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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 18
Reisenotizen (IV): Friedensrichter im Kampfanzug
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
R e i s e n o t i z e n (IV)
Friedensrichter im Kampfanzug

Nach 20 Minuten, vorbei an der ehemaligen Kaserne des Antiguerillabataillons, in der die Regierungsunterhändler ihr Quartier aufgeschlagen haben, biegen wir auf einen kaum befahrbaren Feldweg ein, der am Waldrand endet. Hier befindet sich ein Camp der Brigada Movil Teofilo Forero. Seitdem sie 1998 bei einem Gefecht 68 Mitglieder einer von US-Offizieren trainierten Armeespezialeinheit tötete, gilt die Brigade in der Öffentlichkeit als Elitetruppe der Guerilla. Hier befindet sich das „Büro für Beschwerden und Forderungen“, eine Art Zivilgericht der FARC.

Ein stabiles Gerüst aus Bambusstöcken, darüber gespannt eine schwarze Plastikplane gegen Regen und Sonne, zwei grob gezimmerte Holzbänke und ein Tisch. Wir stehen vor dem Arbeitsplatz von Arturo Medina, dem Friedensrichter der FARC. Wir sind nicht die einzigen, die sich um 8 Uhr morgends auf den Weg hierher gemacht haben. Im Schatten einer grossen Palme liegen und stehen etwa vierzig Frauen mit Kindern und Männer, die Comandante Arturo ihre Anliegen vortragen wollen. Während die Wartenden von einem Eisverkäufer bei Laune gehalten werden, diskutieren unter der Plane zwei Männer wortreich einen Motorradunfall. Arturo Medina spricht wenig. Er sitzt, ein Gewehr auf dem Schoss, hört bedächtig zu und schreibt in eine Kladde. Ab und zu stellt der Guerillero eine kaum hörbare Nachfrage. Dann steht er auf, lächelt erstmals und reicht den Kontrahenten die Hand.

Nicht zurückgezahlte Schulden, Scheidungen, Gewalt in der Familie, Unfälle und Schlägereien seien die häufigsten Fälle, so der Friedensrichter. Er liesse immer alle Konfliktparteien ihre Sicht der Dinge vortragen und fordere sie anschliessend auf, selbst Lösungsvorschläge zu machen. Diese Übereinkünfte fixiert er in seinem braunen Heft und lässt die Streitenden unterschreiben. Die FARC sei nur dazu da, die Einhaltung der Vereinbarungen zu garantieren. Wer dagegen verstösst, muss eine vorab festgelegte Geldstrafe bezahlen. Er versuche aber, Strafen zu vermeiden, weil sie neue Konflikte produzierten, statt sie zu lösen. Arturo Medina spricht auch über schwere Verbrechen Recht. Ein Bauer, der im Schatten darauf wartet, dass sein Fall aufgerufen wird, erzählt mir, dass der Comandante kürzlich einen Mörder dazu verurteilt habe, 200 Meter Dorfstrasse zu bauen und dreijährige Zahlungen an die Familie des Opfers zu leisten. Das sei doch besser als ihn ins Gefängnis zu stecken, meint er und möchte wissen, wie ich darüber denke. Für den Bauer hätten es ruhig noch ein paar Meter mehr sein können. Perfekt sei das System nicht, aber es werde von der Bevölkerung anerkannt, sagt Arturo Medina. Er zuckt mit den Schultern, lächelt und nimmt wieder sein Heft zur Hand.
San Vicente de Caguán, 12.1.2000


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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