Lucero
Palmera
Diskrimierung wird bestraft
Die Kommandantin Lucero Palmera über Emanzipation und militärische
Disziplin.
Etwa ein Drittel
der FARC-Kämpfer/innen sind Frauen. Die meisten sind zwischen 15
und 25 Jahren, manche davon schon seit fünf oder zehn Jahren in
den Bergen. Nicht wenige sind Kommandantinnen geworden, einige sind
auch im 25-köpfigen Befehlsstab vertreten. Das ist heute normal,
sagt eine der Kommandantinnen, die schon seit 26 Jahren in der FARC
kämpft. Damals waren wir zehn Frauen, erinnert sie sich. Heute
seien die Leute nicht mehr erstaunt, wenn Guerilleras in ihre Dörfer
kommen. Aber bis die Frauen als Kämpferinnen und nicht nur als
Ehefrauen der Kämpfer anerkannt wurden - das war ein langer Prozess.
Heute gebe es diese geschlechtliche Arbeitsteilung nicht mehr und ebensowenig
Privilegien in der Ausbildung der Frauen. Die Frauen haben bewiesen,
dass sie alle Aufgaben übernehmen und auch mit dem Gewehr kämpfen
können. Lucero Palmera wohnte in einem Dorf an der kolumbianischen
Karibikküste. Während sie noch die Schule besuchte, wurde
sie Mitglied der Kommunistischen Jugend. Nachdem sie mit sechzehn das
Abitur gemacht hatte, ging sie zur FARC. Mehrere Jahre war sie mit der
41. Front in der 5000 Meter hohen Sierra Nevada und im Dschungel an
der venezolanischen Grenze, bis sie im Sommer 1999 nach San Vicente
kam, wo sie nun mit den Jugendlichen und Kindern des Ortes arbeitet.
Lucero Palmera ist 25 Jahre alt, hat eine siebenjährige Tochter
und ist Kommandantin einer Guerillaeinheit.
Wir haben viele 15-16jährige Guerillas gesehen. Du bist auch
als Jugendliche zur FARC gegangen. Was waren deine Gründe?
Ich wollte ein
Leben in Würde und Gerechtigkeit. Das waren meine Gründe.
Ich glaube, dass viele Jugendliche so empfinden, deshalb kommen sie
zu uns.
Was passierte
nach deinem Eintritt? Wie ist die Ausbildung?
Zuerst gibt es
einen Kurs, der drei bis vier Monate dauert und in erster Linie eine
politische Schulung ist. Dort lernen wir die Geschichte der FARC kennen,
die Geschichte Kolumbiens, die Gewalt und die Faktoren, die vor 36 Jahren
zur Entstehung der Guerillabewegung führten.
Also müssen
die Jugendlichen bei der FARC zunächst jeden Tag die Namen und
Taten historischer Kommandanten büffeln?
Das gehört
dazu, oder nicht? Zu der politischen Ausbildung kommt die militärische
Schulung. Der Unterricht ist umfassend. Wir lernen, alle Waffen zu benutzen,
die grundlegenden militärischen Taktiken und natürlich, wie
ein Guerillacamp aufgebaut wird. Das Leben in der Guerilla verlangt
besondere Kenntnisse, die nicht einmal die Bauern besitzen. Man lernt,
wie man überlebt: welche Früchte essbar sind, wie man Wasser
findet, wie man im Schnee schläft. Den meisten Kämpfern muss
man allerdings erst einmal das Kochen beibringen.
Die Männer
können nicht kochen...
Genau das ist das
Problem. Aber nach der Schulung kann jeder Guerilla zumindest Reis und
Bananen kochen. Ein wichtiger Teil der Ausbildung ist das Verhalten
des Guerillakämpfers. Die Kommandanten fragten uns in der Schulung:
was ist ein Genosse? Sie sagten uns, ein Genosse ist mehr als ein Freund,
sogar mehr als ein Bruder. Wir leben in einer Gesellschaft, die von
Egoismus und Individualismus geprägt ist. Dort lernst du, dass
du der beste und der schnellste sein musst, und dass man das nur auf
Kosten anderer erreicht. Aber der Mensch ist kein Tier. Wir versuchen,
das hinter uns zu lassen und durch die Gefühle der Solidarität
und der Liebe zu den Genossen und zum Volk zu ersetzen.
Wie geht es
nach der ersten Schulung weiter?
Danach kommt die
Phase des täglichen Lernens. Ihr habt gesehen, dass hier immer
gearbeitet oder gelernt wird. Unser disziplinarisches Statut sagt, dass
wir Berufsrevolutionäre sind. Wir widmen 24 Stunden, und manche
sagen auch 25 Stunden des Tages der Revolution. Wenn ich das Wasser
hole, damit ein Genosse unser Essen bereiten kann, wenn wir den Feind
angreifen - wir denken immer daran, dass wir unsere Armee so organisieren
müssen, dass sie das mächtigere Heer des Feindes schlagen
kann. Wir müssen die Macht übernehmen, dieses Ziel ist uns
immer vor Augen. Wenn es möglich ist, lesen wir jeden Tag, oft
gibt es auch Vorträge und Diskussionen. Wir lernen Marxismus-Leninismus
und die Theorien revolutionärer Kämpfer wie Che Guevara, allgemeine
Geschichte und Geographie. Manche Kämpfer/innen müssen zuerst
überzeugt werden, dass die Erde eine Kugel ist und niemand hinten
runter-fallen kann.
Ist das Dein
Ernst?
Ja, natürlich!
Die Regierung ist ignorant gegenüber dem Volk. Die armen Bauern
werden in Unwissenheit gehalten, der Bildungssektor ist privatisiert,
das Wissen zur Ware degradiert. Hast Du nicht den Globus im Versammlungszelt
gesehen? Damit erklären wir es ihnen.
Viele Kämpfer
sind dementsprechend Analphabeten?
Ja. Wir haben ein
Alphabetisierungsprogramm. Diejenigen, die einen Schulabschluss haben,
bringen den anderen Lesen und Schreiben bei. Es gibt hier Menschen mit
grossen Qualitäten, die aber unwissend sind. Sie ringen mit den
Buchstaben, aber sie wollen um jeden Preis lernen und sie übertreffen
sich selbst dabei. Wenn ich diesen Willen zu lernen sehe, denke ich
an die Massen, die den gleichen Willen haben, aber nicht die Mittel.
Und daran, was erst möglich sein wird, wenn das Volk, und nicht
eine Elite über diese Mittel verfügt.
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Bäuerinnen
aus Boyaca (1969) / Efraim Garcia (Egar)
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Ist das ein
Grund, warum die Jugendlichen zur Guerilla gehen?
Die Leute wissen,
dass sie hier etwas lernen können und lernen müssen.
Es wird jedem gesagt, dass es ein hartes Leben ist, in dem man auf vieles
verzichten muss. Unsere Angehörigen sehen wir fast nie, manche
Kämpfer sehen sie niemals. Das härteste ist der Krieg. Der
Feind ist zwar sehr gut bewaffnet, aber ohne jede Kampfmoral, während
wir schlecht bewaffnet, aber voller Kampfmoral sind. Unsere Waffe ist
die revolutionäre Moral. Damit können wir uns den mächtigsten
Feinden entgegenstellen. Mit all der Unterstützung, dem Geld und
den Waffen des Imperiums USA konnten sie uns nie besiegen, obwohl sie
immer mehr waren als wir.
Bist Du jemals
verwundet worden?
Zum Glück
noch nicht. Ich habe einige Male verwundeten Kämpfern Erste Hilfe
leisten müssen. Das war sehr hart. Einmal ging ich mit einem Genossen,
der mit mir aufgewachsen ist und kurz vor mir eingetreten war, in ein
Gefecht. Es war das erste Mal, dass wir uns wiedersahen. Er bekam eine
Kugel in den Kopf. Du bist mitten im Gefecht und neben dir stirbt dein
Bruder. Das passiert hier ständig. Du verlierst die Menschen, die
du am meisten liebst. Die Soldaten werden dafür bezahlt oder dazu
gezwungen. Bei uns wird niemand bezahlt. Niemand wird gezwungen, in
die FARC einzutreten. Wir kämpfen, weil es notwendig ist und weil
wir uns selbst dafür entschieden haben.
Du hast mir
vorhin ein Foto von deiner Tochter gezeigt. Gibt es viele Kämpferinnen,
die Kinder bekommen? Das muss doch sehr schwierig sein.
Man sollte wirklich
versuchen, es zu vermeiden. Ich kann fast nie mit meiner Tochter zusam-mensein.
Seit ihrer Geburt wird sie verfolgt. Es ist gängige Praxis der
Militärs, Angehörige von Kämpfern zu entführen.
Simons Bruder wurde entführt, vor vier Monaten brachten die Paramili-tärs
eine von Elianas Töchtern um. Als meine Tochter vier war, kamen
sie in mein Dorf, um auch sie zu holen. Wir haben sie weggebracht. Sie
ist jetzt eine der Millionen Menschen, die durch den Krieg zu Vertriebenen
wurden. Sie lebt immer an einem anderen Ort, in einer anderen Familie.
Aber zum Glück weist sie mich nicht zurück. Sie ist zu klein,
um all dies zu verstehen.
Du hast Dich
trotz der Umstände für das Kind entschieden.
Ich war 18. Unsere
Regeln schreiben zwar Verhütungsmittel vor, aber es hat nicht geklappt.
Die erste Zeit der Schwangerschaft war ich in einem Camp und ging, so
weit ich konnte, meinen Aufgaben nach. Als ich im neunten Monat war,
brachten die Genossen mich für die Geburt in ein Dorf. Ich liess
meine Tochter bei einer Familie und ging zurück zu meiner Einheit.
Als ich sie das nächste Mal sah, war sie schon zwei. Stell Dir
vor, sie konnte schon reden und laufen.
Du bist sofort
nach der Geburt wieder in die Berge gegangen?
Ja. Aber es war
sehr schwer. Ich habe mich als Mutter gefühlt. Mutter oder Guerillera?
Du musst dich entscheiden. In die Berge kannst du sie nicht mitnehmen.
Für den Vater ist es einfacher, er hat sie nicht neun Monate in
sich getragen, sie gespürt und mit ihr gelitten. Der Moment des
Abschieds war der schwerste in meinem Leben. Die Guerilla kann die Familien,
die die Kinder der Kämpferinnen aufnehmen, kaum unterstützen.
Der Krieg ist sehr teuer. Und ich bin hier, um zu kämpfen und nicht
damit die Guerilla mein Kind unterhält.
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| Die Pflückerinnen,
1900 / Melitón Rodríguez |
Gab es Genossinnen,
die aus diesen Gründen die Guerilla verlassen haben?
Ja, einige wollten
nach der Geburt nicht mehr zurückkommen. Ich hatte das Glück,
dass es eine Familie gab, wo ich meine Tochter lassen konnte, andere
hatten dies nicht. Manche haben sich aber auch für ein Leben als
Mutter entschieden. Ich bin Guerillera geworden, um nicht länger
unterdrückt und ausgebeutet zu werden, um in meiner Würde
als Frau anerkannt zu werden. Natürlich will ich auch mit meiner
Tocher leben, sie wachsen sehen und ihr alles beibringen. Aber ich habe
mich für ein anderes Leben entschieden und dahinter kann ich nicht
zurück.
Inwiefern unterscheiden
sich die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen bei der
Guerilla von jenen in der Gesellschaft?
Die Guerillera
ist eine Kämpferin - nicht eine Freundin, die dazu da ist, die
sexuellen Bedürfnisse des Kämpfers zu befriedigen. Wir sind
gleich in unseren Rechten und in unseren Pflichten, dem Volk wie der
Guerilla gegenüber. Es gibt keine geschlechtliche Arbeitsteilung.
Guerilleras, die die Guerilleros in ihrer politischen und militärischen
Arbeit und Bildung übertreffen, werden zu Kommandantinnen mit Befehlsgewalt
über die Guerilleros. Hier kannst du dich selbst verwirklichen,
während sie den Mädchen in der Gesellschaft beibringen, sich
zu verkaufen: wenn du deinen Job als Sekretärin behalten willst,
musst du mit dem Chef ins Bett gehen. Hier ist es deine eigene Verantwortung,
was du aus deinem Leben machst. Der Unterschied in der Stellung der
Frau in der Guerilla und der Gesellschaft ist sehr gross, was natürlich
ein Widerspruch ist, weil auch die Guerilla zu dieser Gesellschaft gehört.
Aus dieser Gesellschaft
und mit den Werten, die dort zählen, kommen die Jungen und Mädchen
zur Guerilla.
Natürlich
gibt es immer Probleme. Aber hier lernen sie den Marxismus-Leninismus,
sie lernen, dass sie Rechte und Pflichten haben. Also fangen sie an,
für diese Rechte zu kämpfen. Wir sind gleich, das ist der
Ausgangspunkt. In der Gesellschaft ist der Ausgangspunkt die Ungleichheit,
auch eine Ärztin oder Anwältin kocht nach der Arbeit für
ihren Mann.
Die Frauen in
der kurdischen Guerilla haben eine Frauenarmee gebildet, die zwar unter
dem gleichen Oberkommando steht wie die gemischten Einheiten, aber in
ihrer inneren Struktur unabhängig ist. Eine ihrer Erfahrungen,
die sie dazu bewegt hatten, war nicht nur die Schwierigkeit der Männer,
die Befehle einer Kommandantin anzuerkennen, sondern auch die der Frauen,
die an männliche Autoritäten gewohnt waren.
Diesen Kampf gibt
es hier auch, und es gab ihn immer. Man spricht davon, dass es 48 Männer
waren, die damals die FARC gründeten. Aber es waren auch Frauen,
allerdings waren sie in der Regel eben die Frauen der Männer. Wenn
die Männer in den Krieg zogen, wuschen sie Wäsche. Die Frauen
mussten erst gegen den Machismo durchsetzen, dass sie genau wie die
Männer Krieg führen können. Heute gibt es immer noch
Überreste dieser Kultur. Aber unser Statut sagt, dass der Kommandant
oder der Kämpfer, der eine Frau diskriminiert, bestraft wird. Der
Guerillero, der den Befehl einer Kommandantin missachtet, missachtet
nicht den Befehl einer Frau, sondern einer Vorgesetzten. Das wird bestraft.
Diese Bedingungen helfen den Frauen, sich zu entwickeln. Nur so können
wir eine andere Welt als diese machistische und kapitalistische aufbauen.
Die neue Gesellschaft ist keine Männergesellschaft, sondern eine
Welt von Frauen und Männern.
Eine neue Welt
wird nicht mit einem Statut geschaffen.
Das Statut ist
sehr wichtig. Das Bewusstsein der Gleichheit haben wir erkämpft,
indem wir zeigten, dass wir die gleichen Fähigkeiten haben. In
der 41. Front habe ich eine schöne Erfahrung gemacht. Wir waren
zwei Einheiten, die ausschliesslich aus Frauen bestanden. Wir bekamen
den Befehl, eine Dorfversammlung zu organisieren. Die zivilen Genossinnen
und Genossen im Dorf waren erstaunt, als sie sahen, dass bewaffnete
Frauen Wache standen, Bäume fällten und schwere Wasserbehälter
trugen. Die Männer wollten uns die Arbeiten abnehmen, aber wir
sagten: nein, wir sind Kämpferinnen. Sie waren es gewohnt, dass
Frauen nur Hilfsarbeiten verrichten und selbst nichts organisieren.
Die Männer fragten sich, wenn diese Mädchen Krieg führen,
wie können wir hier herumsitzen? Wir haben sie motiviert, der Guerilla
beizutreten. Sechs kamen mit uns. Es kommt darauf an, die Fähigkeiten
zu entwickeln.
Hat es Fälle
sexistischer Angriffe, Vergewaltigungen gegeben?
Seit ich bei der
FARC bin, habe ich weder von einer Vergewaltigung einer Guerillera noch
einer Frau aus der Zivilbevölkerung gehört, und auch davor
nicht, als ich noch zu Hause war.
Was wünschst
Du dir für die Zukunft?
Ich bin Revolutionärin.
Ich will kämpfen und als Guerillakommandantin die Massen für
die Revolution organisieren. Ich wünsche mir, am Aufbau des neuen
Staates mitarbeiten zu können. Eines Tages, nach der Machtübernahme,
möchte ich mit meiner Tocher alle Zeit nachholen, die wir verpasst
haben.
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