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Chronik
2000
Zur
Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter/innen
Täterschutzprogramm für die
deutsche Industrie
von Korbinian Pfeifer
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KZ
Birkenau: Häftlinge nach dem Appell
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Wer
marschiert hinter dem ersten Tank?
Das ist der Dr. Rasche von der Dresdner Bank.
Dieser
schmeichelhafte Vers, den er von seinen Kunden vernommen
hatte, schickte der Krefelder Filialdirektor der Dresdener Bank im Herbst
1943 an sein Vorstandsmitglied Karl Rasche in die Zentrale nach Berlin.
Vier Jahre zuvor hatten tschechische Widerstandskäm-pfer/innen
den Vers als Refrain zu einem Spottlied gereimt - bei der Besetzung
Prags durch die Wehrmacht am 15. März 1939 war Dr. Rasche für
das Protektorat Böhmen und Mähren zuständig
und betrieb die Übernahme tschechischer Bankinstitute
durch die Dresdner Bank.
Das
einzige Kapital, das wir damals hatten, waren die Menschen.
Dr.
Gerd Tacke, der erste Vorsitzende der Siemens AG nach dem 2. Weltkrieg,
zu der Verdoppelung des Umsatzes der Siemens AG von 964 auf 1.812 Millionen
Reichsmark von 1939 bis 1944. Der Konzern hielt sich während des
Krieges etwa 70.000 Fremd- und Zwangsarbeiter/innen sowie KZ-Häftlinge
zur Sklavenarbeit.
Endlich
sei bei der Zwangsarbeiter-Entschädigung der Durchbruch in Washington
geschafft, verkündeten die meisten deutschen Medien kurz nach Pfingsten
2000 mit grosser Erleichterung: Die US-Regierung sichert durch ein Statement
of Interest der deutschen Industrie Rechtssicherheit gegen weitere
Sammelklagen von NS-Verfolgten zu. Bei den Gesprächen wurde außerdem
die Abmachung bekräftigt, dass die deutschen Firmen erst dann zu
Zahlungen verpflichtet sind, wenn die gegen sie vor US-Gerichten anhängigen
Verfahren zusammengeführt und einvernehmlich zurückgezogen
werden. Das Signal dieses Präzedenzfalls ist deutlich: Weitere
Klageversuche sollen keine Chance bekommen.
Mit
ihrer Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft
ist den Firmen und Banken damit im Schulter-schluss mit der rot-grünen
Bundesregierung ein großer Coup gelungen, eine perfekt inszenierte
Schlussstrich-debatte: Deutschland befreit sich mit Almosen von seinen
gesamten Kriegsschulden, schafft dabei Rechtssicherheit für die
Täter-Firmen und verweigert zugleich den NS-Verfolgten einen generellen
Rechtsanspruch auf Entschädigung. Vom Tisch ist die Drohung von
Sam-melklagen und Boykott gegen deutsche Firmen in den USA - und damit
das einzige reale Druckmittel, das über 50 Jahre nach dem Zweiten
Weltkrieg erstmals eine Entschädigung für die Ausbeutung von
Zwangsarbeitern in der NS-Zeit realistisch werden ließ. Erst im
Zuge des Schweizer NS-Raubgold-Skandals geriet zunehmend auch die deutsche
Industrie ins Kreuzfeuer der Kritik: Jetzt hätten die Sammelklagen
von NS-Opfern real die Enteigung ihrer Vermögenswerte in den USA
zur Folge haben können - eine juristische Variante des US-Rechts.
Denn weder die Linke in Deutschland hatte bisher die Entschädigung
für NS-Unrecht auf die Tagesordung gesetzt, noch hatte bis zum
Ende des kalten Krieges die USA ein Interesse daran, ihren Juniorpartner
im Kampf gegen den Ostblock mit der NS-Geschichte zu konfrontieren.
Das änderte sich natürlich, seitdem man auch wieder in direkter
Konkurrenz steht.
Mit
der lächerlichen Summe von 10 Milliarden Mark (fünf vom Staat,
fünf von der Wirtschaft) sollen jetzt nicht nur alle Ansprüche
und Forderungen der NS-Zwangsarbeiter/innen abgegolten sein, sondern
der deutsche Staat und seine Kapitalisten kaufen sich damit von jedem
Unrecht und allen Verbrechen aus der NS-Zeit frei. Denn Zweck
der Stiftung ist es.... Leistungen an ehemalige Zwangsarbeiter und von
Arisie-rung oder anderem Unrecht aus der Zeit des Nationalsozialismus
Betroffene bereitzustellen.
Reparationszahlungen
an die überfallenen Länder wird es keine mehr geben. Und:
Wenn der Fond leer ist, ist sowieso Schluss. Denn: Die Stiftung
... soll die Diskussion über weitere Maßnahmen beenden und
allen Beteiligten Rechtsfrieden einräumen. Daher übernimmt
die Stiftung alle möglichen Ansprüche aus nationalsozialistischen
Unrechtsmaßnahmen. Ansprüche gegen Dritte werden mit Inkrafttreten
des Gesetzes ausgeschlossen. Zehn Milliarden für einen
Krieg, in dem 60 Millionen Menschen starben und Deutschland die halbe
Welt verwüstet hat. Allein den Zwangsarbeiter/innen schulden deutsche
Firmen und die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des
Dritten Reiches nach einer Berechnung der Bremer Stiftung für Sozialgeschichte
allein für den geraubten Lohn eine Summe von 180,5 Milliarden Mark.
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| Ankunft
von Ostarbeiterinnen in Wiesbaden |
Da
die Firmen ihre Beiträge aber auch noch von der Steuer absetzen
können, zahlen sie letztlich nur 2,5 Milliarden Mark - und damit
sogar weniger als allein die Schweizer Banken den Hinterbliebenen von
Holocaust-Opfern gezahlt haben. Dass die deutsche Wirtschaft das Verhandlungsergebnis
in Washington kurz nach Pfingsten begrüßt, ist also kein
Wunder. Allein die deutsche Bank sollte eigentlich rund 27 Milliarden
Mark an geraubten Vermögenswerten an Holocaust-Opfer zurückgeben.
So wurde es auf einer internationalen Konferenz 1998 in Washington ursprünglich
festgelegt. Im jetzigen Abkommen sind nur noch rund eine Milliarde Mark
für den Komplex Arisierungen vorgesehen - 200 Millionen
Mark will die Deutsche Bank in den Fond einzahlen, das kann man wirklich
einen guten Deal nennen. Auch die Allianz-Versicherung spart jetzt viel
Geld: Sie hatte viele tausende NS-Verfolgte um ihre Versicherungspolicen
betrogen. Auch dieser Bereich soll durch den Fond beglichen werden.
Bereits
die Präambel der Stiftungsinitiative hatte letztes Jahr klargestellt:
Rechtsansprüche gegen deutsche Unternehmen im Hinblick
aus Zwangsarbeit und Verfolgung während der NS-Zeit bestehen nicht.
Weiter heißt es, so die Wiederholung der Lüge der Verteidiger
in den Kriegsverbre-cherprozeßen gegen die Wirtschaftsbosse in
Nürnberg 1947/48: Deutsche Unternehmen waren ... in das
NS-Regime und damit auch in das von ihm ausgelöste Unrecht eingebunden.
Dabei gingen nationalsozialistische Verfolgung und Zwangsarbeit vom
NS Staat aus. Unmissverständlich haben die deutschen
Kapitalisten klar gestellt: Die Stiftung beabsichtige freiwillige
Leistungen zu zahlen. Verpflichtet sei man dazu natürlich
nicht.
55
Jahre nach dem Krieg diktiert Deutschland die Bedingungen und degradiert
alle NS-Opfer zu Bittstellern ohne Recht und Anspruch.
Bis heute lehnen die Vetreter von Konzernen und Banken jegliche Verantwortung
für die NS-Zwangsarbeit ab, weisen den Vorwurf von Lohnraub
zurück und verweigern jegliches Schuldeingeständnis. Eine
Entschuldigung an die Opfer ist von ihnen nicht zu haben. So konsequent
wie sich deutsche Firmen und Konzerne an dem Extra-Lohn-Gewinn durch
die Ausbeutung der Zwangsarbeiter bereichert haben, so konsequent haben
sie individuelle Ansprüche und Forderungen ihrer ehemaligen Zwangsarbeiter
bis heute stets abgelehnt. Millionen sind leer ausgegangen, einmal ganz
abgesehen von der gestohlenen Lebenszeit, die ihnen niemand
wieder geben kann.
Mit
den Ausreden der Firmen räumt der Münchner Historiker Andreas
Heusler gründlich auf: Es ist eine Legende, daß
die Firmen zum Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter gezwungen worden
wären.
Nicht die Behörden sind auf die Firmen zugegangen. Es galt genau
der umgekehrte Fall. Firmen haben vom Arbeitsamt gefordert: Wir
brauchen möglichst viele Arbeitskräfte, möglichst qualifizierte
und möglichst sofort und heute. Ich kenne aus den Quellen keinen
einzigen Fall, wo sich Firmen geweigert haben, Zwangsarbeiter zu nehmen.
Im Gegenteil gab es das permanente Lamento: Wir haben zu wenig
Arbeiter.
Die
Firmen rissen sich um die Zwangsarbeiter/innen, die sie bei der SS schriftlich
mit ausführlicher Begründung beantragen mussten. Allein im
damaligen Deutschen Reichsgebiet gab es mehr als 20.000 Lager. Allein
Berlin gab es rund 500 Lager, in München 407 - ein unübersehbares
Lagernetz.
Durch
unsere Fabrikate, das Kraftfahrzeug und den Flugmotor, sind wir aufs
engste verbunden mit den Sodaten an der Front. Auch im neuen Geschäftsjahr
gehört ihnen unser Vertrauen und unsere Arbeit im Kampf um den
Sieg Deutschlands, erklärte der BMW-Vorstand 1940. Aufs
engste verbunden mit einer permanent steigenden Profitkurve war für
BMW vor allem die Ausbeutung von ausländischen Zwangsarbeiter/innen,
KZ-Häftlingen, und Kriegsgefangenen: Zwischen 1933 und 1942 stieg
der Umsatz von etwa 20 auf knapp 600 Millionen Reichsmark - die Anzahl
von Zwangsarbeitern an der Belegschaft steigerte sich bis 1944 auf über
53 Prozent, davon allein über 8000 Häftlinge aus dem KZ-Dachau.
Und BMW ist nur ein Beispiel.
Zu
den enormen Profiten deutscher Industrieunternehmen und Banken durch
die Ausbeutung von Millionen von Zwangsarbeitern kommt dazu: Die deutsche
Kriegswirtschaft mit all ihrer Modernisierung und Effizienzsteigerung
hat eine stabile Grundlage für den Nachkriegsboom geschaffen.
Schaut man sich die Umsatz- und Profitkurven deutscher Großunternehmen
von BMW, Siemens bis zu Daimler Benz an, kommt man zu einem einfachen
Schluß: Am Krieg haben sie verdient und so mancher Konzern ist
erst so richtig groß geworden im und durch den Nationalsozialismus.
Von
den einst 12-20 Millionen Zwangsarbeiter/innen leben heute noch rund
2,4 Millionen. Wer seine Ansprüche nachweisen kann, wird wohl im
Durchschnitt 3.200 Mark erhalten. Entgegen den ansonsten geltenden Regelungen
des Bürgerlichen Gesetzbuches findet eine Vererbung von Ansprüchen
verstorbener Zwangsarbeiter nicht statt. Das betrifft fast 90 Prozent
der Zwangsarbeiter/innen.
Von Ansprüchen generell ausgeschlossen sind auch alle Kriegsgefangenen,
die zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Auch fast alle in der Landwirtschaft
eingesetzten Zwangsarbeiter werden leer ausgehen (eine Entschädigung
ist zwar grundsätzlich möglich, obliegt aber den Opferverbänden
der einzelnen Länder und reduziert damit die Zahlungen an die anderen
Zwangsarbeiter).
Von
den 200.000 angeschriebenen Firmen beteiligen sich bisher überhaupt
nur 1 Prozent am Stiftungsfond. Die fünf Milliarden Mark, die sie
beitragen sollen, entsprechen noch nicht einmal 0,5 Prozent ihrer Gewinne
(nicht Umsätze!) aus dem Jahr 1999 (1.312,30 Milliarden Mark).
Am 6./7. Juli plant der Bundestag endgültig die Verabschiedung
des Stiftungsgesetzes: Dann erhalten die Täter absolute Rechtssicherheit.
Und die soll in Zukunft auch für jene Firmen gelten, die noch nicht
einmal einen Pfennig in den Fond eingezahlt haben. Die Opfer erhalten
dafür keinen Rechtsanspruch. Stattdessen müssen alle Zwangsarbeiter/innen
bereits bei ihrer Antragsstellung eine offizielle Verzichtserklärung
unterschreiben, um Zahlungen aus dem Stiftungsfond zu erhalten: ...auf
jede weitere Innanspruchnahme ... (wird) unwiderruflich verzichtet.
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24.2.2000:
Protestaktion vor der Siemens-Hauptversammlung in der Münchener
Olympiahalle
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Damit
sollen z.B. die noch 7.000 Einzelverfahren, die neben den Sammelklagen
in den USA, meist bei deutschen Amtsgerichten gegen die ehemaligen Profiteure
der NS-Zwangsarbeit geführt werden, ebenso aus der Welt geschafft
werden, wie Klagen wegen Arisierungen gegen die Deutsche Bank, wegen
Nichtauszahlung von Versicherungspolicen, Tötung von Kindern von
Zwangsarbeiter/innen und Menschenversuche in KZ's. Ob das ohne Protest
vor sich gehen kann, wird auch von der Unterstützung solcher Initiativen
von NS-Verfolgten durch linke Projekte abhängen.
Stellt
sich natürlich die Frage: Wie ist Deutschland dieser Deal gelungen:
In den Verhandlungen hat die Industrie ihre Macht ausgenützt.
Das Argument der Wirtschaft und der Banken war: Wenn Ihr jetzt keine
Kompromisse macht, sterben Euch die Kläger sowieso weg, so
der Münchner Rechtsanwalt Michael Witti in der SZ, der gemeinsam
mit amerikanischen Anwälten tausende NS-Verfolgte durch Sammelklagen
vertritt und an den Verhandlungen teilgenommen hat. Weitere Ansprüche
seien schlicht negiert und rausgedrückt worden. Deshalb
kündigte Witti noch am Abend des Durchbruchs weitere
Klagen an. Denn: Andere Ansprüche bleiben bestehen gegen
Banken aus Konten, die in Osteuropa in anderen Währungen als Reichsmark
bestanden. Außerdem geht es um Arisierungen durch die
SS.
Und
die US-Anwältin Deborah Sturman erklärte Anfang 2000 in einem
Interview mit dem Journalisten Conrad Schuhler: Wir haben dem
Vergleich zum Schluss auch deshalb zugestimmt, weil wir unter enormen
Druck von Seiten der US-Regierung und der israelischen Regierung standen.
Diese waren der Meinung, die deutschen Firmen würden nicht weiter
verhandeln und die Stiftungsinitiative auflösen. Das hätte
endlose Verzögerungen herbeigeführt, was es uns unmöglich
gemacht hätte, den schon sehr alten Opfern zu helfen.
Aber ob, wann und wieviele Zwangsarbeiter/innen ihr Geld bekommen, ist
auch nach dem Pfingst-Durchbruch weiter unklar. In diesem
Jahr wird es voraussichtlich nichts mehr werden. Und bis Anfang Juli
sind auch noch nicht Mal, wie grossspurig verkündet, die lächerlichen
fünf Milliarden im Fond-Topf.
1943
regte die BMW-Firmenleitung bei der Gestapo als abschreckendes Beispiel
gegen Sabotage die Erschiessung sowjetischer Kriegsgefangener
vor versammelter Mannschaft an, was diese Sabotagefälle
schlagartig zum erlöschen bringen würde - Die Zwangsarbeiter
hatten aus Abfallmaterialien Waren für den Schwarzmarkt hergestellt,
um nicht zu verhungern - für BMW ein klarer Fall von Sabotage und
Diebstahl.
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