Kriegsrecht
In San Vicente hat mit der FARC-EP das Kriegsrecht
Einzug gehalten.
Wir befinden uns im Krieg
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| Simón
Bolivars Augen auf einem Gemälde in San Vicente del Caguán
/ Scott Dalton |
Die Kommandanten Iván Rios und Simon Trinidad antworten auf die
Vorwürfe, die FARC-EP verletze die Menschenrechte und ziehen eine
Bilanz der Volksjustiz.
Im Sommer 1999
schlug die kolumbianische Regierung die Einrichtung einer internationalen
Wahrheitskommission vor. Die FARC lehnte den Vorschlag in scharfen Worten
ab. Warum?
Iván Rios:
Das Ziel dieser Kommission war es, die geräumte Zone und die Einhaltung
der Übereinkünfte, die am Verhandlungstisch erzielt werden,
zu überwachen. Unser Ausgangspunkt ist aber, dass es sich um einen
internen Konflikt der kolumbianischen Gesellschaft handelt, den wir
Kolumbianer/innen lösen müssen. Wir befürchten, dass
Mitglieder der internationalen Gemeinschaft diesen Prozess nicht unbedingt
als unparteiliche Delegierte begleiten würden. Die Absicht war
ohnehin, ausschliesslich das Verhalten der FARC zu kontrollieren.
In anderen Friedensprozessen
wie in Guatemala oder Südafrika haben Wahrheitskommissionen die
Kriegsverbrechen dokumentiert und - wenn auch sehr eingeschränkt
- Anklagen gegen die Täter ermöglicht. Wie in Kolumbien gab
es in diesen Ländern eine Vielzahl paramilitärischer Massaker,
gedeckt von einer ungeheuren Straflosigkeit. Würde die FARC eine
Kommission zurückweisen, die mit der Aufgabe und Kompetenz ausgestattet
wäre, alle Fälle von Verbrechen im kolumbianischen Bürgerkrieg
zu untersuchen?
Simon Trinidad:
Wir widersetzen uns den Untersuchungen von internationalen Organisationen
nicht. NGOs und Persönlichkeiten, die Massaker, Morde und Verschwindenlassen
untersuchen, können gerne in unser Land kommen, um die Realität
hier mit ihren eigenen Augen zu sehen. So untersuchte amnesty international
vor etwa zwei Monaten ein Massaker in der Provinz Norte de San-tander.
Die beiden Delegierten der Organisation sagten uns, dass die Beteiligung
von Mitgliedern der Armee und der Polizei an diesem Massaker ganz eindeutig
feststellbar war. So eine Arbeit ist korrekt.
Der Hintergrund
der geforderten Überwachung waren Vorwürfe, die FARC würde
in der geräumten Zone Menschenrechtsverletzungen begehen. In der
internationalen Presse wurde ausführlich berichtet, die FARC habe
Menschen, die sie der Zusammenarbeit mit dem Staat beschuldigten, entführt
und getötet. Bedeutet die Zurückweisung einer Wahrheitskommission,
dass die FARC etwas zu verbergen hat?
Simon Trinidad:
Man darf nicht vergessen, dass sich dieses Land im Krieg befindet -
auch die geräumte Zone. Dass sich das Militär und die Polizei
zurückgezogen haben, bedeutet noch lange nicht, dass sie nicht
versuchen würden, diese Zone zu infiltrieren. Wenn wir die Präsenz
von Geheimdienstagenten entdecken, nehmen wir sie fest. Sie verletzen
die Übereinkunft über die geräumte Zone. Ihre Absicht
ist es, Militärangriffe auf die Zone vorzubereiten, Kämpfer/innen
und Kommandant/innen der FARC zu ermorden und die Arbeit unserer Organisation
zu sabotieren. Davon wird aber nicht gesprochen. Selbst die Familienangehörigen
wissen oft nichts von der Tätigkeit der Agenten für die staatlichen
Geheimdienste. Wenn diese Personen festgenommen werden, beschweren sich
die Familien natürlich. Aber die Aufgaben der Agenten sind eben
nicht öffentlich, es sind klandestine Kriegshandlungen.
Was passiert
nach der Festnahme eines vermeintlichen Agenten?
Iván Rios:
Alle unsere Entscheidungen werden immer auf der Basis einer Untersuchung
getroffen. Zunächst analysieren wir die Gefährlichkeit der
betreffenden Person. Hat sie in anderen Landesteilen bereits Verbrechen
begangen oder ist es vielmehr eine Person, die selbst benutzt wurde?
Bei Kindern - und dass auch Kinder hierfür benutzt werden, ist
öffentlich bekannt - übergeben wir sie. Wir kritisieren ihren
Einsatz öffentlich. Generell kritisieren wir, dass der Einsatz
von Agenten die Anordnungen des Staatspräsidenten, der zugleich
oberster Militärbefehlshaber ist, verletzt.
Ihr nehmt die
Leute fest und behaltet sie als Kriegsgefangene?
Simon Trinidad:
Oder wir erschiessen sie. Wir befinden uns im Krieg. Dort, wo die Gefechte
offen sind, wird der Zustand der Konfrontation anerkannt. In der geräumten
Zone ist die Konfrontation dagegen nicht so sichtbar, aber trotzdem
existent.
Die soziale
Gewalt ist in San Vicente wie in anderen Regionen Kolumbiens sehr massiv.
Seitdem die FARC die Kontrolle übernommen hat, sind Morde und Überfälle
stark zurückgegangen. Wie seid ihr dem Problem begegnet?
Simon Trinidad:
Früher gab es hier einen Polizeiposten. Die Polizei unterhält
in fast allen Regionen Kolumbiens Allianzen mit Dieben und Mördern
und oft genug sind die Strassenräuber selbst Polizisten. Jetzt
stehen die Menschen der FARC gegenüber. Weil wir mit solchen Dingen
nichts zu tun haben, respektieren die Leute uns. Wir sind eine moralische
Autorität. Es wird natürlich auch deshalb weniger gestohlen,
weil die Diebe wissen, dass sie mit uns Probleme kriegen.
Was macht ihr
konkret gegen Raubüberfälle und Morde?
Iván Rios:
Wir machen in der Gemeinde der betreffenden Person einen Prozess. Ein
Beispiel: In San Vicente gibt es Orte, an denen heimlich Bazooco verkauft
wird. Das ist ein Abfallprodukt der Kokainherstellung, das giftiger
als Kokain ist, weil es die chemischen Substanzen des Herstellungsprozesses
enthält - die Droge der Armen. Wenn uns solche Orte mitgeteilt
werden, rufen wir den Stadtteil zusammen und stellen die Drogenhändler
in Anwesenheit der Bewohner/innen vor die Alternative, den Verkauf einzustellen
oder aber aus der Gemeinde zu verschwinden. Es gab hier auch zahlreiche
gewalttätige Auseinandersetzungen aufgrund von Besäufnissen.
Einmal haben sich zum Beispiel zwei Freunde betrunken und eine Pferdewette
abgeschlossen, über die es dann zum Streit kam. Einer der beiden
lief nach Hause, holte seine Waffe und brachte den anderen um. Daraufhin
haben wir ihm den Prozess gemacht. La Sombra, seine Gemeinde, stimmte
über die Strafe ab, die ihm auferlegt wurde.
Wie bewertet
ihr die Erfahrungen der Volksjustiz?
Simon Trinidad:
Es kommt natürlich vor, dass das Ergebnis nicht zur Zufriedenheit
aller ausfällt, schliesslich spielen persönliche Interessen
und Sichtweisen eine Rolle. Wir versuchen, so gerecht wie möglich
zu sein und die Gemeinden zu lehren, selbst Übereinkünfte
zu erzielen. Damit nicht wir eine Lösung diktieren müssen.
Wir machen unsere Erfahrungen, nicht nur in der geräumten Zone.
In den Regionen, in denen wir eine gewisse territoriale Kontrolle ausüben,
fördern wir dieses Verhalten schon seit vielen Jahren.
In wie vielen
Gegenden hat die FARC eine solche Kontrolle?
Simon Trinidad:
In 140 Provinzen gibt es weder Polizei noch Militär, während
die FARC mit insgesamt 70 Fronten in jeder Ecke des Landes präsent
ist. In vielen ländlichen Regionen gibt es keinerlei staatliche
Institutionen und nicht einmal die katholische Kirche - keine Priester,
keine Richter, geschweige denn einen Anwalt. So kommt es vor, dass uns
ein Bürgermeister oder ein Polizist aufsucht. Unternehmer, die
in den ländlichen Regionen ein Geschäft aufmachen wollen,
fragen uns nach Erlaubnis. Arbeiter wenden sich an uns, damit wir die
Konflikte mit dem Chef lösen. Die staatlichen Institutionen kümmern
sich entweder nicht darum oder sie stehen immer auf der Seite der Chefs.
Viele Kolumbianer glauben nicht an die staatlichen Autoritäten.
Sie kommen zu uns.
Simon
Trinidad und Iván Rios
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