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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 2 / Januar 1999 - Seite
9
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Peru
zwei Jahre nach der Botschaftsbesetzung / 7000 politische Gefangene
unter elenden Haftbedingungen
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Peru zwei
Jahre nach der Botschaftsbesetzung / 7000 politische Gefangene unter elenden
Haftbedingungen
Yanamayo wird Insel der Einsamkeit genannt. Es gibt
keine Straße nach Yana-mayo, weil es kein Ort ist. Yanamayo ist ein
Militärlager. Politische Gefangene werden mit dem Militärhubschrauber
hierher gebracht. In den Zellen, den neun Quadratmetern, die sich zwei Menschen
teilen müssen, gibt es keine Heizung. Yanamayo liegt über 4000 Meter
hoch in den peruanischen Anden. Im Winter ist es bis zu -15 C kalt. In den
Fenstern sind Gitter, aber keine Scheiben.
Callao liegt
am Meer, direkt vor der Hauptstadt. Eine Marinebasis, militärisches Sperrgebiet.
Im Zentrum der Basis gibt es einen Schacht, der acht Meter tief unter den
Meeresspiegel reicht. Am Boden des Schachtes befinden sich acht Zellen. An
der Decke jeder Zelle ist ein faustgroßes Loch, das bis zur Erdoberfäche
reicht. Das ist die Quelle von Luft und Licht. Hier unten werden gefangene
Anführer der Guerilla eingesperrt. Tag und Nacht, ein Jahr lang, bis
sie täglich eine halbe Stunde an die Luft dürfen und eine Bibel
zum Lesen bekommen. Dann werden sie gefragt, ob sie im Tausch für verbesserte
Haftbedingungen öffentlich den Frieden mit der Regierung erklären
würden.
Zwei Beispiele
aus der langen Reihe der 23 Hochsicherheitsgefängnisse Perus. Die Verhältnisse
dort lassen vermuten, daß es sich um Verließe aus dem letzten
Jahrhundert handelt. Aber so ist es nicht, die Baujahre - 1990 und 1993 -
sprechen eine andere Sprache. An der Erneuerung der Gefängnisarchitektur
läßt sich auch nachvollziehen, welchen Inhalt der Prozeß
hat, der ab Mitte der 80er Jahre in Peru - wie in Lateinamerika - unter dem
Stichwort: Demokratisierung in Gang gesetzt wurde.
Dort, wo
1993 das Gefängnis Callao in die Erde eingelassen wurde, stand früher
das Gefängnis El Fronton. Im Juni 1986 versuchten knapp 300 politische
Gefangene mit einem Aufstand bessere Haftbedingungen zu erkämpfen. Sie
wurden massakriert. El Fronton wurde vom Militär mit Granaten in Trümmer
geschossen, die etwa hundert überlebenden Gefangenen mit Schüssen
in Mund und Genick hingerichtet. All dies geschah unter den Augen der internationalen
Öffentlichkeit. Nur einige Kilometer weiter tagte die Sozialistische
Internationale mit ihrem Ehrenvorsitzenden Willy Brandt. Zur Erinnerung: Willy
Brandt, Deutschland 1969 -1973. Als Bundeskanzler Mentor des deutschen Antiterrorprogramms
und, wie der damalige peruanische Präsident, Sozialdemokrat. Ein knappes
Jahr nach der Barbarei von El Fronton besichtigten peruanische Experten den
Toten Trakt in Köln-Ossendorf, in dem seit 1970 Gefangene aus der RAF
isoliert wurden. Danach wurde das Grab von Callao gebaut. Nicht alles, aber
vieles gleicht sich, von der Videoüberwachung, dem Verbot von Literatur
und farbiger Kleidung bis zur akkustisch gedämmten Tür. Es gleichen
sich auch die Berichte von Angehörigen über die psychischen und
physischen Auswirkungen auf die Gefangenen mit dem, was Ulrike Meinhof vor
25 Jahren aus dem Toten Trakt an sich selbst erfuhr und beschrieb: wissenschaftlich
ausgetüftelter Reizentzug, Zerstörung sinnlicher Wahrnehmung, vollständige
Isolation.
In den 80er
Jahren forderten die stärkste Gewerkschaftsbewegung Lateinamerikas und
zwei schlagkräftige Guerillaorgani-sationen, deren Mitglieder fast sämtlich
aus der indigenen Bevölkerungsmehrheit kamen, das politische und wirtschaftliche
System Perus heraus. Das System der Privilegien einer kleinen europäischstäm-migen
Oberschicht. Ein System, das unter der Fuchtel internationaler Kreditgeber
eine Spirale massiver Verelendung in Gang gesetzt hatte, um günstige
Standortfaktoren für die Ansiedlung internationalen Kapitals zu schaffen.
Massaker wie in El Fronton waren damals keine Seltenheit. Sie waren Bestandteil
der Strategie des Militärs, das 70% des Territoriums unter Ausnahmerecht
gestellt hatte, darunter auch sämtliche Gefängnisse. Am-nesty international
publizierte 1995 die Bilanz der Verbrechen peruanischer Sicherheitskräfte
während der 80er Jahre: 18 Massaker mit insgesamt 500 Toten, über
1000 extralegale Hinrichtungen, 5000 Verschwundene in der Zeit von 1982 bis
1992.
1992 löste
der 1990 mehr oder minder frei gewählte Präsident Alberto Fujimori
das Parlament auf und setzte die Verfassung außer Kraft. In der ai-Bilanz
markiert der zivile Putsch Fujimoris einen Einschnitt: Die Zahl der Verschwundenen
ging zurück, dafür verschwanden 5000 Menschen im Rahmen der neuen
peruanischer Legalität in den Gefängnissen. Die Haft wurde, in Übereinstimmung
mit dem Prinzip der Gewaltenteilung, nun von Richtern angeordnet. Richter
ohne Gesicht - so nennt man die peruanischen Militärrichter, deren Gesichter
wie die der Scharfrichter durch Kapuzen verhüllt sind. Auch die Zahl
extralegaler Hinrichtungen ging zurück, dafür machte Fuji-mori 1993
die Todesstrafe für Terrorismus zum Gesetz. 1995 amnestierte seine Regierung
kollektiv die Polizisten und Militärs für ihre seit 1980 begangenen
Menschenrechtsverletzungen, da diese dem Schutz der Demokratie vor der Subversion
gedient hätten.
Diktatur
und Demokratie sind Begriffe, die das politische System Perus nicht ausreichend
beschreiben. Fujimori hat den Staat modernisiert. Nach wie vor gibt es bestialische
Massaker paramilitärischer Banden, nach wie vor verschwinden Menschen.
Aber diese Form der Gewalt ist mit der Amnestie für die Mörder zugleich
sanktioniert und als Strategie beendet worden. Heute ist die Gewalt juristisch
und demokratisch legitimiert. Diese Entwicklung kennzeichnet den politischen
Prozess in zahlreichen Ländern Lateinamerikas. Und Fujimoris Politik
ist, so betrachtet, die spezifisch peruanische Version des lateinamerikanischen
Demokratisierungsprozesses.
Etwa 7000
politische Gefangene gibt es nach Angaben des peruanischen Men-schenrechtsvereins
Casa Andina de Soli-daridad. Knapp tausend von ihnen sind KämpferInnen
der bewaffneten Organisationen MRTA und PCP-Sendero Lumi-noso, die übrigen
6000 politischen Gefangenen sind Gewerkschaftsaktivi-stInnen, Mitglieder von
Stadtteilinitia-tiven und Menschenrechtsvereinen. Ohne Ausnahme sind sie des
Terrorismus und Vaterlandsverrates beschuldigt. Das Regime Fujimoris hat heute
die gesamte linke Opposition Perus in den Gefängnissen konzentriert.
Die Lage
der politischen Gefangenen war lange international bekannt, ohne das dies
irgendwelche Folgen zeigte. Fünf Jahre lang lag die Eingabe des MRTA-Kommandanten
Victor Polay Campos unbearbeitet beim UNO-Menschenrechtskomitee. Daß
seine Haft in Callao vor dem Gremium überhaupt zur Sprache kam, war das
Verdienst der MRTA. Die Besetzung der japanischen Botschaft im Dezember 1996
setzte das Schicksal der Gefangenen auf die Tagesordnung. Vier Monate lang
war in den Zeitungen der Welt vom Leben und Sterben in peruanischen Gefängnissen
zu lesen. Die Botschaft wurde schließlich von Spezialeinheiten des Militärs
gestürmt. Die so befreiten Diplomaten und Militärs bestätigten,
daß die MRTA-KämpferInnen sie gemäß der Genfer Konvention
behandelt hatten. Mehrere der Geiseln bestätigten vor laufenden Fernsehkameras
auch, daß fünf entwaffnete GuerillakämpferInnen nach der Stürmung
der Botschaft durch Kopfschüsse hingerichtet worden waren. Daß
UNO und amnesty zwar ausgiebig gegen die Botschaftsbesetzung, nicht aber gegen
die extralegale Hinrichtung der MRTA-KombattantInnen protestierten, gehört
da zum Geschäft mit seiner spezifischen Doppelmoral.
Im Januar
1998 forderte das UNO-Menschenrechtskomitee von der peruanischen Regierung
schließlich die Freilassung von Victor Polay Campos. Das ist bald ein
Jahr her. Victor Polay Campos sitzt immer noch im Grab von Callao. Von einem
Richter ohne Gesicht verurteilt, von der Folter die Schulter gebrochen.
Ende November
1998 wurde Peru vor dem Menschenrechtskomitee der Organisation Amerikanischer
Staaten angeklagt. Fünf seit 1993 in Yanamayo inhaftierte ChilenInnen
hatten geklagt, weil sie wegen wegen Verrat am peruanischen Vaterland zu lebenslänglicher
Haft verurteilt sind. Alberto Fujimori hat daraufhin mitgeteilt, daß
er keinerlei Einmischung in innere Angelegenheiten akzeptieren werde und daß
Peru nach dem Ende der Haftzeit die Leichen der chilenischen Gefangenen an
ihr Heimatland überstellen wird.
In den zwei
Jahren seit der Botschaftsbesetzung hat sich die Lage der politischen Gefangenen
noch zugespitzt. Die MRTA selbst konnte nach dem Tod ihres Kommandos mit dem
durch die Botschaftsbesetzung erzeugten politischen Druck nicht politisch
arbeiten. Und ohne politischen Druck nützen Beschlüsse von UNO und
OAS-Komitees, so richtig sie auch sind, nicht viel. Internationale Solidarität,
konkrete Initiativen sind notwendig.
6.12.1998
Freiheit
für die Gefangenen der peruanischen Diktatur / Kundgebungen und internationale
Delegation
In der
ersten Ausgabe der so oder so im November kündigten wir für den
10. Dezember Aktionen vor den diplomatischen Vertretungen Perus an. Dieser
Aufruf ging auf ein internationales Treffen für die Freiheit der politischen
Gefangenen im September 1998 in Buenos Aires, Argentinien zurück. Ein
Mitglied von Casa Andina de Solidaridad, einem Solidari-tätsverein der
Angehörigen der politischen Gefangenen in Peru, berichtete dort von der
Lage in den Gefängnissen in seinem Land. Die Angehörigen selbst
mußten aufgrund der massiven Verfolgung von Solidaritäts- und Basisgruppen
ins Exil gehen. Von dort aus bemüht sich Casa Andina de Solidaridad um
internationale Öffentlichkeit und Solidarität für ihre von
der peruanischen Diktatur festgehaltenen Angehörigen. Die in Buenos Aires
anwesenden Mitglieder von Soli-daritätskomitees und Menschenrechts-organisationen
aus sieben Ländern beschlossen als erste gemeinsame Aktivität, eine
internationale Delegation nach Peru sowie Protestkundgebungen vor peruanischen
Einrichtungen zu organisieren. Libertad! und das Organisationskomitee für
die Konferenz Befriedung oder Befreiung rufen in diesem Zusammenhang
für den 10. Dezember zu Kundgebungen vor den diplomatischen Vertretungen
Perus in Berlin und Bonn auf: Freiheit für die Gefangenen der peruanischen
Diktatur!. Die Delegation wird aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten
leider erst nach der Berliner Konferenz Anfang April 1999 zustandekommen.
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