PoWs
Die Kriegsgefangenen der FARC
500 Polizisten und Soldaten warten darauf, gegen inhaftierte Guerillakämpfer
ausgetauscht zu werden.
Die einzige Legalität, die wir anerkennen, sind das Statut
und die Befehle des Kommandos der FARC-EP. Wir lehnen es ab, an den
juristischen Verfahren der staatlichen Autoritäten teilzunehmen.
In Übereinstimmung mit dem Vorschlag des Kommandanten Manuel Marulanda
fordern wir ein Gesetz, das den Austausch von Kriegsgefangenen regelt.
- so unzweideutig wie die Erklärungen gefangener FARC-Kämpfer
ist ihr Verhalten: auf einem Video vom Oktober 1999 sind die inhaftierten
Kämpfer in behelfsmässigen Uniformen bei militärischen
Übungen und politischen Schulungen im Gefängnis La Modelo
zu sehen. Etwa 2.000 politische Gefangene, zumeist Kämpfer der
FARC, sind gemäss der Solidaritätsorgani-sation FCSPP in kolumbianischen
Gefängnissen inhaftiert. Manuel Marulanda, der Oberste Kommandant
der FARC, fordert ihren Austausch gegen etwa 500 Angehörige der
Streitkräfte und der Polizei, die seit dem Dezember 1997 von der
Guerilla festgenommen wurden.
Im August 1998
wandte sich der FARC-Kommandant in einem offenen Brief an den neu vereidigten
Präsidenten Andrés Pastrana mit dem Vorschlag, ein Gesetz
auf den Weg zu bringen, das den Austausch von Kriegsgefangenen regelt.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Friedensverhandlungen mit der FARC zwar
beschlossene Sache, aber ob die Gespräche tatsächlich zustandekommen
würden, stand noch in den Sternen. Die Armeespitze sperrte sich
gegen die Entmilitarisierung der von der FARC geforderten Zone und machte
lautstark ihre Ablehnung des Friedensprozesses deutlich. In dieser Lage
fürchteten neben dem Militär auch Teile der politischen Klasse,
ein Gesetz zum Austausch von Kriegsgefangenen käme einer Anerkennung
der FARC als Kriegspartei gleich, ohne dass diese dafür Gegenleistungen
erbringen müsste. Die Guerilla weigerte sich strikt, die Frage
der Kriegsgefangenen zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen. Manuel
Marulanda argumentierte, seine Organisation sei längst als kriegführende
Partei anerkannt. Der Austausch von Kriegsgefangenen sei keine juristische,
sondern eine politische Frage. Die Regierung müsse nun zeigen,
ob sie bereit sei, zu der Humanisierung des Krieges, die
stets von der FARC gefordert wird, selbst beizutragen.
Trotz erheblichen
Drucks der Militärführung schuf Präsident Pastrana im
September 1998 eine Kommission aus Regierungsvertretern, Senatoren und
dem Generalstaatsanwalt, die einen Gesetzesvorschlag erarbeiten sollten.
Unter den Politikern und Beamten kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten,
die öffentlich ausgetragen wurden: während eine Gruppe Senatoren
einen Gesetzesvorschlag in den Senat einbrachte, der auf eine präsi-diale
Vollmacht für den Austausch von Gefangenen zielte, forderte die
Regierung, die FARC müsse im Gegenzug zu der Verabschiedung des
Gesetzes auf die Entführung von Zivilisten verzichten. Wir
akzeptieren keine Bedingungen. Wenn der Senat das Gesetz nicht verabschieden
will, muss es eine Volksabstimmung geben, erklärte Manuel
Marulanda unmissverständlich. Der Vorsitzende des Senats begrüsste
den Vorschlag Maru-landas zwar, knüpfte ihn jedoch an erneute Bedingungen:
vor einem Referendum über den Ge-fangenenaustausch müsse die
FARC einen Waffenstillstand erklären. So zogen sich die Diskussionen
bis Mitte 1999 hin, ohne dass es zu einer Verständigung kam.
Nachdem der Senat
das Gesetz nicht verabschiedete, wuchs der politische Druck auf Regierung
und Parlament: Die Armee erklärte im Herbst 1999, eine gewaltsame
Befreiungsaktion zu prüfen, was von den Angehörigen der festgehaltenen
Soldaten strikt abgelehnt wurde. Diese hatten inzwischen eine Organisation
gegründet und in Bogotá eine Kirche besetzt. Die
Guerilla fordert den Austausch, die Regierung hat diesen nicht akzeptiert.
Wir kämpfen für eine humanitäre Übereinkunft. Es
ist sehr schwer, die Positionen anzunähern, so die Vorsitzende
der neuen Angehörigenvereinigung.
Die FARC hatte
ím August 1999 1.000 Angehörige eingeladen, auf Kosten der
Guerilla in die entmilitarisierte Zone zu reisen, um Gespräche
über das weitere Schicksal der festgehaltenen Soldaten und Polizisten
zu führen. Als Beleg dafür, dass die Gefangenen am Leben sind
und gut behandelt werden, erhielten die Angehörigen Videos und
Briefe. Mehrere der Soldaten-mütter, von deren Leid stets in grossflächigen
Reportagen berichtet wird, traten zusammen mit Manuel Marulanda, dem
Erzfeind des Establishments, vor die Presse. Sie beschuldigten Regierung,
Senat und Armeeführung, das Schicksal ihrer Kinder zu ignorieren:
Sie sind einfache Söhne des Volkes. Deshalb werden sie
behandelt wie Menschen dritter Klasse. Wenn es um Industrielle ginge,
wäre längst etwas passiert.
Ob nun dies oder Gründe politischer Opportunität ausschlaggebend
sind: seit einem halben Jahr hat sich in der Frage der Kriegsgefangenen
nichts bewegt. Es ist offensichtlich, dass die Regierung Pastrana nicht
gewillt ist, dem Austausch zuzustimmen. Am 25. April 2000 wartete Manuel
Marulanda nun mit einem neuen Vorschlag auf: die Gefangenen beider Seiten
könnten dem Internationalen Roten Kreuz übergeben werden,
um bis zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages in einem neutralen
Land zu leben.
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