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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 3 / Februar 1999 -
Seite 1
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Angela
Y. Davis: Der maskierte Rassismus / Der industrielle Gefängniskomplex
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Das Gefängnis
ist mittlerweile zu einer der ersten Antwort auf die sozialen Probleme geworden,
die die Menschen in Armut bedrücken. Diese Probleme werden häufig
verschleiert, indem sie bequemerweise unter der Überschrift Kriminalität
zusammengefasst und kriminelles Verhalten dann automatisch Afro- und LatinoamerikanerInnen
zugeordnet wird. Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit,
Geisteskrankheiten und Analphabetismus sind nur einige der Probleme, die aus
dem öffentlichen Bewußtsein verschwinden, sobald die Menschen,
die mit ihnen konfrontiert sind, hinter Gittern verschwinden.
So gesehen
haben Gefängnisse geradezu magische Kräfte. Aber Gefängnisse
lassen nicht Probleme verschwinden, sie lassen Menschen verschwinden. Und
tatsächlich ist diese Praxis ein großes Geschäft geworden,
immer mehr arme, immigrierte Menschen aus rassistisch marginalisierten Communities
verschwinden zu lassen.
Hinter der
scheinbaren Leichtigkeit eines Zaubertricks verbirgt sich allerdings ein enormer
Arbeitsaufwand. Wenn Gefängnisse Menschen verschwinden lassen, um die
Illusion zu vermitteln soziale Probleme könnten gelöst werden, müssen
die Infrastrukturen in den Gefängnissen so ausgebaut werden, daß
sie in der Lage sind, eine schnell ansteigende Bevölkerung von Gefangenen
aufzunehmen. Güter und Dienstleistungen müssen geliefert werden,
um die Gefängnisbevölkerung am Leben zu erhalten. Manchmal müssen
die Menschen in den Gefängnissen beschäftigt werden und manchmal
- speziell in den repressiven Hochsicherheitsgefängnissen - müssen
sie praktisch von jeder sinnvollen Arbeit abgehalten werden.
Diese Arbeit,
die bisher immer eine hoheitliche Aufgabe des Staats war, wird jetzt auch
von Privatunternehmen übernommen, deren Verbindungen zum Staat in dem
Sektor, den man euphemistisch Strafvollzug nennt, verdächtig
nach dem militärisch-industriellen Komplex klingen. Die Dividenden, die
durch die Investitionen in die Bestrafungsindustrie aufkommen, führen
wie die der Investitionen in die Waffenindustrie nur zur Zerstörung.
Wenn man die strukturellen Übereinstimmmungen und die Gewinnträchtigkeit
der Verbindungen zwischen Regierung und den Unternehmen im Reich der militärischen
Produktion und dem staatlichen Justizsystem berücksichtigt, kann das
expandierende Strafvollzug-system mit Recht als industrieller Gefängniskomplex
bezeichnet werden.
Die Farbe
der Gefangenschaft
Zur Zeit
sind fast zwei Millionen Menschen in dem riesigen Netzwerk der US-Gefängnisse
eingesperrt. Mehr als siebzig Prozent der Inhaftierten sind Afro- oder LatinoamerikanerInnen.
Es wird selten zur Kenntnis genommen, daß die am schnellsten wachsende
Gefangenengruppe schwarze Frauen sind und daß prozentual zum Bevölkerungsanteil
die indí-genen AmerikanerInnen die größte Gruppe stellen.
Annähernd fünf Millionen Menschen, einschließlich derjenigen
auf Bewährung oder im Freigang, unterstehen direkt der Aufsicht des Justizwesens.
Elliott
Currie drückt dies so aus: Das Gefängnis hat, wie nie zuvor
in unserer Geschichte oder der jedes anderen demokratischen Industrielandes,
eine bedrohliche Präsenz in unserer Gesellschaft erreicht. Direkt nach
großen Kriegen ist die Masseninhaftierung zur Zeit das am sorgfältigsten
durchgeführte Sozialprogramm der Regierung geworden.
Damit die
Körper geliefert werden können, die für das gewinnorientierte
Strafvollzugsystem bestimmt sind, beruht die politische Ökonomie der
Gefängnisse auf rassi(sti)sch orientierten Annahmen über Kriminalität
- z.B. solcher Bilder schwarzer Mütter, die Sozialhilfe bekommen und
kriminelle Kinder großziehen - und auf rassistischen Mustern bei der
Festnahme, der Verurteilung und den Strafmaßen. Die Körper von
Afro- und Latinoamerikaner-Innen sind in diesem riesigen Experiment der Hauptrohstoff,
um die sozialen Probleme unserer Zeit verschwinden zu lassen. Entkleidet man
die Gefängnislö-sung aber ihrer magischen Aura, kommen
Rassismus, Klassenvorurteile und die parasitäre Abschöpfung kapitalistischer
Profite zum Vorschein. Das industrielle Gefängnissystem führt zur
materiellen und moralischen Verarmung seiner Bevölkerung und verschlingt
den sozialen Reichtum, der eigentlich gebraucht würde, um genau die Probleme
angehen zu können, die zu der immer größer werdenden Zahl
von Gefangenen geführt haben.
Da Gefängnisse
immer mehr Platz auf der sozialen Landkarte einnehmen, werden andere Regierungsprogramme
bis hin zu ihrer faktischen Abschaffung gekürzt, mit denen bisher versucht
wurde, auf soziale Bedürfnisse einzugehen, wie z.B. die Zeitlich
Begrenzte Hilfe für Bedürftige Familien (Temporary Assistance
to Needy Families). Die Verschlechterung der Standards im staatlichen Bildungswesen
sind direkt mit der Gefängnislösung verknüpft.
Wer macht
Gewinn mit den Gefangenen?
Da sich
Gefängnisse in der US-amerikanischen Gesellschaft immer weiter ausbreiten,
hat sich das Privatkapital in die Bestrafungsindustrie miteingeschaltet. Und
aufgrund ihres Gewinnpotentials werden Gefängnisse immer wichtiger für
die amerikanische Wirtschaft. Wenn schon die Idee an sich irritierend ist,
daß Bestrafung eine Quelle potentiell erstaunlicher Gewinne sein kann,
dann ist die strategische Abhängigkeit von rassistischen Strukturen und
Ideologien, um die Massenbestrafung profitabel und befriedigend zu bewerkstelligen,
noch um vieles beunruhigender.
Die Privatisierung
der Gefängnisse ist das offensichtlichste Beispiel für den augenblicklichen
Trend des Kapitals hin zur Gefängnisindustrie. Während staatliche
Gefängnisse die internationalen Men-schenrechtsstandards oft grob mißachten,
gilt dies für die privatgeführten Gefängnisse noch umso mehr.
Im März diesen Jahres konstatierte die Corrections Corporation of America
(CCA), das größte private Gefängnisunternehmen in den USA,
daß in ihren 68 Einrichtungen in den USA, Puerto Rico, Großbritannien
und Australien 54.944 Betten entweder schon unter Vertrag stünden oder
in der Entwicklungsphase seien. Gemäß dem weltweiten Trend, Frauen
verstärkt dem öffentlichen Bestrafungssystem zu unterwerfen, hat
die CCA kürzlich ein Frau-engefängnis in der Nähe von Melbourne
eröffnet. Das zweitgrößte Gefängnisunternehmen in den
USA, die Wackenhut Corrections Corporation, gab an, Verträge für
46 Einrichtungen in Nordamerika, Großbritannien und Australien zu haben.
Bei ihnen stünden insgesamt 30.424 Betten zur Verfügung, wie auch
Verträge über den Gesundheits- und Sicherheitsdienst und den Transport
der Gefangenen.
Die Börsenkurse
der beiden Unternehmen zeigen steil nach oben. Im Vergleich zu 1996 sind die
Gewinne von CCA 1997 von 293 Mio. auf 462 Mio. um 58 % gestiegen. Der Nettogewinn
des Unternehmens stieg von 30,9 Mio. US-Dollar auf 53,9 Mio. US-Dollar. WCC
konnte seine Gewinne von 138 Mio.1996 auf 210 Mio. 1997 steigern. Anders als
in den staatlichen Gefängnissen beruhen diese riesigen Gewinne in den
privatgeführten Gefängnissen darauf, daß keine Gewerkschaftsmitglieder
beschäftigt werden.
Der industrielle
Gefängniskomplex
Aber private
Gefängnisunternehmen sind nur der sichtbarste Teil der steigenden Privatisierung
des Strafvollzugsystems. Für die Bauindustrie sind Regierungsaufträge
für neue Gefängnisse immer wichtiger geworden. Technologien, die
für das Militär z.B. von Unternehmen wie Westinghouse entwickelt
worden sind, werden für den Einsatz bei der Polizei und dem Strafvollzugsystem
angepriesen.
Dazu kommt,
daß Unternehmen, die mit dem Strafvollzugsbusiness nichts zu tun zu
haben scheinen, sehr eng in die Ausweitung des industriellen Gefängniskomplex
involviert sind. Wechsel auf Gefängnisneubauten sind eine der vielen
Möglichkeiten profitabler Investitionen für führende Finanzhäuser
wie z.B. Merrill Lynch. Die Telefongesellschaft MCI verlangt von den Gefangenen
und ihren Familien astronomische Summen für die wertvollen Telefongespräche,
die oft der einzige Kontakt mit der Außenwelt sind.
Viele Unternehmen,
deren Produkte wir täglich konsumieren, haben erkannt, daß die
Arbeitskraft in den Gefängnissen genauso profitabel sein kann, wie die
Arbeitskraft aus der Dritten Welt. Beide Ausbeutungsformen führen zur
Entlassung früher gewerkschaftlich organisierter Arbeiter und viele von
ihnen landen schließlich sogar im Gefängnis. Einige der Unternehmen,
die auf Gefängnisarbeit zurückgreifen, sind IBM, Motorola, Compaq,
Texas Instruments, Honeywell, Microsoft und Boeing. Aber nicht nur High-Tech-Unternehmen
schöpfen den Profit der Gefängnisarbeit ab. Die Kaufhauskette Nordstrom
verkauft Jeans, die in gefängnisblau angeboten werden, wie
auch T-Shirts und Jacken, die aus Gefängnissen Oregons kommen. Der Werbeslogan
für diese Kleider: Drinnen gemacht, um draußen getragen zu
werden. Die Gefangenen in Maryland prüfen Glasflaschen, die dann
von Revlon und Pierre Cardin verkauft werden und Schulen in der ganzen Welt
kaufen Diplo-mantenhüte und Umhänge, die von Gefangenen in South
Carolina hergestellt wurden.
Für
Privatunternehmen, schreiben Eve Goldberg und Linda Evans (eine politische
Gefangene in der Strafvollzugsan-stalt Dublin in Kalifornien), ist Gefängnisarbeit
eine Goldader. Keine Streiks. Keine gewerkschaftliche Organisierung. Keine
Krankenversicherungskosten, keine Arbeitlosenversicherung oder Ausgleichszahlungen
für ArbeiterInnen. Keine Sprachbarrieren wie im Ausland. Neue riesige,
schreckerregende Gefängnisfabri-ken werden auf tausenden von Hektar innerhalb
der Anstaltsmauern gebaut. Gefangene erledigen die Datenerfassung für
Chevron, übernehmen Telefonreser-vierungen für TWA, züchten
Schweine, schaufeln Dünger, stellen Stromleiter her, Limousinen, Wasserbetten
und Unterwäsche für Victorias Secret - alles zu einem Bruchteil
der Kosten der freien Arbeit.
Wer verschlingt
den sozialen Reichtum?
Obwohl Gefängnisarbeit
- die weit unter dem Minimallohn bezahlt wird - für die beteiligten Unternehmen
sehr profitabel ist, produziert das Strafvollzugsystem insgesamt keinen Wohlstand.
1996 und 1997 gab die Regierung nur 8,7% des Gesamthaushalts für Universitäten
und Fachhochschulen aus, während 9,6% für das Strafrechtssystem
ausgegeben wurden. Jetzt, da Quoten für Minderheiten in Kalifornien für
illegal erklärt worden sind, ist es offensichtlich, daß das Bildungswesen
mehr und mehr nur für bestimmte Menschen reserviert ist, während
das Gefängnissystem für andere reserviert bleibt. Im Augenblick
sind fünfmal so-viele afroamerikanische Männer im Gefängnis
wie an Colleges oder Universitäten. Diese neue Segregation hat gefährliche
Auswirkungen für das ganze Land.
Indem als
Kriminelle bezeichnete Menschen segregiert werden, verstärken und verdecken
Gefängnisse gleichzeitig den strukturellen Rassismus der amerikanischen
Wirtschaft. Behauptungen über geringe Arbeitslosenraten - sogar in schwarzen
Communities - machen nur dann Sinn, wenn davon ausgegangen wird, daß
die große Zahl der Menschen hinter Gittern wirklich verschwunden ist
und daher keinen legitimen Anspruch auf eine Arbeit hat. Die Zahl der eingesperrten
latino-und afroamerikanischen Männer beläuft sich auf 2% des gesamten
männlichen Arbeitskraftreservoirs. Der Kriminologe David Downes sagt:
Wenn man die Gefangenschaft als eine Art versteckte Arbeitslosigkeit
ansieht, steigt die Arbeitlosenquote für Männer um ein Drittel auf
8%. Die Auswirkungen auf die Arbeitslosenrate unter afroamerikanischen Männern
sind sogar noch größer, statt 11% steigt die Arbeitslosenrate auf
19%.
Die versteckte
Agenda
Massenhafte
Gefängnisstrafen sind keine Lösung für Arbeitslosigkeit und
auch keine Lösung für die große Bandbreite sozialer Probleme.
Der Rassismus hat unsere Fähigkeit untergraben, eine öffentliche
Diskussion über die falsche Ideologie zu beginnen, die die Gefängnisse
als den Schlüssel zu größerer öffentlicher Sicherheit
propagieren. Das Hauptaugenmerk der Regierung verschiebt sich zügig weg
von Sozialhilfe hin zu sozialer Kontrolle.
Afro- und
Latinoamerikanische, indogene und viele asiatische Jugendliche werden als
Vertreter von Gewalt und Drogendealer dargestellt, voll Neid auf die Güter,
die sie nicht besitzen. Junge Afro- und Latinoamerikanerinnen werden der sexuellen
Promiskuität geziehen und es wird ihnen unterstellt, sie produzieren
ungehemmt Babies und Armut. Kriminalität und abweichendes Verhalten werden
rassistisch aufgeladen. Die Überwachung wird auf die schwarzen Communities
konzentriert, auf Einwanderer, Arbeitslosen, Schulabgänger ohne Abschluß,
Obdachlosen und generell all diejenigen, die einen immer kleineren Anspruch
auf die sozialen Ressourcen geltend machen können. Ihr Anspruch verringert
sich, weil Polizei und Strafvollzugsystem diese Ressourcen zusehends verschlingen.
Der industrielle Gefängniskomplex hat so einen Teufelskreis geschaffen,
der die Armut derer vertieft, deren Verarmung durch Gefangenschaft angeblich
gelöst wurde.
Der Schwerpunkt
der Regierungspolitik hat sich von der Sozialhilfe auf Krimina-litätskontrolle
verlagert. Der Rassismus vertieft sich immer mehr in den ökonomi-schen
und ideologischen Strukturen der US-Gesellschaft. Während sie sich gegen
die Quoten für Minderheiten und zweisprachige Schulerziehung aussprechen,
verkünden konservative Kampagnenführer das Ende des Rassismus. Ihre
Gegner behaupten, die Reste von Rassismus würden durch Dialog und Gesprächskreise
beseitigt werden. Aber den industriellen Gefängniskomplex werden Ge-sprächskreise
über Rassenbeziehungen nicht abschaffen können, da er
doch den in die tieferen Gesellschaftsstrukturen eingewoben Rassismus nährt
und von ihm lebt.
Im Kontext
eines alles überschwem-menden Konservatismus markiert die Entstehung
des industriellen Gefängniskomplexes eine neue historische Epoche, deren
Gefahren ohne Beispiel sind.
Dies gilt
allerdings auch für die Chancen dieser Epoche. Wenn man sich die eindrucksvolle
Zahl selbstorganisierter Projekte vergegenwärtigt, die weiterhin der
Expansion der Bestrafungsindustrie widerstehen, sollte es doch auch möglich
sein diese Kräfte für eine radikale, landesweit sichtbare Bewegungen
zusammenzubringen, die eine antikapitalistische Kritik an dem industriellen
Gefängniskomplex formulieren. Es sollte möglich sein, Bewegungen
für die Menschenrechte der Gefangenen zu schaffen, ebenso wie überzeugend
darzulegen, daß wir nicht neue Gefängnisse, sondern ein Gesundheitssystem,
Wohnungen, Bildung, Drogenentzugsprogramme und Arbeitsplätze brauchen.
Um eine demokratische Zukunft zu gewährleisten, ist es notwendig und
auch möglich, die vielen und immer mehr werdenden Stränge des Widerstandes
gegen den industriellen Gefängniskomplex zusammenzubringen, um eine machtvolle
Bewegung für soziale Transformation zu schaffen.
Angela
Davis, langjähriges Mitglied der KPdUSA, war Anfang der 70er Jahre angeklagt,
den Versuch, George Jackson (Black Panther) zu befreien ,unterstützt
zu haben. Auch durch eine weltweite Solidaritätskampagne endete ihr Verfahren
mit einen Freispruch. Angela Davis hat heute einen Lehrstuhl an der Universität.
Der hier leicht gekürzte Artikel erschien zuerst in dem Magazin ColorLines,
Herbst 1998
© MachWerk
1998
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