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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 28-29
Eine Matratze ist mehr wert als ein Mensch
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
Gefängnis

Eine Matratze ist mehr wert als ein Mensch
In kolumbianischen Gefängnissen herrscht Kriegskapitalismus*

Es war am 27. April 2000. Sie kamen nachmittags um 14 Uhr. Es waren etwa 130 Männer, so die Berichte der Überlebenden. Die Paramilitärs, ihre Gesichter durch Sturmhauben verhüllt, sprengten ein Loch in das Mauerwerk, das den Hof umgibt, und schossen aus automatischen Gewehren wahllos auf die Männer, die hinter Vorsprüngen und in den Gängen Schutz suchten. Jene, die versucht hatten, sich zu verstecken, wurden von den vermummten Männern aufgespürt und durch Genickschuss getötet. Nach einer Nacht des nackten Terrors blieben auf dem Hof 47 Leichen und 17 Verletzte zurück.

Ein Massaker mitten in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá - im Hof 4 des Gefängnisses La Modelo.


„La Modelo droht, ausser Kontrolle zu geraten. Allein im Dezember sind etwa 200 Waffen hineingeschmuggelt worden“, erklärte Anfang Januar 2000 der neue Chef der staatlichen Gefängnisbehörde INPEC. Er ist ein Armeegeneral. Sein Vorgänger, ein Zivilist, musste zurücktreten, nachdem er als Anführer einer paramilitärischen Einheit identifiziert worden war, die im Norden Kolumbiens zehn Bauern massakriert hatte. La Modelo steht unter Kriegsrecht. Seit 1995 wird regelmässig der Ausnahmezustand verlängert, der die Grundrechte von Gefangenen ausser Kraft setzt und dem Militär unbeschränkten Zutritt gewährt. La Modelo soll geschlossen werden. Regierung, Armee und INPEC verhandeln, bislang ohne Ergebnis, mit Gefangenensprechern über die Verlegung.

Die Schliesser haben seit Jahren die Kontrolle über den grössten Teil des Gefängnisses eingebüsst. Der Eingangsbereich wird von den Paramilitärs kontrolliert, während im Hochsicherheitsbereich am anderen Ende des Gebäudekomplexes mehrere hundert Kriegsgefangene der FARC und der ELN das Sagen haben. Die Höfe und Trakte dazwischen teilen sich rivalisierende Banden der Mafia mit Gruppen sozialer Gefangener. Zwischen ihnen herrscht ein erbitterter Krieg, der im letzten Jahr 76 Gefangenen das Leben kostete und 54 Schwerverletzte hinterliess. Ein Bandenkrieg, in dem es um Macht und Einfluss geht, um Geld und das, was man sich dafür kaufen kann: Lebensmittel und Drogen, Waffen, Mörder, Prostituierte, Matratzen, Medikamente und schlichtweg einen Platz zum Schlafen.

In dem mit 2.500 Haftplätzen grössten Gefängnis Kolumbiens befinden sich nach Angaben von INPEC 5.153 Gefangene. Was bedeutet eine Überbelegung von 206% ? Die Zellen, die 2,20 m mal 1,50 m messen, teilen sich drei bis acht Gefangene. Der durchschnittliche Schlafplatz würde für jeden Gefangenen 70 cm² betragen - wäre La Mo-delo nicht ein ungeschminktes Modell kolumbianischer Gesellschaftsordnung mit entsprechend ungleicher Besitzverteilung: Die von schwerbewaffneten Leibgarden umgebenen Chefs der Para-militärs und der Mafia schlafen in Betten und sehen sich amerikanische Videos an. Von korrupten Schliessern lassen sie sich Abendessen, Kokain und Prostituierte bringen. Ihr Reichtum gründet auf Marktwirtschaft. Der Zugang zum Hof kostet eine Mark, eine halbe Stunde Sex in einer Zelle ist für 40 DM zu haben. Während eine eigene Zelle mit einer Monatsmiete von über 1.000 DM für die herrschende Knastklasse reserviert bleibt, ist eine einfache Matratze für kaum einen Gefangenen zu bezahlen. Am anderen Ende der Gesellschaftsordnung schlafen die Habenichtse; neben Pissoirs, die sich hunderte Männer teilen müssen.

Die Ordnung und ihre Aufrechterhaltung sind einfach: eine unbezahlte Rechnung kostet den Gefangenen schnell sein Leben. Verdienstmöglichkeiten gibt es beträchtliche: auf Steckbriefen bieten die Paramilitärs 1.500 DM für den Kopf eines inhaftierten Guerillaführers. Die verschiedenen Syndikate und Interessengruppen haben in diesem System ihre claims abgesteckt und stehen sich waffenstarrend gegenüber. Der Hof 4, in dem das Massaker vom 27. April stattfand, war seit 1997 zwischen einer Gruppe sozialer Gefangener und den Paramilitärs umkämpft. Nun haben dort letztere wieder das Kommando.

„Alle 36 Stunden wird ein Gefangener umgebracht“
Fundación Comité de Solidaridad con los Presos Politicos

Gefangene: 52.006.
49.939 Männer und 2.211 Frauen
Knäste: 168 mit 32.939 Haftplätzen
Durchschnittliche Überbelegung: 46%
Strafgefangene: 24.653
Politische Gefangene: ca. 2.000
Ermordete Gefangene: 169 (1999), 1.085 (1990-1999)

(Quellen: INPEC 1/2000, FCSPP 4/2000)

 
Aufstand im Knast "La Modelo" in Bogotá

Die Kriegsgefangenen der FARC und der ELN versuchen, der Ökonomie des Terrors entgegenzuwirken. Sie betreiben einen Knastfunk sowie ein Kino im Hof der sozialen Gefangenen. Durch ein Menschenrechtskomitee versuchen sie, soziale Gefangene dafür zu gewinnen, statt der tödlichen Konkurrenz gemeinsam gegen die Haftbedingungen zu kämpfen, die von der Interame-rikanischen Menschenrechtskommission CIDH nach einem Besuch in La Modelo 1997 folgen-dermassen deutlich charakterisiert wurden: „Neben einer massiven Überbelegung fehlt es an Trinkwasser, die sanitären Anlagen und die medizinische Versorgung sind ungenügend, Resozia-lisierungsmassnahmen und Arbeitsmöglichkeiten sind nicht vorhanden, es findet zwischen Unter-suchungs- und Strafgefangenen keine Trennung statt“. In den Interessenkonflikten der Gefangenen bemühen sich die Kriegsgefangenen um Vermittlung: Im März 2000 hatten sie einen Nichtangriffspakt ausgehandelt, der in Anwesenheit von Vertretern der Regierung und Menschenrechtsorganisationen von den Chefs der Paramilitärs, der Mafia und sozialen Gefangenen unterzeichnet worden war. Das Abkommen sah vor, Konflikte zwischen den Gefangenen durch Verhandlungen beizulegen und jede Intervention von Armee oder Polizei gemeinsam zurückzuweisen.

Während der Nacht des Massakers vom 27. April forderten die vor den Gefängnistoren versammelten Angehörigen der sozialen Gefangenen eine Intervention des Militärs, um das Morden zu beenden. Diese kam - nach dem das Morden beendet war: am 28. April stürmten 3.000 Soldaten und Polizisten La Modelo. Aber nicht etwa die Entwaffnung der paramilitärischen Banden war das Ziel der Operation, sondern der Hochsicherheits-bereich, in dem die Kriegsgefangenen untergebracht sind. Die Armee zerstörte ihre Bibliothek, beschlagnahmte das Equipment des Radiosenders und des Kinos sowie eine ansehnliche Menge schwerer Waffen, Sprengstoffe und Handys. Sechs Kommandanten der ELN und FARC wurden in ein Verhörzentrum des Militärgeheimdienstes gebracht. In einer Erklärung beschuldigten die verlegten Guerillaführer die Gefängnisverwaltung, durch ihre einseitige Entwaffnung die Kräfteverhältnisse in La Modelo mit dem Ziel zu ändern, einen Angriff der Paramilitärs auf die Kriegsgefangenen zu ermöglichen. Die inhaftierten Guerillakämpfer fordern nun die Stationierung einer internationalen Beobachtertruppe in La Modelo.

„Die Kommission beurteilt die Verhältnisse in diesem Gefängnis als brutal, unmenschlich und entwürdigend.“ - so klar die Erklärung der Interamerikanischen Menschenrechtskommission nach ihrem Besuch in La Modelo auch ausfiel, wird sie den Verhältnissen, in welchen das Massaker vom 27. April nur eine quantitative Ausnahme darstellt, nicht gerecht.

* Nach Informationen der Fundación Comité de Solida-ridad con los Presos Politicos (FCSPP). MitarbeiterInnen des seit 1973 bestehenden und landesweit aktiven Solidaritätskomitees FCSPP besuchen regelmässig die politischen Gefangenen in La Modelo und anderen kolumbianischen Gefängnissen. Neben der Verteidigung der Kriegsgefangenen arbeitet das Solidaritätskomitee für eine umfassende Reform des gesamten Justiz- und Strafvollzugssystems in Kolumbien.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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