R e i s e n o
t i z e n (V)
Das neue Millenium
"Wenn es
nicht bald regnet, müssen wir fort", erklärt Lula
und zeigt auf die bauchigen Plastikfässer, in denen das Regenwasser
aufgefangen wird. "Früher mussten wir sechs Tage zu Fuss
gehen, um ins Dorf zu kommen. Die Strasse haben die Genossen von der
FARC gebaut". Lula, die auf dem Bauernhof am Ende der Strasse
eine Kneipe betreibt, tätschelt einem Guerillero den Kopf und stellt
uns Kaffee hin. Vier Stunden sind wir über eine holprige Piste
gefahren, unterbrochen von Strassensperren der FARC. Unser Fahrer erklärte
den Kämpfer/innen, die sich ins Auto beugten, dass wir zu Camarada
Raúl fahren. Der Name von Raúl Reyes, dem Verhandlungsführer
der FARC, bewirkte jedesmal ein Lächeln und: "Weiter, gute
Fahrt!" Kuhweiden, ab und zu ein Holzhaus oder eine kleine
Ansiedlung, viel gab es unterwegs sonst nicht zu sehen. Kokafelder gibt
es hier nicht, nur Kühe.
Nach der Rast bei
Lula geht es auf der Ladefläche eines offenen Transporters weiter.
Das erste, was mir bei der Einfahrt ins Guerillacamp auffällt,
ist die Reihe neuer japanischer Jeeps. Was die wohl kosten? Ich vergesse
die Jeeps, weil Raúl Reyes, ein kleiner Mann mit Brille und grauem
Bart, uns zum Essen bittet. In einem Gestell aus Plastikplanen sitzen
wir am Holztisch zusammen mit ihm und einigen Mitgliedern der Internationalen
Kommission. Auf den Bänken liegen Bücher und Papiere, in den
Ecken stehen Rum und Wein. Eine Guerillera trägt, immer das Gewehr
auf der Schulter, Teller mit Reis, Fleisch und Yucca herein. "Was
für eine Hitze" stöhnt sie und nimmt zu meinem Erstaunen
einen Schluck aus der Coladose eines Kommandanten. Dann zieht sie sich,
zu meiner wachsenden Verblüffung, das T-Shirt hoch, um den Bauch
zu belüften.
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| Rául
Reyes, Chefunterhändler der FARC-EP |
Wir werden herumgeführt.
Ein überdimensionaler Che prangt in dem Aula genannten Versammlungszelt,
das noch mit bunten Papierstreifen von Weihnachten geschmückt ist.
Vor den Holzbänken steht ein Fernseher und ein Video, an einer
Schultafel hängt die Karte von Kolumbien, davor steht ein Globus.
"Damit auch alle verstehen, dass die Erde keine Scheibe ist
und niemand runterfallen kann", erklärt man uns, halb
im Scherz, halb im Ernst. Um die hundert Guerillas befinden sich im
Camp. Die Hälfte sind Kommandant/innen, die meisten sind an den
Verhandlungen mit der Regierung beteiligt, die andere Hälfte sind
einfache Kämpfer/innen. Auffällig viele von ihnen sind junge
Frauen, 15 bis 20 Jahre alt.
Zuerst
wollten sie mich nicht aufnehmen. Ich war eine Frau, ich war 18 und
hatte ein Kind. Aber dann konnte ich mich doch durchsetzen",
erzählt Eliana Gonzales. Aber die Lage der Genossinnen sei heute
viel besser. Als sich Eliana vor 26 Jahren der Guerilla anschloss, war
sie eine von insgesamt zehn Kämpferinnen. Mein Mann war
mit der Guerillabewegung nicht einverstanden. Und als Macho war er es
nicht gewohnt, dass Frauen eigene Entscheidungen treffen".
Eliana liess ihre kleine Tochter zurück. "Neun Jahre konnte
ich meine Tochter nicht sehen. Er hätte mich umgebracht.
Eliana sitzt an gezimmerten Holztischen voller Laptops, Radioanlagen
und Satellitentelefonen. Sie, die frühere Krankenschwester, ist
die für Kommunikation verantwortliche Kommandantin. Eliana betreut
die Homepages und koordiniert die sieben UKW-Sender der FARC. "Das
habe ich mir im Laufe der Zeit mit der Hilfe der Genossen beigebracht",
erklärt sie. Über die Radioanlage kann sie mit ihrer Tochter
sprechen, die inzwischen auch bei der FARC ist. In den 26 Jahren bei
der Guerilla hat Eliana zwei weitere Kinder bekommen, die bei Bauernfamilien
aufwuchsen. Ihre jüngste Tochter wurde im August 1999 von Paramilitärs
entführt und ermordet.
Es ist ein besonderer
Tag: für diejenigen, die an Silvester Wache schieben mussten, wird
heute nachgefeiert. In der Aula ist eine Bar aufgebaut, Bier und Rum
werden herumgereicht. Etwas abseits des Trubels sitzt ein junger Mann
mit blondem Haar, ein Internationalist, vor säuberlich aufgereihten
Gewehren. Ist doch besser so, alle wollen sich amüsieren,
da wird einiges getrunken. Einer der Kommandanten setzt gerade
an mir zu erklären, warum die FARC wie Fidel Castro der Auffassung
sei, das neue Millenium beginne erst nächstes Jahr, aber eine junge
Kämpferin zerrt ihn auf die Tanzfläche. Vor der Bar schwingen
die Guerillas begeistert die Hüften. In den klobigen Gummistiefeln
fallen die Drehungen nicht so elegant aus, was es mir erleichtert, einigermassen
im Takt zu bleiben. Hatten wir bisher mit geschulten Kommandant/innen
zu tun, ergeben sich jetzt auch andere Gespräche. Bauernsöhne
erklären mir, warum die Guerilla die beste Lebensalternative ist,
warum Kolumbien die Revolution und die Revolution eine Armee braucht.
Sie fragen, ob die Neonazis wirklich so viele sind und wie es in der
ehemaligen DDR aussieht. Nicht wenige haben bei der FARC Lesen und Schreiben
gelernt. Das sind sie, die Kindersoldaten, von denen terre
des hommes anklagend spricht. Mit 15 - das ist das Mindestalter - sind
sie der FARC beigetreten.
Um zwanzig nach
vier Uhr morgens beginnt der Tag. In tiefster Finsternis einen Kaffee,
Zähneputzen und dann eine Stunde Frühsport. Prustend sind
auch die älteren Comandan-tes bei den Liegestützen dabei,
durch die Bäume hören wir das angestrengte Zählen - fünfzig!
Nach dem Frühstück, immer von einer anderen Gruppe zubereitet,
wird das Camp aufgeräumt und gefegt. Um 7 Uhr, es wird langsam
hell, beginnt die politische Diskussion in der Aula, bei der aktuelle
Ereignisse bekanntgemacht und diskutiert werden. Den restlichen Tag
gehen alle ihren Verpflichtungen nach. Nach dem Abendessen gibt es noch
die "Kulturstunde" mit Lesungen, Videos, Musik oder Sport.
Dann fällt die Sonne vom Himmel. Um 20 Uhr liegen die Guerillas
auf ihren mit Laub belegten Holzpritschen und schlafen, neben sich das
Gewehr und den gepackten Rucksack.
Im Guerillacamp,
2.1.2000
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