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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 2 / Januar 1999 - Seite
10
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Ablauf
und Hintergründe der internationalistischen Operatión
Carmelo
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Ablauf
und Hintergründe der internationalistischen Operatión Carmelo
Die Gefangenen
sind im Frauen- und Männertrakt des Gefängnisses Carandiru in Sao
Paulo, Brasilien, inhaftiert. 1989 hatten sie gemeinsam den Unternehmer Abilio
Diniz, Vizepräsident der Handelsgruppe Pan de Azucar (Zuckerbrot),
der größten Supermarktkette Brasiliens, entführt.
Sie kommen
aus vier verschiedenen Ländern - und ihr Ziel war mit einer Löse-gelderpressung
die salvadoreanische Revolution zu unterstützen. Fünf von ihnen
sind ChilenInnen: Maria Emilia Marchi, Ingenieurin; Héctor Tapia, Mechaniker;
Ulises Gallardo, Soziologe; Pedro Lem-bach, Lehrer; und Sergio Olivares, Elektrotechniker.
Zwei kommen aus Argentinien, die Brüder Humberto und Horacio Paz; zwei
aus Kanada, David Spencer und Christine Lamont; und Raimundo Freire ist der
einzige Brasilianer.
Kurz nach
acht Uhr morgens, am 11. Dezember 1989, wurde der weiße Mercedes Benz
des Unternehmers Abilio Diniz in einem luxuriösen Wohnviertel Sao Paulos
in einen Hinterhalt gelockt. Nach Monaten der Planung funktionierte die Operation
präzise wie ein Uhrwerk. In weniger als drei Minuten wurde Diniz, der
allein im Wagen fuhr, aus dem Auto geholt und in ein als Krankenwagen getarntes
Fahrzeug verfrachtet. Später gab es einen weiteren Fahrzeugwechsel und
Diniz wurde zu einem Versteck gebracht. Die Operatión Carmelo
war angelaufen.
So präzise
die Aktion auch begann, sie endete durch schwerste Fehler. Die Polizei Sao
Paulos fand das während der Entführung benutzte Fahrzeug und auf
dessen Rücksitz eine vergessene Inspektionskarte. Auf ihr stand eine
Telefonnummer. Das war der erste Schritt. Die Polizei ermittelte die zum Telefon
gehörende Wohnung und stellte eine Falle.
Ulises Gallardo
kehrte zur Wohnung zurück und wurde geschnappt. Dabei hatte er Wasser-
und Stromrechnungen einer anderen Wohnung. In dieser Wohnung warteten Pedro
Lembach und Sergio Olivares auf ihn und Maria Emilia Marchi und Humberto Paz
kamen vorbei, um die Operation zu analysieren. Alle wurden verhaftet und brutal
gefoltert. Vor dem vollständigen Fiasko entschied der Chef der Operation,
Humberto Paz, das Versteck in dem Diniz gefangen gehalten wurde, preis zu
geben.
Wir
waren schon gescheitert und mußten ein Blutbad vermeiden, erinnert
er sich. Es war der 15. Dezember 1989. Um sechs Uhr morgens umstellte die
Polizei das Versteck. Fünf Personen, unter ihnen der Chilene Héctor
Tapia, bewachten Diniz. Stundenlange Verhandlungen unter Vermittlung von Kardinal
Paulo Evaristo Arnz folgten. Die Guerilleros ergaben sich erst, nachdem sie
ihre bereits gefangenen Companeros sehen konnten, um sicher zu sein, daß
ihnen nichts passiert ist. Um 16.20 Uhr am Sonntag, dem 17. Dezember war alles
vorbei. Abilio Diniz blieb unverletzt. Nach einigen Tagen ging er wieder seinen
Geschäften nach. Für die Gefangenen begannen Jahre brutalster Haftbedingungen.
Die Operación
Carmelo war ein Jahr zuvor in Managua/Nicaragua verabredet worden. Es
sollten Mittel für die letzte militärische Großoffensive der
salvadorianischen Befreiungsbewegung gegen die von den USA unterstütze
rechte Regierung El Salvadors beschafft werden. Die Fuerzas Populares de Liberación
(FPL) erhielten dazu Unterstützung von der chilenischen MIR. Im Laufe
des Jahres 88 wurden die Teams zusammengestellt, die durch den Argentinier
Hum-berto Paz geleitet wurden. Die Salvadorianer führten die zwei Kanadier
und den Brasilianer Raimundo Freire an, die beide in Zentralamerika gelebt
hatten. Im Mai 1989 kam es zu einem Rückschritt in der Planung, als aufgrund
eines Wasserrohrbruchs ein unterirdischer Raum, der als Versteck genutzt werden
sollte, umgebaut werden mußte. Die Entführung mußte auf November
oder Dezember verschoben werden. Zu diesem Zeitpunkt war der brasilianische
Präsi-dentschaftswahlkampf auf seinem Höhepunkt, aber niemand kümmerte
sich darum.
Erst 1996
bekannten sich Führungsmitglieder des MIR-renevado dazu, die Aktion in
Brasilien gemeinsam mit der FPL verabredet zu haben. Nach dem Scheitern der
Aktion hatte sich der MIR in Schweigen gehüllt, um sein Image zu schützen,
um einen legalen Platz im post-diktatorialen Chile suchte. Außerdem,
so sagten die ehemaligen Leiter des MIR, wollten sie ihre salvadorianischen
Verbündeten nicht beschuldigen, die noch widerwilliger ihren Anteil an
der Verantwortung für die Planung der Entführung und das Unglück
der zehn in Brasilien verhafteten Mitglieder anerkennen wollten.
Der Prozeß
Der Prozeß
fand in einem feindseeligen Klima statt. Die Rechte wollte ein Exempel statuieren
und versuchte die Entführung mit dem Wahlkampf des linken Kandidaten
der Arbeiterpartei (PT), Luis Inácio Lula da Silva in Verbindung
zu bringen. Das führte so weit, daß die ersten Verhafteten der
Presse mit T-Shirts der PT vorgeführt wurden. Die Staatsanwaltschaft
forderte die Höchststrafe, die pauschal und undifferenziert angewendet
werden sollte, die Verteidigung wollte die Feststellung der Entführung
als politisches Delikt, was es in der brasilianischen Gesetzgebung gibt. Dann
wäre der Prozeß vor das Bundesgericht gekommen und es wären
geringere Strafen verhängt worden. Richter Caldeira Barioni verhängte
acht Jahre teiloffene Haftstrafe für Christine Lamont, Maria Emilia Marchi,
Héctor, Sergio, Pedro und Ulises; zehn Jahre Haft für David Spencer,
12 Jahre für Horacio und Raimundo und 15 Jahre Haftstrafe für Humberto
Paz. Das Berufungsgericht, wegen des Konservatismus seiner Mitglieder als
Gaskammer bekannt, verschärfte das Urteil: es verurteilte
Maria Emilia, Sergio, Ulises und Pedro zu 26 Jahren Gefängnis; und Humberto,
Horacio, Raimundo, Christine, David und Hector zu 28 Jahren Gefängnis.
Das waren die höchsten Strafen, die in Brasilien je wegen Entführung
ausgesprochen wurden, bei dem die entführte Person körperlich nicht
mißhandelt wurde.
Während
der Berufung wurde den Aussagen der Antiterrortruppe der Polizei besondere
Aufmerksamkeit gegeben - der gleichen Gruppe, die die Verhafteten folterten.
Der ultrarechte Abgeordnete Wal-domiro Bueno Filho von der Antiterroreinheit
verteidigt die Folter als absolut legale Notwendigkeit. Er erläutert:
Es ging um ihr Leben oder um das von Abilio Diniz. Er behauptet,
daß die Vereinte Zentrale der Arbeiter Brasiliens der bewaffnete
Arm der PT , daß Lula ein prosowjetischer Trotzkist, und daß
der chilenische MIR in Wirklichkeit eine uruguayische Organisation gewesen
sei. Er behauptet weiterhin, daß es keine politischen Motive gegeben
habe, sondern lediglich Gründe der persönlichen Bereicherung. Nicht
nur dieser eine Abgeordnete bezog in dieser Weise Stellung. Es wird behauptet,
daß das Gericht vom späteren Gouverneur von Sao Paulo, Antonio
Fleury Filho beeinflußt wurde, der Sekretär für öffentliche
Sicherheit war, als die Aktion lief. Pedro Lembach sagte aus, daß er
Fleury über das Gelände schlendern sah, als er gefoltert wurde.
Der Unternehmer
Diniz unterstützte nach seiner Freilassung den Wahlkampf von Antonio
Fleury zum Gouverneur, und dankte ihm dafür, daß er ihm das
Leben gerettet habe.
Haftbedingungen
Laut brasilianischem
Gesetz haben alle Gefangenen mit guter Führung nach einem
Sechstel ihrer Strafe, das Recht auf eine teiloffene Haftstrafe. Sie können
während des Tages arbeiten, kommen zum Schlafen zurück ins Gefängnis
und haben alle drei Monate fünf Tage Ausgang. Die Gefangenen von Carandiru
haben ein Drittel ihrer Haftstrafe abgesessen. Sie müßten seit
Jahren im teiloffenen Vollzug sein. Das Gericht hat ihnen dieses Recht jedoch
verweigert - wegen Fluchtgefahr der Gefangenen. Die Verweigerung
läßt sich damit erklären, daß es im brasilianischen
Strafvoll-zugssystem obligatorisch ist, nach 2 Jahren teiloffenem Vollzug
zu arbeiten, da die Gefangenen jedoch Ausländer sind und keine Arbeitserlaubnis
haben, müßten sie aus Brasilien ausgewiesen werden.
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