.: Hallo :.

Friday, den 03.09.2010 - 00:46



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 33-38
Wole Soyinka: Der Häftling
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]

N a c h t a s y l
KULTUR & SO

Wole Soyinka - ein HörspielDer Häftling - The Detainee

Wole Soyinka, 1934 im westnigerianischen Abeokuta geboren, ist einer der bekanntesten afrikanischen Autoren. Er studierte Literatur- und Theaterwissenschaft in Nigeria und Großbritanien - der damaligen Kolonialmacht - und arbeitete in London als Dramaturg. 1960, nach der Unabhängigkeit Nigerias ging Wole Soyinka in sein Land zurück, wurde Dozent, später Professor. Mehrfach mußte er während der verschiedenen Militärdikaturen ins Exil. 1986 erhielt Wole Soyinka den Literatur-Nobelpreis.

Wole Soyinka hat sich nicht nur literarisch zu den politischen Vorgängen in Nigeria geäußert. Beispielsweise rief er 1995 zum Boykott Nigerias auf, nachdem der damalige Diktator Sani Abacha den Sprecher der Ogoni-Bewegung, Ken Saro Saro Wiwa und acht weitere Aktivisten hinrichten ließ.

Im Hörspiel wie im Buch „Der Mann ist tot“ verarbeitete Wole Soyinka eigene Gefängniserfahrungen. Im August 1967, während des sog. Biafra-Krieges (1967-1970) wurde Soyinka verhaftet und für 27 Monate in Isolationshaft im Gefängnis von Kadunda gesteckt.

Das hier veröffentlichte Hörspiel folgt der Fassung, die der WDR II am 20. April 1968 ausstrahlte. Regie hatte H.W. Schwarz; Gerd Baltus und Wolfgang Wahl waren die Sprecher.

 

KONU: (Normaler Tonfall, sachlich feststellend) Du bist dick geworden, Zimole.

ZIMOLE: Konu, das hast du jetzt schon ein dutzendmal gesagt.

KONU: Aber du bist tatsächlich dick. Ich hatte dich kaum erkannt.

ZIMOLE: Ich bin's aber trotzdem, daran brauchst du nicht zu zweifeln.

KONU: Oh, ich erkenne dich wieder. Wahrscheinlich hattest du schon immer eine Anlage zum Dickwerden... Ich meine nicht einfach dick, sondern ... richtig dick ... Ich meine... Wie gesagt, wahrscheinlich hattest du schon immer eine Anlage zum Dickwerden, und in diesem Sinne meine ich, dass du...

ZIMOLE: Konu, bitte!

KONU: Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen. Deshalb versuche ich dir das ja auch zu erklären. Das hört sich jetzt vielleicht so an, als würde ich noch immer weitermachen, aber wirklich, wenn man dich so sieht! Ich ...

ZIMOLE: Ich hab' doch gesagt, lass' es gut sein, lass' es gut sein, ja? Reden wir von wichtigeren Dingen Reden wir nicht mehr von mir.

KONU: Du brauchst nicht zu glauben, der Aufenthalt hier hätte meinem Verstand geschadet. Du scheinst so etwas zu vermuten, das sehe ich dir an. Oh, ich weiss, ich schweife manchmal vom Thema ab, das kommt daher, dass ich sonst nur mit mir selbst rede. Aber im übrigen kann ich mich sehr gut konzentrieren. Vielleicht sogar noch besser als früher.

ZIMOLE: Nein, das habe ich bestimmt nicht gedacht. Du machst einen durchaus normalen Eindruck. Sogar einen besseren, als ich zu hoffen gewagt hatte. Man hört da ... so Sachen, weisst du...

KONU: Wieso „hört“? Weisst du nur vom Hörensagen davon, Zimole? Bist du nicht davon unterrichtet?

ZIMOLE: Nein, Konu, das bin ich nicht.

KONU: Nein? Na ja, mach' ruhig weiter. Was weiss ich nicht?

ZIMOLE: Die Wahrheit. Hm ja - wenn man so hier sitzt und, sich mit dir unterhält, da vergisst man ganz, dass du ... schon so lange ... in Haft gehalten wirst.

KONU: Dann ist es also jetzt anders? Sonnt sich ein Anderer in den hellsten Strahlen der 'Fackel'?

ZIMOLE: Du bist schon so lange fort, Konu ... länger als ich mich erinnern kann.

KONU: (nachdenklich) Die 'Fackel' hat es weit gebracht, nicht wahr? Seit jenen ersten verworrenen Träumen damals, in einem Londoner Wohnschlafzimmer. Was ist mit dir ? Wer hat dich verdrängt aus dem ... dem Zentrum der Gunst unseres Allerhöchsten?

ZIMOLE: (erregt) Musst du den immer wieder von mir anfangen! Ich bin schliesslich hierher gekommen, weil ich dich sehen wollte.

KONU: Na und? Jetzt hast du mich gesehen. Hast mich besucht, zu ersten Mal seit fünf Jahren. Was weiter?

ZIMOLE: Wir sollten jetzt nicht streiten. Dazu bin ich nicht hergekommen.

KONU: Mir soll's recht sein. Aber ich will auch nicht, dass wir von mir sprechen.

(Kurze Pause)

ZIMOLE: Deiner Familie - deinen Kindern geht es gut.

KONU: Ja - besonders Taluba.

ZIMOLE: Du hast davon gehört?

KONU: Man erfährt so manche Neuigkeiten hier, sie entsprechen nicht immer den Tatsachen, aber doch meistens ... vor allem in privaten Dingen, da stimmen sie immer.

ZIMOLE: Mir tut diese Sache sehr leid.

KONU: Was willst du? Wenn es eine gewöhnliche Haftstrafe wäre, ja, dann wäre das leichter. Sogar bei Lebenslänglich weiss man eher, wo man dran ist. Da kommt man nach soundsoviel Jahren wieder raus. Aber Schutzhaft für unbestimmte Zeit ... Dass da eine Frau wartet, kann sich nur ein Narr einbilden.

ZIMOLE: Es gibt aber Frauen, die es tun.

KONU: Ich würde es von keiner verlangen. Zu ihr sagen: „Warte zehn Jahre auf mich“, ja, das könnte ich, obwohl es töricht wäre. Immerhin, das könnte man sagen. Aber bei unbestimmter Haftdauer ... Soll ich dir etwas sagen, Zimole?

ZIMOLE: Was?

KONU: Ich meine fast, eine Frau muss einen Mann sogar verachten, der sich in eine solche Lage gebracht hat.

ZIMOLE: Was ist das jetzt wieder für eine verrückte Idee?

KONU: Ist sie wirklich so verrückt? Ich sehe, wie sich so eine Frau hinsetzt und sagt: „Was habe ich mir da für einen Mann angeschafft? Was ist das für ein Mann, den man einsperren kann, nur weil es einem anderen Mann gerade gefällt? Und für so lange, wie es diesem Manne passt?“ Na, so kann eine Frau doch denken, oder?

ZIMOLE: Du bist jetzt voller Bitterkeit.

KONU: Oh, verzeih. Ich sollte voller Süsse sein, ich weiss. (Pause) Aber du hast mich von etwas abgebracht. Ich hatte dir etwas sagen wollen ...

ZIMOLE: Was?

KONU: Es wird mir schon wieder einfallen. Es war etwas Wichtiges.

ZIMOLE: (ganz plötzlich) Was war das?

KONU: Was? Wo?

ZIMOLE: Da oben, Da hat sich etwas bewegt.

KONU: Das war sicher am Guckloch. Sie müssen sich doch vergewissern - schliesslich könntest du mir einen Strick zum Aufhängen geben oder ein Messer, mit dem ich dem Wärter nachher die Kehle durchschneide.

(Kurze Pause - Zellentüren werden geöffnet, Schritte, die über den Betonfussboden eines Ganges davonmarschieren)

KONU: Das war wohl die letzte Gruppe heute für den Rundgang im Freien. Hier geht alles schichtweise. Zu viele auf einmal, da könnten sie einen Ausbruchsversuch machen - das muss die Überlegung sein, die dahinter steckt, was meinst du?

ZIMOLE: Aber ihr seid doch nur in Schutzhaft. Ich dachte immer ... Ich meine, man denkt bei so was an ein Lager, so ein Barackenlager, wie es eine Baugesellschaft für ihre Arbeiter aufschlägt. Mit völliger Bewegungsfreiheit innerhalb des Lagers ...

KONU: Also wirklich, Zimole - du wirst mir doch nicht erzählen wollen, dass du so naiv bist!

ZIMOLE: Aber so war es doch geplant! Und ich hatte bisher keinen Grund zu glauben, dass es anders ist. Das schwöre ich dir. Du musst mir glauben. Wir hatten ja sogar Einrichtungen wie eine Friseurstube, ein kleines Kino vorgesehen ...

KONU: Für eure Propagandafilme?

ZIMOLE: Na ja, das hätte sich zweifellos auch ergeben, aber immerhin! Nur nicht das hier - das ist ja wie in einem Gefängnis!

KONU: Du hast lange gebraucht, um das herauszufinden.

ZIMOLE: Ich weiss nicht, wie das diese Formen annehmen konnte. Oder wann. Am Anfang war es jedenfalls nicht so. Ich hatte keine Ahnung, dass ich dich in Gefängniskleidung vorfinden würde und in solcher Umgebung.

KONU: Na ja, so übel ist das gar nicht - die Gefängniskleidung zumindest. Man könnte sagen, unsere Uniform hier ist den Zellen angepasst. Unsere Nationaltracht wäre hier zu unpraktisch. Und es laufen ja auch keine Diplomaten herum, die man mit 'prächtigen Gewändern' beeindrucken könnte die hat die ausländische Presse immer wieder erwähnt, ich erinnere mich noch.

ZIMOLE: Ja ... das wird wohl so sein ...

KONU: (sein Tonfall wird immer knapper und sarkastischer) Wir sind hier kaum die Vereinten Nationen oder auch nur der Sitz der Organisation für Afrikanische Einheit. Wir sind nicht einmal das Gefangenenlager für die Nazi-Kriegsverbrecher ...

ZIMOLE: Gut, gut, lassen wir das jetzt.

KONU: Du siehst also, du brauchst nicht das Gefühl zu bekommen, dass wir mangelhaft gekleidet sind oder so. Wir haben unsere Anzüge genau nach unserer Grösse zurechtgestutzt, oder haben sie doch unseren Umständen anpassen lassen. Wir brauchen keinem leid zu tun, dazu besteht gar kein Grund ...

ZIMOLE: (plötzlich sehr heftig) Aber ich schwöre dir, Konu, wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, dann hätte ich ...

KONU: Ja? Was hättest du dann getan?

(Pause)

ZIMOLE: Na schön. Nichts. Aber versteh doch, Konu, ich lüge dich nicht an. Sogar jetzt gebe ich unsere Idee noch nicht auf. Das Prinzip! Die Notwendigkeit ist völlig unausweichlich. Wir sind ein junger Staat, wir haben es eilig, und es gibt irregeleitete Menschen, die nie begreifen, dass immer Opfer nötig sind, wenn eine Nation etwas erreichen will. (Er erwärmt sich immer mehr für sein Thema.) Die Polizei kann nicht mit allem allein fertig werden. Ihr sind die Hände gebunden durch das, was sie nach den alten Kolonialgesetzen alles nicht tun kann. Die Gerichte sind gelähmt durch diesen Unsinn mit den Anträgen auf Haftprüfung und müssen Leute freilassen, von denen man ganz genau weiss, dass sie nichts anderes im Sinn haben, als den Fortschritt der Nation aufzuhalten. Fortschritt! Fortschritt, keine Haarspalterei und kein Wortgeklingel und keinen pseudoidealistischen Jargon! Einfach Fortschritt! Sich für eine Politik zu entscheiden und darauf zu vertrauen, dass es um den Zweck geht und der Zweck die Mittel heiligen muss ...

(Konu beginnt leise zu lachen)

Ich erwarte gar nicht, dass du anders reagierst. Du hast das Recht, skeptisch zu sein ... Hör doch mal zu, du musst mir nur eines glauben, weiter will ich gar nichts: das hier war nie als Straflager oder so etwas gedacht, nie, niemals.

KONU: Du hast ein sehr kurzes Gedächtnis.

ZIMOLE: Wie meinst du das?

KONU: Diese Rede da eben, die kenne ich Wort für Wort. Oh, vielleicht hast du den Aufbau etwas verändert. Man sieht, dass du inzwischen Erfahrung bekommen hast. Aber ich habe mich sofort wieder ins Parlament zurückversetzt gefühlt und dich vor mir gesehen, wie du dich unter dem alles überragen den Symbol der Fackel für das Schutz-haftgesetz ausgesprochen hast. Du hast so lächerlich gewirkt mit deinem Theater, wie du dich da wie ein ganz billiger Schmierenkomödiant auf dem Podium herumgedreht und gestikuliert hast: 'Diese Fackel, diese Fackel soll ein Fanal sein! Aber wir dürfen keinen Augenblick zögern, sie auch als Feuerbrand zu gebrauchen, um störendes Unterholz anzubrennen!'

(Er kann vor Lachen nicht mehr weiter)

ZIMOLE: Ja, und dann bist du aufgesprungen, um zu protestieren ... war das an der Stelle? ... Ja, ich glaube schon. Du konntest es gar nicht abwarten, das weiss ich noch.

KONU: (der nicht aufgehört hat zu lachen) Ja, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, deine billige Vorstellung sofort auffliegen zu lassen.

ZIMOLE: Wahnsinn! Das war heller Wahnsinn.

KONU: Oh, ich musste erst noch lernen, dass sich Tyrannen keinen Humor leisten können. Er ist die Waffe, vor der sie sich am meisten fürchten.

ZIMOLE: (mit lauter Stimme) Ich war nicht beleidigt! Wenn du glaubst, ich hatte etwas zu tun gehabt mit ...

KONU: Du? Ja, glaubst du denn, ich hätte dich dabei gemeint? Du warst doch schon damals nicht mehr als ein Sprachrohr!

ZIMOLE: Aber du musstest es doch nicht unbedingt so weit treiben. Ich habe mich noch für dich eingesetzt, und da bist du für den Durchführungsausschuss vorgeschlagen worden. Du hättest annehmen sollen.

KONU: Ja, das hast du mir damals geraten. Nach deiner Ansicht hatte ich nur Effekthascherei getrieben, das war meine ganze Sünde. Mein armer Freund, mein treuer Fürsprecher ... sag', kennst du dieses Gedicht eines amerikanischen Negers, ich habe seinen Namen vergessen, aber es geht ungefähr so:
Mein Mund ist weit aufgerissen
Vor Lachen, ja, aber wisst ihr nicht, Dass ich weine?
Ich tanze, ja, aber wisst ihr nicht,
Dass ich auf meinen tanzenden Füssen stehend sterbe?
So ungefähr, jedenfalls, dem Sinne nach ... Horch, da hast du noch mehr tanzende Füsse.

(Schritte kommen den Gang entlang näher: die Gefangenen kehren zurück - die Zellentüren schliessen sich hallend)

ZIMOLE: Soll das heissen, dass sie schon wieder zurück sind?

KONU: Oh, es hat doch genügt. Ein kurzer Abendspaziergang, was kann der Mensch mehr verlangen? Jetzt können sie wieder die Wand anstarren, die Sprünge im Verputz mit den Augen nachfahren. Oder in Haruzais Autobiographie lesen und in seinen Bänden über politische Philosophie - die von seinem Stab von Ghostwriters stammen.

ZIMOLE: Ist das die ganze Lektüre, die man euch hier erlaubt?

KONU: Du brauchst dir nicht die Mühe zu machen, dich in meiner Zelle umzusehen, du wirst sonst nichts finden. Ich schneide mir aus den Seiten Puzzles aus, die ich nachher wieder zusammensetze, zum Zeitvertreib. Sag mal - wann fängt der Mann endlich an, seine Bücher selbst zu schreiben?

ZIMOLE: Wo soll er denn die Zeit hernehmen?

KONU: Dann soll er doch aufhören mit diesem Blödsinn. Sogar ein Kind muss wissen, dass er dieses Zeug nicht selbst geschrieben hat. (Er beginnt wieder leise zu kichern) Ja, ja, aber der Mensch ist eitel, sehr eitel und bestrebt, alles und jedes zu sein.


(Pause)

ZIMOLE: Wie viele seid ihr hier in diesem Lager?

KONU: Wie soll ich das wissen? Das ist Staatsgeheimnis. Wenn ich plötzlich der Welt die Tatsache mitteilte, dass ich in Schutzhaft bin, würde ich wahrscheinlich wegen illegaler Kenntnis geheimer Informationen festgenommen werden.

ZIMOLE: Weshalb ich das gefragt habe ... ehem ... als ich hereinkam, weisst du, und da draussen im Hof herumgegangen bin, da hatte ich das Gefühl, dass mich so viele Augen beobachten. Bis hier herein, nichts als Augen, Augen. Es war ein so leerer und riesiger Raum, endlos, als ich darum herum zu gehen versuchte - ich musste doch warten, bis der Wachtposten seine Kontrolle beendet hatte, und da bin ich aussen herumgegangen. Der Hof ist ganz von dieser glatten Mauer umgeben, nicht wahr? So sinnlos! Ich sehe nicht ein, wofür diese Mauer gut sein soll. Sie war nur beim Haupteingang unterbrochen, durch den ich hereinkam. Ist das der einzige Eingang?

KONU: Ich kann mich nicht erinnern.

ZIMOLE: Du kannst dich nicht erinnern? Gehst du denn nicht mit den anderen auf dem Hof spazieren?

KONU: Ich darf nicht auf den Hof. Ich gehe nur auf den Gängen spazieren, zwischen dieser Mauer, von der du gerade sprichst, und der Vorderfront der Zellen. Das geht in einem eiförmigen Kreis herum. Aber ich sollte vielleicht Oval sagen, nicht wahr? Und das ist alles, was ich zu sehen bekomme. Ich war noch nie auf dem Hof. Aber das macht weiter nichts. Ich könnte dir diesen Hof ganz genau beschreiben. Seine Grösse, die Farbe der Erde, sogar die Art, wie die anderen die Erde festgetrampelt haben bei ihrem Rundgang. Das ist eine meiner Lieblingszerstreuungen - auf die leisen Schritte der andern zu lauschen und mir dabei zu sagen, jetzt sind es zwanzig Füsse, jetzt zwölf? Das ist gewöhnlich die zweite Schicht ... Einmal - ob, das habe ich schon die ganze Zeit mal irgendwem erzählen wollen - einmal hörte ich Schritte, die klangen anders, aber nicht nur so einfach anders, sondern unverkennbar feindlich, trügerisch, ich konnte mir nur denken, dass das Spione waren, die sie unter die Gefangenen geschmuggelt hatten, um herauszubekommen, ob vielleicht irgendwelche Machenschaften im Gange waren ... Ich war überzeugt davon. Und tatsächlich, auf die Schritte folgte Geflüster. Und das war komisch, weisst du, denn beim Rundgang darf nicht geredet werden. Normalerweise hörst du nie etwas ausser den Stimmen der Wärter. Aber was hätte ich tun sollen? Ich konnte die andern nicht warnen. Und wen hätte ich warnen sollen? Man kann ja heute keinem mehr trauen. Nicht einmal seinem eigenen Bruder.

ZIMOLE: Konu! Konu! Um Gottes willen, was starrst du so? Was ist denn mit dir?

KONU: Ich hab' dich ja gar nicht angesehen!

ZIMOLE: Das hab' ich ja auch nicht gesagt.

KONU: Ich hab' dich nicht angesehen. Glaub' nur nicht, dass ich dich angesehen habe.

ZIMOLE: Schon gut, schon gut. Ich habe ja gesagt, ich glaube dir. Ausserdem habe ich dich gar nicht beschuldigt.

KONU: Zimole ...

ZIMOLE: Was?

KONU: Sei jetzt nicht beleidigt, aber wirklich, wie dir das Fleisch da am Hals über den Kragen quillt! Sag mal, musst du denn einen Kragen tragen?

ZIMOLE: Du hast doch versprochen ...

KONU: Ich weiss, ich weiss ... aber der Wärter draussen ... für so jemand wie ihn ... Aber warum sage ich das, für so jemand wie ihn? Woher weiss ich denn, was für ein Mensch er ist? Wir kommen aus verschiedenen Stämmen, und er spricht kein Wort in irgendeiner Sprache ausser in seinem gottverlassenen Dialekt.

ZIMOLE: Was ist mit dem Wärter?

KONU: Was soll mit ihm sein?

ZIMOLE: Du hast doch gerade etwas von ihm erzählen wollen.

KONU: Oh ... ach so ... oh ja ... ja, er ist gar kein bisschen dick. Ein vollkommener Diener des Staates, übrigens, eigentlich wie du, in mancher Beziehung. Er tut genau das, was man ihm sagt ... jetzt unterbrich mich nicht ... bist du ihm nicht draussen begegnet? Er ist eine Nummer für sich. Übrigens hast du Haruzai schon gesehen?

ZIMOLE: Wann? Ich verstehe nicht ...

KONU: Nein, nein, nicht deinen Haruzai, die heilige Fackel. Meinen. Meine kleine Maus. Weisst du, ich glaube nicht an diese Märchen von Gefangenen, die in ihren Zellen Mause gefangen und sich mit ihnen angefreundet haben. Ich muss es ja schliesslich wissen, ich hab's versucht. Na ja, also dieser Wärter, dieser für mich sozusagen taubstumme Wärter, darf montags und dienstags mit mir Würfel spielen und mittwochs Snakes-and-Ladders. Donnerstags ist nichts und freitags auch nicht. Am Samstag kommt er mit einem Transistorradio zu mir herein, und dann hören wir den Kommentar zum Fussballspiel. Am Sonntag kommt er wieder mit seinem Radio herein und stellt die Übertragung eines Gottesdienstes an. Und das wär's. Würfeln, Snakes-and-Ladders, Fussball und Gottesdienst. Er spricht dabei nicht ein Wort.

ZIMOLE: Die Zeit ist fast um, Konu. Ich muss bald gehen.

KONU: Er kommt schon, wenn es so weit ist. Er kommt nie zu spät oder zu früh. Unsere Spiele zum Beispiel dauern genau eine Stunde. Immer genau eine Stunde. Und einmal, als, es beim Fussballspiel eine Verlängerung gab, hat er einfach abgeschaltet und ist hinausgegangen. Einfach so. Offenbar hatte er die Anweisung, eine Stunde und nicht länger. Da kennt er nichts.

ZIMOLE: Konu ...

KONU: Aber ich wollte dir ja von meinem Freund Haruzai erzählen, der kleinen Ratte. Na ja, Maus oder Ratte, ich hab mir da nie den Unterschied gemerkt. Entweder sind afrikanische Ratten einfach dumm, oder afrikanische Gefangene sind noch dümmer. Ich habe mich jedenfalls noch nicht mit dem Kerlchen anfreunden können. Es frisst das Essen, das ich ihm hinlege, und rennt fort. Was hältst du davon?

ZIMOLE: Was soll ich davon halten?

KONU: Na ja, du musst doch eine Theorie haben. (Seine Stimme ist zornig.) Haruzai kommt hier herein, frisst mein Essen und verzieht sich wieder, ehe ich ihm Snakes-and-Ladders beibringen kann. Bin ich dumm oder ist er dumm? Los, antworte oder geh!

ZIMOLE: Ich weiss es nicht.

KONU: Du weisst es nicht? Menschen kann man beibringen, dass sie genau das tun, was man ihnen sagt. Sogar einem Doktor der Philosophie wie meinem Gast Zimole. Warum nicht auch dieser Lagerratte? Seit zwei Jahren versuche ich es jetzt, aber sie will von meinen Plänen nichts wissen.

ZIMOLE: Seit zwei Jahren! Vielleicht war es nicht immer dieselbe Ratte.

KONU: (Bricht in ein langes Lachen aus) Ich sehe, der alte Verstand funktioniert noch. Ist doch noch nicht ganz in dem Fett da erstickt, was Zimole? Weisst du ... sogar dein Schädel ist fett. Ja, fett, wenn du's mir nicht glaubst, drück mal mit den Fingern hinein. Da, siehst du? Komm, gib mir mal deine Hand ...

ZIMOLE: Hör auf damit, Konu!

KONU: Nein ... komm nur, gib mir deine Hand ... so, ja, nur die Finger ... und jetzt drück mal ... na? Was spürst du? Knochen oder Fett, sag, Knochen oder Fett?

ZIMOLE: Schon gut, schon gut, lassen wir das jetzt.

KONU: Jetzt halt sie mal hier drauf. Drück mal bei mir hinein ... so, ja. Fühlst du den Unterschied, ja? Ja? Was hab ich dir gesagt? Nicht, dass du dir deshalb Sorgen zu machen brauchtest? Nein, wie du mit diesem Problem da eben fertig geworden bist - vielleicht ist es nicht dieselbe Ratte - da sieht man, dass der alte Verstand noch tadellos funktioniert. Oh, wir haben schon gewusst, was wir taten, als wir dir damals das Referat Ideologie anvertrauten.

ZIMOLE: Ich muss gehen.

KONU: Eh' die Zeit um ist?

ZIMOLE: Sie muss fast um sein.

KONU: Überlass das schon mir, Zeit kann ich messen mit geschlossenen Augen. Oh, nicht jede Zeit. Nur eine Stunde. Das habe ich dem Wärter zu verdanken. So erweist man sich gegenseitig einen Gefallen. Ich könnte jetzt eine Uhr danach stellen. Weisst du, einmal habe ich nur zur Übung den Moderfleck dort in der Ecke gestoppt, wenn man das so nennen will, hast du ihn schon bemerkt? ... Ich dachte, ich will doch mal sehen, wieviel er in der Stunde grösser wird. Gar nicht so einfach, weisst du, aber ich hab's geschafft. Hab ihn wochenlang beobachtet

ZIMOLE: Konu!

KONU: Was?

ZIMOLE: Bitte, du musst mir jetzt einmal zuhören. Ich ... wollte dich nur fragen, ob ich etwas für dich tun kann.

KONU: Gibt es denn ... etwas ... das du ... für mich tun kannst?

ZIMOLE: Ja. Und bitte, Konu, bitte, sprechen wir jetzt die wenigen Minuten, die uns noch bleiben, davon.

KONU: Bist du ... nur hierher gekommen, um mich das zu fragen?

ZIMOLE: Das ist jetzt nicht wichtig. Bitte, beantworte meine Frage.

KONU: Ich hab's! Erinnerst du dich - ich sagte vorhin, ich hätte etwas vergessen. Ich ... wollte dir sagen, dass ich gehört habe, du kümmerst dich um meine Kinder ... seit Taluba sie verlassen hat.

ZIMOLE: Du brauchst mir nicht zu danken.

KONU: Trotzdem ...

ZIMOLE: Nein, weder jetzt noch später. Du bist mir keinen Dank schuldig.

(Pause)

KONU: Der älteste müsste jetzt etwa

ZIMOLE: Siebzehn ist er jetzt.

KONU: Ja ... siebzehn. Ganz recht. Zwölf war er, als ich ... in das erste Lager kam. Ich habe wahrscheinlich ... an die Kinder gedacht, als ich den ersten Fluchtversuch unternahm. Hab's danach noch zweimal versucht. Jedesmal verpatzt. Ich war nie ein Mann der Tat.

ZIMOLE: Konu, ich muss dir etwas sagen.

KONU: So, wirklich?

ZIMOLE: Vergangene Nacht war wieder ein...

(Stiefel kommen den Gang entlang: noch weit entfernt)

ZIMOLE: Ich hab' dir gesagt, die Zeit ist gleich um. Das muss dein ...

KONU: Nein, unmöglich. Ich sag dir doch, ich habe eine Stunde genau im Kopf, und sie ist noch nicht um.

(Die Schritte kommen näher - es sind unverkennbar mehrere Stiefel)

ZIMOLE: Das ist aber mehr als einer.

KONU: Es sind sechs, wenn du's genau wissen willst.

ZIMOLE: Woher weisst du das so genau?

KONU: Oh, ganz einfach: aus Erfahrung. Jedenfalls, das ist nicht mein Wärter, das sind sechs Paar Stiefel in militärischem Tritt. Und dazu ein Paar Zivilschuhe, das teilnahmslos zwischen ihnen dahinschlurft. Das heisst also - ein neuer Häftling.

ZIMOLE: Ich ... wusste gar nichts von neuen Häftlingen.

KONU: Still!

(Stiefelgetrampel: jetzt ziemlich nah)

KONU: Nein, ich habe mich geirrt. Ich höre den siebten Mann nicht.

ZIMOLE: Du meinst, den Gefangenen?

KONU: Ich höre keinen siebten Mann.

ZIMOLE: Was bedeutet das?

(Die Stiefel machen auf militärische Art halt, aber man hört keinen mündlichen Befehl dazu)

Sie sind stehengeblieben.

KONU: Vor dem Zimmer der Wache. Siehst du, ich kann dir genau sagen, wo sie stehengeblieben sind.

ZIMOLE: Was können sie denn wollen?

KONU: Darauf gibt es nur eine Antwort. Es ist zwar noch nie vorgekommen, wenigstens nicht, seit ich hierher verlegt wurde, aber sie müssen gekommen sein, um einen herauszuholen.

ZIMOLE: Mir ist nichts davon bekannt, dass jemand entlassen werden soll.

KONU: Wer hat denn etwas von Entlassung gesagt? Eine Verlegung, höchstwahrscheinlich. Aber wohin? Das möchte ich gern wissen. Soll das hier nicht euer ausbruchsicherstes Lager sein?

ZIMOLE: Vielleicht ... ja, ich nehme an, das hat mit neuen Sicherheitsmassnahmen zu tun. Es hat ... Unruhen gegeben in der Hauptstadt.

(Stiefelgetrampel näher)

KONU: Horch! Sie marschieren wieder weiter. Und ... oh ... diesmal ist ein siebter Mann dabei.

ZIMOLE: Vielleicht hattest du doch recht. Wahrscheinlich wird ein Häftling verlegt.

KONU: Nein. Ich habe keine Zellentür aufgehen hören ...

(Das Stiefelgetrampel übertönt ihre Stimmen / Genau vor der Konuszelle machen die Stiefel halt / Ein kurzes Schrittgeräusch / Während die Soldaten zu beiden Seiten der Tür Aufstellung nehmen / Dann Schweigen, nur ein einziges Paar Stiefel entfernt sich den Gang hinunter: im Gegensatz zu vorher nur ein Schlurfen)

ZIMOLE: (Er flüstert jetzt.) Aber sie sind ja hier draussen stehengeblieben.

KONU: Und das ist mein Wärter, der da zu seinem kleinen Loch zurückmarschiert. Ich kenne den geistlosen Schritt seiner Stiefel....

(Kurze Pause)

Warum sind sie gekommen, Zimole? Hast du sie mitgebracht? Warum bewachen sie die Tür?

ZIMOLE: Ich ... weiss nicht ... von der Sache. Aber ich habe so meine Vermutung.

KONU: Soll ich verlegt werden?

ZIMOLE: Ich gebe dir mein Wort, ich weiss nichts davon. Hör zu, Konu, was ich dir gerade erzählen wollte ... es hat einen neuen Aufruhr gegeben. Und einen neuen Attentatsversuch auf den Präsidenten.

KONU: (Bricht in ein rauhes Lachen aus.) Und man glaubt, ich hätte das von hier aus organisiert?

ZIMOLE: Nein, ich ... Konu, hör auf!

KONU: (Noch immer lachend, fast hysterisch.) Ach du lieber Gott, und sie haben wieder wie gewöhnlich alles verpatzt, was?

ZIMOLE: (Heftiges Flüstern) Um Gottes willen! Du vergisst die Soldaten draussen vor der Zelle.

KONU: (Noch immer lachend) Dieser Haruzai ist als Glückspilz geboren oder einfach unter Narren auf die Welt gekommen. Ach, Haruzai, wie poetisch ich damals war. 'Die Fackel'. Der Name stammt doch von mir, oder?

ZIMOLE: (brüsk) Ich kann mich nicht erinnern.

KONU: Entweder von dir oder von mir - einer von uns beiden hat den Namen doch erfunden.

ZIMOLE: Was hast du vor, Konu? Sprich doch wenigstens leise!

KONU: Aber du musst dich doch noch erinnern, wie uns diese Inspiration kam! Ja, ich war es, ich weiss es wieder genau, ich war immer die poetische Natur. Immerhin, man könnte sagen, dass auch die schieläugige Wirtin nicht ganz unbeteiligt daran ist. Wenn sie nicht immer geschimpft hätte, wenn bei uns das Licht nachts so lange brannte, und dann die Sicherung herausgeschraubt hätte ... sehr symbolisch, wie? Die Fackel, aus der Dunkelheit heraus geboren, weil dieses Wort im Englischen auch „Taschenlampe“ bedeutet und wir im Schein der Taschenlampe weitergemacht haben ... Sag mal, Zimole, hast du dir schon einmal überlegt, welch grossen Einfluss britische Zimmerwirt-innen auf den afrikanischen Nationalismus auszuüben scheinen? Hm, hast du mal darüber nachgedacht?

ZIMOLE: (mit zorniger Ungeduld)
Ich habe mich noch nicht ernsthaft damit befasst.

KONU: Das solltest du aber. Unbedingt! Hat nicht eine Zimmerwirtin die Nationalhymne von Nigeria geschrieben? Nein, es waren sogar zwei. Die eine hat die Musik geschrieben und die andere den Text. Und wenn unsere Wirtin uns nicht stur das Licht abgeschaltet hätte, hätten wir keine Taschenlampe gebraucht und ich wäre nicht auf die 'Fackel' gekommen. Kein Wunder, dass sie alle zur Unabhängigkeitszeremonie ihre Wirtinnen einladen. Ist dir das auch schon aufgefallen, Zimole?

ZIMOLE: Konu, ich muss dir etwas sehr Wichtiges sagen.

KONU: Haruzai, die Fackel. Eine glänzende Inspiration in jeder Beziehung. Und dann hat sich alles von selbst ergeben. Die Flagge, das Symbol, die Hymne, der Slogan, die Ideologie - alles! Eine braune, dunkelbraune Flagge - kakaofarben, glaube ich, sagten wir damals; und darauf im Umriss die Landkarte des herrlichen Kontinents und in der kleinen Ecke davon, die uns gehörte, die Fackel, deren Strahlen bis in den letzten Winkel dringen und noch weiter auf die Meere hinaus.

(Er bricht wiederum in wildes Lachen aus)

ZIMOLE: (verzweifelt rufend) Du musst mir jetzt zuhören, Konu!

KONU: So, da wäre die Fackel letzte Nacht also beinahe ausgegangen, wie? Da hätten sie die heilige Flamme beinahe ausgepinkelt! Komm, erzähl's noch mal!

ZIMOLE: (müde) Ja, Konu.

KONU: Wie? Was hast du gesagt?

ZIMOLE: Ich sagte 'ja'. Aber sie haben es nicht geschafft.

KONU: (Plötzlich ernüchtert) Oh ja, das sagtest du ... jetzt erinnere ich mich.

ZIMOLE: Konu ... es tut mir leid ...

KONU: Mir auch.

ZIMOLE: Nein, nein, ich versuche dir doch die ganze Zeit beizubringen ... dein Sohn ...

KONU: Eseki!

ZIMOLE: Er wurde heute morgen verhaftet.

(Pause)

KONU: Bist du ganz ... irrst du dich bestimmt nicht?

ZIMOLE: Du vergisst, dass er bei mir gewohnt hat. Heute morgen waren Stiefel auch vor meiner Tür, das ganze Haus war von Soldaten umstellt, und sie haben ihn mitgenommen.

KONU: Und was glaubst du?

ZIMOLE: Du meinst ... ob er tatsächlich in die Sache verwickelt war?

KONU: Ja.

ZIMOLE: Kommt es darauf an?

KONU: Nein ... nein ... wahrscheinlich nicht ...

ZIMOLE: Wenn ... wenn ich irgendetwas für dich tun kann ...

KONU: (Zuerst fast nachdenklich, erhebt sich seine Stimme zu einem bitteren Klagen)
Ratten, Schaben, Abflussrinnen ... Wusstest du, dass ich auf mindestens zweihundert Meter, eine Abflussrinne fliessen hören kann? Und wenn ich so etwas höre, dann frage ich mich immer: wessen Blut fliesst da in der Gosse? Wessen schwarze Farbe ist abgegangen und in diese universale Kloake geronnen, so dass er sich in dem weissen Gesicht darbot, das wir so gern bestialisch nennen?

ZIMOLE: War - es das denn nicht?

KONU: Ja - und ist es noch. Es war sogar eine weisse Hand, die den Befehl unterschrieb, der mich in dieses Höllenloch hier verbannt hat, nicht wahr?

ZIMOLE: Du darfst Haruzai nicht die Schuld geben. Die trifft seine Ratgeber, die Speichellecker um ihn herum, die ihm Lügen erzählen.

KONU: Dein Glaube, Zimole, ist schon rührend.

ZIMOLE: (verzweifelt) Die Idee ist noch immer gültig. Sie ist noch immer erhaben und gross. Was uns vorschwebte und wofür wir kämpfen, war eine gute Sache. Und wir hatten uns auch den richtigen Mann zum Führer gewählt.

KONU: Wenn nur die Kolanuss nicht gewesen wäre.

ZIMOLE: Wieso? Was soll das heissen?

KONU: Dieser andere junge Mann ... ich glaube, er kam aus Nigeria ... erinnerst du dich noch an sein Lieblingsgebet? Möge die Kolanuss der Macht unsere Backen schwellen, doch nicht unsere Köpfe; soll sie unsere Zähne rot färben, doch nicht unsere Hände ... erinnerst du dich jetzt?

ZIMOLE: Ja. Und an seine Definition.

KONU: Daran erinnere ich mich nicht mehr.

ZIMOLE: Macht, hat er immer gesagt, sollte so bitter sein wie die Kolanuss, man dürfe nur von ihr kosten, sich aber nicht an ihr mästen.

KONU: Ja, langsam fällt einem alles wieder ein

ZIMOLE: (in scharfem Ton) Dein Sohn ist über sechzehn, Konu.

KONU: (ruhig) Ich weiss. Sie können ihn aufhängen.

ZIMOLE: Ich kenne ihn eigentlich überhaupt nicht; er ist nie aus sich herausgegangen. Hat nur sehr wenig gesprochen. Ich durfte heute morgen nicht mehr mit ihm sprechen, so dass ich dir nicht einmal sagen kann, was ich selbst vermute. Mein erster Gedanke war sogar, es handelt sich um eine Intrige, die mich endlich zu Fall bringen soll. Die letzten zwei Jahre habe ich einiges mitgemacht.

KONU: Was auch geschieht, begib dich nicht in Gefahr. Wenn nötig, denunziere ihn. Wenn er mein Sohn ist, wird er schon begreifen.

ZIMOLE: Du meinst, so, wie auch du begreifst.

KONU: Reden wir jetzt nicht davon. Was ich sagen will, ist dies: wenn er irgendwie in diese Sache verwickelt war, wusste er, was er tat. Versuch nicht, ihn in Schutz zu nehmen. Er wird nichts bedauern.

ZIMOLE: Warten wir ab.

KONU: Wir alle tun, was wir tun wollen - was wir glauben, tun zu müssen, solange wir den Mut dazu haben. Wenn mein Sohn diesen Mut hatte, kann er auch ertragen, was ihm bevorsteht. Begib dich seinetwegen nicht in Gefahr.

(Die Schritte des Wärters nähern sich)

KONU: Da kommt mein pflichtbewusster Freund. Deine Zeit ist um.

ZIMOLE: (drängend) Was ich dich fragen wollte - soll ich die Kinder ausser Landes schicken? Jetzt kann ich das noch ohne Schwierigkeit. Später ist es vielleicht nicht mehr so einfach. Ich gerate selbst allmählich auf die Abschussliste, und jetzt noch diese Geschichte ... schliesslich war Eseki mein Pflegesohn ...

KONU: Gib sie zu Verwandten, aber schick sie nicht ausser Landes.

ZIMOLE: Das kann nicht dein Ernst sein. Das ist typisch deine Sturheit.

KONU: Nein. Sie können nicht mehr bei dir bleiben, das ist klar. Um deiner eigenen Sicherheit willen, meine ich. Aber sie müssen hier bleiben, im Land.

ZIMOLE: Überleg doch! Um Gottes willen, überleg es dir genau. Es wäre gut, wenn sie nicht hier sind, wenn es zum Schlimmsten kommt. Lass sie draussen aufwachsen, wo ein wenig Freiheit herrscht, und nicht in dieser ... dieser Hölle!

KONU: (sehr ruhig) Nein, wenn es zum Schlimmsten kommt, müssen sie hier sein. Sie sollen ruhig erfahren, was Furcht ist, dann können sie sich entscheiden, ob sie gegen die Furcht ankämpfen oder mit ihr leben wollen. Ich möchte, dass sie alle diese Wahl haben. Schick sie nicht ausser Landes, Zimole. Wenn du das tust, dann komm mir nicht mehr unter die Augen.

ZIMOLE: Wie du willst.

KONU: So weit ich überhaupt noch etwas wollen oder wünschen kann, bitte ich dich: lass sie hier.

ZIMOLE: Also gut.

KONU: Und jetzt ist deine Stunde um. (Er kichert plötzlich wieder leise.)

ZIMOLE: Was ist?

KONU: Entschuldige, ich muss dich wohl wieder angestarrt haben. Also dein Nacken, dieses Fett! Das ist wirklich ein Bild!

ZIMOLE: Lebwohl, Konu.

(Ein dumpfes langgezogenes Geräusch von Metall / Türen die zugezogen werden / Ein dumpfes Klirren und ein Riegel werden vorgeschoben / Ein Laut, der etwas sehr Endgültiges hat)

ENDE


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!