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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 17-18
Kriegsrecht: "Wir befinden uns im Krieg"
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
Kriegsrecht
In San Vicente hat mit der FARC-EP das Kriegsrecht Einzug gehalten.
„Wir befinden uns im Krieg“
Simón Bolivars Augen auf einem Gemälde in San Vicente del Caguán / Scott Dalton

Die Kommandanten Iván Rios und Simon Trinidad antworten auf die Vorwürfe, die FARC-EP verletze die Menschenrechte und ziehen eine Bilanz der Volksjustiz.

Im Sommer 1999 schlug die kolumbianische Regierung die Einrichtung einer internationalen Wahrheitskommission vor. Die FARC lehnte den Vorschlag in scharfen Worten ab. Warum?

Iván Rios: Das Ziel dieser Kommission war es, die geräumte Zone und die Einhaltung der Übereinkünfte, die am Verhandlungstisch erzielt werden, zu überwachen. Unser Ausgangspunkt ist aber, dass es sich um einen internen Konflikt der kolumbianischen Gesellschaft handelt, den wir Kolumbianer/innen lösen müssen. Wir befürchten, dass Mitglieder der internationalen Gemeinschaft diesen Prozess nicht unbedingt als unparteiliche Delegierte begleiten würden. Die Absicht war ohnehin, ausschliesslich das Verhalten der FARC zu kontrollieren.

In anderen Friedensprozessen wie in Guatemala oder Südafrika haben Wahrheitskommissionen die Kriegsverbrechen dokumentiert und - wenn auch sehr eingeschränkt - Anklagen gegen die Täter ermöglicht. Wie in Kolumbien gab es in diesen Ländern eine Vielzahl paramilitärischer Massaker, gedeckt von einer ungeheuren Straflosigkeit. Würde die FARC eine Kommission zurückweisen, die mit der Aufgabe und Kompetenz ausgestattet wäre, alle Fälle von Verbrechen im kolumbianischen Bürgerkrieg zu untersuchen?

Simon Trinidad: Wir widersetzen uns den Untersuchungen von internationalen Organisationen nicht. NGOs und Persönlichkeiten, die Massaker, Morde und Verschwindenlassen untersuchen, können gerne in unser Land kommen, um die Realität hier mit ihren eigenen Augen zu sehen. So untersuchte amnesty international vor etwa zwei Monaten ein Massaker in der Provinz Norte de San-tander. Die beiden Delegierten der Organisation sagten uns, dass die Beteiligung von Mitgliedern der Armee und der Polizei an diesem Massaker ganz eindeutig feststellbar war. So eine Arbeit ist korrekt.

Der Hintergrund der geforderten Überwachung waren Vorwürfe, die FARC würde in der geräumten Zone Menschenrechtsverletzungen begehen. In der internationalen Presse wurde ausführlich berichtet, die FARC habe Menschen, die sie der Zusammenarbeit mit dem Staat beschuldigten, entführt und getötet. Bedeutet die Zurückweisung einer Wahrheitskommission, dass die FARC etwas zu verbergen hat?

Simon Trinidad: Man darf nicht vergessen, dass sich dieses Land im Krieg befindet - auch die geräumte Zone. Dass sich das Militär und die Polizei zurückgezogen haben, bedeutet noch lange nicht, dass sie nicht versuchen würden, diese Zone zu infiltrieren. Wenn wir die Präsenz von Geheimdienstagenten entdecken, nehmen wir sie fest. Sie verletzen die Übereinkunft über die geräumte Zone. Ihre Absicht ist es, Militärangriffe auf die Zone vorzubereiten, Kämpfer/innen und Kommandant/innen der FARC zu ermorden und die Arbeit unserer Organisation zu sabotieren. Davon wird aber nicht gesprochen. Selbst die Familienangehörigen wissen oft nichts von der Tätigkeit der Agenten für die staatlichen Geheimdienste. Wenn diese Personen festgenommen werden, beschweren sich die Familien natürlich. Aber die Aufgaben der Agenten sind eben nicht öffentlich, es sind klandestine Kriegshandlungen.

Was passiert nach der Festnahme eines vermeintlichen Agenten?

Iván Rios: Alle unsere Entscheidungen werden immer auf der Basis einer Untersuchung getroffen. Zunächst analysieren wir die Gefährlichkeit der betreffenden Person. Hat sie in anderen Landesteilen bereits Verbrechen begangen oder ist es vielmehr eine Person, die selbst benutzt wurde? Bei Kindern - und dass auch Kinder hierfür benutzt werden, ist öffentlich bekannt - übergeben wir sie. Wir kritisieren ihren Einsatz öffentlich. Generell kritisieren wir, dass der Einsatz von Agenten die Anordnungen des Staatspräsidenten, der zugleich oberster Militärbefehlshaber ist, verletzt.

Ihr nehmt die Leute fest und behaltet sie als Kriegsgefangene?

Simon Trinidad: Oder wir erschiessen sie. Wir befinden uns im Krieg. Dort, wo die Gefechte offen sind, wird der Zustand der Konfrontation anerkannt. In der geräumten Zone ist die Konfrontation dagegen nicht so sichtbar, aber trotzdem existent.

Die soziale Gewalt ist in San Vicente wie in anderen Regionen Kolumbiens sehr massiv. Seitdem die FARC die Kontrolle übernommen hat, sind Morde und Überfälle stark zurückgegangen. Wie seid ihr dem Problem begegnet?

Simon Trinidad: Früher gab es hier einen Polizeiposten. Die Polizei unterhält in fast allen Regionen Kolumbiens Allianzen mit Dieben und Mördern und oft genug sind die Strassenräuber selbst Polizisten. Jetzt stehen die Menschen der FARC gegenüber. Weil wir mit solchen Dingen nichts zu tun haben, respektieren die Leute uns. Wir sind eine moralische Autorität. Es wird natürlich auch deshalb weniger gestohlen, weil die Diebe wissen, dass sie mit uns Probleme kriegen.

Was macht ihr konkret gegen Raubüberfälle und Morde?

Iván Rios: Wir machen in der Gemeinde der betreffenden Person einen Prozess. Ein Beispiel: In San Vicente gibt es Orte, an denen heimlich Bazooco verkauft wird. Das ist ein Abfallprodukt der Kokainherstellung, das giftiger als Kokain ist, weil es die chemischen Substanzen des Herstellungsprozesses enthält - die Droge der Armen. Wenn uns solche Orte mitgeteilt werden, rufen wir den Stadtteil zusammen und stellen die Drogenhändler in Anwesenheit der Bewohner/innen vor die Alternative, den Verkauf einzustellen oder aber aus der Gemeinde zu verschwinden. Es gab hier auch zahlreiche gewalttätige Auseinandersetzungen aufgrund von Besäufnissen. Einmal haben sich zum Beispiel zwei Freunde betrunken und eine Pferdewette abgeschlossen, über die es dann zum Streit kam. Einer der beiden lief nach Hause, holte seine Waffe und brachte den anderen um. Daraufhin haben wir ihm den Prozess gemacht. La Sombra, seine Gemeinde, stimmte über die Strafe ab, die ihm auferlegt wurde.

Wie bewertet ihr die Erfahrungen der Volksjustiz?

Simon Trinidad: Es kommt natürlich vor, dass das Ergebnis nicht zur Zufriedenheit aller ausfällt, schliesslich spielen persönliche Interessen und Sichtweisen eine Rolle. Wir versuchen, so gerecht wie möglich zu sein und die Gemeinden zu lehren, selbst Übereinkünfte zu erzielen. Damit nicht wir eine Lösung diktieren müssen. Wir machen unsere Erfahrungen, nicht nur in der geräumten Zone. In den Regionen, in denen wir eine gewisse territoriale Kontrolle ausüben, fördern wir dieses Verhalten schon seit vielen Jahren.

In wie vielen Gegenden hat die FARC eine solche Kontrolle?

Simon Trinidad: In 140 Provinzen gibt es weder Polizei noch Militär, während die FARC mit insgesamt 70 Fronten in jeder Ecke des Landes präsent ist. In vielen ländlichen Regionen gibt es keinerlei staatliche Institutionen und nicht einmal die katholische Kirche - keine Priester, keine Richter, geschweige denn einen Anwalt. So kommt es vor, dass uns ein Bürgermeister oder ein Polizist aufsucht. Unternehmer, die in den ländlichen Regionen ein Geschäft aufmachen wollen, fragen uns nach Erlaubnis. Arbeiter wenden sich an uns, damit wir die Konflikte mit dem Chef lösen. Die staatlichen Institutionen kümmern sich entweder nicht darum oder sie stehen immer auf der Seite der Chefs. Viele Kolumbianer glauben nicht an die staatlichen Autoritäten. Sie kommen zu uns.

Simon Trinidad und Iván Rios


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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