Gefängnis
Eine
Matratze ist mehr wert als ein Mensch
In kolumbianischen Gefängnissen herrscht Kriegskapitalismus*
Es war am 27. April
2000. Sie kamen nachmittags um 14 Uhr. Es waren etwa 130 Männer,
so die Berichte der Überlebenden. Die Paramilitärs, ihre Gesichter
durch Sturmhauben verhüllt, sprengten ein Loch in das Mauerwerk,
das den Hof umgibt, und schossen aus automatischen Gewehren wahllos
auf die Männer, die hinter Vorsprüngen und in den Gängen
Schutz suchten. Jene, die versucht hatten, sich zu verstecken, wurden
von den vermummten Männern aufgespürt und durch Genickschuss
getötet. Nach einer Nacht des nackten Terrors blieben auf dem Hof
47 Leichen und 17 Verletzte zurück.
Ein Massaker mitten
in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá - im Hof 4 des Gefängnisses
La Modelo.
La Modelo droht, ausser Kontrolle zu geraten. Allein im Dezember
sind etwa 200 Waffen hineingeschmuggelt worden, erklärte
Anfang Januar 2000 der neue Chef der staatlichen Gefängnisbehörde
INPEC. Er ist ein Armeegeneral. Sein Vorgänger, ein Zivilist, musste
zurücktreten, nachdem er als Anführer einer paramilitärischen
Einheit identifiziert worden war, die im Norden Kolumbiens zehn Bauern
massakriert hatte. La Modelo steht unter Kriegsrecht. Seit 1995 wird
regelmässig der Ausnahmezustand verlängert, der die Grundrechte
von Gefangenen ausser Kraft setzt und dem Militär unbeschränkten
Zutritt gewährt. La Modelo soll geschlossen werden. Regierung,
Armee und INPEC verhandeln, bislang ohne Ergebnis, mit Gefangenensprechern
über die Verlegung.
Die Schliesser
haben seit Jahren die Kontrolle über den grössten Teil des
Gefängnisses eingebüsst. Der Eingangsbereich wird von den
Paramilitärs kontrolliert, während im Hochsicherheitsbereich
am anderen Ende des Gebäudekomplexes mehrere hundert Kriegsgefangene
der FARC und der ELN das Sagen haben. Die Höfe und Trakte dazwischen
teilen sich rivalisierende Banden der Mafia mit Gruppen sozialer Gefangener.
Zwischen ihnen herrscht ein erbitterter Krieg, der im letzten Jahr 76
Gefangenen das Leben kostete und 54 Schwerverletzte hinterliess. Ein
Bandenkrieg, in dem es um Macht und Einfluss geht, um Geld und das,
was man sich dafür kaufen kann: Lebensmittel und Drogen, Waffen,
Mörder, Prostituierte, Matratzen, Medikamente und schlichtweg einen
Platz zum Schlafen.
In dem mit 2.500
Haftplätzen grössten Gefängnis Kolumbiens befinden sich
nach Angaben von INPEC 5.153 Gefangene. Was bedeutet eine Überbelegung
von 206% ? Die Zellen, die 2,20 m mal 1,50 m messen, teilen sich drei
bis acht Gefangene. Der durchschnittliche Schlafplatz würde für
jeden Gefangenen 70 cm² betragen - wäre La Mo-delo nicht ein
ungeschminktes Modell kolumbianischer Gesellschaftsordnung mit entsprechend
ungleicher Besitzverteilung: Die von schwerbewaffneten Leibgarden umgebenen
Chefs der Para-militärs und der Mafia schlafen in Betten und sehen
sich amerikanische Videos an. Von korrupten Schliessern lassen sie sich
Abendessen, Kokain und Prostituierte bringen. Ihr Reichtum gründet
auf Marktwirtschaft. Der Zugang zum Hof kostet eine Mark, eine halbe
Stunde Sex in einer Zelle ist für 40 DM zu haben. Während
eine eigene Zelle mit einer Monatsmiete von über 1.000 DM für
die herrschende Knastklasse reserviert bleibt, ist eine einfache Matratze
für kaum einen Gefangenen zu bezahlen. Am anderen Ende der Gesellschaftsordnung
schlafen die Habenichtse; neben Pissoirs, die sich hunderte Männer
teilen müssen.
Die Ordnung und
ihre Aufrechterhaltung sind einfach: eine unbezahlte Rechnung kostet
den Gefangenen schnell sein Leben. Verdienstmöglichkeiten gibt
es beträchtliche: auf Steckbriefen bieten die Paramilitärs
1.500 DM für den Kopf eines inhaftierten Guerillaführers.
Die verschiedenen Syndikate und Interessengruppen haben in diesem System
ihre claims abgesteckt und stehen sich waffenstarrend gegenüber.
Der Hof 4, in dem das Massaker vom 27. April stattfand, war seit 1997
zwischen einer Gruppe sozialer Gefangener und den Paramilitärs
umkämpft. Nun haben dort letztere wieder das Kommando.
Alle
36 Stunden wird ein Gefangener umgebracht
Fundación Comité de Solidaridad con los Presos Politicos
Gefangene: 52.006.
49.939 Männer und 2.211 Frauen
Knäste: 168 mit 32.939 Haftplätzen
Durchschnittliche Überbelegung: 46%
Strafgefangene: 24.653
Politische Gefangene: ca. 2.000
Ermordete Gefangene: 169 (1999), 1.085 (1990-1999)
(Quellen:
INPEC 1/2000, FCSPP 4/2000)
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Aufstand
im Knast "La Modelo" in Bogotá
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Die Kriegsgefangenen
der FARC und der ELN versuchen, der Ökonomie des Terrors entgegenzuwirken.
Sie betreiben einen Knastfunk sowie ein Kino im Hof der sozialen Gefangenen.
Durch ein Menschenrechtskomitee versuchen sie, soziale Gefangene dafür
zu gewinnen, statt der tödlichen Konkurrenz gemeinsam gegen die
Haftbedingungen zu kämpfen, die von der Interame-rikanischen Menschenrechtskommission
CIDH nach einem Besuch in La Modelo 1997 folgen-dermassen deutlich charakterisiert
wurden: Neben einer massiven Überbelegung fehlt es an Trinkwasser,
die sanitären Anlagen und die medizinische Versorgung sind ungenügend,
Resozia-lisierungsmassnahmen und Arbeitsmöglichkeiten sind nicht
vorhanden, es findet zwischen Unter-suchungs- und Strafgefangenen keine
Trennung statt. In den Interessenkonflikten der Gefangenen bemühen
sich die Kriegsgefangenen um Vermittlung: Im März 2000 hatten sie
einen Nichtangriffspakt ausgehandelt, der in Anwesenheit von Vertretern
der Regierung und Menschenrechtsorganisationen von den Chefs der Paramilitärs,
der Mafia und sozialen Gefangenen unterzeichnet worden war. Das Abkommen
sah vor, Konflikte zwischen den Gefangenen durch Verhandlungen beizulegen
und jede Intervention von Armee oder Polizei gemeinsam zurückzuweisen.
Während der
Nacht des Massakers vom 27. April forderten die vor den Gefängnistoren
versammelten Angehörigen der sozialen Gefangenen eine Intervention
des Militärs, um das Morden zu beenden. Diese kam - nach dem das
Morden beendet war: am 28. April stürmten 3.000 Soldaten und Polizisten
La Modelo. Aber nicht etwa die Entwaffnung der paramilitärischen
Banden war das Ziel der Operation, sondern der Hochsicherheits-bereich,
in dem die Kriegsgefangenen untergebracht sind. Die Armee zerstörte
ihre Bibliothek, beschlagnahmte das Equipment des Radiosenders und des
Kinos sowie eine ansehnliche Menge schwerer Waffen, Sprengstoffe und
Handys. Sechs Kommandanten der ELN und FARC wurden in ein Verhörzentrum
des Militärgeheimdienstes gebracht. In einer Erklärung beschuldigten
die verlegten Guerillaführer die Gefängnisverwaltung, durch
ihre einseitige Entwaffnung die Kräfteverhältnisse in La Modelo
mit dem Ziel zu ändern, einen Angriff der Paramilitärs auf
die Kriegsgefangenen zu ermöglichen. Die inhaftierten Guerillakämpfer
fordern nun die Stationierung einer internationalen Beobachtertruppe
in La Modelo.
Die Kommission
beurteilt die Verhältnisse in diesem Gefängnis als brutal,
unmenschlich und entwürdigend. - so klar die Erklärung
der Interamerikanischen Menschenrechtskommission nach ihrem Besuch in
La Modelo auch ausfiel, wird sie den Verhältnissen, in welchen
das Massaker vom 27. April nur eine quantitative Ausnahme darstellt,
nicht gerecht.
* Nach Informationen
der Fundación Comité de Solida-ridad con los Presos Politicos
(FCSPP). MitarbeiterInnen des seit 1973 bestehenden und landesweit aktiven
Solidaritätskomitees FCSPP besuchen regelmässig die politischen
Gefangenen in La Modelo und anderen kolumbianischen Gefängnissen.
Neben der Verteidigung der Kriegsgefangenen arbeitet das Solidaritätskomitee
für eine umfassende Reform des gesamten Justiz- und Strafvollzugssystems
in Kolumbien.
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