Kokaanbau
und Drogenhandel
"Die FARC ist kein Kartell"
Warum
die Guerilla die Kokabauern unterstützt und Zwischenhändler
besteuert, aber trotzdem kein Drogenkartell ist.
(Jorge
Aguirre, Argentinien)
Für Ende Juni
2000 hat die FARC zu einem internationalen Hearing über Kokaanbau
und Drogenhandel in die entmilitarisierte Zone eingeladen. Iván
Rios und Simon Trinidad, Mitglieder des für das Hearing verantwortlich
zeichnenden Thematischen Komitees der FARC, erläutern
die Vorschläge der Guerilla für die Kokasubstitution in Kolumbien
und ein Verbot der Ausführung der zur Kokainherstellung benötigter
Chemikalien aus den Industrieländern.
Der Koka-Anbau ist unbestritten das ökonomische Rückgrat
vieler eurer Guerillagebiete. Die FARC gilt deshalb als Narcoguerilla.
Wie steht eure Organisation zum Kokaanbau und Drogenhandel?
Iván
Rios: Die Kokabauern sind für uns in erster Linie Bauern, nicht
Drogenhändler. Die Welt der Drogenhändler ist die Welt des
Betrugs und schneller Bereicherung. Die Kokabauern aber sind zum überwiegenden
Teil Flüchtlinge, arme Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, um
zu überleben. Sie wurden vom staatlichen Terrorismus und den Grossgrundbesitzern
aus dem Landesinneren vertrieben. Sehr viele Menschen werden dazu gezwungen,
sich von den landwirtschaftlich fruchtbaren Gegenden in die Waldregionen
zu bewegen. Auf der Suche nach Ernährungsmöglichkeiten für
die Familie ziehen die Bauern in Regionen, wo es keine Märkte,
keine Wege, keine staatlichen Institutionen gibt. Was können sie
schon verdienen, wenn sie dort Bananen oder Yucca pflanzen? Die Kosten
für Anbau und Transport sind zu hoch, es bringt einfach nichts
ein. Die Bauern erhalten keine materiellen Anreize, weder Kredite noch
technische Hilfe. So entscheiden sie sich für den Koka-Anbau. Die
Zwischenhändler kommen zu den Bauern, um das Koka abzuholen. Der
Staat kommt nur, um ihre Felder mit Gift zu besprühen.
Simon Trinidad:
Man darf sich die kolumbianischen Bauern nicht wie jene in Europa vorstellen.
Die europäischen Bauern leben in einer entwickelten Gesellschaft.
Sie haben eine Wohnung, elektrisches Licht, ein Gesundheitswesen. Sie
leben gut, haben ein Auto und Ferien. Die Kokabauern dagegen sind Vertriebene,
die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Eine
Hütte, das sind vier Pfähle mit einer Plastikplane darüber.
Es gibt hier kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Bildung für
die Kinder und keine medizinische Versorgung. In Europa und den USA
gibt es die Vorstellung, dass die Kokabauern dieses Geschäft betreiben,
weil es so lukrativ ist. So ist es nicht. Sie tun es, um zu überleben.
Sie sind weder reich, noch können sie damit Reichtümer erwirtschaften.
Die Produktion ist der Teil des Geschäfts, der am wenigsten Gewinn
abwirft. Die Händler, die es in den USA und in Europa vertreiben,
die machen das grosse Geschäft.
Wie ist eure
Politik gegenüber den Kokabauern?
Iván
Rios: Die Bauern können nicht akzeptieren, wenn wir ihnen den
Kokaanbau untersagen - weil sich unmittelbar die Frage nach der Alternative
stellt. Und welche Alternative können wir ihnen bieten? Das ist
das grosse Problem. Wir können den Bauern nicht ihre Überlebensquelle
entziehen. Wir machen das aus prinzipiellen Gründen nicht. Ausserdem:
wenn wir uns gegen die Bauern stellen, könnte es auch sein, dass
sie sich gegen uns stellen. In einer Region hat die FARC einmal eine
Kampagne gegen den Anbau von Schlafmohn gemacht. Daraufhin rückten
grosse Militäreinheiten ein, die den Bauern ausdrücklich den
Anbau erlaubten. Wenn wir den Bauern den Anbau verbieten, drängen
wir sie in die Arme des Feindes. Dazu kommt, dass es sich um ein komplexes
soziales und ökonomisches Phänomen handelt, in dem es auch
die andere Seite, nämlich die grosse Nachfrage, gibt. Solange diese
grosse Nachfrage besteht, wird in sozialen und ökonomischen Krisenlagen
Koka produziert werden.
Gut, das eine
sind die Bauern und Bäuerinnen, die von den Verhältnissen
zur Kokaproduktion gezwungen sind. Einer anderen Gesellschaftsklasse
aber gehören die Drogenhän-dler an, die kaufen, um zu verkaufen.
Wie behandelt ihr sie?
Iván
Rios: Es geht hier um eine lange Unternehmenskette. Die Drogenhändler
schicken ihre Mittelsleute, die bei den Bauern kaufen. Wenn wir uns
diese Leute greifen, sagen die Bauern, dass wir sie ruinieren. Wir greifen
deshalb die Zwischenhändler nicht an. Wir besteuern sie. Die Händler
zahlen eine Steuer an die Gemeinde und eine an die FARC. Das ist allerdings
nichts spezifisches. In anderen Gegenden besteuern wir in gleicher Weise
andersartige ökonomische Unternehmen. Das heisst: wir leben nicht
von Drogengeldern. Wir sind kein Kartell! Die Welt der Drogen beinhaltet,
andere Menschen für Geld umzubringen und sich selbst zu bereichern.
Wir aber sind eine Organisation, die die kolumbianische Gesellschaft
verändern will. Wir dulden es nicht, dass sich nur ein einziger
Guerrillero in die Welt des Dro-genhandels begibt. Es würde unserer
Organisation und damit einer Hoffnung des kolumbianischen Volkes Schaden
zufügen.
Die FARC hat
erklärt, sie könne in einer Region Kolumbiens ein Pilotprojekt
zur Kokasubstitution durchführen - wenn die ökonomischen Ressourcen
zur Verfügung gestellt werden.
Iván
Rios: Unser Vorschlag ist es, zunächst die Zone Cartagena de
Chaira zu entmilitarisieren. Dort könnten wir in Zusammenarbeit
mit der Gemeinde und mit finanzieller Unterstützung der internationalen
Gemeinschaft dieses Projekt umsetzen. Die Konsumenten in den reichen
Ländern sind ein Teil dieses Problems, weil sie die grossen Märkte
stellen. Also sollten Staaten und NGOs aus Europa und den USA, die sich
dem Ernst der Lage bewusst sind, ein solches Entwicklungshilfeprojekt
finanzieren. Damit würden sie helfen, Alternativen für die
Bauern zu schaffen - Alternativen, die die Umwelt erhalten und den Menschen
die Möglichkeit geben, die Regionen zu entwickeln. Wir wissen natürlich,
dass die internationale Gemeinschaft der FARC kein Geld geben wird,
wenn niemand weiss, wie und wofür es ausgegeben wird. Also muss
eine Form des Monitoring entwickelt werden. Wir sind in der Lage, internationale
Hilfsgelder transparent zu verwenden. Das viele Geld, das heute vom
Staat für die Drogenbe-kämpfung ausgegeben wird, fliesst dagegen
ausschliesslich in militärische Aggressionen gegen das Volk und
in die Korruption.
Gab es eine
Reaktion auf diesen Plan?
Simon Trinidad:
In Kolumbien wurde der Plan von verschiedenen Intellektuellen und Parlamentariern
positiv aufgenommen. Aber es ist klar, dass es für den Staat sehr
schwierig ist, sich dafür auszusprechen. International gibt es
Vorbehalte in dieser Sache, insbesondere von den USA. Und die USA diktieren
die Politik, die hier gemacht wird. Es gibt in Kolumbien, besonders
in dieser Frage, keine Souveranität.
Wie kann das
Problem der Kokabauern gelöst werden?
Iván
Rios: Es gibt hier nicht die Mittel dafür. Der Vorschlag, den
wir machen können, liegt in einer internationalen Lösung,
wobei man vor allem am Problem des Konsums und des Handels mit den chemischen
Substanzen ansetzen müsste, die für die Kokaweiterver-arbeitung
benötigt werden. Und die werden in den USA und in Europa hergestellt,
unter anderem in Deutschland.
| Meiner
Meinung nach hat der Krieg gegen die Drogen fast nichts mit den
Drogen selbst, sehr viel mehr aber mit politischer und sozialer
Kontrolle zu tun Noam Chomsky
Wir
glauben, dass der globale Drogenkrieg zur Zeit mehr Schaden
anrichtet als die Drogen selbst
Perez de Cuellar, George Shultz u.a.
 |
| Kokapflanzung
schon 1938 - die Kokaernte ist harte Arbeit |
Kokabauern:
300.000
Anbaufläche: 102.000 Hektar
Produktion: 300 Tonnen von weltweit 800 Tonnen
Giftbesprühung: 205.000 Hektar Anbaufläche und 150.000
Hektar Regenwald vernichtet (1984-1998)
Anteil am Bruttoinlandsprodukt: 2 - 6%
Deviseneinnahmen: 2 - 4 Milliarden US$ von gesamtwirtschaftlich
10 Milliarden US$.
Kolumbien
ist der grösste Kokainproduzent der Erde. Die Bedeutung
des Anbaus für die kolumbianische Wirtschaft ist zwar gross,
aber weit geringer als üblicherweise angenommen. Etwa 85%
des Gesamtumsatzes im Kokainhandel verbleibt in den Industrieländern.
Obwohl der biologische Krieg gegen Kokabauern einer neuen CIA-Studie
zufolge vollständig ungeeignet zur Drogenbekämpfung
ist, nimmt er 87% des Budgets ein, während für Substitution
gerade 2,7% vorgesehen sind.
(Quellen:
Deutsche Menschenrechtskoordination Kolumbien 1998, Lessmann
1998, Arlacchi 1999, Zelik/Azzelini 1999, UNDP 1999, State Department
2000, FARC 2000, Chomsky 2000. Die verwendeten Daten sind Schätzungen,
die aufgrund schwieriger Empirie und Methodik sowie politischer
Interessen stark varieren.)
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