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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr.1/November 1998 - Seite
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Eduardo
Galeano: Die schiffbrüchigen Wörter
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Die
schiffbrüchigen Wörter, Eine Kolumne von Eduardo Galeano
In der Nacht
erfüllte Avel de Alencar seine verbotene Mission. In einem Büro
in Brasilien versteckt, fotokopierte er Nacht für Nacht die geheimen
Papiere der militärischen Sicherheitsdienste: Berichte, Karteikarten
und Akten, in denen die Folterungen Verhöre, und die Morde Konfrontationen
hießen. In drei Jahren Untergrundarbeit fotokopierte Avel eine Million
Seiten. Diese Dokumente waren der komplette Beichtspiegel der Militärdiktatur,
deren absolute Macht über Leben und Wunder in ganz Brasilien zuende ging.
Eines Nachts
entdeckte Avel zwischen den dem Militärarchiv entrissenen Seiten einen
parfümierten Brief. Der Brief war zehn Jahre zuvor geschrieben worden,
aber das Papier hatte den Parfümgeruch nicht vollständig verloren
und der Kuß, der den Brief unterzeichnete, war intakt. Der Abdruck der
geöffneten Lippen unter den Wörtern schien frisch zu sein. Seit
jener Nacht unterbrach Avel jedesmal seinen Gang zum Kopiergerät, wenn
er irgendeinen Brief fand. Er entdeckte viele Briefe. Neben den Briefen lagen
die von den Militärs geöffneten Briefumschläge.
Er wußte
nicht, was tun. So viel Zeit war vergangen. Niemand erwartete diese Briefe
mehr. Sie waren von Personen geschrieben worden, sie waren an Personen geschrieben
worden, aber jetzt waren es Botschaften von Gespenstern an Gespenster. Und
doch konnte Avel sie nicht lesen, ohne das Gefühl zu haben, eine Vergewaltigung
zu begehen. Waren diese Wörter nicht etwa lebendig, obwohl sie vielleicht
von Toten und Vergessenen kamen und für nicht mehr existierende Orte
und Personen bestimmt waren? Avel konnte sie nicht in die Militärarchive
zurücklegen. Es war, als ob er sie ins Gefängnis zurückbringen
würde. Er versuchte, sie zu zerreißen und fühlte sich dabei
als Verbrecher.
Am Ende
einer jeden Nacht legte Avel die gefundenen Briefe in ihre Umschläge,
versah sie mit neuen Briefmarken und warf sie in den Briefkasten. (August
1998)
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