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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 2 / Januar 1999 - Seite
8
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Gefangenen-Intifada:
Palästinensische Gefangene im Hungerstreik
Die
politischen Gefangenen sind die Verratenen von Wye
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Gefangenen-Intifada:
Palästinensische Gefangene im Hungerstreik
Die politischen
Gefangenen sind die Verratenen von Wye
Am 5. Dezember
begannen 650 Gefangene im Gefängnis von Nafta einen Hungerstreik, um
gegen die Weigerung der israelischen Behörden zu protestieren, sie unter
der Vereinbarung von Wye freizulassen. Außerdem protestieren sie dagegen,
daß die Angelegenheit der Gefangenen auch in allen anderen israelisch-palästinensischen
Vereinbarungen vernachlässigt wurden. Schon nach kurzer Zeit schlossen
sich fast alle politischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen dem
Hungerstreik an.
Die Gefangenen
kritisieren die Verhand-lungsstrategie der Palästinenser, die die Gefangenen
aufteilt. Die Gefangenen aus den Gebieten von 1948, arabische politische Gefangene
und Gefangene aus Jerusalem sind nicht in die Verhandlungen einbezogen. Die
Gefangenen fordern ihre Gleichbehandlung und, daß niemand ausgeschlossen
wird. Alle politischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen sollen
freigelassen werden. Sie kündigten an, daß, wenn ihren Forderungen
nicht entsprochen wird, sie außer Nahrung auch Wasser ablehnen werden.
Diese Forderungen
wurden am 5. Dezember während einer von der palästinensischen Unterstützungsorganisation
Adda-meer abgehaltenen Pressekonferenz in Ramalah bekanntgegeben. Insbesondere
wurde den israelischen Behörden vorgeworfen, daß sie bisher fast
nur kriminelle Gefangene freiließen, um behaupten zu können, das
Abkommen von Wye einzuhalten. Israel hatte am 20. November zwar ein erstes
Kontingent von 250 palästinensischen Häftlingen auf freien Fuß
gesetzt; unter ihnen befanden sich aber nur hundert politische Gefangene,
die inhaftiert waren, weil sie z.B. gegen israelische Arbeitsgesetze verstoßen
hatten bzw. deren Strafen ohnehin bereits abgesessen waren, oder sie kurz
vor der Entlassung standen. Schon am 22. November hatten deshalb mehrere palästinensische
Gefangene einen Hungerstreik angefangen, auch solche im Gefängnis Megiddo,
die der Fatah Arafats angehören. Der israelische Ministerpräsident
ließ daraufhin erklären, man wolle keine Mitglieder von Hamas
oder Gefangene freilassen, an deren Händen Blut jüdischer
Menschen klebt. Auch nach abgesessenen 20 Jahren Knast würden sie
nicht freigelassen werden. Von den 1648 palästinensischen Todesopfern
während der Intifada spricht natürlich niemand - deren Mörder
sitzen ja nicht im Knast.
Als Hauptziel
des als irisch deklarierten Hungerstreiks nannte das Unterstüt-zungskomitee
die Forderung nach Anerkennung der Gefangenen als Kriegsgefangene. Auch von
daher müßten sie in die Vereinbarungen zwischen der israelischen
Regierung und der palästinensischen Au-tonomiebehörde einbezogen
werden.
Nach der
Pressekonferenz fand in Ramalah eine Demonstration statt, die die Freilassung
aller Gefangenen forderte. Parolen gegen die palästinensischen Unterhändler
waren lauthals zu hören.
Schon zwei
Tage nach Beginn des Hungerstreiks in Nafta beteiligten sich in israelischen
Gefängnissen 2400 palästinensische Gefangene in vier iraelischen
Gefängnissen. Der Hungerstreik steht unter dem Motto Tod oder Freiheit.
Um zu unterstreichen, wie ernst sie es meinen, verweigern die Gefangenen auch
den Ablauf des Gefängnisalltages. So lassen sie gegenwärtig auch
Besuche mit Angehörigen nicht stattfinden. Unterstützt wurden die
Gefangenen von mehreren hundert Demonstranten in zahlreichen Städten
des Westjordanlandes. Bei den palästinensischen Protestaktionen wurden
mindestens 25 Demonstranten verletzt. Nahe der Stadt Ramallah schleuderten
rund 300 Demonstranten Steine gegen israelische Soldaten. Diese feuerten mit
Hartgummigeschossen zurück. Dabei wurden 11 Demonstranten sowie ein palästinensischer
Polizist verletzt. In Bethlehem wurden 7 Palästinenser verletzt, als
israelische Soldaten versuchten, die Proteste zu beenden. Im arabischen Ostteil
Jerusalems setzten Polizisten Tränengas gegen die Demonstranten ein.
Nach Angaben der Polizei wurden dabei 7 Menschen festgenommen. In fast allen
Westbank-Städten wurden am Wochenende des 5./6. Dezember Protestcamps
vor den Rot-Kreuz-Stationen aufgeschlagen.
Die Proteste
richten sich auch immer wieder gegen die palästinensische Autono-miebehörden.
Eine Demonstration führte vor das Haus des Stellvertreters von Arafat,
Mahmoud Abbas. Der palästinensischen Verhandlungsdelegation wird Verrat
an den Gefangenen vorgeworfen. Sie hätten sich überhaupt nicht für
die Gefangenen eingesetzt. Im Abkommen von Wye sei nur die Rede von 750 Gefangenen,
die Israel freilassen muß. Tatsächlich sind aber über 3000
palästinensische Gefangene in israelischer Haft. Auch wurde zu den Verhandlungen
kein Anwalt, Menschenrechtler oder Vertreter der Gefangenen hinzugezogen.
Die Hungerstreiks
der Gefangenen und die Solidaritätsaktionen in den besetzten Gebieten
begannen knapp eine Woche vor dem Besuch von US-Präsident Clin-ton in
den palästinensischen Autonomiegebieten am 14. und 15. Dezember und vor
dem 12. Jahrestag des Beginns der Intifada am 9. Dezember. Am 8. Dezember
demonstrierten mehr als 400 Menschen in Nablus im Westjordanland wieder für
die Freilassung palästinensischer Gefangener. Sie skandierten Slogans
gegen Israel und die palästinensische Polizei. Vor dem Verteidigungsministerium
in Tel Aviv demonstrierten Mitglieder von Gush Shalom (Friedensblock) und
forderten von der israelischen Regierung die Einhaltung des Wye-Abkommens
und die Freilassung der in israelischen Gefängnissen festgehaltenen politischen
Gefangenen. Sie skandierten Parolen wie Wir haben alle Blut an den Händen
und Um des Friedens willen - Freiheit für die Gefangenen.
Am Tag zuvor
waren bei massiven Protesten im gesamten Westjordanland 40 Demonstranten verletzt
und ein Jugendlicher getötet worden.
Am Mittwoch
(9. Dezember) fand in den Autonomie- und besetzten Gebieten ein Generalstreik
statt. Die meisten palästinensischen Geschäfte schlossen und viele
palästinensische Arbeiter, die sonst täglich nach Israel fahren,
blieben zu Hause. Damit sollte an den Jahrestag des Beginns der Intifada erinnert
und die Forderungen der hungerstreikenden Gefangenen unterstützt werden.
Israelische Soldaten erschossen bei den zum Teil gewaltsamen Protesten im
Westjordanland einen Palästinenser und verletzten 70 weitere. Auch zwei
Israelis wurden verletzt. Soldaten feuerten gummiummantelte Stahlgeschosse
und zum Teil auch scharfe Munition auf die Demonstranten in Ra-mallah, die
mit Steinen warfen und Reifen in Brand steckten.
Israelische
Zeitungen berichteten, daß Tausende von israelischen Polizeioffizieren
eine Sonderausbildung in der Bekämpfung von Unruhen und Aufständen
erhalten. Erst im Mai hatte das UN-Komitee gegen Folter israelischen Sicherheitskräften
vorgeworfen, palästinensische Gefangene zu foltern. Die Häftlinge
würden geschüttelt und an Stühlen festgeschnallt. Zu den Methoden,
mit denen Gefangene zur Aussage gezwungen werden sollen, gehörten auch
Schlafentzug und das stundenlange Abspielen lauter Musik. Israelische Vertreter
in Genf stellten zu dem UN-Bericht fest, daß die kritisierten Methoden
internationale Antifoltergesetze nicht verletzen würden.
Der Widerstand
in den Gefängnissen und die Solidaritätsaktionen zwangen auch den
Chef der Autonomiebehörde, Yassir Arafat sich die Forderungen der Gefangenen
zu eigen zu machen. Arafat sagte vor seiner Fatah-Fraktion, er werde das Thema
nicht fallenlassen, die Gefangenen seien Helden der Palästinenser. Sie
verbüßen zumeist langjährige Haftstrafen wegen Angriffen auf
israelische Soldaten. »Wir werden unsere Augen eurem Schicksal nicht
verschließen.«
Auch am
Tag nach dem Jahrestag der Intifada haben israelische Soldaten bei erneuten
Zusammenstößen im West-jordanland zwei Palästinenser erschossen.
Die Soldaten seien in der Nähe der Stadt Kalkilija gegen eine Menge von
400 Palästinensern vorgegangen, die sie mit Steinen beworfen hätten,
berichteten palästinensische Augenzeugen. Sie hätten dabei mit scharfer
Munition geschossen.
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