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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr.1/November 1998 - Seite
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"Wir
wollten die Militärs daran hindern, die Panzer auf die Straße
zu bringen"
Interview mit Cynthia Castro
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Politische
Gefangene nach der Diktatur: Wir wollten die Militärs daran hindern,
die Panzer auf die Straße zu bringen
Interview
mit Cynthia Castro
Cynthia
Castro wurde wegen Beteiligung an der Besetzung der Kaserne in La Tablada
1989 verhaftet. Vor zwei Jahren wurde sie mit Auflagen (Libertad condi-cional)
entlassen. Die Tablada-Aktion endete im Massaker. 3.000 Militärs gegen
50 Aufständische, die sich über 20 Stunden wehrten. Die Besetzer/innen
hatten es nicht geschafft die Kaserne vollständig einzunehmen. Ein Turm
fehlte und von dort ging das Feuer gegen sie los. Die Überlebenden der
Aktion verteidigten sich so lange es ging und gaben erst auf, als viel Presse
anwesend war. Das war ihre einzigste Chance, sonst wären sie auch umgebracht
worden.
Nicht
nur in Argentinien löste die Besetzung und das folgende Massaker Verwirrung
und Entsetzen aus. Welche politische Gruppierung war für diese Aktion
verantwortlich? Spekulationen kursierten: es handele sich um eine Geheim-dienstfinte,
um durch den Hinweis auf einen drohenden Militärputsch die Aktivisten/innen
ins offene Messer zu schicken. Klar solidarisch verhielten sich von Anfang
an die Tupamaros aus Uruguay, während auch später noch in Argentinien
selbst die Gefangenen politisch und gesellschaftlich eher isoliert waren.
Unterstützt werden sie vor allem von der comi-sion Argentina por
la Libertad de los presos politicos.
Nachwievor
gibt es politisch unterschiedliche Einschätzungen zu der Aktion. Während
die Gefangenen davon überzeugt sind, daß sie einen Militärputsch
verhinderten, bezweifeln dies andere. Sie stellen in Frage, daß die
Militärs überhaupt einen Putsch planten und nicht nur damit drohten.
Hatten sie doch zu diesem Zeitpunkt 1989 alles erreicht. Alle waren mit dem
Schlußpunktgesetzamnestiert, der Druck auf Alfonsin reichte
für sichere Plätzchen. Sie waren nach wie vor ein Machtfaktor.
Die
andere Diskussion betrifft die Erwartung, daß die Aktion eine politische
Bewegung mobilisiert. In ihrer Begründung aus der Geschichte der Diktatur
liegen gleichzeitig auch die Gründe, warum die Aktion in der Gesellschaft
und auch bei vielen Linken erstmal auf Ablehnung, Skepsis oder Angst stieß.
Von daher hat sie ihr politisches Ziel, Signal auch an die Gesellschaft zu
sein, aufzustehen und zu kämpfen, nicht erreicht. Klar gemacht hat sie,
daß die Reaktion mit Methoden wie in Diktaturzeiten agiert. Bereits
Wehrlose wurden erschossen und die Toten verschwanden.
Es
gibt in Argentinien außer den Gefangenen der MTP seit kurzem noch fünf
politische Gefangene, die angeklagt sind, einer illegalen Organisation anzugehören.
Zwei von ihnen wird ein Attentat auf einen Folterarzt, der verletzt wurde,
vorgeworfen.
Das
folgende Interview mit Cynthia Castro wurde während der Konferenz für
die Freiheit von politischen Gefangenen in Buenos Aires aufgenommen.
Wieviel
Jahre warst du im Knast?
Ich wurde
zu elf Jahren verurteilt wegen der Teilnahme an dem, was als die Ereignisse
von La Tablada bekannt wurden. Letztendlich habe ich sieben Jahre und vier
Monate davon abgesessen. La Tablada ist eine Stadt in der Provinz Buenos Aires,
es gibt dort eine Kaserne des dritten Infanterie-Regiments.
In der
BRD ist wenig bekannt, was die Ereignisse von La Tablada sind
und welche Ziele damit verfolgt wurden, kannst du dazu etwas sagen?
Warum wir
diese Aktion gemacht haben? Argentinien hatte eine Geschichte, die durch die
Kultur des Putsches geprägt war: seit 1930 konnte keine verfassungsmäßige
Regierung ihre Amtszeit regulär beenden. Während der Diktatur von
1976 bis 1983 gab es 30.000 Verschwundene, hunderttausende Exilierte und 18.000
politische Gefangene. Als 1983 wieder eine demokratische Periode begann, verhinderten
die Militärs durch eine Reihe von Erhebungen, daß sie wegen der
Menschenrechtsverletzungen vor Gericht gestellt werden. In unseren Augen machte
die Demokratie damals einen Kniefall.
Wen meinst
Du mit uns?
Movimiento
Todo Por la Patria1 (MTP)1 - die Organisation, zu der ich gehöre. Wir
sagten, daß die Demokratie von Gewehrläufen gesteuert wurde. Wir
bekamen die Informationen, daß in der Kaserne von La Tablada ein Putsch
geplant wurde und entschieden, dorthin zu gehen.
Wie hattet
ihr die Besetzung geplant, was waren eure Ziele?
Wir wollten
die Militärs daran hindern, die Panzer auf die Straße zu bringen.
Wir wußten, daß sie putschen wollten. Es hatte bereits vier Putschversuche
gegeben; bei dem letzten gab es drei Tote und sehr viele Verletzte, weil die
Leute sich den Soldaten entgegenstellten und protestierten. Danach hatten
wir entschieden, daß es notwendig ist, der Übermacht des Militärs
einen Riegel vorzuschieben.
Was passierte
in der Kaserne?
Es
war furchtbar. Viele Genossen wurden zunächst lebend verhaftet. Später
fand man einige ihrer Leichen, andere sind verschwunden. Uns fehlen acht Genossen.
Außer ihnen gibt es fünf nicht identifizierbare Leichen, weil sie
uns von Flugzeugen aus mit weißem Phosphor bombardierten. Ihre Körper
waren vollständig zerstört. Sie haben sie irgendwo vergraben ohne
uns den Ort mitzuteilen. Mein Mann wurde lebend festgenommen, er ist verschwunden.
Am 23. Januar 1999 sitzen unsere Genossen zehn Jahre im Knast. Die Männer
im Knast von Caceres bei Buenos Aires, ein Knast ohne Sonne. Sie sind im 18.
Stock und haben keinen Hofgang. Wir Frauen waren zwei Jahre lang in einem
Männerknast isoliert, jetzt sind wir in einem Frauenknast. Fünf
von uns sind nach 2/3 der Haftzeit auf Bewährung rausgekommen.
Wieviele
Genossen und Genossinnen waren insgesamt beteiligt?
31 Genossen
sind tot; wir sind 22 Gefangene, von denen zwei nicht an der Aktion beteiligt
waren.
Kannst
Du mir etwas über eure Geschichte sagen?
Das MTP
entstand als Sammlungsbewegung, eine Vereinigung verschiedener Strömungen.
Einige von uns waren in der Guerilla ab 1970 und Mitglieder der Partido Revolucionario
de los Trabajadores - Ejercito Revolucionario del Pueblo (PRT-ERP)2, andere
kamen aus dem peronistischen3 Widerstand. Dann gab es auch Genossen, die vom
Christentum inspiriert waren. Einige sind Pfarrer, sie waren Kämpfer
der Men-schenrechtsbewegung. Wir haben uns zu dieser Bewegung zusammengeschlossen
mit dem Ziel der nationalen Befreiung. 1986 haben wir uns als MTP organisiert.
Als ihr
1989 La Tablada besetzt hattet, schrieben die Zeitungen, daß es in Argentinien
keine Guerilla mehr gebe. Sie fragten, wer ihr seid.
Ja, wir
sind keine Guerilla. Wir sind eine politische Bewegung, die eine bewaffnete
Aktion gemacht hat.
Auf welche
politische Wirkung habt ihr gehofft?
Wir wollten
den Putsch verhindern und so die Macht des Militärs brechen. Das sollte
den Weg freizumachen, um die Militärs wegen Menschenrechtsverletzungen
anzuklagen, damit wir die Wahrheit über das Schicksal all der Verschwundenen
erfahren können. Wir haben einen sehr hohen Preis bezahlt, aber den Putsch
konnten wir verhindern.
Heute
ist das zehn Jahre her. Wie denkt ihr, die überlebt habt, heute?
Wir halten
daran fest, daß unsere Aktion richtig war. Wir haben nicht abgeschworen
und wir werden es nicht tun.
Wieviele
von euch sind heute noch gefangen und wie sind die Bedingungen?
Vier Frauen,
Pfarrer Antonio Pujanen, der unter Hausarrest steht, weil er über 70
Jahre alt ist, dann Enrique Gorriarán, der in Devoto isoliert. Die
restlichen Genossen sind in Caceras, unter ihnen sind zwei mit spanischer
Staatsangehörigkeit, die seit neuen Jahren darauf warten, nach Spanien
verlegt zu werden5.
Wart
ihr isoliert?
Nein, wir
vier Frauen waren immer zusammen. Zuerst zwei Jahre in einem Männerknast
für Mitglieder der Sicherheitskräfte. Bullen, die von Bullen bewacht
wurden. Es war furchtbar. Dann kamen wir in den Frauenknast nach Ezeiza, wo
wir von den sozialen Gefangenen isoliert wurden. Später, nach einigen
Jahren, durften wir an Gemein-schaftsveranstaltungen teilnehmen, im Gegensatz
zu den Männer. Sie sind seit zehn Jahren im 18. Stock isoliert. Sie haben
keinen Hofgang, sie sehen nie die Sonne. Ihre Gesundheit ist dadurch sehr
angeschlagen.
Dann gibt
es noch Enrique Goreran. Er ist in alleine im Hochsicherheitstrakt.
Kannst
Du sagen, wer er ist?
Enrique
wurde sieben Jahre später festgenommen. Er ist ein historischer Führer
der PRT-ERP, er ist ein historischer Führer Lateinamerikas. Als 1977
die letzten Überlebenden, die nicht im Knast waren, entschieden, das
Land zu verlassen, suchte Enrique Kontakt zu den Nicaraguanern, die gegen
Somoza kämpften. Er und mehrere weitere Genossen, die später auch
an der Aktion in La Tablada teilnehmen sollten, gingen dorthin und kämpften
mit ihnen. Enrique war in dem Kommando, das Anastasio Somoza4 in Paraguay
hinrichtete. Er kämpfte in mehreren Ländern, überall, wo er
gebraucht wurde. Er ist ein anerkannter internationalistischer Kämpfer.
Vor drei Jahren entführte ihn der argentinische Geheimdienst aus Mexiko.
Enrique nahm auch an der Aktion in La Tablada teil, wurde aber nicht festgenommen,
weil er wie auch andere sich außerhalb der Kaserne befand.
Was werfen
sie ihm vor?
Nun, was
nicht? La Tablada zum Beispiel, aber es sind auch Sachen dabei, die über
20 Jahren alt sind. Er ist schon zu lebenslänglich verurteilt. Im Fall
von Enrique wollen sie die Erfahrung einer ganzen Generation aburteilen. Es
gibt die Theorie der zwei Dämone, die folgendes besagt: es gab den Dämon
des Militärs, aber dieser wurde vom roten Dämon provoziert. Das
stimmt natürlich nicht, denn vom Staat ging damals die Gewalt aus. Als
die 70er Jahre-Generation auf die Straße ging, wurde sie zusammengeschossen.
Sie merkten, daß sie nicht mit blanken Händen kämpfen können.
Diese Generation hat gekämpft und sie hat 30.000 Verschwundene.
Sie wollen
sagen, daß diese Generation ein Dämon ist, und diesen Dämon
wollen sie mit der Person Enriques treffen. Diese ganze Generation soll sich
geirrt haben. Aber das ist nicht so.
Können
sich die Gefangenen untereinander schreiben?
Ja, wir
diskutieren.
Habt
ihr Kontakt zu politischen Gefangenen in anderen Ländern?
Ja, wir
schrieben uns mit chilenischen Genossen, sonst nicht. Die Genossen in Caceras
schreiben sich mit einigen ETA-Mitgliedern und anderen baskischen Genossen.
Aber leider haben wir nicht viel Kontakte, obwohl wir es gerne möchten.
Beim
Treffen jetzt in Buenos Aires oder für die Konferenz nächstes Jahr
in Berlin wäre es wichtig, daß die Gefangenen an den Diskussionen
und am Arbeitsprozeß teilnehmen können.
Ja, das
finde ich auch. Sicher, wir sind Teil des Kampfes. Und wenn die Welt globalisiert
ist, sollten wir auch die Solidarität globalisieren. Wir haben hier auf
dem Treffen gesehen, daß viele von uns die gleichen oder zumindest ähnliche
Probleme haben. Die Repression ähnelt sich überall, deshalb wollen
wir gemeinsame Antworten finden. Für uns war es unglaublich zu hören,
daß es in Deutschland und Frankreich politische Gefangene gibt. Wir
wußten das von Spanien und Italien, aber das müssen wir hier bekannt
machen.
In der
BRD, in Frankreich, Belgien oder den USA kommen fast alle Gefangenen aus bewaffneten
Kämpfen der 70er und 80er Jahre. Sie sind auch in politischer Hinsicht
isoliert, weil ihre politischen Organisationen nicht mehr existieren. Das
ist sehr schwierig...
Ja, das
ist deshalb schwierig, weil alles aus den Blickwinkel der 90er Jahre gesehen
wird. Aber die 70er Jahre? Die müssen wir mit den Augen der 70er beurteilen.
Hier hat sich niemand geirrt. Hier wurde gekämpft, und gut gekämpft.
Wenn wir das jetzt mit unserem heutigen Blick analysieren, werden wir uns
irren.
Wie ist
eure Lage, existiert Eure Organisation draußen noch?
Ja, sie
existiert. Aber ihre Hauptaufgabe ist heute, für die Freiheit der Gefangenen
zu kämpfen. Wir haben damit zu kämpfen, daß viele Militante
der 70er Jahre abschwören und es auch von uns verlangen.
In Deutschland
wird es keine kollektive politische Lösung für die politischen Gefangenen
mehr geben. Wie seht ihr das? Gibt es juristische Möglichkeiten?
Wir glauben
nicht an individuelle Lösungen. Gut, wir haben unterschiedliche Urteile
und Entlassungstermine, aber wir fordern die Freiheit aller. Auf juristischer
Ebene haben wir einen Bericht der CIDH-OAS (Menschenrechtskommission der Organisation
Amerikanischer Staaten), in dem Argentinien wegen Menschenrechtsverletzungen
verurteilt wird und vom argentinischen Staat unsere sofortige Freilassung
verlangt. Wir beziehen uns auf dieses Dokument und fordern die Freiheit für
alle. Wir werden nicht unserem Kampf abschwören, wir werden nicht um
Gnade bitten und wir werden kämpfen bis auch der letzte rauskommt.
1 Alles
für das Vaterland
2 Rev. Arbeiterpartei
- Rev. Volksheer. Partei und Guerilla, die der 4. Internationalen angehörten.
Mitte der 70er Jahre hatten sie zwei große Provinzen Nordargentiniens
befreit.
3 Der Peronismus
geht auf den nationalistischen Politiker Peron zurück. Hier gemeint sind
die Montoneros, eine seit den 50er Jahren existierte Guerilla.
4 Der nicaraguanische
Diktator floh während der Revolution 1979 nach Paraguay, wo er Asyl erhielt.
Ein internationales Kommando tötete ihn mit einem Rakete.
5 Die beiden
Gefangenen werden in den nächsten Wochen nach Spanien verlegt.
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