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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 2 / Januar 1999 - Seite
11
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Übergang
zur Demokratie: Straffreiheit und politische Gefangenschaft in Chile
Pedro
Rosas A., Politischer Gefangener - Hochsicherheitsgefängnis,
Santiago - Chile
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Übergang
zur Demokratie: Straffreiheit und politische Gefangenschaft in Chile
Pedro
Rosas A., Politischer Gefangener - Hochsicherheitsgefängnis, Santiago
- Chile
Nach fast
zehn Jahren der formellen Demokratie in Chile scheint es ein Allgemeinplatz
zu sein, sich über ihre betrügerische und willenlose (Seins-)Form,
deren Konzept das gesamte aktuelle Chile betrifft, zu unterhalten. In Anbetracht
der gegenwärtigen Bedingungen, scheint es jedoch eine notwendige Übung.
In der jüngsten
Vergangenheit strebten viele von uns nach vielfältigen Zukunftsprojekten,
die einerseits einer der blutigsten Diktaturen ein Ende bereiten würden
und andererseits dem Aufbau einer Gesellschaft anstrebten, die nicht nur die
dringenden Bedürfnisse ökonomischer politisch-partizipatorischer
Natur befriedigte, sondern auch einen sozialen Raum eröffneten, in dem
sowohl die individuellen als auch die kollektiven Bestrebungen eine reelle
Chancen auf Verwirklichung im Rahmen der Solidarität und der sozialen
Gerechtigkeit hätten. Diese war die Diskussionslinie, die von einem starken
persönlichen Zeugnis, die gesamten am Wechsel engagierten Sektoren durchzog.
Die zwischen
einem Teil der Opposition und der Diktatur ausgehandelte Transi-tion ( Übergang
zur Demokratie, d. Übers.) garantierte in der Praxis die Effizienz und
Kontinuität des Systems und schrieb die Mechanismen für dessen Entwicklung
fest. Der Ende der 80er Jahre aufgekommene Wunsch nach sozialer und politischer
Partizipation wurde rasch durch eine bloße Partizipation an Wahlen kooptiert.
Währenddessen wurden die Lebensentwürfe auf die marktvermittelte
Bedürfnisbefriedigung hin orientiert. Es wurde eine Konsumlogik eingeführt,
die selbst die persönlichen Beziehungen bestimmt. Die Entwicklung von
Erfolgserwartungen, die durch die Werbemaschinerie und durch das falsche Bild
eines aufstrebenden Landes stimuliert wurden, hat mit zwei Hindernissen zu
kämpfen: der politischen Realität und der Virtualität des demokratischen
Prozesses. Die als aufstrebend und in ihren Aussichten als solide präsentierte
Wirtschaft konnte genau in dem Moment in dem das Licht der internationalen
Börsenkrise auf sie fiel, ihren wahren Charakter der Abhängigkeit
und Zerbrechlichkeit nicht verbergen.
Die politische
Krise und die enttäuschten Erwartungen breiter Teile der Bevölkerung
zeigt sich absolut deutlich: in der geringen Wahlbeteiligung (insg. 40% der
Bevölkerung wählten 1997 ungültig, gar nicht, bzw. ließen
sich nicht in die Wahlregister eintragen - und das bei Wahlpflicht; d.Übers.)
und in dem Mißtrauen, daß die sogenannte politische Klasse Chiles
ein Interesse daran habe, Antworten auf die Erwartungen der Bevölkerung
zu finden - vielleicht ist letzteres aber auch jenseits ihrer Möglichkeiten.
Die Überlegenheit der Vormundschaft der Militärs und der Rechten,
die Unterordnung der Regierung unter die nationale Unternehmerschaft und die
Politik der internationalen Finanzorganisationen, zusätzlich zur ständigen
Unterdrückung der unbezahlten Bevölkerung, die eine Lösung
ihrer Probleme fordern, der Kontinuität der historischen Arbeitslosigkeitszahlen,
die zyklischen Krisen in sensibelen Bereichen wie Gesundheit, Bildung und
Wohnung legen von der Vertiefung der sozialen Ungleichheiten Rechnung ab.
Die Folge
der Anwendung des von der Diktatur vermachten, politischen und ökonomischen
Modells trägt die Hoffnung in sich, daß die Rechte durch einen
Prozeß des Vergessens, die formale politische Macht zurückgewinnt.
Es ist die unverborgene Straflosigkeit, die heute von der ganzen Welt - mit
Ausnahme Chiles - ethisch oder moralisch in Frage gestellt wird.
Die nationale
Souveränität hat nichts mit dem gerechten Anliegen eines jeden menschlichen
Wesens zu tun, Bestrafung für diejenigen zu fordern, die den Staatsapparat
und Waffengewalt dazu benutzt haben, um ihre wirren Verbrechen zu begehen.
Die Menschheit
kennt keine Grenzen
Die Folgen
der Unterordnung unter die Rechte samt dessen militärischer Macht sind
die Herrschaft eine Polizeistaates, der in den Polizeikerkern foltert und
mordet, der an der Perfektionierung der Unterdrückung der sozialen Bewegungen
arbeitet, der Naturressourcen verschwendet und nicht zaudert, die originären
Völker von den Ländereien ihrer Vorfahren zu vertreiben und einzusperren,
um die Bedürfnisse transnationaler Konzerne zu befriedigen, die Überausbeutung
und die absolute Abwertung der Bedürfnisse derer, die auf Kosten ihres
Lebens tagtäglich die Reichtümer produzieren.
Nach nunmehr
fast zehn Jahren des Übergangs zur Demokratie in Chile ist einmal mehr
deutlich, daß der einzige Übergang der stattgefunden hat, der Übergang
von einer blutigen Diktatur zu einer perfekten und erneuerten Diktatur, die
gemäß der Übereinkünfte Demokratie genannt wird, ist.
Ein Land und eine Demokratie, wo die Exekutivgewalt bei dem Sprecher der Unternehmerschaft
und bei der Weltbank liegt, wo die legislative Gewalt Gesetze für eine
privelegierte Minderheit erläßt und wo die judikative Gewalt aus
einem Amnestiegesetz für Folterer und Mörder schöpft und sich
darin erschöpft, wo eine Unzahl von Mitgliedern der Streitkräfte
als Verantwortliche für Menschenrechtsverbrechen identifiziert wurde
und dennoch straffrei bleibt, wo ein Luxus-Knast für weniger als zwanzig
Personen, die mehr als dreitausend Menschen ermordet haben existiert, dort
ist der Rechtsstaat nur eine obszöne, virtuelle Realität.
In diesem
postmodernen, diskursiven und virtuellen Land wird jetzt Menschlichkeit gefordert.
Jene Gerechtigkeit, die nicht gefordert wurde, um die Folterungen und den
Tod von den 3193 im Rettig-Bericht benannten Personen zu verhindern, wird
heute für Pinochet eingefordert. Jenseits der Personifizierung der Figur
des Senators auf Lebenszeit wird versucht, über die geforderte Menschlichkeit
gegenüber Pinochet und das Verhalten, das Präsident Frei und seine
Regierung fordern, die Stabilität und Kontinuität des Systems zu
garantieren. Ein System, das auf den Körpern und den Träumen eines
Volkes, das mit seinem Blut den Sieg einer Klasse, die den Diktator als ihr
Enblem führt, bezahlt hat, errichtet wurde.
Die opportunistische
Argumentation der Regierung erschöpft sich weder in den unwahrscheinlichen
Appellen an die Menschlichkeit noch in der mißglückten List den
Diktator als diplomatischen Gesandten auszuweisen und, folglich, der Straflosigkeit
für würdig zu befinden. Die Regierung der Concertación hat
Staatsgründe angeführt, um seine Verurteilung zu verhindern. Dabei
wurde an die Zerbrechlichkeit der Transition und die nationale Souveränität
appelliert. Die internationalen Verträge über Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, die bei den Nürnberger Prozessen unterzeichnet wurden,
die vier Genfer Konventionen von 1949, die Konvention gegen die Folter von
1984 und der Pakt von New York von 1966, wie auch die Erklärung der Vereinten
Nationen von 1922 über das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen
wurden dabei übergangen.
Sich auf
die nationale Souveränität zu berufen, um das Schaffen von Gerechtigkeit
bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern, ist im Kontext des
internationalen Rechtes ein ungeheuer großer politscher Fehler, der
auf Kosten des internationalen Ansehens der Regierung geht. Ein Ansehen, das
durch die regierungstreuen Technokraten mühsam aufgebaut wurde. Jenseits
von dem, was letzlich das Schicksal des Diktators sein wird, ist der Maskerade,
die die reale Situation, die in diesem Land hinter dem trügerischen Diskurs
der Concertacion vor den Augen der Welt verborgen hat, ein Ende gesetzt worden.
Dieselbe
Regierung hält in ihren Gefängnissen hunderte von politischen Gefangenen,
Männer und Frauen fest. Sie sind für Jahrzehnte verurteilt worden,
und in einigen Fällen - hunderten - mußten sie ewige Prozesse über
sich ergehen lassen, ohne Recht auf Begnadigung, ohne angemessene juristische
Verteidigung, mit Isolationshaft und extremer Härte gegen sie und ihre
Familien, ohne das Recht auf angemessene medizinische Versorgung, wie bei
Marcela Rodríguez und María Cristina San Juan. Für sie
gibt es keine Menschlichkeit.
Menschlichkeit
gibt es auch nicht für ein Volk, das für seine legitimen Rechte
und seine Souveränität kämpft. In diesem Land und dieser Demokratie
sind die Souveränität und die Menschlichkeit dazu bestimmt, den
Interessen der Macht zu dienen. Das Trugbild der Transition, die Straflosigkeit,
die bewußte Aufrechterhaltung eines Staates mit permanenter Paranoia,
die Überausbeutung, der Ausschluß und die Marginalität machen
aus dem Kampf zur Eroberung der ökonomischen und sozialen Rechte eine,
aus den Augen der Macht verbannte Utopie. Gezielt wird auf die Spaltung und
Isolierung der sozialen Akteure.
Die Regierung
strebt eine Vermittlung an, die den sozialen Pakt stabilisiert und diesen,
unter einer totalen Kontrolle, zur Unzufriedenheit und Enttäuschung der
Mehrheit wiederherstellen möge. Die politische Ausrichtung strebt jedoch
weder die Lösung der ökonomischen noch der politischen Krise an,
was die Infragestellung der eigenen Genese und Pers-pektiven implizieren würde.
Im Gegensatz dazu kann beobachtet werden, daß der taktische Beschluß
dieser Periode darin besteht, die politische Wiederherstellung des sozialen
Netzes zu verhindern, was sich in der populären Ablehnung der Straflosigkeit
gesehen werden kann. Im populären Raum und in den fortschrittlichen Sektoren,
kann ein symbolischer Wiederaufbau einer Identität beobachtet werden,
deren Wesen Projektcharakter hat. Dieser Raum, der das Politische übersteigt,
stellt die moralische Reserve, als Tatsache und Voraussetzung einer Zukunft,
die sich mit einer historischen Erinnerung, die heute anwesend und konstruktiv
ist, artikuliert. Die Regierung ist sich der Dringlichkeit der Lösung
dieser doppelten Strukturkrise wohl bewußt und drückt und verweigert
deren Lösung, auch indem sie die sozialen und politischen Akteure unterdrückt.
Die pharisäische Moral der christdemokratischen Regierung drückt
sich im Erhalt der Hochsicherheitsgefängnisse als Ausdruck ihrer Kontrolle
und Hegemonie. Ihr Ziel ist es, über die konkrete Bestrafung von Aufständen
hinaus, ein demonstratives Zeichen seiner disziplinarischen Konzeption von
Modernität zu setzen.
10 Jahre
im politischen Gefängnis der Demokratie und 5 Jahre Hochsicherheitsgefängnis,
Hunderte von politischen Gefangenen, die unter den Bedingungen der Bestrafung
und Isolation lebn stehen im radikalen Widerspruch zu dem offiziellen Humanismus,
der den Völkermördern entgegen gebracht wird.
In diesem
Sinne ist die Forderung nach bedingungsloser Freiheit für alle politischen
Gefangenen in Chile ein Akt völliger historischer und moralischer Gerechtigkeit.
Pedro Rosas
Aravena, November 1998
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