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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 3 / Februar 1999 -
Seite 10
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Gisela
Dutzi: Kulturelle Veränderungen finde ich heute zentraler
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Gisela Dutzi: Kulturelle Veränderungen
finde ich heute zentraler
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Gisela Dutzi wurde 1983
verhaftet und zu acht Jahren Haft wegen Mitgliedschaft in der RAF und Verstoß
gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verurteilt. Seit ihrer Entlassung 1991
setzt sie sich u.a. für die Freiheit von politischen Gefangenen ein.
Wieviele Gefangene aus der
RAF sind heute noch im Knast? Wieviele Jahre sind sie gefangen, was sind ihre
Haftbedingungen und wann ist frühestens mit ihrer Entlassung zu rechnen?
.
Christian (Klar) ist seit
16½ Jahren im Knast. Bei Brigitte (Mohnhaupt) sind es ebenfalls 16½
Jahre, bei Rolf (Heißler) und Rolf Clemens (Wagner) 20 Jahre, bei Eva
(Haule) 13 Jahre, bei Sieglinde (Hoffmann) 21 Jahre, bei Stefan (Wis-niewski)
22 Jahre und Birgit (Hogefeld) sind es jetzt sechs Jahre Haft. Heidi (Schultz)
hat aktuell für ein halbes Jahr Haftunterbrechung. Ihr gesundheitlicher
Zustand war derart schlecht, daß es nur noch eine Frage kurzer Zeit
war, wann ihre lebenswichtigen körperlichen Systeme, völlig zusammenbrechen.
Die Haftbedingungen sind von
Knast zu Knast unterschiedlich. Für Einzelne gibt es inzwischen einen
begrenzten Zugang zum allgemeinen Knastleben; für Brigitte, Christian
und Rolf ist es nach wie vor sehr eingeschränkt. Aber das spielt auch
nur noch bedingt eine Rolle. Zentral ist, daß alle in einem anderen
Knast voneinander isoliert sind. Was das für die Kommunikation, für
das Leben überhaupt und die Potenzierung davon über 16 oder 20 Jahre
bedeutet - das ist nur schwer zu beschreiben.
Es ist ein täglicher
Kampf, diesem Zustand überhaupt Leben abzuringen. Die Vernichtungsabsicht
ist real und materiell. Daher geht es auch kaum noch, über die einzelnen
Haftbedingungen zu sprechen und an ihrer Veränderung zu überlegen.
Auch, wenn es daran immer wieder Kämpfe gibt . Die Gefangenen müssen
raus aus dem Knast. Ohne Pathos hat diese Forderung eine Dimension von Leben
oder Tod.
Festgesetzte Entlassungstermine
gibt es nicht. Selbst bei Sieglinde (Hoffmann) ist es noch in der Schwebe.
Es gibt keine Entscheidung, ob sie nun im Frühjahr 1999 rauskommt. Auf
der juristischen Verfahrensebene gibt es bei Rolf-Clemens und Eva keinerlei
Aussicht. Bei Rolf wird ein Verfahren kommen, bei Christian wurde
auf 26 Jahre gesetzlicher Mindesthaftzeit entschieden, bei Brigitte will die
Bundesanwaltschaft 24 Jahre. Also all das ist nichts, womit zu rechnen
wäre. Vor allem deshalb nicht, weil schon jeder Tag, an dem sie drinnen
sind, ein Tag zuviel ist. Das ist die Frage, die uns beschäftigt: Wie
ist das zu verändern, wie bekommen wir sie raus?
Wieviele Gefangene sind
in den letzten Jahren entlassen worden und auf welchem Weg geschah das?
Ich habe jetzt keine Zahl im
Kopf, aber an denen, die noch in Haft sind, acht Gefangene aus der RAF, wird
deutlich, daß in den letzten Jahren einige aus dem Knast kamen.
Bei ihnen gab noch die Wirkung
der Kämpfe der vergangenen Zeit und in den letzten Jahre kleinere Mobilisierungen,
wobei die für Gabi ( Irmgard Möller ) eine der größten
in dem Zeitraum war. Es gab große Anstrengungen von einzelnen Leuten,
den Angehörigen, der Anwälte - es waren regelrechte Kraftakte, die
an die Substanz gingen, um die Gefangenen, von denen manche schon sehr krank
waren, Millimeter für Millimeter dem Staat abzuringen. Bei der Haftunterbrechung
von Helmut (Pohl) und Heidi (Schultz) wurde solange gewartet, bis sie meinten,
daß die beiden nie wider richtig auf die Beine kommen.
Die konkreten Entscheidungen
für die Freilassung Einzelner in den letzten Jahrenlief in den juristischen
Verfahren, in gerichtlichen Anhörungen, aber auch mittels
einer Begnadigung durch den Bundespräsidenten.
Die Vernichtungsabsicht, die
Rache, die Gefangenen in die Knie zwingen zu wollen, wie es von Staatsseite
kam, war ungleich größer und mächtiger als die Möglichkeiten,
die es von unserer Seite gab. Etwa unsere Vorstellung einer kollektiven Lösung
beispielsweise auf dem konkreten Weg einer Mehrfachanrechnung der Isolationshaft.
Aber es sind noch acht Gefangene drinnen und das Ziel ist, sie gemeinsam unter
würdigen und annehmbaren Bedingungen rauszukriegen. Die Wege
dafür sind dabei nicht unser Problem. Unzählige Sondergesetze wurden
in den 70er Jahren, speziell gegen die Gefangenen geschaffen. Daher kann es
umgekehrt ja auch kein Problem sein, eine gemeinsame Lösung für
die Freilassung der Gefangenen zu finden...
Gibt es eine Verbindung
unter den ehemaligen Gefangenen aus der RAF? Wie ist ihre soziale Situation?
Gibt es psychische und physische Nachwirkungen der jahrelangen Haft und Isolation?
Ja sicher, es gibt Verbindungen
unter ehemaligen Gefangenen aus der RAF. Nicht unter allen, aber die, die
es gibt sind für mich sehr tiefe Beziehungen und Freundschaften. Wir
mögen uns und teilen sehr existentielle Erfahrungen miteinander, die
eine Verbundenheit geschaffen haben. Das hält auch Widersprüche
und Krisen aus, die alle auch haben nach dem Knast und in der Suche, wie das
Leben heute für einen aussehen kann, wo der Ort ist - nicht nur im räumlichen
Sinne - welche Orte wir uns schaffen, in denen wir uns bewegen und leben können.
Die soziale Situation, die
wir nach dem Rauskommen erlebten, ist sehr schwierig.
Alle fangen alles von vorne
an, die Beziehungen, die existentiellen Probleme, Geld, Wohnung... Es ist
ein sich Zurechtzufinden in einer Welt, die sich doch sehr
verändert hat.
Klar, der Knast ist, auch wenn
wir draußen sind, nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Das sind keine
Nachwirkungen, sondern massive Auswirkungen der Folter und jahrelangen
Isolation. Bei Einigen sind die gesundheitlichen Schäden irreparabel.
Auch die psychischen Erfahrungen, die du gemacht hast, hinterlassen Wunden
oder Narben. Die Verletzlichkeit kann ungemein groß, die Sensibilität
kann aber auch gleichzeitig eine Stärke sein und Kraft geben. Der Kampf
ist eher der des eigenen Umgehens damit, das zu lernen, Bedingungen und Menschen
zu haben, die verstehen, die Beziehungen entwickeln, Liebe, Zärtlichkeit...
- alles was du so brauchst, um die extremen Hochs und Tiefs, die du nach einer
jahrelangen Aus-nahmesituation hast, aushalten zu können.
Vor sieben Jahren fand zuletzt
der Weltwirt-schaftsgipfel in Deutschland statt. Damals waren die politischen
Gefangenen, ihre Situation und Diskussion innerhalb der Gegenaktivitäten
sehr präsent. Auch Du selbst hast auf einer Veranstaltung gesprochen.
In der aktuellen Mobilisierung tauchen die politischen Gefangenen kaum auf.
Was denkst Du, sind die Gründe, warum sie insgesamt in der linken Diskussion
kaum noch eine Rolle spielen? Sind sie vergessen worden, oder haben sie selbst
ihre ehemals öffentliche Präsenz aufgeben?
Soviel ich weiß gibt
es Leute, die in dieser Mobilisierung auch die Situation der Gefangenen thematisieren
wollen. Wichtig finde ich, daß keine Ersatz- oder Scheinorientierungen
für eine Politik, die ja nirgends grade aufscheint, an die Freilassungsforderung
für die Gefangenen drangeklebt wird. Die Entscheidung sich für Freiheit
der Gefangenen einzusetzen hat ein eigenes Gewicht.
Mit dem, was 1992 in München
lief, ist es insgesamt schwer zu vergleichen.
Nicht nur da sind die Mobilisierungen
ja viel schwächer. Das ist überall so. Vor allem auch dort, wo versucht
wird zwanghaft eine linke radikale Politik und Ideologisierungen aufrechtzuerhalten.
Der institutionalisierte Charakter, den Mobilisierungen deshalb bekommen,
ist eher tödlich, als das was Belebendes und Bewegendes entsteht.
Worum geht es? Befreiung,
Leben und Freiheit. Und ich bin mir sicher, daß in der Restlinken
oder aus dem Rest linker Politik, da nicht ranzukommen ist. Nicht weil sie
zu blöde sind, es entspricht einfach nicht der Zeit, der Lage, dem Umbruch.
Kulturelle Veränderungen
finde ich heute zentraler, und aus denen auch mal wieder Impulse für
den Befreiungsprozeß kommen können. Ob das dann noch linke Politik
heißt, weiß ich nicht, oder noch besser - Veränderungen,
in denen die Aufhebung der Politik überhaupt läuft.
Das sind nur paar angerissene
Gedanken dazu, woraus ich entscheide und mir die Freiheit nehme, an diesen
Mobilisierungen teilzunehmen, daran mitzuarbeiten oder nicht. Ich gehe davon
aus, daß diese Frage des Sinns sich auch die anderen im Knast stellen.
Wobei einfach noch etwas, das oft unterschätzt wird, dazu kommt, daß
es nach Jahren der Isolation und Knast verdammt schwer ist, den sinnlichen
Bezug nach draußen zu halten, der mit etwas anderem gefüllt ist
außer leeren Worten und Briefen.
Der Widerstand gegen das Knastsystem,
dieser alltäglich laufenden Vernichtung das Leben abzuringen, braucht
total viel Kraft und zehrt an einem. Und das wird in den Jahren ja nicht weniger.
Wie schätzt du die
Lage nach dem Wechsel in Bonn ein? Sind von der rot-grünen Regierung
Veränderungen bezüglich der Gefangenenfrage zu erwarten?
Dazu fällt mir nicht mehr
viel ein - Tagespolitik und herrschende Machtverhältnisse, ob rot, grün
oder schwarz spielt da keine Rolle. Ich gehe ja auch nicht wählen, obwohl
das heute schon sehr verpönt ist. Daß die Grünen, wenn es
opportun ist, sich gerne über ein Befriedungsprojekt profilieren, wissen
wir ja. So wie die Wahlen in Hessen ausgingen, ist es für sie wahrscheinlich
nicht opportun zur Zeit. Ich weiß es nicht, ob von der Seite was kommt.
Ich will einfach nur sagen, daß ich von und aus diesem tagespo-litischen
Gerangel nichts erwarte.
Gibt es Versuche das politische
Projekt des bewaffneten Kampfes und sein vorläufiges Ende innerhalb der
ehemaligen Gefangenen zu bewerten?
Was heißt bewerten? Schlecht
oder gut, Urteil? Das ist Quatsch. Wahrscheinlich bewerten am
ehesten diejenigen, die nach uns kommen - aus der geschichtlichen Distanz.
Wir haben diese Geschichte gemacht. Sicher geht es in unseren Gesprächen
und Diskussionen auch immer wieder darum. Aber es gibt zur Zeit keinen Versuch
einer Reflexion mit allen, mit dem Ziel, das zu veröffentlichen, wenn
ihr das meint.
Nehmen ehemalige Gefangene
aus der RAF an der Berliner Konferenz teil, und wenn ja, mit welchem inhaltlichen
Schwerpunkt?
Ja, Schwerpunkt ist die Freiheit
der Gefangenen, die Beziehungen zu den Leuten aus anderen Ländern, auch
zu anderen ehemaligen Gefangenen und Frauen, der Erfahrungsaustausch,
die Bereicherung und Vergrößerung des eigenen Blickwinkels...
Menschenwürde
und politische Organisierung im Knast lautet das Thema einer der Arbeitsgruppen.
Welches Verständnis hatte die RAF von politischer Gefangenschaft? Wie
habt ihr euch organisiert und gekämpft?
Das Verständnis von politischer
Gefangenschaft war nicht statisch, es entwickelte und veränderte sich,
so wie es auch draußen und überall Veränderungen gab, die
Bedingungen andere wurden usw.
Gefangenschaft und Knast haben
wir als ein anderes Terrain verstanden, auf dem wir den Kampf fortsetzten,
den wir draußen führten. Der Gegner war derselbe und auch unser
Ziel: Befreiung. Es war auch auf diesem Terrain ein Kampf um Leben und Tod.
Einige von uns wurden im Knast umgebracht.
Auch wenn wir isoliert und
über viele Knäste verstreut waren, haben wir uns als Kollektiv verstanden,
Wir haben um unsere Kommunikation gekämpft. Dieser Kampf war in der Isolation
eine Überlebensfrage. Wir haben viele Hungerstreiks gemacht, um unsere
Zusammenlegung zu erreichen. Das waren die organisierten Kämpfe. Um unsere
Würde, Menschenwürde, ging es täglich. Die Verfügungsgewalt
im Knast, grade in der Isolation, ist ja absolut. Du hast dich und deine Würde.
Außerhalb deiner Haut bist du täglich mit feindlichem Terrain konfrontiert.
Das Ziel der Isolation ist, in dich einzudringen und dich als Subjekt zu zerstören.
Befriedung oder Befreiung
ist der programmatische Titel der Konferenz. Wie ordnest du die letzten Jahre
der radikalen Linken in Deutschland in diesem Spannungsverhältnis ein?
Na ja,
sicher mehr unter Befriedung als Befreiung. Aber diese
Herangehensweise, diese Einordnung beschäftigt mich nicht. Es läßt
sich nicht über die richtige Bewertung ändern oder über
pc-Verhalten (political correctness, Anm.), radikale Positionen
oder Haltungen. Aber die Begriffe sind auch veraltet und kommen aus einem
Politikverständnis, das nicht mehr existiert oder lebt. Befreiung ist
allerdings etwas zentrales. Ein Prozeß in dem das gefüllt oder
entwickelt wird, ist ja die Voraussetzung, um es überhaupt wieder in
politischen Kriterien umzusetzen.
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