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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 2 / Januar 1999 - Seite 3

Andrea Wolf vom türkischen Militär ermordet
„Andrea entschloß sich in Kurdistan zu kämpfen, denn sie wußte, daß man dort siegen muß, wo verloren wird“

[ Inhalt Nr. 2.]

 

Kurdische FahneAndrea Wolf vom türkischen Militär ermordet

„Andrea entschloß sich in Kurdistan zu kämpfen, denn sie wußte, daß man dort siegen muß, wo verloren wird“

Andrea Wolf wurde am 22. Oktober 1998 vom türkischen Militärs nach ihrer Gefangennahme während eines Gefechts bei Van/Kurdistan erschossen. Andrea war verwundet - und wurde hingerichtet nachdem sie die Kooperation mit den Militärs abgelehnt hat. Mit ihr wurden weitere Angehörige der kurdischen Befreiungsarmee festgenommen und ermordet. Während und nach dem Gefecht starben mehr als 30 Genossinnen und Genossen.

Andrea hatte sich der kurdischen Befreiungsbewegung angeschlossen und kämpfte in einer Fraueneinheit.

Andrea war Gründungsmitglied von Libertad! Sie hatte großen Anteil am Entstehen unserer Initiative: während des Weltwirtschaftsgipfels 1992 in München arbeitete sie mit uns im Forum I des Gegenkongresses, moderierte die große Abendveranstaltung und setzte sich in den Diskussionen mit den Genossinnen und Genossen aus aller Welt für die internationale Zusammenarbeit ein. Die Sache der politischen Gefangenen, in diesem Land und weltweit, war immer auch ihre Sache.

Andrea wuchs in München auf und hatte sich dort sehr früh engagiert. Mit anderen gründete sie Anfang der 80er Jahre die Gruppierung „Freizeit 81“, deren Ziel die Verschmelzung von Kampf, Kunst, Punk und Politik war. Wegen mehrerer Steinwürfe und Brandanschläge wurde sie mit 16 Jahren das erste Mal zusammen mit anderen ihrer Gruppe verhaftet. Andrea war sechs Monate in Untersuchungshaft in Aichach. Ihre Mutter durfte sie und ihren ebenfalls verhafteten Bruder nicht besuchen. Der älteste ihrer Gruppe wurde zu 2 1/2 Jahren verurteilt. Später engagierte sich Andrea beim Aufbau des Infoladen in München, im süddeutschen Autonomenplenum und in der Kampagne gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf.

1986 ging Andrea nach Frankfurt am Main und Offenbach. Dort beteiligte sie sich an Frauengruppen und Hausbesetzungen. 1987 wurde sie erneut verhaftet und für drei Monate in das Frauengefängnis Preungesheim gesteckt. Ein Spitzel des Verfassungsschutzes beschuldigte sie, einen Anschlag auf das offen-bacher Amtsgericht geplant zu haben. Nachdem der Spitzel wegen offensichtlicher Lügen unglaubwürdig wurde, mußte sie entlassen werden. Während dieser Monate im Knast war es für Andrea selbstverständlich, daß sie mit anderen politischen Gefangenen zusammenkommen wollte. Die Distanz vieler Genossinnen und Genossen aus der autonomen Bewegung zu den Gefangenen aus der Guerilla, insbesondere zu denen aus der RAF, war nicht ihr Problem.

In den anschließenden Jahren organisierte sich Andrea im antiimperialistischen Widerstand und beteiligte sich an der Gruppe „Kein Friede“. Nachdem 1993 in Bad Kleinen durch den Verrat eines Verfas-sungschutzagenten Wolfgang Grams erschossen und Birgit Hogefeld verhaftet wurde, schoß sich der Staatsschutz erneut auf sie ein. Da sie das Motorrad des Spitzels übernahm, gab es einen Ansatzpunkt, den das BKA auch mit Akribie zur Anklage bringen wollte. Behauptet wurde eine Beteiligung an der RAF-Aktion gegen den Knast in Weiterstadt, weil am Motorrad chemischen Spuren gefunden wurde, die das BKA zu Sprengstoffspuren aufbauschte. Tatsächlich ging es dem BKA darum, über dieses Verfahren einen Weg zu finden, das Wissen des Verfas-sungsspitzels aus 10 Jahren irgendwie juristisch verwertbar zu kriegen. Andrea wurde darin benutzt. Das BKA wußte die ganze Zeit, daß sie sich in den Monaten vor und nach der weiterstädter Aktion in Mittelamerika aufhielt. Dort trat sie zum Beispiel beim Kongreß des Jugendverbandes der FPL, einer Mitgliedsorga-nisation der FMLN in El Salvador auf. Andrea führte dort die 1992 in München beim Weltwirtschaftsgipfel begonnene Diskussion fort.

Nach mehreren Hausdurchsuchungen und einem angesetzten Verhörtermin bei der Bundesanwaltschaft entschloß sich Andrea, sich abzusetzen. Von dort aus ging sie später nach Kurdistan, um dort zu lernen und gemeinsam zu kämpfen. Dort wurde sie bei einem Gefecht zwischen kurdischen Guerillas und türkischen Militärs entwaffnet und als Gefangene erschossen.

Zur Aufklärung der Todesumstände von Andrea Wolf und ihrer Mitkämpfer/innen wurde eine internationale unabhängige Untersuchungskommis-sion ins Leben gerufen.

Sie soll aufklären, was am 22.10.1998 in Keles/Kurdistan genau geschehen ist. Sie soll die Öffentlichkeit darüber unterrichten, welche völkerrechtlichen, strafrechtlichen und politischen Konsequenzen aus den Untersuchungsergebnissen zu ziehen sind.

Von zentraler Bedeutung bei dieser Untersuchung ist: Die Ermordung von Andrea Wolf ist kein Einzelfall. Die Kommission soll mit ihrer Arbeit und ihren Initiativen dazu beitragen, die Einhaltung der Genfer Konvention und des internationalen Völkerrechts durchzusetzen, sowie eine lückenlose Aufklärung und Bestrafung von Kriegsverbrechen zu ermöglichen.

Die Ermordung von Andrea Wolf wurde durch die Europavertretung der kurdischen Befreiungsbewegung bekannt gemacht. Die kurdische Bewegung würdigte Ronahi, wie sich Andrea in den kurdischen Bergen nannte, als Internationa-listin und Genossin. In der kurdischen Zeitung „Özgür Politika“ wurde viele Berichte und Kommentare veröffentlicht.

Demgegenüber sind die deutschen Medien nach kurzer spektakulärer Aufmachung wieder zur Tagesordnung übergegangen. Damit entsprachen sie der Lesart der Bundesregierung. In den ersten Tagen nach Bekanntwerden des Todes von Andrea Wolf war noch die Rede von zahlreichen Anfragen an die türkische Regierung. Auch wurde der türkische Botschafter ins Außenamt bestellt. Aber schon nach wenigen Tagen begnügte sich das Außenministerium mit der Äußerung der türkischen Regierung, daß ihr von der Gefangenennahme und Exekution einer deutschen Staatsbürgerin im Zusammenhang mit Militäraktionen gegen die kurdische Guerilla nichts bekannt sei. Die Äußerung eines Pressesprechers spricht Bände: Es sei für deutsche Behörden zwar nicht nachprüfbar, man gehe aber davon aus, daß die Erklärung der türkischen Regierung zu dieser Angelegenheit der Wahrheit entspricht.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:19
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