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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 26-27
"Die FARC ist kein Kartell"
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
Kokaanbau und Drogenhandel
"Die FARC ist kein Kartell"

 

 

 

Warum die Guerilla die Kokabauern unterstützt und Zwischenhändler besteuert, aber trotzdem kein Drogenkartell ist.

 

(Jorge Aguirre, Argentinien)

Für Ende Juni 2000 hat die FARC zu einem internationalen Hearing über Kokaanbau und Drogenhandel in die entmilitarisierte Zone eingeladen. Iván Rios und Simon Trinidad, Mitglieder des für das Hearing verantwortlich zeichnenden „Thematischen Komitees“ der FARC, erläutern die Vorschläge der Guerilla für die Kokasubstitution in Kolumbien und ein Verbot der Ausführung der zur Kokainherstellung benötigter Chemikalien aus den Industrieländern.


Der Koka-Anbau ist unbestritten das ökonomische Rückgrat vieler eurer Guerillagebiete. Die FARC gilt deshalb als „Narcoguerilla“. Wie steht eure Organisation zum Kokaanbau und Drogenhandel?

Iván Rios: Die Kokabauern sind für uns in erster Linie Bauern, nicht Drogenhändler. Die Welt der Drogenhändler ist die Welt des Betrugs und schneller Bereicherung. Die Kokabauern aber sind zum überwiegenden Teil Flüchtlinge, arme Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, um zu überleben. Sie wurden vom staatlichen Terrorismus und den Grossgrundbesitzern aus dem Landesinneren vertrieben. Sehr viele Menschen werden dazu gezwungen, sich von den landwirtschaftlich fruchtbaren Gegenden in die Waldregionen zu bewegen. Auf der Suche nach Ernährungsmöglichkeiten für die Familie ziehen die Bauern in Regionen, wo es keine Märkte, keine Wege, keine staatlichen Institutionen gibt. Was können sie schon verdienen, wenn sie dort Bananen oder Yucca pflanzen? Die Kosten für Anbau und Transport sind zu hoch, es bringt einfach nichts ein. Die Bauern erhalten keine materiellen Anreize, weder Kredite noch technische Hilfe. So entscheiden sie sich für den Koka-Anbau. Die Zwischenhändler kommen zu den Bauern, um das Koka abzuholen. Der Staat kommt nur, um ihre Felder mit Gift zu besprühen.

Simon Trinidad: Man darf sich die kolumbianischen Bauern nicht wie jene in Europa vorstellen. Die europäischen Bauern leben in einer entwickelten Gesellschaft. Sie haben eine Wohnung, elektrisches Licht, ein Gesundheitswesen. Sie leben gut, haben ein Auto und Ferien. Die Kokabauern dagegen sind Vertriebene, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Eine Hütte, das sind vier Pfähle mit einer Plastikplane darüber. Es gibt hier kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Bildung für die Kinder und keine medizinische Versorgung. In Europa und den USA gibt es die Vorstellung, dass die Kokabauern dieses Geschäft betreiben, weil es so lukrativ ist. So ist es nicht. Sie tun es, um zu überleben. Sie sind weder reich, noch können sie damit Reichtümer erwirtschaften. Die Produktion ist der Teil des Geschäfts, der am wenigsten Gewinn abwirft. Die Händler, die es in den USA und in Europa vertreiben, die machen das grosse Geschäft.

Wie ist eure Politik gegenüber den Kokabauern?

Iván Rios: Die Bauern können nicht akzeptieren, wenn wir ihnen den Kokaanbau untersagen - weil sich unmittelbar die Frage nach der Alternative stellt. Und welche Alternative können wir ihnen bieten? Das ist das grosse Problem. Wir können den Bauern nicht ihre Überlebensquelle entziehen. Wir machen das aus prinzipiellen Gründen nicht. Ausserdem: wenn wir uns gegen die Bauern stellen, könnte es auch sein, dass sie sich gegen uns stellen. In einer Region hat die FARC einmal eine Kampagne gegen den Anbau von Schlafmohn gemacht. Daraufhin rückten grosse Militäreinheiten ein, die den Bauern ausdrücklich den Anbau erlaubten. Wenn wir den Bauern den Anbau verbieten, drängen wir sie in die Arme des Feindes. Dazu kommt, dass es sich um ein komplexes soziales und ökonomisches Phänomen handelt, in dem es auch die andere Seite, nämlich die grosse Nachfrage, gibt. Solange diese grosse Nachfrage besteht, wird in sozialen und ökonomischen Krisenlagen Koka produziert werden.

Gut, das eine sind die Bauern und Bäuerinnen, die von den Verhältnissen zur Kokaproduktion gezwungen sind. Einer anderen Gesellschaftsklasse aber gehören die Drogenhän-dler an, die kaufen, um zu verkaufen. Wie behandelt ihr sie?

Iván Rios: Es geht hier um eine lange Unternehmenskette. Die Drogenhändler schicken ihre Mittelsleute, die bei den Bauern kaufen. Wenn wir uns diese Leute greifen, sagen die Bauern, dass wir sie ruinieren. Wir greifen deshalb die Zwischenhändler nicht an. Wir besteuern sie. Die Händler zahlen eine Steuer an die Gemeinde und eine an die FARC. Das ist allerdings nichts spezifisches. In anderen Gegenden besteuern wir in gleicher Weise andersartige ökonomische Unternehmen. Das heisst: wir leben nicht von Drogengeldern. Wir sind kein Kartell! Die Welt der Drogen beinhaltet, andere Menschen für Geld umzubringen und sich selbst zu bereichern. Wir aber sind eine Organisation, die die kolumbianische Gesellschaft verändern will. Wir dulden es nicht, dass sich nur ein einziger Guerrillero in die Welt des Dro-genhandels begibt. Es würde unserer Organisation und damit einer Hoffnung des kolumbianischen Volkes Schaden zufügen.

Die FARC hat erklärt, sie könne in einer Region Kolumbiens ein Pilotprojekt zur Kokasubstitution durchführen - wenn die ökonomischen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Iván Rios: Unser Vorschlag ist es, zunächst die Zone Cartagena de Chaira zu entmilitarisieren. Dort könnten wir in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und mit finanzieller Unterstützung der internationalen Gemeinschaft dieses Projekt umsetzen. Die Konsumenten in den reichen Ländern sind ein Teil dieses Problems, weil sie die grossen Märkte stellen. Also sollten Staaten und NGOs aus Europa und den USA, die sich dem Ernst der Lage bewusst sind, ein solches Entwicklungshilfeprojekt finanzieren. Damit würden sie helfen, Alternativen für die Bauern zu schaffen - Alternativen, die die Umwelt erhalten und den Menschen die Möglichkeit geben, die Regionen zu entwickeln. Wir wissen natürlich, dass die internationale Gemeinschaft der FARC kein Geld geben wird, wenn niemand weiss, wie und wofür es ausgegeben wird. Also muss eine Form des Monitoring entwickelt werden. Wir sind in der Lage, internationale Hilfsgelder transparent zu verwenden. Das viele Geld, das heute vom Staat für die Drogenbe-kämpfung ausgegeben wird, fliesst dagegen ausschliesslich in militärische Aggressionen gegen das Volk und in die Korruption.

Gab es eine Reaktion auf diesen Plan?

Simon Trinidad: In Kolumbien wurde der Plan von verschiedenen Intellektuellen und Parlamentariern positiv aufgenommen. Aber es ist klar, dass es für den Staat sehr schwierig ist, sich dafür auszusprechen. International gibt es Vorbehalte in dieser Sache, insbesondere von den USA. Und die USA diktieren die Politik, die hier gemacht wird. Es gibt in Kolumbien, besonders in dieser Frage, keine Souveranität.

Wie kann das Problem der Kokabauern gelöst werden?

Iván Rios: Es gibt hier nicht die Mittel dafür. Der Vorschlag, den wir machen können, liegt in einer internationalen Lösung, wobei man vor allem am Problem des Konsums und des Handels mit den chemischen Substanzen ansetzen müsste, die für die Kokaweiterver-arbeitung benötigt werden. Und die werden in den USA und in Europa hergestellt, unter anderem in Deutschland.

„Meiner Meinung nach hat der Krieg gegen die Drogen fast nichts mit den Drogen selbst, sehr viel mehr aber mit politischer und sozialer Kontrolle zu tun“ Noam Chomsky

„Wir glauben, dass der globale Drogenkrieg zur Zeit mehr Schaden anrichtet als die Drogen selbst“
Perez de Cuellar, George Shultz u.a.

Kokapflanzung schon 1938 - die Kokaernte ist harte Arbeit

Kokabauern: 300.000
Anbaufläche: 102.000 Hektar
Produktion: 300 Tonnen von weltweit 800 Tonnen
Giftbesprühung: 205.000 Hektar Anbaufläche und 150.000 Hektar Regenwald vernichtet (1984-1998)
Anteil am Bruttoinlandsprodukt: 2 - 6%
Deviseneinnahmen: 2 - 4 Milliarden US$ von gesamtwirtschaftlich 10 Milliarden US$.

Kolumbien ist der grösste Kokainproduzent der Erde. Die Bedeutung des Anbaus für die kolumbianische Wirtschaft ist zwar gross, aber weit geringer als üblicherweise angenommen. Etwa 85% des Gesamtumsatzes im Kokainhandel verbleibt in den Industrieländern. Obwohl der biologische Krieg gegen Kokabauern einer neuen CIA-Studie zufolge vollständig ungeeignet zur Drogenbekämpfung ist, nimmt er 87% des Budgets ein, während für Substitution gerade 2,7% vorgesehen sind.

(Quellen: Deutsche Menschenrechtskoordination Kolumbien 1998, Lessmann 1998, Arlacchi 1999, Zelik/Azzelini 1999, UNDP 1999, State Department 2000, FARC 2000, Chomsky 2000. Die verwendeten Daten sind Schätzungen, die aufgrund schwieriger Empirie und Methodik sowie politischer Interessen stark varieren.)


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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