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N
a c h t a s y l
KULTUR
& SO
Wole Soyinka
- ein Hörspiel Der
Häftling - The Detainee

Wole Soyinka, 1934
im westnigerianischen Abeokuta geboren, ist einer der bekanntesten afrikanischen
Autoren. Er studierte Literatur- und Theaterwissenschaft in Nigeria
und Großbritanien - der damaligen Kolonialmacht - und arbeitete
in London als Dramaturg. 1960, nach der Unabhängigkeit Nigerias
ging Wole Soyinka in sein Land zurück, wurde Dozent, später
Professor. Mehrfach mußte er während der verschiedenen Militärdikaturen
ins Exil. 1986 erhielt Wole Soyinka den Literatur-Nobelpreis.
Wole Soyinka hat
sich nicht nur literarisch zu den politischen Vorgängen in Nigeria
geäußert. Beispielsweise rief er 1995 zum Boykott Nigerias
auf, nachdem der damalige Diktator Sani Abacha den Sprecher der Ogoni-Bewegung,
Ken Saro Saro Wiwa und acht weitere Aktivisten hinrichten ließ.
Im Hörspiel
wie im Buch Der Mann ist tot verarbeitete Wole Soyinka eigene
Gefängniserfahrungen. Im August 1967, während des sog. Biafra-Krieges
(1967-1970) wurde Soyinka verhaftet und für 27 Monate in Isolationshaft
im Gefängnis von Kadunda gesteckt.
Das hier veröffentlichte
Hörspiel folgt der Fassung, die der WDR II am 20. April 1968 ausstrahlte.
Regie hatte H.W. Schwarz; Gerd Baltus und Wolfgang Wahl waren die Sprecher.
KONU: (Normaler
Tonfall, sachlich feststellend) Du bist dick geworden, Zimole.
ZIMOLE: Konu, das
hast du jetzt schon ein dutzendmal gesagt.
KONU: Aber du bist
tatsächlich dick. Ich hatte dich kaum erkannt.
ZIMOLE: Ich bin's
aber trotzdem, daran brauchst du nicht zu zweifeln.
KONU: Oh, ich erkenne
dich wieder. Wahrscheinlich hattest du schon immer eine Anlage zum Dickwerden...
Ich meine nicht einfach dick, sondern ... richtig dick ... Ich meine...
Wie gesagt, wahrscheinlich hattest du schon immer eine Anlage zum Dickwerden,
und in diesem Sinne meine ich, dass du...
ZIMOLE: Konu, bitte!
KONU: Entschuldige,
ich wollte dich nicht beleidigen. Deshalb versuche ich dir das ja auch
zu erklären. Das hört sich jetzt vielleicht so an, als würde
ich noch immer weitermachen, aber wirklich, wenn man dich so sieht!
Ich ...
ZIMOLE: Ich hab'
doch gesagt, lass' es gut sein, lass' es gut sein, ja? Reden wir von
wichtigeren Dingen Reden wir nicht mehr von mir.
KONU: Du brauchst
nicht zu glauben, der Aufenthalt hier hätte meinem Verstand geschadet.
Du scheinst so etwas zu vermuten, das sehe ich dir an. Oh, ich weiss,
ich schweife manchmal vom Thema ab, das kommt daher, dass ich sonst
nur mit mir selbst rede. Aber im übrigen kann ich mich sehr gut
konzentrieren. Vielleicht sogar noch besser als früher.
ZIMOLE: Nein, das
habe ich bestimmt nicht gedacht. Du machst einen durchaus normalen Eindruck.
Sogar einen besseren, als ich zu hoffen gewagt hatte. Man hört
da ... so Sachen, weisst du...
KONU: Wieso hört?
Weisst du nur vom Hörensagen davon, Zimole? Bist du nicht davon
unterrichtet?
ZIMOLE: Nein, Konu,
das bin ich nicht.
KONU: Nein? Na
ja, mach' ruhig weiter. Was weiss ich nicht?
ZIMOLE: Die Wahrheit.
Hm ja - wenn man so hier sitzt und, sich mit dir unterhält, da
vergisst man ganz, dass du ... schon so lange ... in Haft gehalten wirst.
KONU: Dann ist
es also jetzt anders? Sonnt sich ein Anderer in den hellsten Strahlen
der 'Fackel'?
ZIMOLE: Du bist
schon so lange fort, Konu ... länger als ich mich erinnern kann.
KONU: (nachdenklich)
Die 'Fackel' hat es weit gebracht, nicht wahr? Seit jenen ersten verworrenen
Träumen damals, in einem Londoner Wohnschlafzimmer. Was ist mit
dir ? Wer hat dich verdrängt aus dem ... dem Zentrum der Gunst
unseres Allerhöchsten?
ZIMOLE: (erregt)
Musst du den immer wieder von mir anfangen! Ich bin schliesslich hierher
gekommen, weil ich dich sehen wollte.
KONU: Na und? Jetzt
hast du mich gesehen. Hast mich besucht, zu ersten Mal seit fünf
Jahren. Was weiter?
ZIMOLE: Wir sollten
jetzt nicht streiten. Dazu bin ich nicht hergekommen.
KONU: Mir soll's
recht sein. Aber ich will auch nicht, dass wir von mir sprechen.
(Kurze
Pause)
ZIMOLE: Deiner
Familie - deinen Kindern geht es gut.
KONU: Ja - besonders
Taluba.
ZIMOLE: Du hast
davon gehört?
KONU: Man erfährt
so manche Neuigkeiten hier, sie entsprechen nicht immer den Tatsachen,
aber doch meistens ... vor allem in privaten Dingen, da stimmen sie
immer.
ZIMOLE: Mir tut
diese Sache sehr leid.
KONU: Was willst
du? Wenn es eine gewöhnliche Haftstrafe wäre, ja, dann wäre
das leichter. Sogar bei Lebenslänglich weiss man eher, wo man dran
ist. Da kommt man nach soundsoviel Jahren wieder raus. Aber Schutzhaft
für unbestimmte Zeit ... Dass da eine Frau wartet, kann sich nur
ein Narr einbilden.
ZIMOLE: Es gibt
aber Frauen, die es tun.
KONU: Ich würde
es von keiner verlangen. Zu ihr sagen: Warte zehn Jahre auf mich,
ja, das könnte ich, obwohl es töricht wäre. Immerhin,
das könnte man sagen. Aber bei unbestimmter Haftdauer ... Soll
ich dir etwas sagen, Zimole?
ZIMOLE: Was?
KONU: Ich meine
fast, eine Frau muss einen Mann sogar verachten, der sich in eine solche
Lage gebracht hat.
ZIMOLE: Was ist
das jetzt wieder für eine verrückte Idee?
KONU: Ist sie wirklich
so verrückt? Ich sehe, wie sich so eine Frau hinsetzt und sagt:
Was habe ich mir da für einen Mann angeschafft? Was ist das
für ein Mann, den man einsperren kann, nur weil es einem anderen
Mann gerade gefällt? Und für so lange, wie es diesem Manne
passt? Na, so kann eine Frau doch denken, oder?
ZIMOLE: Du bist
jetzt voller Bitterkeit.
KONU: Oh, verzeih.
Ich sollte voller Süsse sein, ich weiss. (Pause) Aber du
hast mich von etwas abgebracht. Ich hatte dir etwas sagen wollen ...
ZIMOLE: Was?
KONU: Es wird mir
schon wieder einfallen. Es war etwas Wichtiges.
ZIMOLE: (ganz
plötzlich) Was war das?
KONU: Was? Wo?
ZIMOLE: Da oben,
Da hat sich etwas bewegt.
KONU: Das war sicher
am Guckloch. Sie müssen sich doch vergewissern - schliesslich könntest
du mir einen Strick zum Aufhängen geben oder ein Messer, mit dem
ich dem Wärter nachher die Kehle durchschneide.
(Kurze Pause - Zellentüren werden geöffnet, Schritte, die
über den Betonfussboden eines Ganges davonmarschieren)
KONU: Das war wohl
die letzte Gruppe heute für den Rundgang im Freien. Hier geht alles
schichtweise. Zu viele auf einmal, da könnten sie einen Ausbruchsversuch
machen - das muss die Überlegung sein, die dahinter steckt, was
meinst du?
ZIMOLE: Aber ihr
seid doch nur in Schutzhaft. Ich dachte immer ... Ich meine, man denkt
bei so was an ein Lager, so ein Barackenlager, wie es eine Baugesellschaft
für ihre Arbeiter aufschlägt. Mit völliger Bewegungsfreiheit
innerhalb des Lagers ...
KONU: Also wirklich,
Zimole - du wirst mir doch nicht erzählen wollen, dass du so naiv
bist!
ZIMOLE: Aber so
war es doch geplant! Und ich hatte bisher keinen Grund zu glauben, dass
es anders ist. Das schwöre ich dir. Du musst mir glauben. Wir hatten
ja sogar Einrichtungen wie eine Friseurstube, ein kleines Kino vorgesehen
...
KONU: Für
eure Propagandafilme?
ZIMOLE: Na ja,
das hätte sich zweifellos auch ergeben, aber immerhin! Nur nicht
das hier - das ist ja wie in einem Gefängnis!
KONU: Du hast lange
gebraucht, um das herauszufinden.
ZIMOLE: Ich weiss
nicht, wie das diese Formen annehmen konnte. Oder wann. Am Anfang war
es jedenfalls nicht so. Ich hatte keine Ahnung, dass ich dich in Gefängniskleidung
vorfinden würde und in solcher Umgebung.
KONU: Na ja, so
übel ist das gar nicht - die Gefängniskleidung zumindest.
Man könnte sagen, unsere Uniform hier ist den Zellen angepasst.
Unsere Nationaltracht wäre hier zu unpraktisch. Und es laufen ja
auch keine Diplomaten herum, die man mit 'prächtigen Gewändern'
beeindrucken könnte die hat die ausländische Presse immer
wieder erwähnt, ich erinnere mich noch.
ZIMOLE: Ja ...
das wird wohl so sein ...
KONU: (sein Tonfall
wird immer knapper und sarkastischer) Wir sind hier kaum die Vereinten
Nationen oder auch nur der Sitz der Organisation für Afrikanische
Einheit. Wir sind nicht einmal das Gefangenenlager für die Nazi-Kriegsverbrecher
...
ZIMOLE: Gut, gut,
lassen wir das jetzt.
KONU: Du siehst
also, du brauchst nicht das Gefühl zu bekommen, dass wir mangelhaft
gekleidet sind oder so. Wir haben unsere Anzüge genau nach unserer
Grösse zurechtgestutzt, oder haben sie doch unseren Umständen
anpassen lassen. Wir brauchen keinem leid zu tun, dazu besteht gar kein
Grund ...
ZIMOLE: (plötzlich
sehr heftig) Aber ich schwöre dir, Konu, wenn ich eine Ahnung
davon gehabt hätte, dann hätte ich ...
KONU: Ja? Was hättest
du dann getan?
(Pause)
ZIMOLE: Na schön.
Nichts. Aber versteh doch, Konu, ich lüge dich nicht an. Sogar
jetzt gebe ich unsere Idee noch nicht auf. Das Prinzip! Die Notwendigkeit
ist völlig unausweichlich. Wir sind ein junger Staat, wir haben
es eilig, und es gibt irregeleitete Menschen, die nie begreifen, dass
immer Opfer nötig sind, wenn eine Nation etwas erreichen will.
(Er erwärmt sich immer mehr für sein Thema.) Die Polizei
kann nicht mit allem allein fertig werden. Ihr sind die Hände gebunden
durch das, was sie nach den alten Kolonialgesetzen alles nicht tun kann.
Die Gerichte sind gelähmt durch diesen Unsinn mit den Anträgen
auf Haftprüfung und müssen Leute freilassen, von denen man
ganz genau weiss, dass sie nichts anderes im Sinn haben, als den Fortschritt
der Nation aufzuhalten. Fortschritt! Fortschritt, keine Haarspalterei
und kein Wortgeklingel und keinen pseudoidealistischen Jargon! Einfach
Fortschritt! Sich für eine Politik zu entscheiden und darauf zu
vertrauen, dass es um den Zweck geht und der Zweck die Mittel heiligen
muss ...
(Konu
beginnt leise zu lachen)
Ich erwarte gar
nicht, dass du anders reagierst. Du hast das Recht, skeptisch zu sein
... Hör doch mal zu, du musst mir nur eines glauben, weiter will
ich gar nichts: das hier war nie als Straflager oder so etwas gedacht,
nie, niemals.
KONU: Du hast ein
sehr kurzes Gedächtnis.
ZIMOLE: Wie meinst
du das?
KONU: Diese Rede
da eben, die kenne ich Wort für Wort. Oh, vielleicht hast du den
Aufbau etwas verändert. Man sieht, dass du inzwischen Erfahrung
bekommen hast. Aber ich habe mich sofort wieder ins Parlament zurückversetzt
gefühlt und dich vor mir gesehen, wie du dich unter dem alles überragen
den Symbol der Fackel für das Schutz-haftgesetz ausgesprochen hast.
Du hast so lächerlich gewirkt mit deinem Theater, wie du dich da
wie ein ganz billiger Schmierenkomödiant auf dem Podium herumgedreht
und gestikuliert hast: 'Diese Fackel, diese Fackel soll ein Fanal sein!
Aber wir dürfen keinen Augenblick zögern, sie auch als Feuerbrand
zu gebrauchen, um störendes Unterholz anzubrennen!'
(Er
kann vor Lachen nicht mehr weiter)
ZIMOLE: Ja, und
dann bist du aufgesprungen, um zu protestieren ... war das an der Stelle?
... Ja, ich glaube schon. Du konntest es gar nicht abwarten, das weiss
ich noch.
KONU:
(der nicht aufgehört hat zu lachen) Ja, ich konnte der Versuchung
nicht widerstehen, deine billige Vorstellung sofort auffliegen zu lassen.
ZIMOLE: Wahnsinn!
Das war heller Wahnsinn.
KONU: Oh, ich musste
erst noch lernen, dass sich Tyrannen keinen Humor leisten können.
Er ist die Waffe, vor der sie sich am meisten fürchten.
ZIMOLE: (mit
lauter Stimme) Ich war nicht beleidigt! Wenn du glaubst, ich hatte
etwas zu tun gehabt mit ...
KONU: Du? Ja, glaubst
du denn, ich hätte dich dabei gemeint? Du warst doch schon damals
nicht mehr als ein Sprachrohr!
ZIMOLE: Aber du
musstest es doch nicht unbedingt so weit treiben. Ich habe mich noch
für dich eingesetzt, und da bist du für den Durchführungsausschuss
vorgeschlagen worden. Du hättest annehmen sollen.
KONU: Ja, das hast
du mir damals geraten. Nach deiner Ansicht hatte ich nur Effekthascherei
getrieben, das war meine ganze Sünde. Mein armer Freund, mein treuer
Fürsprecher ... sag', kennst du dieses Gedicht eines amerikanischen
Negers, ich habe seinen Namen vergessen, aber es geht ungefähr
so:
Mein Mund ist weit aufgerissen
Vor Lachen, ja, aber wisst ihr nicht, Dass ich weine?
Ich tanze, ja, aber wisst ihr nicht,
Dass ich auf meinen tanzenden Füssen stehend sterbe?
So ungefähr, jedenfalls, dem Sinne nach ... Horch, da hast du noch
mehr tanzende Füsse.
(Schritte
kommen den Gang entlang näher: die Gefangenen kehren zurück
- die Zellentüren schliessen sich hallend)
ZIMOLE: Soll das
heissen, dass sie schon wieder zurück sind?
KONU: Oh, es hat
doch genügt. Ein kurzer Abendspaziergang, was kann der Mensch mehr
verlangen? Jetzt können sie wieder die Wand anstarren, die Sprünge
im Verputz mit den Augen nachfahren. Oder in Haruzais Autobiographie
lesen und in seinen Bänden über politische Philosophie - die
von seinem Stab von Ghostwriters stammen.
ZIMOLE: Ist das
die ganze Lektüre, die man euch hier erlaubt?
KONU: Du brauchst
dir nicht die Mühe zu machen, dich in meiner Zelle umzusehen, du
wirst sonst nichts finden. Ich schneide mir aus den Seiten Puzzles aus,
die ich nachher wieder zusammensetze, zum Zeitvertreib. Sag mal - wann
fängt der Mann endlich an, seine Bücher selbst zu schreiben?
ZIMOLE: Wo soll
er denn die Zeit hernehmen?
KONU:
Dann soll er doch aufhören mit diesem Blödsinn. Sogar ein
Kind muss wissen, dass er dieses Zeug nicht selbst geschrieben hat.
(Er beginnt wieder leise zu kichern) Ja, ja, aber der Mensch ist
eitel, sehr eitel und bestrebt, alles und jedes zu sein.
(Pause)
ZIMOLE: Wie viele
seid ihr hier in diesem Lager?
KONU: Wie soll
ich das wissen? Das ist Staatsgeheimnis. Wenn ich plötzlich der
Welt die Tatsache mitteilte, dass ich in Schutzhaft bin, würde
ich wahrscheinlich wegen illegaler Kenntnis geheimer Informationen festgenommen
werden.
ZIMOLE: Weshalb
ich das gefragt habe ... ehem ... als ich hereinkam, weisst du, und
da draussen im Hof herumgegangen bin, da hatte ich das Gefühl,
dass mich so viele Augen beobachten. Bis hier herein, nichts als Augen,
Augen. Es war ein so leerer und riesiger Raum, endlos, als ich darum
herum zu gehen versuchte - ich musste doch warten, bis der Wachtposten
seine Kontrolle beendet hatte, und da bin ich aussen herumgegangen.
Der Hof ist ganz von dieser glatten Mauer umgeben, nicht wahr? So sinnlos!
Ich sehe nicht ein, wofür diese Mauer gut sein soll. Sie war nur
beim Haupteingang unterbrochen, durch den ich hereinkam. Ist das der
einzige Eingang?
KONU: Ich kann
mich nicht erinnern.
ZIMOLE: Du kannst
dich nicht erinnern? Gehst du denn nicht mit den anderen auf dem Hof
spazieren?
KONU: Ich darf
nicht auf den Hof. Ich gehe nur auf den Gängen spazieren, zwischen
dieser Mauer, von der du gerade sprichst, und der Vorderfront der Zellen.
Das geht in einem eiförmigen Kreis herum. Aber ich sollte vielleicht
Oval sagen, nicht wahr? Und das ist alles, was ich zu sehen bekomme.
Ich war noch nie auf dem Hof. Aber das macht weiter nichts. Ich könnte
dir diesen Hof ganz genau beschreiben. Seine Grösse, die Farbe
der Erde, sogar die Art, wie die anderen die Erde festgetrampelt haben
bei ihrem Rundgang. Das ist eine meiner Lieblingszerstreuungen - auf
die leisen Schritte der andern zu lauschen und mir dabei zu sagen, jetzt
sind es zwanzig Füsse, jetzt zwölf? Das ist gewöhnlich
die zweite Schicht ... Einmal - ob, das habe ich schon die ganze Zeit
mal irgendwem erzählen wollen - einmal hörte ich Schritte,
die klangen anders, aber nicht nur so einfach anders, sondern unverkennbar
feindlich, trügerisch, ich konnte mir nur denken, dass das Spione
waren, die sie unter die Gefangenen geschmuggelt hatten, um herauszubekommen,
ob vielleicht irgendwelche Machenschaften im Gange waren ... Ich war
überzeugt davon. Und tatsächlich, auf die Schritte folgte
Geflüster. Und das war komisch, weisst du, denn beim Rundgang darf
nicht geredet werden. Normalerweise hörst du nie etwas ausser den
Stimmen der Wärter. Aber was hätte ich tun sollen? Ich konnte
die andern nicht warnen. Und wen hätte ich warnen sollen? Man kann
ja heute keinem mehr trauen. Nicht einmal seinem eigenen Bruder.
ZIMOLE: Konu! Konu!
Um Gottes willen, was starrst du so? Was ist denn mit dir?
KONU: Ich hab'
dich ja gar nicht angesehen!
ZIMOLE: Das hab'
ich ja auch nicht gesagt.
KONU: Ich hab'
dich nicht angesehen. Glaub' nur nicht, dass ich dich angesehen habe.
ZIMOLE: Schon gut,
schon gut. Ich habe ja gesagt, ich glaube dir. Ausserdem habe ich dich
gar nicht beschuldigt.
KONU: Zimole ...
ZIMOLE: Was?
KONU: Sei jetzt
nicht beleidigt, aber wirklich, wie dir das Fleisch da am Hals über
den Kragen quillt! Sag mal, musst du denn einen Kragen tragen?
ZIMOLE: Du hast
doch versprochen ...
KONU: Ich weiss,
ich weiss ... aber der Wärter draussen ... für so jemand wie
ihn ... Aber warum sage ich das, für so jemand wie ihn? Woher weiss
ich denn, was für ein Mensch er ist? Wir kommen aus verschiedenen
Stämmen, und er spricht kein Wort in irgendeiner Sprache ausser
in seinem gottverlassenen Dialekt.
ZIMOLE: Was ist
mit dem Wärter?
KONU: Was soll
mit ihm sein?
ZIMOLE: Du hast
doch gerade etwas von ihm erzählen wollen.
KONU: Oh ... ach
so ... oh ja ... ja, er ist gar kein bisschen dick. Ein vollkommener
Diener des Staates, übrigens, eigentlich wie du, in mancher Beziehung.
Er tut genau das, was man ihm sagt ... jetzt unterbrich mich nicht ...
bist du ihm nicht draussen begegnet? Er ist eine Nummer für sich.
Übrigens hast du Haruzai schon gesehen?
ZIMOLE: Wann? Ich
verstehe nicht ...
KONU: Nein, nein,
nicht deinen Haruzai, die heilige Fackel. Meinen. Meine kleine Maus.
Weisst du, ich glaube nicht an diese Märchen von Gefangenen, die
in ihren Zellen Mause gefangen und sich mit ihnen angefreundet haben.
Ich muss es ja schliesslich wissen, ich hab's versucht. Na ja, also
dieser Wärter, dieser für mich sozusagen taubstumme Wärter,
darf montags und dienstags mit mir Würfel spielen und mittwochs
Snakes-and-Ladders. Donnerstags ist nichts und freitags auch nicht.
Am Samstag kommt er mit einem Transistorradio zu mir herein, und dann
hören wir den Kommentar zum Fussballspiel. Am Sonntag kommt er
wieder mit seinem Radio herein und stellt die Übertragung eines
Gottesdienstes an. Und das wär's. Würfeln, Snakes-and-Ladders,
Fussball und Gottesdienst. Er spricht dabei nicht ein Wort.
ZIMOLE: Die Zeit
ist fast um, Konu. Ich muss bald gehen.
KONU: Er kommt
schon, wenn es so weit ist. Er kommt nie zu spät oder zu früh.
Unsere Spiele zum Beispiel dauern genau eine Stunde. Immer genau eine
Stunde. Und einmal, als, es beim Fussballspiel eine Verlängerung
gab, hat er einfach abgeschaltet und ist hinausgegangen. Einfach so.
Offenbar hatte er die Anweisung, eine Stunde und nicht länger.
Da kennt er nichts.
ZIMOLE: Konu ...
KONU: Aber ich
wollte dir ja von meinem Freund Haruzai erzählen, der kleinen Ratte.
Na ja, Maus oder Ratte, ich hab mir da nie den Unterschied gemerkt.
Entweder sind afrikanische Ratten einfach dumm, oder afrikanische Gefangene
sind noch dümmer. Ich habe mich jedenfalls noch nicht mit dem Kerlchen
anfreunden können. Es frisst das Essen, das ich ihm hinlege, und
rennt fort. Was hältst du davon?
ZIMOLE: Was soll
ich davon halten?
KONU: Na ja, du
musst doch eine Theorie haben. (Seine Stimme ist zornig.) Haruzai kommt
hier herein, frisst mein Essen und verzieht sich wieder, ehe ich ihm
Snakes-and-Ladders beibringen kann. Bin ich dumm oder ist er dumm? Los,
antworte oder geh!
ZIMOLE: Ich weiss
es nicht.
KONU: Du weisst
es nicht? Menschen kann man beibringen, dass sie genau das tun, was
man ihnen sagt. Sogar einem Doktor der Philosophie wie meinem Gast Zimole.
Warum nicht auch dieser Lagerratte? Seit zwei Jahren versuche ich es
jetzt, aber sie will von meinen Plänen nichts wissen.
ZIMOLE: Seit zwei
Jahren! Vielleicht war es nicht immer dieselbe Ratte.
KONU: (Bricht
in ein langes Lachen aus) Ich sehe, der alte Verstand funktioniert
noch. Ist doch noch nicht ganz in dem Fett da erstickt, was Zimole?
Weisst du ... sogar dein Schädel ist fett. Ja, fett, wenn du's
mir nicht glaubst, drück mal mit den Fingern hinein. Da, siehst
du? Komm, gib mir mal deine Hand ...
ZIMOLE: Hör
auf damit, Konu!
KONU: Nein ...
komm nur, gib mir deine Hand ... so, ja, nur die Finger ... und jetzt
drück mal ... na? Was spürst du? Knochen oder Fett, sag, Knochen
oder Fett?
ZIMOLE: Schon gut,
schon gut, lassen wir das jetzt.
KONU: Jetzt halt
sie mal hier drauf. Drück mal bei mir hinein ... so, ja. Fühlst
du den Unterschied, ja? Ja? Was hab ich dir gesagt? Nicht, dass du dir
deshalb Sorgen zu machen brauchtest? Nein, wie du mit diesem Problem
da eben fertig geworden bist - vielleicht ist es nicht dieselbe Ratte
- da sieht man, dass der alte Verstand noch tadellos funktioniert. Oh,
wir haben schon gewusst, was wir taten, als wir dir damals das Referat
Ideologie anvertrauten.
ZIMOLE: Ich muss
gehen.
KONU: Eh' die Zeit
um ist?
ZIMOLE: Sie muss
fast um sein.
KONU: Überlass
das schon mir, Zeit kann ich messen mit geschlossenen Augen. Oh, nicht
jede Zeit. Nur eine Stunde. Das habe ich dem Wärter zu verdanken.
So erweist man sich gegenseitig einen Gefallen. Ich könnte jetzt
eine Uhr danach stellen. Weisst du, einmal habe ich nur zur Übung
den Moderfleck dort in der Ecke gestoppt, wenn man das so nennen will,
hast du ihn schon bemerkt? ... Ich dachte, ich will doch mal sehen,
wieviel er in der Stunde grösser wird. Gar nicht so einfach, weisst
du, aber ich hab's geschafft. Hab ihn wochenlang beobachtet
ZIMOLE: Konu!
KONU: Was?
ZIMOLE: Bitte,
du musst mir jetzt einmal zuhören. Ich ... wollte dich nur fragen,
ob ich etwas für dich tun kann.
KONU: Gibt es denn
... etwas ... das du ... für mich tun kannst?
ZIMOLE: Ja. Und
bitte, Konu, bitte, sprechen wir jetzt die wenigen Minuten, die uns
noch bleiben, davon.
KONU: Bist du ...
nur hierher gekommen, um mich das zu fragen?
ZIMOLE: Das ist
jetzt nicht wichtig. Bitte, beantworte meine Frage.
KONU: Ich hab's!
Erinnerst du dich - ich sagte vorhin, ich hätte etwas vergessen.
Ich ... wollte dir sagen, dass ich gehört habe, du kümmerst
dich um meine Kinder ... seit Taluba sie verlassen hat.
ZIMOLE: Du brauchst
mir nicht zu danken.
KONU: Trotzdem
...
ZIMOLE: Nein, weder
jetzt noch später. Du bist mir keinen Dank schuldig.
(Pause)
KONU: Der älteste
müsste jetzt etwa
ZIMOLE: Siebzehn
ist er jetzt.
KONU: Ja ... siebzehn.
Ganz recht. Zwölf war er, als ich ... in das erste Lager kam. Ich
habe wahrscheinlich ... an die Kinder gedacht, als ich den ersten Fluchtversuch
unternahm. Hab's danach noch zweimal versucht. Jedesmal verpatzt. Ich
war nie ein Mann der Tat.
ZIMOLE: Konu, ich
muss dir etwas sagen.
KONU: So, wirklich?
ZIMOLE: Vergangene
Nacht war wieder ein...
(Stiefel
kommen den Gang entlang: noch weit entfernt)
ZIMOLE: Ich hab'
dir gesagt, die Zeit ist gleich um. Das muss dein ...
KONU: Nein, unmöglich.
Ich sag dir doch, ich habe eine Stunde genau im Kopf, und sie ist noch
nicht um.
(Die
Schritte kommen näher - es sind unverkennbar mehrere Stiefel)
ZIMOLE: Das ist
aber mehr als einer.
KONU: Es sind sechs,
wenn du's genau wissen willst.
ZIMOLE: Woher weisst
du das so genau?
KONU: Oh, ganz
einfach: aus Erfahrung. Jedenfalls, das ist nicht mein Wärter,
das sind sechs Paar Stiefel in militärischem Tritt. Und dazu ein
Paar Zivilschuhe, das teilnahmslos zwischen ihnen dahinschlurft. Das
heisst also - ein neuer Häftling.
ZIMOLE: Ich ...
wusste gar nichts von neuen Häftlingen.
KONU: Still!
(Stiefelgetrampel:
jetzt ziemlich nah)
KONU: Nein, ich
habe mich geirrt. Ich höre den siebten Mann nicht.
ZIMOLE:
Du meinst, den Gefangenen?
KONU: Ich höre
keinen siebten Mann.
ZIMOLE: Was bedeutet
das?
(Die
Stiefel machen auf militärische Art halt, aber man hört keinen
mündlichen Befehl dazu)
Sie sind stehengeblieben.
KONU: Vor dem Zimmer
der Wache. Siehst du, ich kann dir genau sagen, wo sie stehengeblieben
sind.
ZIMOLE: Was können
sie denn wollen?
KONU: Darauf gibt
es nur eine Antwort. Es ist zwar noch nie vorgekommen, wenigstens nicht,
seit ich hierher verlegt wurde, aber sie müssen gekommen sein,
um einen herauszuholen.
ZIMOLE: Mir ist
nichts davon bekannt, dass jemand entlassen werden soll.
KONU: Wer hat denn
etwas von Entlassung gesagt? Eine Verlegung, höchstwahrscheinlich.
Aber wohin? Das möchte ich gern wissen. Soll das hier nicht euer
ausbruchsicherstes Lager sein?
ZIMOLE: Vielleicht
... ja, ich nehme an, das hat mit neuen Sicherheitsmassnahmen zu tun.
Es hat ... Unruhen gegeben in der Hauptstadt.
(Stiefelgetrampel
näher)
KONU: Horch! Sie
marschieren wieder weiter. Und ... oh ... diesmal ist ein siebter Mann
dabei.
ZIMOLE: Vielleicht
hattest du doch recht. Wahrscheinlich wird ein Häftling verlegt.
KONU: Nein. Ich
habe keine Zellentür aufgehen hören ...
(Das
Stiefelgetrampel übertönt ihre Stimmen / Genau vor der Konuszelle
machen die Stiefel halt / Ein kurzes Schrittgeräusch / Während
die Soldaten zu beiden Seiten der Tür Aufstellung nehmen / Dann
Schweigen, nur ein einziges Paar Stiefel entfernt sich den Gang hinunter:
im Gegensatz zu vorher nur ein Schlurfen)
ZIMOLE: (Er
flüstert jetzt.) Aber sie sind ja hier draussen stehengeblieben.
KONU: Und das ist
mein Wärter, der da zu seinem kleinen Loch zurückmarschiert.
Ich kenne den geistlosen Schritt seiner Stiefel....
(Kurze
Pause)
Warum sind sie
gekommen, Zimole? Hast du sie mitgebracht? Warum bewachen sie die Tür?
ZIMOLE: Ich ...
weiss nicht ... von der Sache. Aber ich habe so meine Vermutung.
KONU: Soll ich
verlegt werden?
ZIMOLE: Ich gebe
dir mein Wort, ich weiss nichts davon. Hör zu, Konu, was ich dir
gerade erzählen wollte ... es hat einen neuen Aufruhr gegeben.
Und einen neuen Attentatsversuch auf den Präsidenten.
KONU: (Bricht
in ein rauhes Lachen aus.) Und man glaubt, ich hätte das von
hier aus organisiert?
ZIMOLE: Nein, ich
... Konu, hör auf!
KONU: (Noch
immer lachend, fast hysterisch.) Ach du lieber Gott, und sie haben
wieder wie gewöhnlich alles verpatzt, was?
ZIMOLE: (Heftiges
Flüstern) Um Gottes willen! Du vergisst die Soldaten draussen
vor der Zelle.
KONU: (Noch
immer lachend) Dieser Haruzai ist als Glückspilz geboren oder
einfach unter Narren auf die Welt gekommen. Ach, Haruzai, wie poetisch
ich damals war. 'Die Fackel'. Der Name stammt doch von mir, oder?
ZIMOLE: (brüsk)
Ich kann mich nicht erinnern.
KONU: Entweder
von dir oder von mir - einer von uns beiden hat den Namen doch erfunden.
ZIMOLE: Was hast
du vor, Konu? Sprich doch wenigstens leise!
KONU: Aber du musst
dich doch noch erinnern, wie uns diese Inspiration kam! Ja, ich war
es, ich weiss es wieder genau, ich war immer die poetische Natur. Immerhin,
man könnte sagen, dass auch die schieläugige Wirtin nicht
ganz unbeteiligt daran ist. Wenn sie nicht immer geschimpft hätte,
wenn bei uns das Licht nachts so lange brannte, und dann die Sicherung
herausgeschraubt hätte ... sehr symbolisch, wie? Die Fackel, aus
der Dunkelheit heraus geboren, weil dieses Wort im Englischen auch Taschenlampe
bedeutet und wir im Schein der Taschenlampe weitergemacht haben ...
Sag mal, Zimole, hast du dir schon einmal überlegt, welch grossen
Einfluss britische Zimmerwirt-innen auf den afrikanischen Nationalismus
auszuüben scheinen? Hm, hast du mal darüber nachgedacht?
ZIMOLE: (mit
zorniger Ungeduld)
Ich habe mich noch nicht ernsthaft damit befasst.
KONU: Das solltest
du aber. Unbedingt! Hat nicht eine Zimmerwirtin die Nationalhymne von
Nigeria geschrieben? Nein, es waren sogar zwei. Die eine hat die Musik
geschrieben und die andere den Text. Und wenn unsere Wirtin uns nicht
stur das Licht abgeschaltet hätte, hätten wir keine Taschenlampe
gebraucht und ich wäre nicht auf die 'Fackel' gekommen. Kein Wunder,
dass sie alle zur Unabhängigkeitszeremonie ihre Wirtinnen einladen.
Ist dir das auch schon aufgefallen, Zimole?
ZIMOLE: Konu, ich
muss dir etwas sehr Wichtiges sagen.
KONU: Haruzai,
die Fackel. Eine glänzende Inspiration in jeder Beziehung. Und
dann hat sich alles von selbst ergeben. Die Flagge, das Symbol, die
Hymne, der Slogan, die Ideologie - alles! Eine braune, dunkelbraune
Flagge - kakaofarben, glaube ich, sagten wir damals; und darauf im Umriss
die Landkarte des herrlichen Kontinents und in der kleinen Ecke davon,
die uns gehörte, die Fackel, deren Strahlen bis in den letzten
Winkel dringen und noch weiter auf die Meere hinaus.
(Er
bricht wiederum in wildes Lachen aus)
ZIMOLE: (verzweifelt
rufend) Du musst mir jetzt zuhören, Konu!
KONU: So, da wäre
die Fackel letzte Nacht also beinahe ausgegangen, wie? Da hätten
sie die heilige Flamme beinahe ausgepinkelt! Komm, erzähl's noch
mal!
ZIMOLE: (müde)
Ja, Konu.
KONU: Wie? Was
hast du gesagt?
ZIMOLE: Ich sagte
'ja'. Aber sie haben es nicht geschafft.
KONU: (Plötzlich
ernüchtert) Oh ja, das sagtest du ... jetzt erinnere ich mich.
ZIMOLE: Konu ...
es tut mir leid ...
KONU: Mir auch.
ZIMOLE: Nein, nein,
ich versuche dir doch die ganze Zeit beizubringen ... dein Sohn ...
KONU: Eseki!
ZIMOLE: Er wurde
heute morgen verhaftet.
(Pause)
KONU: Bist du ganz
... irrst du dich bestimmt nicht?
ZIMOLE: Du vergisst,
dass er bei mir gewohnt hat. Heute morgen waren Stiefel auch vor meiner
Tür, das ganze Haus war von Soldaten umstellt, und sie haben ihn
mitgenommen.
KONU: Und was glaubst
du?
ZIMOLE: Du meinst
... ob er tatsächlich in die Sache verwickelt war?
KONU: Ja.
ZIMOLE: Kommt es
darauf an?
KONU: Nein ...
nein ... wahrscheinlich nicht ...
ZIMOLE: Wenn ...
wenn ich irgendetwas für dich tun kann ...
KONU: (Zuerst
fast nachdenklich, erhebt sich seine Stimme zu einem bitteren Klagen)
Ratten, Schaben, Abflussrinnen ... Wusstest du, dass ich auf mindestens
zweihundert Meter, eine Abflussrinne fliessen hören kann? Und wenn
ich so etwas höre, dann frage ich mich immer: wessen Blut fliesst
da in der Gosse? Wessen schwarze Farbe ist abgegangen und in diese universale
Kloake geronnen, so dass er sich in dem weissen Gesicht darbot, das
wir so gern bestialisch nennen?
ZIMOLE: War - es
das denn nicht?
KONU: Ja - und
ist es noch. Es war sogar eine weisse Hand, die den Befehl unterschrieb,
der mich in dieses Höllenloch hier verbannt hat, nicht wahr?
ZIMOLE: Du darfst
Haruzai nicht die Schuld geben. Die trifft seine Ratgeber, die Speichellecker
um ihn herum, die ihm Lügen erzählen.
KONU: Dein Glaube,
Zimole, ist schon rührend.
ZIMOLE: (verzweifelt)
Die Idee ist noch immer gültig. Sie ist noch immer erhaben und
gross. Was uns vorschwebte und wofür wir kämpfen, war eine
gute Sache. Und wir hatten uns auch den richtigen Mann zum Führer
gewählt.
KONU: Wenn nur
die Kolanuss nicht gewesen wäre.
ZIMOLE: Wieso?
Was soll das heissen?
KONU: Dieser andere
junge Mann ... ich glaube, er kam aus Nigeria ... erinnerst du dich
noch an sein Lieblingsgebet? Möge die Kolanuss der Macht unsere
Backen schwellen, doch nicht unsere Köpfe; soll sie unsere Zähne
rot färben, doch nicht unsere Hände ... erinnerst du dich
jetzt?
ZIMOLE: Ja. Und
an seine Definition.
KONU: Daran erinnere
ich mich nicht mehr.
ZIMOLE: Macht,
hat er immer gesagt, sollte so bitter sein wie die Kolanuss, man dürfe
nur von ihr kosten, sich aber nicht an ihr mästen.
KONU: Ja, langsam
fällt einem alles wieder ein
ZIMOLE: (in
scharfem Ton) Dein Sohn ist über sechzehn, Konu.
KONU: (ruhig) Ich
weiss. Sie können ihn aufhängen.
ZIMOLE: Ich kenne
ihn eigentlich überhaupt nicht; er ist nie aus sich herausgegangen.
Hat nur sehr wenig gesprochen. Ich durfte heute morgen nicht mehr mit
ihm sprechen, so dass ich dir nicht einmal sagen kann, was ich selbst
vermute. Mein erster Gedanke war sogar, es handelt sich um eine Intrige,
die mich endlich zu Fall bringen soll. Die letzten zwei Jahre habe ich
einiges mitgemacht.
KONU: Was auch
geschieht, begib dich nicht in Gefahr. Wenn nötig, denunziere ihn.
Wenn er mein Sohn ist, wird er schon begreifen.
ZIMOLE: Du meinst,
so, wie auch du begreifst.
KONU: Reden wir
jetzt nicht davon. Was ich sagen will, ist dies: wenn er irgendwie in
diese Sache verwickelt war, wusste er, was er tat. Versuch nicht, ihn
in Schutz zu nehmen. Er wird nichts bedauern.
ZIMOLE: Warten
wir ab.
KONU: Wir alle
tun, was wir tun wollen - was wir glauben, tun zu müssen, solange
wir den Mut dazu haben. Wenn mein Sohn diesen Mut hatte, kann er auch
ertragen, was ihm bevorsteht. Begib dich seinetwegen nicht in Gefahr.
(Die
Schritte des Wärters nähern sich)
KONU: Da kommt
mein pflichtbewusster Freund. Deine Zeit ist um.
ZIMOLE: (drängend)
Was ich dich fragen wollte - soll ich die Kinder ausser Landes schicken?
Jetzt kann ich das noch ohne Schwierigkeit. Später ist es vielleicht
nicht mehr so einfach. Ich gerate selbst allmählich auf die Abschussliste,
und jetzt noch diese Geschichte ... schliesslich war Eseki mein Pflegesohn
...
KONU: Gib sie zu
Verwandten, aber schick sie nicht ausser Landes.
ZIMOLE: Das kann
nicht dein Ernst sein. Das ist typisch deine Sturheit.
KONU: Nein. Sie
können nicht mehr bei dir bleiben, das ist klar. Um deiner eigenen
Sicherheit willen, meine ich. Aber sie müssen hier bleiben, im
Land.
ZIMOLE: Überleg
doch! Um Gottes willen, überleg es dir genau. Es wäre gut,
wenn sie nicht hier sind, wenn es zum Schlimmsten kommt. Lass sie draussen
aufwachsen, wo ein wenig Freiheit herrscht, und nicht in dieser ...
dieser Hölle!
KONU: (sehr
ruhig) Nein, wenn es zum Schlimmsten kommt, müssen sie hier
sein. Sie sollen ruhig erfahren, was Furcht ist, dann können sie
sich entscheiden, ob sie gegen die Furcht ankämpfen oder mit ihr
leben wollen. Ich möchte, dass sie alle diese Wahl haben. Schick
sie nicht ausser Landes, Zimole. Wenn du das tust, dann komm mir nicht
mehr unter die Augen.
ZIMOLE: Wie du
willst.
KONU: So weit ich
überhaupt noch etwas wollen oder wünschen kann, bitte ich
dich: lass sie hier.
ZIMOLE: Also gut.
KONU: Und jetzt
ist deine Stunde um. (Er kichert plötzlich wieder leise.)
ZIMOLE: Was ist?
KONU: Entschuldige,
ich muss dich wohl wieder angestarrt haben. Also dein Nacken, dieses
Fett! Das ist wirklich ein Bild!
ZIMOLE: Lebwohl,
Konu.
(Ein
dumpfes langgezogenes Geräusch von Metall / Türen die zugezogen
werden / Ein dumpfes Klirren und ein Riegel werden vorgeschoben / Ein
Laut, der etwas sehr Endgültiges hat)
ENDE
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