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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr.1/November 1998 - Seite
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P.
Larranada: Der Prozeß des Dialogs ist kein Widerspruch zu unserem
politischen Projekt
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Der
Prozeß des Dialoges ist kein Widerspruch zu unserem politischen Projekt
Interview mit
Patxi Larrañada, internationaler Sprecher der Gestoras pro Amnistia
Patxi Larrañada,
internationaler Sprecher der Gestoras pro Amnistia, im Interview mit der Redaktion
zu den Perspektiven der baskischen Unab-hängigskeitsbewegung im Hinblick
auf mögliche Verhandlungen und ihre Sicht des nordirischen Friedensprozesses.
Das Gespräch wurde eine Woche vor den baskischen Regionalwahlen am 25.10.
geführt.
Vor einem
Monat wurde die Erklärung von Lizarra, eine gemeinsame Erklärung
verschiedener baskischer Organisationen und Parteien veröffentlicht.
Warum bezeichnen ETA, Herri Batasuna und auch Gestoras pro Amnistia diese
Erklärung und die gesamte politische Situation seitdem als historisch?
Die Erklärung
von Lizarra ist schon aufgrund der Breite der UnterzeichnerInnen ein historischer
Einschnitt. Es sind verschiedene politisch-ideologische Positionen und Organisationen
aus dem Bereich der Gewerkschaften, den sozialen Bewegungen und den Parteien
vertreten. Das ist das Eine. Auf der anderen Seite steht die klare Anerkennung
des politischen Charakters des Konflikts und die Übereinstimmung darin,
daß die territoriale Souveränität und das Selbstbestimmungsrecht
zentrale Fragen für seine Lösung sein werden. Die UnterzeichnerInnen
bekräftigen, daß eine Lösung durch politischen Dialog und
Verhandlungen ohne Vorbedingungen notwendig ist.
1989
gab es schon einmal einen Waffenstillstand und Verhandlungen zwischen ETA
und Vertretern des spanischen Staates. Heute aber gibt es keine Verhandlungen...
Der Unterschied
zwischen der Initiative von ETA 1989 und dem einseitigen Waffenstillstand
direkt nach der Erklärung von Lizarra ist ein zentrales Element. Erinnern
wir uns an die Gespräche in Algerien von 1989: Ein Jahr zuvor war der
Pakt gegen die baskische Linke gebildet worden, der Antiterrorpakt - heute
aber unterstützen einige der damaligen UnterzeichnerInnen die Erklärung
von Lizarra. Besonders wichtig ist die Unterstützung der Baskischen Nationalpartei,
der PNV. Auch das Ziel war damals anders angelegt. 1989 gab es eine Initiative
von ETA, auf die sofort ein Prozeß von Gesprächen - nicht Verhandlungen,
sondern eben Gespräche - in Gang gesetzt wurde. Später wurden diese
von der spanischen Regierung sabotiert. In der jetzigen Waffenstillstandserklärung
von ETA gibt es weder einen Vorschlag für Verhandlungen noch für
Gespräche mit dem Staat. Vielmehr ruft ETA die Gewerkschaften, sozialen
Bewegungen und Parteien auf, den Kampf für die Zukunft des Baskenlandes
in die Hand zu nehmen. Das ist ein Ausdruck des Vertrauens auf das Volk. Der
Waffenstillstand soll die Entfaltung dieser Dynamik erleichtern.
Trotzdem
steht der Waffenstillstand doch in direktem Zusammenhang mit eurer Forderung
nach einem Dialog. ETA hat diese Linie in der Demokratischen Alternative
selbst sehr genau festgelegt.
Ja, natürlich,
aber es geht uns um etwas anderes. Als ETA im April 1995 den Vorschlag, der
als Demokratische Alternative bekannt wurde, veröffentlichte, sind die
essentiellen Inhalte von den politischen Kräften und vor allem innerhalb
der Arbeiterbewegung breit aufgegriffen worden. Die zentrale Aussage der ETA
war: Das Volk muß sich das Wort erobern! Die Zukunft des Baskenlandes
gehört uns, sie muß Sache des baskischen und nur des baskischen
Volkes sein. Es geht um die Beziehungen zu anderen Völkern und Staaten
wie auch um zentrale Fragen der Wirtschaft und sozialen und politischen Struktur
innerhalb der Gesellschaft.
Welche
Bedeutung hat der nordirische Friedensprozeß für euch?
Die Erklärung
von Lizarra geht auf das sogenannte Irlandforum zurück. Herri Batasuna
lud alle politischen Kräfte des Baskenlandes zu diesem Forum ein. Es
wurden zunächst einige zentrale Aspekte des irischen Prozesses analysiert
und davon ausgehend mögliche Konsequenzen für den Konflikt im Baskenland
diskutiert und vorgeschlagen...
Gilt
das auch für die Feststellung, daß der Präsident der USA,
Institutionen der EU und Nelson Mandela für den irischen Friedensprozeß
zentrale Bedeutung hatten? Was für eine Bedeutung meßt ihr diesen
Kräften bei? Auf der Liste terroristischer Organisationen
des amerikanischen State Departement ist die IRA nicht aufgeführt, ETA
dagegen schon.
Nicht nur
das. Es gibt klare Aussagen der nordamerikanischen Regierung zur ETA, aber
auch zur baskischen Linken in ihrer Gesamtheit. Die Haltung der USA kann man
aktuell an der Behandlung eines baskischen Flüchtlings ablesen, der in
Miami in Auslieferungshaft sitzt. Von der Staatsanwaltschaft, die man doch
als Vertreter der politischen Linie der Yankees betrachten muß, gibt
es eine unzweideutige Diktion: er ist ein Terrorist. Natürlich
kann man keine einfache Gleichung mit dem irischen Prozeß machen, auch
wenn es einige Gemeinsamkeiten gibt. Beispielsweise die Präsenz der nationalen
Frage in beiden Prozessen, mitten im politischen Kontext Westeuropas. Aber
sowohl von der Strategie der Kämpfe als auch von den Bedingungen gibt
es Unterschiede. Allein schon das politische Gewicht der irischen Gemeinschaft
innerhalb der USA, die spezifische Position Irlands und auch Großbritanniens
innerhalb der EU und nicht zuletzt die traditionell guten Beziehungen von
Sinn Fein zum südafrikanischen ANC. Uns ist jede Hilfe willkommen. Ich
meine zunächst aufrechte Hilfe, aber wir können nicht auf die Kraft
des internationalen Drucks auf Spanien und Frankreich verzichten. Wer kann
ihn ausüben? In unserem Fall werden es andere sein. Herri Batasuna ist
international präsent, wir haben die Unterstützung politischer Kräfte
aus allen Kontinenten.
Mit der
Regierung Aznar wird es keine Veränderung geben...
Sicherlich
nicht. Die aktuellen Stellungnahmen der Regierung markieren den politischen
Rahmen, in dem sich der politische Prozeß ihrer Auffassung nach zu bewegen
hat: die spanische Verfassung und die existierenden Autonomiestatute. Sie
versuchen die Initiative wiederzugewin-nen, indem sie den politischen Konflikt
auf die Frage der politischen Gefangenen reduzieren. Da gibt es einige kleine
Bewegungen, besonders in den letzten Tagen. Aber es sind keine wirklichen,
eher kosmetische Veränderungen. Sie haben angekündigt, vier haftunfähige
politische Gefangene ins Baskenland zu verlegen und ihnen eine medizinische
Behandlung zu gewähren. Das fordern wir seit drei Jahren und es scheint,
als ob sie uns das jetzt als politische Geste verkaufen wollen. Das ist die
Linie, ihre Haltung ist sehr klar. Wir haben keinerlei Hoffnungen in diese
Richtung. Es gibt eine politische Dynamik, der sich unter anderem in der Erklärung
von Lizarra manifestiert. Unsere Erfahrung ist es, daß die baskische
Linke die politische Fähigkeit und Kraft hat, sich jeder Unterdrückung
und jedem perfiden Manöver entgegenzustellen. Wir entwickeln unseren
eigenen Prozeß, der auf eine Dynamik realer Abtrennung von Spanien und
Frankreich, eine Dynamik des Aufbaus des Baskenlandes zielt. Darauf vertrauen
wir.
Ist die
Freiheit der politischen Gefangenen etwas, was ihr mit dem spanischen Staat
verhandeln wollt, oder ist es eine Vorbedingung für Verhandlungen?
Nein, das
ist kein Thema für Verhandlungen. Die Freilassung der Gefangenen und
die Rückkehr der Flüchtlinge ist nicht verhandelbar. Genauso wenig
wie die strikte und bedingungslose Einhaltung der Menschenrechte. Es ist keine
politische Geste, wenn die Gefangenen repatriiert werden. Es ist ihr gutes
Recht, sonst nichts. Vielmehr ist es so, daß sich in der Politik der
spanischen und französischen Regierung der Geiselstatus der Gefangenen
ausdrückt. Sie versuchen uns mit dem Leiden der Gefangenen zu erpressen.
Wir müssen damit rechnen, daß sie auf die eine oder andere Weise
an dieser Front den Druck erhöhen werden. Für uns ist es aber etwas
grundsätzliches. Wir reden vom Aufbau des Baskenlandes und vom Protagonismus
des gesamten Volkes. Die Teilnahme der BefreiungskämpferInnen an diesem
Prozeß ist notwendig, um unser Land voranzubringen und das muß
in Form einer Amnestie für Gefangene und Flüchtlinge sichergestellt
werden.
Ihr befindet
euch in einem Prozeß des Dialogs, den ihr selbst in Gang gesetzt habt.
Siehst Du nicht die Gefahr, daß euer politisches Projekt, der Kampf
für einen unabhängigen sozialistischen baskischen Staat, in dieser
Dynamik von Frieden und Ausgleich erstickt wird?
Wir haben
diesen Prozeß selbst initiiert. In der Demokratischen Alternative
sind Grundzüge einer bestimmten Normalisierung enthalten. Unsere demokratischen
Rechte, d.h. die territoriale Souveränität, das Selbstbestimmungsrecht
sowie auch die Amnestie müssen verwirklicht werden. Das ist kein Widerspruch
zu unserem politischen Projekt. Aber trotzdem lege ich Wert darauf zu betonen,
daß es hier um eine Demokratisierung, eine wirkliche Demokratie geht
- nicht um unser politisches Projekt. Ich glaube nicht, daß die Gefahr
der Auflösung unserer politischen Perspektive besteht. Warum? Nicht so
sehr deshalb, weil wir selbst, die baskische Linke, diesen Prozeß anführen,
sondern weil sich zentrale Ziele innerhalb der strategischen Linie der baskischen
Linken inzwischen von politischen Kräften zu eigen gemacht wurden, die
diese früher abgelehnt, wenn nicht bekämpft haben. Das betrifft
sowohl den nationalen wie auch den sozialen Kampf und besonders die Gewerkschaften.
Die Entwicklung ist nicht die, daß unsere Gewerkschaft ihr klassenkämpferisches
Profil eingebüßt hat, sondern daß sie durch ihre Praxis andere
politische Kräfte, in diesem Fall andere Gewerk-schaftsorganisationen,
mobilisiert hat: Der Kampf für die 35 Stundenwoche, die Verteidigung
der Tarifautonomie, das Nein zu Privatisierungen und Zeitarbeit sind heute
gemeinsame Forderungen der Arbeiterbewegung.
Ihr seit
einer der Organisatoren der Konferenz, die nächsten April in Berlin stattfindet
wird. Befriedung oder Befreiung, warum dieses Motto der Konferenz?
Das Konzept
der Befriedung ist heute überall in der Welt auf der Tagesordnung. Dieses
Konzept zielt nicht auf die wirkliche Lösung politischer Konflikte, sondern
auf ihre Deaktivierung. Es ist sehr deutlich, daß die Zentren internationaler
Macht eine Lösung bestehender Konflikte durch eine Demobilisierung des
Widerstands anstreben. In unserem Fall gibt es von Madrid ein großes
Interesse daran, die Mobilisierung und Politisierung der Arbeiterbewegung
und sozialen Bewegungen auf den von ihnen festgelegten Modus vivendi zurückzuschrauben.
Sie wollen eine Normalisierung in ihrem Sinne, d.h. eine Beseitigung der Folgen
eines Konflikts während die Ursachen bestehen bleiben sollen.
Was erwartet
ihr euch von der Konferenz, welche Ziele habt ihr?
Nun, zum
einem wollen wir natürlich unsere Situation und unseren Kampf erklären
und bekannt machen. Aber besonders geht es uns darum, solidarische Beziehungen
zu knüpfen und bestehende zu festigen. Wir sehen die Konferenz als Möglichkeit,
eine permanente Dynamik der Zusammenarbeit und des Kampfes auf den Weg zu
bringen, die die jeweiligen politischen Konjunkturen überwinden kann
und auf internationaler Ebene real Front macht gegen die Politik der Mißhandlung
der politischen Gefangenen. Wir sind uns sehr bewußt, daß es außerhalb
des Baskenlandes Kämpfe und Unterdrückung gibt, die in vielen Fällen
viel härter sind, als das was wir erleben müssen. Wir wollen auch
von hier aus zur Entfaltung der Solidarität mit anderen Kampfprozessen,
Menschenrechtsorgani-sationen und politischen Gefangenen beitragen. Das sind
Schritte auf dem Weg der Befreiung der politischen Gefangenen, aber auch darüber
hinaus.
Hinweis:
Die
Erklärung von Lizarra und die Waffenstillstandserklärung von ETA
können bei Libertad! und dem Berliner Konferenzbüro in englischer
und spanischer Sprache angefordert oder unter www.libertad.de eingesehen werden.
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