibt, gibt es in den anderen Kontinenten auf der ganzen Welt, Amerika, Afrika, Asien und Europa, auch Isolationszellen für politische Gefangene. Zum Beispiel in Deutschland.


Ich habe keine Erwartung an Staaten und deren Theoretiker, die kein Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschlichkeit zeigen wie z.B. Steinbach und Peter-Scholl Latour, die den Iran, und besonders den Islam eine sichere Insel nennen. Aber ich fordere alle freiheitsliebenden Demokraten und Sozialisten auf, gegen diese globale Funktion des Kapitals, gegen Ausbeutung gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit gemeinsam auf internationaler Ebene Widerstand zu leisten.


Keinem Staat ist es gestattet, seine politischen Gegner zu foltern. Für die Abschaffung der Folter und Hinrichtung müssen alle zusammen kämpfen. Kein Mensch darf gleichgültig bei solchen Untaten zusehen.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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