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Zivile
Gesellschaft ...im Kreuzfeuer bewaffneter Akteure?
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Markt
in Bogotá / Barbara Klemm
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Die Kritik von
Menschenrechtsorganisationen an der kolumbianischen Guerilla wird instrumentalisiert.
16 Menschen soll
die FARC in der geräumten Zone erschossen und knapp 60 entführt
haben, so die Vorwürfe der kolumbianischen Regierung im Sommer
1999. Der Präsident erklärte, die Armee besitze Beweise für
die Entführungen, und forderte, eine internationale Wahrheitskommission
solle die Vorfälle untersuchen. Obwohl die Beweise niemals vorgelegt
wurden, verbreitete sich die Beschuldigung - umstandlos zur Nachricht
von Standrecht und Diktatur (Süddeutsche
Zeitung, 1.6.1999) gewandelt - vom Pressebüro des Präsidenten
in die Welt der Medien. Die FARC wies Vorwürfe und Wahrheitskommission
zurück, aber die Glaubwürdigkeit der Guerilla war durch ein
Ereignis einige Monate schwer erschüttert: am 25. Februar 1999
waren drei us-amerikanische Indigena-Aktivist/innen entführt und
ermordet worden. Auch in diesem Fall hatte die Armee erklärt, dass
sie die Urheberschaft der Guerilla beweisen könne. Die FARC bekannte
nach anfänglichem Dementi schliesslich, eine ihrer Guerillafronten
sei für den schweren Fehler verantwortlich. Raúl
Reyes sprach den Angehörigen sein Bedauern aus und erklärte,
die Verantwortlichen würden der internen Justiz unterstellt.
Kaum einer Guerillaorganisation
werden derart häufig und umfangreich Menschenrechtsverletzungen
vorgeworfen wie der FARC. Die Beweise sind jedoch weniger umfangreich,
die dokumentierten Fälle weniger häufig - was die notwendige
Überprüfung erschwert, die politische Instrumen-talisierung
erleichtert. amnesty international weisst zwar in jeder der knapp zwanzig
Veröffentlichungen des Jahres 2000 darauf hin, dass auch
FARC und ELN für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich
sind, die aufgeführten Massaker und Morde wurden aber ohne Ausnahme
von Armee und Paramilitärs begangen. Auch Human Rights Watch (HRW)
warf der FARC dieses Jahr ohne nähere Ausführungen vor, offen
das humanitäre Völkerrecht zu missachten, indem sie Zivilisten
entführt und erschiesst, während ihre vielbeachtete
Untersuchung vom Februar 2000 ausschliess-lich paramilitärische
Massaker beschreibt. Die Zahlen kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen
weichen voneinander ab: die Comisión Colombiana de Juristas sieht
die Guerilla für 20%, das Comité Permanente por la Defensa
de los Derechos Humanos für 4% der 219 Massaker der ersten neuen
Monate des Jahres 1999 verantwortlich. Der Ombudsmann Defensor del Pueblo
zählte 1999 402 Massaker und lastet 16% der FARC an. Während
der Inhalt dieser Statistiken relativ genau umrissen ist, wird es bei
den Kriegsverbrechen - der Hauptvorwurf an die FARC - konturlos: ein
gefällter Strommast und ein Massaker an 20 Bauern fallen in die
gleiche Kategorie Missachtung des humanitären Völkerrechts.
Soweit die zugänglichen
Fakten, die einer Präzisierung und Erklärung bedürfen.
Nun zu ihren Interpretationen. Ausser dem Menschenrechtsbüro der
Regierung können alle Organisationen belegen, dass 1999 mindestens
78% der Menschenrechtsverletzungen auf das Konto der Paramilitärs
gingen. Ohne die Kritik an der Guerilla zu relativieren, stimmen sie
auch analytisch darin überein, dass der straflose schmutzige Krieg,
den der Staat mithilfe seiner paramilitärischen Verbände gegen
die Bevölkerung führt, das Zentrum der Menschenrechtsverletzungen
bildet. Nicht so die kolumbianische Regierung: Mitten im Kreuzfeuer
der bewaffneten Akteure, gemeint sind Guerilla und Paramilitärs,
stehe der Staat, und zwar Hand in Hand mit den Sprechern der Zivilgesellschaft.
Diese Sicht - unterschiedsloser Terror von rechts und links, in der
Mitte die geschundene Demokratie und ihre unbescholtenen Bürger/innen
- stammt aus dem Plan Kolumbien. International findet sie zunehmend
Unterstützung: Paras und Guerrilla kämpfen nicht gegeneinander,
sie kämpfen gegen die Zivilbevölkerung, so Anders Kompass,
Leiter der UN-Niederlassung in Bogotá. Vielleicht war er gemeint,
als Ludger Volmer, grüner Staatsminister im Auswärtigen Amt,
zu seiner von Menschenrechtsorganisationen kritisierten Gleichsetzung
von Guerilla und Paramili-tärs sagte: Ich habe mich jüngst
in Kolumbien mit den Menschenrechtsorganisationen sehr intensiv unterhalten.
Und diese haben mir geraten, alle in einen Topf zu werfen (Tagesspiegel,
24.8.1999). Wenn man gutwillig ist, attestiert man Volmer nur eine -
für jemanden, der sich gerne als Menschenrechtsexperte
zitieren lässt - spektakuläre Unkenntnis.
Auch in der zunehmenden
Berichterstattung weicht die auf Fakten basierende Analyse häufig
einer stark vereinfachenden Oberflächlichkeit. Mit anrührenden
Farbfotos von weinenden Flücht-lingskindern unterlegt, wird das
Leid der Vertriebenen in persönlichen Geschichten portraitiert.
Es ist kein Geheimnis, dass eine Reportage durch die Präsentation
authentischer Zeugnisse von Opfern zur allgemeinen Wahrheit erheben
kann, was im Licht einer Untersuchung nicht haltbar wäre: Es
kann schon reichen, dass einer sagt, du seist ein Paramilitär.
Dann legt dich die Guerilla um. Beschuldigt dich einer, zur Guerilla
zu gehören, töten dich die anderen, lässt der Stern
am 13.1.2000 einen Padre sagen. Nicht anders die sonst - auch in der
Kolumbienberichterstattung - kritische Jungle World: Für
uns Bauern gibt es keinen Schutz. Uns wird von keiner Seite geholfen,
wir sind militärisches Ziel. Das gilt für die Guerilla, für
die Paramilitärs und für die Armee. Die Reportage war,
damit es der linken Leser/innenschaft ganz deutlich wird, mit einer
programmatischen Überschrift versehen: Zwischen Regierungstruppen
und Guerilla drohen sie aufgerieben zu werden: Flüchtende Zivilisten
in Kolumbien (Jungle World 24.1.2000).
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