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Medien
KRITIK
Ein
Beitrag zur Geschichte der RAF?
Margrit Schillers Kampf mit der Erinnerung
Eine Rezension von a.-t. vogel
Margrit Schiller
- Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht
aus der RAF, Konkret Literaturverlag, DM 39,00
"Vergangenes
historisch zu artikulieren heisst nicht, es erkennen 'wie es den eigentlich
gewesen ist'. Es heisst, sich seiner Erinnerung bemächtigen, wie
sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt...".
(Walter Benjamin)
Bis vor kurzem
kannten nur noch wenige Margrit Schiller. Auch Genossinnen und Genossen,
die mit ihr in der antiimperialistischen Bewegung aktiv waren, hatten
sie aus den Augen verloren. Vor 20 Jahren war Margrit Schiller eine
öffentlich bekannte Person. Als Mitglied der RAF, als bewaffnet
kämpfende Genossin für die einen, als Terroristin für
die Meisten. Ältere erinnern sich insbesondere an die Aufsehen
erregenden und erschütternden Bilder der "Tagesschau"
1971: gerade im Rahmen der Fahndung nach RAF-Mitgliedern in Hamburg
festgenommen, wurde sie im Hamburger Polizeipräsidium gewaltsam
vor die Kameras getragen und gezerrt. Das Foto erschien auf den Titelseiten
der Springer-Presse. Der Staatsapparat wollte einen Sieg feiern. Er
war verfrüht. Die RAF gab erst knapp 30 Jahre später auf.
Heute ist Margrit
Schiller wieder bekannt. Im konkret-Verlag erschienen unlängst
ihr Buch Es war ein harter Kampf um meine Erinnerungen - Ein Lebensbericht
aus der RAF. Amica - die Zeitschrift für die
Frauen unter 30, brachte eine Reportage über ihr gegenwärtiges
Leben in Uruguay und ein Auftritt in Beckmanns Talkshow erreichte ein
Millionenpublikum. Margrit Schillers Kampf um die Erinnerung geht nunmehr
laut Verlag in die 3. Auflage. Die im April durchgeführte Lesereise
findet aufgrund grosser Nachfrage im Herbst ihre Fortsetzung. Auch die
Rezensionen sind für einen Lebensbericht aus der RAF
ungewöhnlich emphatisch. Eine kleine Perle, so das
Lob des gegenüber der RAF ansonsten ausgewiesen feindlich gesonnenen
linksliberalen Ex-Spontis Reinhard Mohr im SPIEGEL. Margrit Schillers
Autobiographie sei ein zeitgenössisches Fundstück, das
man nicht ohne Erschütterung zu Ende liest, und dabei, durchaus
unüblich für Lebenserinnerungen aus der radikalen westdeutschen
Linken, wie Mohr nicht ohne Süffisance anmerkt, spannend,
dramaturgisch dicht, durchaus selbstkritisch und gut geschrieben.
Da meldet sich also jemand mit Erfolg aus dem off zurück, tatsächlich
aus 15-jährigem lateinamerikanischen Exil - mal sehen, was sie
uns zu sagen hat.
Aber der Reihe
nach. Die heute 52jährige Margrit Schiller wurde in Bonn als Tochter
eines Majors des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und einer
Lehrerin geboren. Sie studierte in Heidelberg Psychologie und schloß
sich dort der Studentenbewegung an; später dann einer Gruppe, die
den bis dahin radikalsten Begriff der psychischen Folgen des kapitalistischen
Verwertungsprozesses prägte. Vom Sozialistischen Patientenkollektiv
(SPK) gingen viele Impulse aus; Antipsychiatrie und die Selbstorganisation
der "Irren und Krüppel" waren davon anfangs geprägt.
Inzwischen klassisch die Parole "Aus der Krankheit eine Waffe machen"
und die Warnung vor den Nierensteinen. Im Rahmen des SPK, das selbst
von Unileitung und Polizeiapparat verfolgt und zerschlagen wurde, lernte
sie Genoss/innen kennen, die wiederum Kontakt zur RAF hatten. Anfangs
stellte Margrit Schiller der RAF ihre Wohnung zur Verfügung, später
beteiligte sie sich an ihren Aktivitäten. Dann wurde sie zur Fahndung
ausgeschrieben und 1971 in Hamburg nach einer Schießerei, bei
der andere RAF-Mitglieder, u.a. Ulrike Meinhof, entkommen konnten, festgenommen.
1973 kam sie frei, ging aber schon nach einem Jahr erneut in die Illegalität.
Im Februar 1974, nach einer spektakulären halbjährigen Observation
durch den Verfassungsschutz, wurde Margrit Schiller und das ganze RAF-Kommando
verhaftet. Nach fünf Jahren in Isolationshaft und "Normalvollzug"
wurde sie 1979 vorzeitig "wegen guter Sozialprognose" entlassen.
1984 verließ sie Deutschland. Genoss/innen, mit denen sie sich
im antiimperialistischen Widerstand organisierte, waren wegen Unterstützung
der RAF und dem Vorwurf, Mitglieder einer "legalen RAF" zu
seien, verhaftet und verurteilt worden. Auch gegen Margrit Schiller
wurden die Ermittlungen geführt; eine erneute Verhaftung war nicht
ausgeschlossen. Kuba gab ihr politisches Asyl. Dort heiratete sie einen
Kubaner und lebt heute mit ihren beiden Kindern in Uruguay.
Spannend,
wie ein Kriminalroman mitten in die action, so beginnt das Buch tatsächlich.
Schon in den ersten Sätzen eine Schießerei. Aber es ist kein
Krimi, denn es folgt sofort die Klarstellung: "Aber ich habe nicht
geschossen". Da möchte man das Buch gleich wieder aus der
Hand legen, wenn ich schon zu Anfang auf die Rolle eingeschworen werde,
keine "schiesswütige RAF-Terroristin", sondern eine harmlose,
irgendwie unschuldig hineingeratene Frau vor mir zu haben. Zufällig
steht das nicht am Anfang. Es ist der Tenor des Buches. Deswegen ist
es wichtig, es auch hier an den Anfang zu setzen.
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| Transparent
des SPK 1971 in Heidelberg |
In dem Buch erzählt
Margrit Schiller ihre - oder soll ich sagen? - diese Geschichte. Sie
war bei der RAF, davon handelt das Buch, der ersten linken Formation
in Deutschland, die die Bewaffnung in der Revolution nicht nur als taktisches
Mittel verstand. Die 1970 entstandene RAF-Guerilla hatte sich zum Ziel
gesetzt, an die deutschen Zustände die Lunte zu legen. Vielzählige
Explosionen und Gefechte sollten die Verhältnisse so zum Tanzen
bringen, daß die Unterdrückten und Beleidigten (Fanon) Mut
fassen, der Raum frei wird für massenhafte Selbstorganisation und
Klassenkampf. Ein sehr gewagtes Vorhaben. Dabei gewesen zu sein, davon
berichten zu können, ist Grund genug sich der Erinnerung zu bemächtigen.
Ist es möglich, in einer solchen Geschichte harmlos zu sein? Ich
glaube nicht. Das Normalmass von Akteuren historischer Entwicklungen
ist doch der Ausgangspunkt; nur in der apologetischen Literatur werden
der Dämonisierung unerschütterliche Heldinnen und Helden entgegengesetzt.
In dem Buch können wir den Werdegang von Margrit Schiller in die
RAF bis 1979 verfolgen, so wie sie ihn sieht. Ihr gelingt es einige
ihrer Genossinnen und Genossen zu charakterisieren, skizzenhaft aus
den scheinbar doch sehr wenigen Begegnungen, die sie hatte: Andreas
Baader, Ulrike Meinhof und Holger Meins. Einige weitere Namen tauchen
auf, aber die Menschen werden nicht deutlich. Es sind diese Berühmtheiten,
die herausstechen, die aber sind tot. Genossinnen und Genossen, mit
denen sie in der RAF viel mehr Zeit verbrachte - in der Illegalität
oder im Knast -, werden nur vereinzelt erwähnt. Ich weiss nicht,
ob dies Ausdruck eines hierarchischen Verständnisses ist, oder
Margrit Schiller sich an andere nicht mehr erinnert, oder nur, weil
die anderen sagen könnten: "Ej, was machst du denn da?".
Auffallen tut es dennoch.
Aber so wie die
RAF-Aktivist/innen weitgehend ausgeblendet bleiben, taucht auch die
gesellschaftliche Bewegung, aus dem heraus der 68er-Aufbruch, und dann
auch die RAF entstand und handelte, kaum auf. Aus den antikolonialen
Kämpfen im Süden der Weltkugel entwickelten sich sozialistisch
verstehende Befreiungsbewegungen. Ein Sieg der vietnamesischen Vietminh
(FNL) war greifbar; den Imperialismus an vielen Punkten der Welt anzugreifen,
um den Befreiungsbewegungen des Trikont wie den Klassenkämpfen
in den Metropolenstaaten Raum für emanzipatorische Entfaltung zu
schaffen, war eine reale Möglichkeit nicht nur für den Sieg
in Vietnam über die US-Militärmaschine. In den USA, in Japan,
in Westeuropa, aber auch im sowjetischen Staatenbündnis, gab es
Rebellionen und Aufstände gegen die zementierten Kalte-Krieg-Zustände.
Der radikaldemokratische Protest gegen den Vietnam-Krieg radikalisierte
sich, wie die studentische Ablehnung der überkommenden Ausbildungsstruktur,
so wie zehntausende Lehrlinge und Schüler/innen anfingen sich selbst
zu organisieren und endlich mal wieder die eigenen Sachen auch in die
eigenen Hände zu nehmen. Black Panthers in den USA, Tupamaros in
Uruguay, Rote Brigaden oder Armeen in Italien, Deutschland oder Japan...
- "Die Erde wird rot", eine Chance für einen globalen
revolutionären Aufschwung. Keine Romantik, auch wenn die Selbstüberschätzung
der Aktivist/innen grenzenlos war. Trotzdem ein reales Feuer, aber noch
kein Steppenbrand.
Margrit Schiller
suchte die Veränderung, suchte auch den Anschluß an die Aufbegehrenden
- aber spürbar wird das nicht so richtig: was wollte sie denn anders,
was zog sie an? Sie rutschte rein, was, wenn man ihr glaubt, eigentlich
immer so war. Sie traf keine Entscheidungen - und das sie irgendwann
bei der RAF war: eine Kette von Zufällen. Das klingt wie die Lesart
des Schriftstellers Peter Schneider, der für die "68er-Generation"
die These aufstellte, es sei mehr Sache des Zufalls gewesen, wer sich
am italienischen Strand von Ostia sonnte oder bei der RAF landete. Er
meinte das noch gut, so weit weg von den später karrieremachenden
68ern seien die RAF'ler nicht gewesen. Mit dieser Sorte Zufall stehe
ich auf Kriegsfuss. Wir sind Produkte gesellschaftlicher Umstände.
Natürlich hängt viel davon ab, wer wann wen kennt, wer wann
wo war - aber, die Frage, welchen Weg ich gehe, wenn ich die Möglichkeit
zu wählen habe, findet eine Antwort, die ich ihr gebe. Margrit
Schiller sieht und notiert das anders, obwohl die Stationen eigener
Entscheidung genannt werden: den zur Fahndung ausgeschriebenen Mitgliedern
der RAF die Wohnung zur Verfügung stellen, die RAF-Leute da zu
treffen, mit ihnen quasi zusammenzuwohnen... bis hin zu der Entscheidung,
nach ihrer ersten Haftentlassung 1973 erneut abzutauchen. Da noch vielmehr:
die RAF war fast vollständig aufgerieben und im Knast. Da ging
es um den Neuaufbau der RAF-Kommandos. Da konnte man nicht reinrutschen.
Da gab es nämlich nichts.
Der Titel des Buches
verspricht Authenzität: "Der harte Kampf um meine Erinnerung".
Welche Erinnerung? frage ich mich. Und: was war hart an dem Kampf sich
zu erinnern, was war verdrängt und mußte mühevoll wieder
zum Bewußtsein gebracht werden? Ich erfahre das nicht oder kann
es nicht finden. Es bleibt nur die Erkenntnis, daß Erinnerung
etwas sehr schmerzvolles sein muß. Keine gute Zeit gehabt',
fiel mir spontan zu dem Buch ein. Aber wer mag das glauben, daß
das Leben als RAF oder in und mit der RAF eine so trostlose Angelegenheit
war.
Ein enttäuschendes Buch also, oder ist es nur so, daß die
Erinnerung täuscht? Wir kennen das ja: im Nachhinein sieht alles
besser aus... Aber bei Margrit Schiller ist es andersherum. Das klingt
nach Glaubwürdigkeit, nach schonungsloser Offenheit, nach harten
Ringen um - beinahe hätte ich gesagt: die Wahrheit, aber doch nicht,
die Erinnerung. Und Erinnerung ist ein Ding oder Zustand, dessen Kriterium
nur die Person selbst ist, die den Blick zurück wirft. In diesem
Verständnis misst sich Erinnerung an nichts ausser dem eigenen
Gefühl oder dem eigenen Begriff von Wahrhaftigkeit. Sie kann überprüfbar
sein, muß es aber nicht - und ein Gefühl ist es nie. In dem
Buch von Margrit Schiller wird Erinnerung eine Sichtweise, eine höchst
private Angelegenheit, entkleidet aller kollektiven Bezüge. "Wir,
die RAF" kommt denn auch kein einziges Mal vor. Allerdings auch
nicht: Ich, das Subjekt, meine Handlungen und Gedanken in einem kollektiven
Wir.
Margrit Schiller
macht sich klein, sie duckt sich. Vielleicht hat sie das jahrelang in
der RAF gemacht, glauben kann ich es ihr nicht. Aber das ist ihre Selbstcharakterisierung,
klein und verschüchtert - zur falschen Zeit am falschen Fleck.
Die Teilhabe an einem historischen Moment revolutionärer Bewegung
- denn das war die RAF allemal -, wird zu einer einzigen Qual. Da kann
man nicht glücklich gewesen sein. Dabei habe ich beileibe keine
Heldinnensaga erwartet. Eine Lobhudelei wäre mir genauso aufgestoßen.
Margrit Schiller läßt ihre Erinnerung 1979, mit ihrer zweiten
Haftentlassung enden. Sie nennt es einen Beitrag zur Geschichte der
RAF. Sicherlich ist das Buch ein Beitrag zur Psychologie der Sichtweisen,
wie man sich, die RAF und die Zeit angucken kann. Mehr nicht. Zum Verständnis
eines historischen Prozesses trägt es nicht bei. Nicht nur nicht,
weil das Außen, das gesellschaftliche und politische Umfeld weitgehend
ausgeblendet ist (sozialdemokratisches "Modell Deutschland für
Europa", das Ende der Student/innenbewegung, die hitzigen Debatten
in der Linken um den richtigen revolutionären Weg, die 77er-Offensiven
der RAF und die Toten in Stammheim...). Der innere Prozeß der
RAF bleibt genauso außen vor. Was trieb die RAF? Womit setzte
sie sich auseinander? Was waren Streitpunkte und wie wurden sie geklärt?
Überhaupt: wie wurden Entscheidungen getroffen. Selbst da, wo Margrit
Schiller unmittelbar involviert war, gelingt es ihr, alles auszublenden.
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| Fluchtplan
Andreas Baaders, gefunden bei der Verhaftung von Margrit Schiller
1974 in Frankfurt |
Die Lesenden brauchen
eine gute Portion Hoffnung, es vielleicht doch noch zu finden; von der
Autorin verlangte es erhebliches Stehvermögen, das bis zum Schluß
durchzuhalten. Vielleicht wegen dieser Selbstcharakterisierung muß
das Buch auch 1979 enden. 1973, nach ihrer ersten Haftentlassung, ging
sie in die Illegalität, um die RAF neu aufzubauen. Was machte sie
nach 1979? Die Linke hatte sich mühsam vom Schock des Herbst 1977
erholt. Die Solidaritätsgruppen mit den politischen Gefangenen
trauten sich wieder an die Öffentlichkeit, nach den revolutionären
Kämpfen im Iran, die zur Vertreibung des Schah führten, gewann
auch die antiimperialistische Bewegung in den Metropolen wieder Aufschwung.
1980 gingen aus Auseinandersetzungen um besetzte Häuser und gegen
staatliche Großprojekte wie der Startbahn-West in Frankfurt oder
der Atomindu-strie und gegen die Nuklearkriegstrategien der NATO neue
militante Kämpfe hervor. Eine gute Zeit, um aus dem Knast zu kommen;
eine bessere als für die entlassenen Gefangenen aus der RAF der
letzten Jahre. Was machte Margrit Schiller? Ihre Rolle in der entstehenden
antiimperia-listischen Front von RAF und Widerstand Anfang der 80er
Jahre, erwähnt sie nicht mal. War sie wirklich nicht mehr RAF,
nur weil sie nicht mehr im Knast war? Die Zurückweisung der bundesanwalt-schaftlichen
Behauptung einer "legalen RAF" durch Ausklammerung entscheidender
Jahre politischen Agierens im Rahmen der Konzeption der RAF, führt
zur Verfälschung der individuellen wie kollektiven Geschichte.
Selbstkritik kennt
das Buch von Margrit Schiller nicht. Ein Satz deutet an, daß andere
Menschen, auch Genossinnen und Genossen, sie anders in Erinnerung haben
müssen. Für die Zeit nach ihrer ersten Haftentlassung 1973
schreibt sie, daß sie hart und ungerecht gewesen sein muß.
Es wäre eine Gelegenheit gewesen, eine Struktur zu verstehen, in
der sich Margrit Schiller selbst als Opfer sieht, andere sie aber eher
obenauf. Wie geht das zusammen? Ein Problem autoritärer Persönlichkeiten,
die sich immer gegängelt fühlen, aber selbst andere gängeln.
Zum Beispiel würde ihre Rolle, Funktion und Verhalten in der "Antiimperia-listischen
Front" den Widerspruch offensichtlich werden lassen. Vielleicht
ist das auch der Grund, warum das Buch 1979 endet. Die Gründe für
ihr Exil nennt sie nicht. Auch die sicherlich sehr wichtige und spannende
Diskussion, um den Kämpfen in Deutschland den Rücken zuzukehren,
zeichnet sie nicht nach.
In dem sie ihre
Handlungen ausblendet und als Subjekt farblos bleibt, nimmt Margrit
Schiller den Lesenden die Möglichkeit etwas von ihr und der RAF
zu verstehen. Die vollständige Abwesenheit von eigenen Gedanken
und Reflektion macht das Buch unerträglich. Immer, wenn es um Inhalte,
z.B. von Diskussionen geht, kann sie sich nicht mehr erinnern. Wie Margrit
Schiller über irgendwas nachgedacht hat oder heute darüber
denkt, wir erfahren es an keiner Stelle. Sie liest Wilhelm Reich, aber
was konnte sie damit anfangen? Hat es eine Bedeutung für sie gehabt?
Zur Entführung einer Israel anfliegenden Air-France-Maschine nach
Entebbe 1976, an der neben Palästinensern auch Mitglieder der Revolutionären
Zellen und Bewegung 2. Juni beteiligt waren, schreibt sie, erst später
habe sie die "Antisemitis-musproblematik" verstanden. Aber
was hat sie verstanden? Die Diskussionen innerhalb der RAF - was war
wichtig und hat sie weitergebracht? Hat sie irgend etwas dazu beigetragen?
Was hat sie über die Aktionen der RAF gedacht, was denkt sie heute?
Die Politik und Strategie der RAF, die Veränderungen und Erweiterungen,
die darin stattgefunden haben - wie hat sie sich damit auseinandergesetzt
- und wie bewertet sie das heute?
Margrit Schiller hat ihr Buch im Exil geschrieben. Es ist in Deutschland
erschienen und für dieses Land geschrieben. Für Lateinamerika
sicherlich nicht. Da würde erst recht niemand diese Haltung, keiner
will es gewesen sein und eigentlich war es eine fortgesetzte Leidensgeschichte,
verstehen. Welchen Grund mag es geben, aus 15jähriger Entfernung
diesen unvollständigen "Lebensbericht in einem Land
erscheinen zu lassen, mit dessen Auseinandersetzungen man nichts mehr
zu tun hat?
Selbständigkeit
und Verantwortung sind Begriffe emanzipatorischer Politik. In ihrer
Autobiografie übernimmt Margrit Schiller keine Verantwortung für
sich und den Kampfprozeß, dem sie sich angeschlossen hat. Sie
leidet, daß sie Hungerstreiks abbrach, aber was es bedeutete aus
einer Aktion auszusteigen, kennzeichnet sie nicht. Sie leidet, daß
der Versuch des Neuaufbaus der RAF daran scheiterte, dass sie und ihre
Gruppe monatelang vom Verfassungsschutz observiert und dann auf einen
Schlag verhaftet wurde. Aber was das heißt...? Die Dimension wird
in dem Buch nicht deutlich. Erst recht nicht, dass das nicht nur sie
betraf, sondern Dutzende weitere (legale) Genossinnen und Genossen,
die sich z.B. in gutem Glauben mit der RAF trafen, oder ihre Ausweise
zur Verfügung stellten, die dann kofferweise den Behörden
in die Hände fielen.
Vielleicht ist es diese Haltung, für nichts wirklich verantwortlich
zu sein, die Andreas Baader, wie in dem Buch beschrieben, zur Weißglut
brachte. Auch in der Auseinandersetzung mit der Hamburger Gefangenengruppe,
zu der Margrit Schiller ab 1974 gehörte und die RAF-intern zynisch
"Gehirnwäschekollektiv" genannt wurde. Oder der Unmut
von Ulrike Meinhof als sie Margrit Schiller bei einer Begegnung den
Entwurf der später erschienenen RAF-Schrift "Konzept Stadtguerilla"
zu lesen gab und Auseinandersetzung und Kritik hören wollte, aber
nicht zu hören bekam.
Auch als Verlagsprojekt
ist das Buch kein Beitrag zur Geschichte der RAF. Der konkret-Verlag
hat eine schlampige Arbeit abgeliefert. Einige Personen und Ereignisse
werden von Margrit Schiller erwähnt, an die sich heute nur wenige
erinnern. Gemessen an dem formulierten Anspruch hätte zumindest
der Verlag die historischen Bezüge und Daten aufschlüsseln
müssen. Der angehängte Kalender und das Glossar einiger Personen
und Begriffe ist untauglich, zudem teilweise falsch (wie zur Bewegung
2. Juni).
Margrit Schillers
Erinnerungen sind nicht das erste biografische Buch über die westdeutsche
Stadtguerilla. So wie auch Irmgard Möller, Till Meyer, Inge Viett,
Ralf Reinders und Ronald Fritzsch hat auch Margrit Schiller mittels
persönlicher, mehr oder weniger gelungener Reflektion letztlich
die kollektive Geschichte der Stadtguerilla individualisiert. Es ist
deutlich: Das Buch über die RAF oder die Bewegung 2. Juni, oder
allgemein den bewaffneten Kampf, muss noch geschrieben werden. Aber
es kann aufgrund der, nicht nur in diesem jüngsten Buch zu Tage
tretenden Zerstörung des kollektiven Bewusstseins und dessen Aufspaltung
in die individuelle Erinnerung wohl nicht mehr erarbeitet werden. Was
bisher erschienen ist und zukünftig noch erscheinen wird, ist auf
eine bestimmte Art "Legitimationsliteratur". Also eine "Erinnerung",
die letztlich dazu dient den - privaten, nicht gesellschaftlichen -
aktuellen Zustand zu erklären, sich aber nicht an das erinnert,
was "wirklich" war. Dies leistest keines der erschienenen
"authentischen" Bücher über die Stadtguerilla. Aber
individuell geht das auch nicht; das ist der Widerspruch, nicht nur
wie ihn Benjamin benennt, sondern wie ihn die RAF ins "kollektive
Gedächtnis der Unterdrückten" geschrieben hat.
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