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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 20-23
Lucero Palmera
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
Lucero Palmera
Diskrimierung wird bestraft
Die Kommandantin Lucero Palmera über Emanzipation und militärische Disziplin.

Etwa ein Drittel der FARC-Kämpfer/innen sind Frauen. Die meisten sind zwischen 15 und 25 Jahren, manche davon schon seit fünf oder zehn Jahren in den Bergen. Nicht wenige sind Kommandantinnen geworden, einige sind auch im 25-köpfigen Befehlsstab vertreten. Das ist heute normal, sagt eine der Kommandantinnen, die schon seit 26 Jahren in der FARC kämpft. Damals waren wir zehn Frauen, erinnert sie sich. Heute seien die Leute nicht mehr erstaunt, wenn Guerilleras in ihre Dörfer kommen. Aber bis die Frauen als Kämpferinnen und nicht nur als Ehefrauen der Kämpfer anerkannt wurden - das war ein langer Prozess. Heute gebe es diese geschlechtliche Arbeitsteilung nicht mehr und ebensowenig Privilegien in der Ausbildung der Frauen. Die Frauen haben bewiesen, dass sie alle Aufgaben übernehmen und auch mit dem Gewehr kämpfen können. Lucero Palmera wohnte in einem Dorf an der kolumbianischen Karibikküste. Während sie noch die Schule besuchte, wurde sie Mitglied der Kommunistischen Jugend. Nachdem sie mit sechzehn das Abitur gemacht hatte, ging sie zur FARC. Mehrere Jahre war sie mit der 41. Front in der 5000 Meter hohen Sierra Nevada und im Dschungel an der venezolanischen Grenze, bis sie im Sommer 1999 nach San Vicente kam, wo sie nun mit den Jugendlichen und Kindern des Ortes arbeitet. Lucero Palmera ist 25 Jahre alt, hat eine siebenjährige Tochter und ist Kommandantin einer Guerillaeinheit.


Wir haben viele 15-16jährige Guerillas gesehen. Du bist auch als Jugendliche zur FARC gegangen. Was waren deine Gründe?

Ich wollte ein Leben in Würde und Gerechtigkeit. Das waren meine Gründe. Ich glaube, dass viele Jugendliche so empfinden, deshalb kommen sie zu uns.

Was passierte nach deinem Eintritt? Wie ist die Ausbildung?

Zuerst gibt es einen Kurs, der drei bis vier Monate dauert und in erster Linie eine politische Schulung ist. Dort lernen wir die Geschichte der FARC kennen, die Geschichte Kolumbiens, die Gewalt und die Faktoren, die vor 36 Jahren zur Entstehung der Guerillabewegung führten.

Also müssen die Jugendlichen bei der FARC zunächst jeden Tag die Namen und Taten historischer Kommandanten büffeln?

Das gehört dazu, oder nicht? Zu der politischen Ausbildung kommt die militärische Schulung. Der Unterricht ist umfassend. Wir lernen, alle Waffen zu benutzen, die grundlegenden militärischen Taktiken und natürlich, wie ein Guerillacamp aufgebaut wird. Das Leben in der Guerilla verlangt besondere Kenntnisse, die nicht einmal die Bauern besitzen. Man lernt, wie man überlebt: welche Früchte essbar sind, wie man Wasser findet, wie man im Schnee schläft. Den meisten Kämpfern muss man allerdings erst einmal das Kochen beibringen.

Die Männer können nicht kochen...

Genau das ist das Problem. Aber nach der Schulung kann jeder Guerilla zumindest Reis und Bananen kochen. Ein wichtiger Teil der Ausbildung ist das Verhalten des Guerillakämpfers. Die Kommandanten fragten uns in der Schulung: was ist ein Genosse? Sie sagten uns, ein Genosse ist mehr als ein Freund, sogar mehr als ein Bruder. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Egoismus und Individualismus geprägt ist. Dort lernst du, dass du der beste und der schnellste sein musst, und dass man das nur auf Kosten anderer erreicht. Aber der Mensch ist kein Tier. Wir versuchen, das hinter uns zu lassen und durch die Gefühle der Solidarität und der Liebe zu den Genossen und zum Volk zu ersetzen.

Wie geht es nach der ersten Schulung weiter?

Danach kommt die Phase des täglichen Lernens. Ihr habt gesehen, dass hier immer gearbeitet oder gelernt wird. Unser disziplinarisches Statut sagt, dass wir Berufsrevolutionäre sind. Wir widmen 24 Stunden, und manche sagen auch 25 Stunden des Tages der Revolution. Wenn ich das Wasser hole, damit ein Genosse unser Essen bereiten kann, wenn wir den Feind angreifen - wir denken immer daran, dass wir unsere Armee so organisieren müssen, dass sie das mächtigere Heer des Feindes schlagen kann. Wir müssen die Macht übernehmen, dieses Ziel ist uns immer vor Augen. Wenn es möglich ist, lesen wir jeden Tag, oft gibt es auch Vorträge und Diskussionen. Wir lernen Marxismus-Leninismus und die Theorien revolutionärer Kämpfer wie Che Guevara, allgemeine Geschichte und Geographie. Manche Kämpfer/innen müssen zuerst überzeugt werden, dass die Erde eine Kugel ist und niemand hinten runter-fallen kann.

Ist das Dein Ernst?

Ja, natürlich! Die Regierung ist ignorant gegenüber dem Volk. Die armen Bauern werden in Unwissenheit gehalten, der Bildungssektor ist privatisiert, das Wissen zur Ware degradiert. Hast Du nicht den Globus im Versammlungszelt gesehen? Damit erklären wir es ihnen.

Viele Kämpfer sind dementsprechend Analphabeten?

Ja. Wir haben ein Alphabetisierungsprogramm. Diejenigen, die einen Schulabschluss haben, bringen den anderen Lesen und Schreiben bei. Es gibt hier Menschen mit grossen Qualitäten, die aber unwissend sind. Sie ringen mit den Buchstaben, aber sie wollen um jeden Preis lernen und sie übertreffen sich selbst dabei. Wenn ich diesen Willen zu lernen sehe, denke ich an die Massen, die den gleichen Willen haben, aber nicht die Mittel. Und daran, was erst möglich sein wird, wenn das Volk, und nicht eine Elite über diese Mittel verfügt.

Bäuerinnen aus Boyaca (1969) / Efraim Garcia (Egar)

Ist das ein Grund, warum die Jugendlichen zur Guerilla gehen?

Die Leute wissen, dass sie hier etwas lernen können – und lernen müssen. Es wird jedem gesagt, dass es ein hartes Leben ist, in dem man auf vieles verzichten muss. Unsere Angehörigen sehen wir fast nie, manche Kämpfer sehen sie niemals. Das härteste ist der Krieg. Der Feind ist zwar sehr gut bewaffnet, aber ohne jede Kampfmoral, während wir schlecht bewaffnet, aber voller Kampfmoral sind. Unsere Waffe ist die revolutionäre Moral. Damit können wir uns den mächtigsten Feinden entgegenstellen. Mit all der Unterstützung, dem Geld und den Waffen des Imperiums USA konnten sie uns nie besiegen, obwohl sie immer mehr waren als wir.

Bist Du jemals verwundet worden?

Zum Glück noch nicht. Ich habe einige Male verwundeten Kämpfern Erste Hilfe leisten müssen. Das war sehr hart. Einmal ging ich mit einem Genossen, der mit mir aufgewachsen ist und kurz vor mir eingetreten war, in ein Gefecht. Es war das erste Mal, dass wir uns wiedersahen. Er bekam eine Kugel in den Kopf. Du bist mitten im Gefecht und neben dir stirbt dein Bruder. Das passiert hier ständig. Du verlierst die Menschen, die du am meisten liebst. Die Soldaten werden dafür bezahlt oder dazu gezwungen. Bei uns wird niemand bezahlt. Niemand wird gezwungen, in die FARC einzutreten. Wir kämpfen, weil es notwendig ist und weil wir uns selbst dafür entschieden haben.

Du hast mir vorhin ein Foto von deiner Tochter gezeigt. Gibt es viele Kämpferinnen, die Kinder bekommen? Das muss doch sehr schwierig sein.

Man sollte wirklich versuchen, es zu vermeiden. Ich kann fast nie mit meiner Tochter zusam-mensein. Seit ihrer Geburt wird sie verfolgt. Es ist gängige Praxis der Militärs, Angehörige von Kämpfern zu entführen. Simons Bruder wurde entführt, vor vier Monaten brachten die Paramili-tärs eine von Elianas Töchtern um. Als meine Tochter vier war, kamen sie in mein Dorf, um auch sie zu holen. Wir haben sie weggebracht. Sie ist jetzt eine der Millionen Menschen, die durch den Krieg zu Vertriebenen wurden. Sie lebt immer an einem anderen Ort, in einer anderen Familie. Aber zum Glück weist sie mich nicht zurück. Sie ist zu klein, um all dies zu verstehen.

Du hast Dich trotz der Umstände für das Kind entschieden.

Ich war 18. Unsere Regeln schreiben zwar Verhütungsmittel vor, aber es hat nicht geklappt. Die erste Zeit der Schwangerschaft war ich in einem Camp und ging, so weit ich konnte, meinen Aufgaben nach. Als ich im neunten Monat war, brachten die Genossen mich für die Geburt in ein Dorf. Ich liess meine Tochter bei einer Familie und ging zurück zu meiner Einheit. Als ich sie das nächste Mal sah, war sie schon zwei. Stell Dir vor, sie konnte schon reden und laufen.

Du bist sofort nach der Geburt wieder in die Berge gegangen?

Ja. Aber es war sehr schwer. Ich habe mich als Mutter gefühlt. Mutter oder Guerillera? Du musst dich entscheiden. In die Berge kannst du sie nicht mitnehmen. Für den Vater ist es einfacher, er hat sie nicht neun Monate in sich getragen, sie gespürt und mit ihr gelitten. Der Moment des Abschieds war der schwerste in meinem Leben. Die Guerilla kann die Familien, die die Kinder der Kämpferinnen aufnehmen, kaum unterstützen. Der Krieg ist sehr teuer. Und ich bin hier, um zu kämpfen und nicht damit die Guerilla mein Kind unterhält.

Die Pflückerinnen, 1900 / Melitón Rodríguez

Gab es Genossinnen, die aus diesen Gründen die Guerilla verlassen haben?

Ja, einige wollten nach der Geburt nicht mehr zurückkommen. Ich hatte das Glück, dass es eine Familie gab, wo ich meine Tochter lassen konnte, andere hatten dies nicht. Manche haben sich aber auch für ein Leben als Mutter entschieden. Ich bin Guerillera geworden, um nicht länger unterdrückt und ausgebeutet zu werden, um in meiner Würde als Frau anerkannt zu werden. Natürlich will ich auch mit meiner Tocher leben, sie wachsen sehen und ihr alles beibringen. Aber ich habe mich für ein anderes Leben entschieden und dahinter kann ich nicht zurück.

Inwiefern unterscheiden sich die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen bei der Guerilla von jenen in der Gesellschaft?

Die Guerillera ist eine Kämpferin - nicht eine Freundin, die dazu da ist, die sexuellen Bedürfnisse des Kämpfers zu befriedigen. Wir sind gleich in unseren Rechten und in unseren Pflichten, dem Volk wie der Guerilla gegenüber. Es gibt keine geschlechtliche Arbeitsteilung. Guerilleras, die die Guerilleros in ihrer politischen und militärischen Arbeit und Bildung übertreffen, werden zu Kommandantinnen mit Befehlsgewalt über die Guerilleros. Hier kannst du dich selbst verwirklichen, während sie den Mädchen in der Gesellschaft beibringen, sich zu verkaufen: wenn du deinen Job als Sekretärin behalten willst, musst du mit dem Chef ins Bett gehen. Hier ist es deine eigene Verantwortung, was du aus deinem Leben machst. Der Unterschied in der Stellung der Frau in der Guerilla und der Gesellschaft ist sehr gross, was natürlich ein Widerspruch ist, weil auch die Guerilla zu dieser Gesellschaft gehört.

Aus dieser Gesellschaft und mit den Werten, die dort zählen, kommen die Jungen und Mädchen zur Guerilla.

Natürlich gibt es immer Probleme. Aber hier lernen sie den Marxismus-Leninismus, sie lernen, dass sie Rechte und Pflichten haben. Also fangen sie an, für diese Rechte zu kämpfen. Wir sind gleich, das ist der Ausgangspunkt. In der Gesellschaft ist der Ausgangspunkt die Ungleichheit, auch eine Ärztin oder Anwältin kocht nach der Arbeit für ihren Mann.

Die Frauen in der kurdischen Guerilla haben eine Frauenarmee gebildet, die zwar unter dem gleichen Oberkommando steht wie die gemischten Einheiten, aber in ihrer inneren Struktur unabhängig ist. Eine ihrer Erfahrungen, die sie dazu bewegt hatten, war nicht nur die Schwierigkeit der Männer, die Befehle einer Kommandantin anzuerkennen, sondern auch die der Frauen, die an männliche Autoritäten gewohnt waren.

Diesen Kampf gibt es hier auch, und es gab ihn immer. Man spricht davon, dass es 48 Männer waren, die damals die FARC gründeten. Aber es waren auch Frauen, allerdings waren sie in der Regel eben die Frauen der Männer. Wenn die Männer in den Krieg zogen, wuschen sie Wäsche. Die Frauen mussten erst gegen den Machismo durchsetzen, dass sie genau wie die Männer Krieg führen können. Heute gibt es immer noch Überreste dieser Kultur. Aber unser Statut sagt, dass der Kommandant oder der Kämpfer, der eine Frau diskriminiert, bestraft wird. Der Guerillero, der den Befehl einer Kommandantin missachtet, missachtet nicht den Befehl einer Frau, sondern einer Vorgesetzten. Das wird bestraft. Diese Bedingungen helfen den Frauen, sich zu entwickeln. Nur so können wir eine andere Welt als diese machistische und kapitalistische aufbauen. Die neue Gesellschaft ist keine Männergesellschaft, sondern eine Welt von Frauen und Männern.

Eine neue Welt wird nicht mit einem Statut geschaffen.

Das Statut ist sehr wichtig. Das Bewusstsein der Gleichheit haben wir erkämpft, indem wir zeigten, dass wir die gleichen Fähigkeiten haben. In der 41. Front habe ich eine schöne Erfahrung gemacht. Wir waren zwei Einheiten, die ausschliesslich aus Frauen bestanden. Wir bekamen den Befehl, eine Dorfversammlung zu organisieren. Die zivilen Genossinnen und Genossen im Dorf waren erstaunt, als sie sahen, dass bewaffnete Frauen Wache standen, Bäume fällten und schwere Wasserbehälter trugen. Die Männer wollten uns die Arbeiten abnehmen, aber wir sagten: nein, wir sind Kämpferinnen. Sie waren es gewohnt, dass Frauen nur Hilfsarbeiten verrichten und selbst nichts organisieren. Die Männer fragten sich, wenn diese Mädchen Krieg führen, wie können wir hier herumsitzen? Wir haben sie motiviert, der Guerilla beizutreten. Sechs kamen mit uns. Es kommt darauf an, die Fähigkeiten zu entwickeln.

Hat es Fälle sexistischer Angriffe, Vergewaltigungen gegeben?

Seit ich bei der FARC bin, habe ich weder von einer Vergewaltigung einer Guerillera noch einer Frau aus der Zivilbevölkerung gehört, und auch davor nicht, als ich noch zu Hause war.

Was wünschst Du dir für die Zukunft?

Ich bin Revolutionärin. Ich will kämpfen und als Guerillakommandantin die Massen für die Revolution organisieren. Ich wünsche mir, am Aufbau des neuen Staates mitarbeiten zu können. Eines Tages, nach der Machtübernahme, möchte ich mit meiner Tocher alle Zeit nachholen, die wir verpasst haben.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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