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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 22
Reisenotizen (V): Das neue Millenium
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
R e i s e n o t i z e n (V)
Das neue Millenium

"Wenn es nicht bald regnet, müssen wir fort", erklärt Lula und zeigt auf die bauchigen Plastikfässer, in denen das Regenwasser aufgefangen wird. "Früher mussten wir sechs Tage zu Fuss gehen, um ins Dorf zu kommen. Die Strasse haben die Genossen von der FARC gebaut". Lula, die auf dem Bauernhof am Ende der Strasse eine Kneipe betreibt, tätschelt einem Guerillero den Kopf und stellt uns Kaffee hin. Vier Stunden sind wir über eine holprige Piste gefahren, unterbrochen von Strassensperren der FARC. Unser Fahrer erklärte den Kämpfer/innen, die sich ins Auto beugten, dass wir zu Camarada Raúl fahren. Der Name von Raúl Reyes, dem Verhandlungsführer der FARC, bewirkte jedesmal ein Lächeln und: "Weiter, gute Fahrt!" Kuhweiden, ab und zu ein Holzhaus oder eine kleine Ansiedlung, viel gab es unterwegs sonst nicht zu sehen. Kokafelder gibt es hier nicht, nur Kühe.

Nach der Rast bei Lula geht es auf der Ladefläche eines offenen Transporters weiter. Das erste, was mir bei der Einfahrt ins Guerillacamp auffällt, ist die Reihe neuer japanischer Jeeps. Was die wohl kosten? Ich vergesse die Jeeps, weil Raúl Reyes, ein kleiner Mann mit Brille und grauem Bart, uns zum Essen bittet. In einem Gestell aus Plastikplanen sitzen wir am Holztisch zusammen mit ihm und einigen Mitgliedern der Internationalen Kommission. Auf den Bänken liegen Bücher und Papiere, in den Ecken stehen Rum und Wein. Eine Guerillera trägt, immer das Gewehr auf der Schulter, Teller mit Reis, Fleisch und Yucca herein. "Was für eine Hitze" stöhnt sie und nimmt zu meinem Erstaunen einen Schluck aus der Coladose eines Kommandanten. Dann zieht sie sich, zu meiner wachsenden Verblüffung, das T-Shirt hoch, um den Bauch zu belüften.

Rául Reyes, Chefunterhändler der FARC-EP

Wir werden herumgeführt. Ein überdimensionaler Che prangt in dem Aula genannten Versammlungszelt, das noch mit bunten Papierstreifen von Weihnachten geschmückt ist. Vor den Holzbänken steht ein Fernseher und ein Video, an einer Schultafel hängt die Karte von Kolumbien, davor steht ein Globus. "Damit auch alle verstehen, dass die Erde keine Scheibe ist und niemand runterfallen kann", erklärt man uns, halb im Scherz, halb im Ernst. Um die hundert Guerillas befinden sich im Camp. Die Hälfte sind Kommandant/innen, die meisten sind an den Verhandlungen mit der Regierung beteiligt, die andere Hälfte sind einfache Kämpfer/innen. Auffällig viele von ihnen sind junge Frauen, 15 bis 20 Jahre alt.

“Zuerst wollten sie mich nicht aufnehmen. Ich war eine Frau, ich war 18 und hatte ein Kind. Aber dann konnte ich mich doch durchsetzen", erzählt Eliana Gonzales. Aber die Lage der Genossinnen sei heute viel besser. Als sich Eliana vor 26 Jahren der Guerilla anschloss, war sie eine von insgesamt zehn Kämpferinnen. “Mein Mann war mit der Guerillabewegung nicht einverstanden. Und als Macho war er es nicht gewohnt, dass Frauen eigene Entscheidungen treffen". Eliana liess ihre kleine Tochter zurück. "Neun Jahre konnte ich meine Tochter nicht sehen. Er hätte mich umgebracht.” Eliana sitzt an gezimmerten Holztischen voller Laptops, Radioanlagen und Satellitentelefonen. Sie, die frühere Krankenschwester, ist die für Kommunikation verantwortliche Kommandantin. Eliana betreut die Homepages und koordiniert die sieben UKW-Sender der FARC. "Das habe ich mir im Laufe der Zeit mit der Hilfe der Genossen beigebracht", erklärt sie. Über die Radioanlage kann sie mit ihrer Tochter sprechen, die inzwischen auch bei der FARC ist. In den 26 Jahren bei der Guerilla hat Eliana zwei weitere Kinder bekommen, die bei Bauernfamilien aufwuchsen. Ihre jüngste Tochter wurde im August 1999 von Paramilitärs entführt und ermordet.

Es ist ein besonderer Tag: für diejenigen, die an Silvester Wache schieben mussten, wird heute nachgefeiert. In der Aula ist eine Bar aufgebaut, Bier und Rum werden herumgereicht. Etwas abseits des Trubels sitzt ein junger Mann mit blondem Haar, ein Internationalist, vor säuberlich aufgereihten Gewehren. „Ist doch besser so, alle wollen sich amüsieren, da wird einiges getrunken.“ Einer der Kommandanten setzt gerade an mir zu erklären, warum die FARC wie Fidel Castro der Auffassung sei, das neue Millenium beginne erst nächstes Jahr, aber eine junge Kämpferin zerrt ihn auf die Tanzfläche. Vor der Bar schwingen die Guerillas begeistert die Hüften. In den klobigen Gummistiefeln fallen die Drehungen nicht so elegant aus, was es mir erleichtert, einigermassen im Takt zu bleiben. Hatten wir bisher mit geschulten Kommandant/innen zu tun, ergeben sich jetzt auch andere Gespräche. Bauernsöhne erklären mir, warum die Guerilla die beste Lebensalternative ist, warum Kolumbien die Revolution und die Revolution eine Armee braucht. Sie fragen, ob die Neonazis wirklich so viele sind und wie es in der ehemaligen DDR aussieht. Nicht wenige haben bei der FARC Lesen und Schreiben gelernt. Das sind sie, die „Kindersoldaten“, von denen terre des hommes anklagend spricht. Mit 15 - das ist das Mindestalter - sind sie der FARC beigetreten.

Um zwanzig nach vier Uhr morgens beginnt der Tag. In tiefster Finsternis einen Kaffee, Zähneputzen und dann eine Stunde Frühsport. Prustend sind auch die älteren Comandan-tes bei den Liegestützen dabei, durch die Bäume hören wir das angestrengte Zählen - fünfzig! Nach dem Frühstück, immer von einer anderen Gruppe zubereitet, wird das Camp aufgeräumt und gefegt. Um 7 Uhr, es wird langsam hell, beginnt die politische Diskussion in der Aula, bei der aktuelle Ereignisse bekanntgemacht und diskutiert werden. Den restlichen Tag gehen alle ihren Verpflichtungen nach. Nach dem Abendessen gibt es noch die "Kulturstunde" mit Lesungen, Videos, Musik oder Sport. Dann fällt die Sonne vom Himmel. Um 20 Uhr liegen die Guerillas auf ihren mit Laub belegten Holzpritschen und schlafen, neben sich das Gewehr und den gepackten Rucksack.

Im Guerillacamp, 2.1.2000


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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