| FARC-EP:
Die älteste Guerilla Lateinamerikas
Arturo
Alape erzählte mir, dass Manuel Marulanda Vélez, der berühmte
kolumbianische Guerillero, ursprünglich einen anderen Namen hatte.
Vor vierzig Jahren, als er zur Waffe griff, hiess er noch Pedro Antonio
Marin. Marulanda war damals wer anderer: einer mit schwarzer Haut, baumlang,
Maurer von Beruf und Linker aus Berufung. Als die Polizisten jenen Marulanda
totgeschlagen hatten, versammelten sich dessen Kampfgefährten und
beschlossen, ihn weiterleben zu lassen. Durch einstimmigen Beschluss
ging sein Name auf Marin über, der ihn seither trägt. Auch
der Mexikaner Pancho Villa trug den Namen eines Freundes, den die Polizei
getötet hatte
Eduardo Galeano
Als
1948 der linke Präsidentschaftskandidat Elicier Gaitán ermordet
wurde und die Violencia ausbrach, jenes Jahrzehnt, das Kolumbien in
das Blut einer Viertelmillion Bauern tränken sollte, zog der Kommunist
Pedro Antonio Marin in den Krieg. Nicht um für die Revolution zu
kämpfen, sondern um seine Familie gegen die Banden der Grossgrundbesitzer
zu verteidigen. 1953 ergriff das Militär die Macht und versprach
Reformen. Die Bauernmilizen demobilisierten sich, auch Marin kehrte
auf seine Finca zurück. Die Soldaten kamen und brannten sie nieder.
Marin bereute sein Vertrauen in das Versprechen und griff erneut zur
Waffe. Pedro Marin wurde Manuel Marulanda. 1964 war er einer der 48
Bauern und Bäuerinnen, die die selbstverwalteten Bauerndörfer
Marquetalias gegen die Übermacht tausender Soldaten verteidigte.
In der legendären Schlacht entstand das Agrarprogramm von Marquetalia,
das Gründungsdokument der Revolutionären Streitkräfte
Kolumbiens-Armee des Volkes: Fuerzas Revolucionarias de Columbia-Ejército
del Pueblo (FARC-EP). Ihr Oberster Kommandant wurde Manuel Marulanda.
Er sollte es bleiben, bis heute. Ein siebzigjähriger Kommunist,
der stets ein Handtuch um den Hals trägt, ungern mit Journalisten
spricht und seit 50 Jahren Krieg führt.
Die FARC-EP war
und ist nicht die einzige Guerilla Kolumbiens. Die für ihre spektakulären
Aktionen bekannte M-19, die von Che Guevara inspirierte ELN und die
maoistische EPL waren die wichtigsten von knapp zwanzig weiteren bewaffneten
Organisationen. Paradoxerweise verfolgte die militärisch mit Abstand
stärkste FARC-EP, anders als die genannten Gruppen, niemals eine
Strategie, in deren Mittelpunkt der bewaffnete Kampf stand. Eng verbunden
mit der Kommunistischen Partei, galten die Waffen der FARC-EP immer
nur dem Schutz der Bewegung der Arbeiter/innen und Bauer/innen. Die
Gründung des breiten Linksbündnisses Unión Patriótica
1985 entsprach diesem Verständnis. Nach Jahren des erstarkenden
Guerillakriegs war es 1984 zum Waffenstillstand zwischen FARC-EP, EPL
und M-19 auf der einen, der Armee auf der anderen Seite gekommen. Die
von der FARC-EP ausgehandelte legale Bewegung erwies sich als erfolgreich,
bei den Wahlen errang die Unión Patriótica in ländlichen
Gegenden grosse Erfolge. Aber während die Guerilla die Waffen ruhen
liess, verlegte sich das Militär auf den Paramilitarismus. Bürgermeister
und einfache Mitglieder der Unión Patriotica fielen unter den
Kugeln von Attentätern, knapp 4.000 Menschenleben kostete die Legalität.
Dieser Frieden
war nicht minder gewalttätig als der Krieg - die FARC-EP änderte
ihre vorsichtige Strategie. Mitte der 90er Jahre war aus einigen hundert
Guerilleros, die in kleinen Gruppen agierten, eine Volksarmee mit 15
000 Kämpfer/innen geworden, die der Armee offen die Stirn bieten
konnte. Die FARC-EP, das Volksheer, besetzte mit mehreren tausend Kämpfer/innen
Provinzhauptstädte und rieb die von US-Offizieren geleitete Eliteeinheiten
auf. Über den unzugänglichen Süden und Osten des Landes,
in dem der Staat noch nie wirklich vorhanden war, verlor die Armee die
Kontrolle. In diesen abgelegenen Gegenden hat die FARC-EP mit Richtern
und Gesetzen quasistaatliche Strukturen aufgebaut. Aber erst als der
Lärm von Guerillaoffensiven auch in der Hauptstadt Bogotá
zu hören war, dämmerte einem Teil der politischen Elite endgültig,
dass der Krieg vorläufig nicht zu gewinnen ist. So begannen 1998
unter dem Präsidenten Pastrana erneute Friedensgespräche mit
der FARC-EP. Seit zwei Jahren wird nun um Steuergesetze und Agrarreform
verhandelt ohne Waffenstillstand. Eine Entwaffnung kommt für
die Guerilleros nicht in Frage, sie sehen ihre Zukunft als Kern einer
neuen kolumbianischen Volksarmee. Wie die Waffen sind ihnen die Friedensgespräche
ein Mittel, den Forderungen der Arbeiter/innen und Bauer/innen Nachdruck
zu verleihen. Die Zukunft? Der Sozialismus, so die FARC-EP, mag in Osteuropa
gescheitert sein, in der Dritten Welt ist es der Kapitalismus. Das neue
Kolumbien kann nur ein sozialistisches sein.
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