|
So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr.1/November 1998 - Seite
1
|
|
|
|
Chile:
Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus
|
|
|
Chile:
Pinochet in London verhaftet - und laufengelassen
Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus
Furore machte
es schon. Der Ex-Diktator und Senator auf Lebenszeit beim London-Besuch verhaftet.
Nicht richtig, weil im Krankenhaus, aber irgendwie. So rechtsstaatlich sind
die westlichen Demokratien, daß ihre Justiz unabhängig agieren
darf. Und, wenn keine wichtigen westlichen Interessen auf dem Spiel stehen,
auch schon mal ehemalige Verbündete und Freunde verhaftet. Fidel Castro,
gerade auf Staatsbesuch in Portugal, konnte es gar nicht fassen: Pinochet
war doch Englands treuester Mann während des Falklandkrieges gegen Argentinien...
Das meinte auch Pinochets Freundin, Maggi Thatcher.
Diese Widersprüche
kann sich das Mutterland der Demokratie leisten. Schließlich
wurde die britische Regierung Jahr für Jahr vom Europäischen Menschengerichtshof
wegen Folter und grausamer Gefangenenbehandlung verurteilt. Ohne daß
es Konsequenzen hatte. Heute stiftet man Frieden in Nordirland.
Ein Frieden, der auf dieser jahrelangen Folter baut - aber auch darauf, daß
die Gefangenen und die republikanische Bewegung trotzdem weiterkämpfte.
Pinochet
wurde wie erwartet aus seinem Krankenarrest entlassen. Der Rechtsstaat hat
sich bewiesen und bewährt. Trotzdem: Es war ein Signal. In Chile gingen
Zehntausende auf die Straße. Straßenschlachten mit einer Polizei,
die ihren eigentlichen Oberbefehlshaber heil zurück haben will - und
schon am Jahrestag des Putsches am 11. September auf Demonstranten einschlug
und schoß.
Der aufrechte
Richter Baltazar Garzón in Spanien ist eine Klasse für sich. Unermüdlich
gegen südamerikanischen Folterer, Putschisten und Diktatoren. Ein Held
der Demokratie. Natürlich wird nirgendwo erwähnt, daß er es
völlig legitim findet, baskische Gefangene mißhandeln zu lassen
und es anordnet. Er hält auch nichts von der Pressefreiheit, deswegen
ordnete er die Schließung der baskischen Zeitung egin und
eines Radiosenders an.
Es sind
die Madres del Plaza de Mayo aus Argentinien, die darauf hinweisen und sich
als Opfer der Diktatur mit den Opfern der Demokratie solidarisieren.
(Siehe Seite
8)
Die Kampagne
gegen eine Straffreiheit für Folterer hat unerwartet internationale Publizität
bekommen. Der Vorgang um Pinochet und seinen Richter Baltazar Garzón
zeigt aber auch: Die Menschen-rechtsgruppen und Solidaritätskomitees
in aller Welt wissen, daß sie nicht auf die bürgerliche Justiz
bauen können. Ohne ihren Protest und Widerstand läuft gar nichts.
|