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Mit
www.dialogos.com.co ins neue Kolumbien?
Zwischen
Viehtränken und im Internet will die FARC-EP einen neuen Staat
auf der Grundlage von Frieden und sozialer Gerechtigkeit aushandeln
- aber der Drogenkrieg der USA könnte den Friedensprozess zum Scheitern
zu bringen.
Wenn die
Verhandlungen in diesem Takt weitergehen, werden sie bis 2017 andauern,
und dies auch nur, wenn es keine besonderen Schwierigkeiten gibt,
so Anfang des Jahres die Prognose des Chefkolumnisten von El Tiempo.
Der Autor der grössten kolumbianischen Tageszeitung resümierte
so den bisherigen Verlauf der Gespräche zwischen FARC und kolumbianischer
Regierung. Am 7. Januar 1999 war der Dialog mit einem Staatsakt feierlich
eröffnet worden. Nach einem Jahr zähen Tauziehens um Rahmenbedingungen,
Methodik und Tagesordnung sollten nun Ende Januar 2000 tatsächliche
Verhandlungen beginnen - allein, die Unterhändler konnten sich
nicht über das erste zu behandelnde Thema verständigen.
Im November 1998
hatte die Regierung des Präsidenten Pastrana den Abzug von Militär-
und Polizeieinheiten aus fünf Landkreisen einige hundert Kilometer
südlich der Hauptstadt Bogotá angeordnet. Die geräumte
Zone - doppelt so gross wie El Salvador oder fünf Mal so gross
wie der Kosovo - wurde per Regierungsdekret der Kontrolle der FARC unterstellt.
Damit war die zentrale Vorbedingung der Guerilla für Gespräche
mit der Regierung erfüllt. Präsident Pastrana hielt, umringt
von knapp 1.000 schwerbewaffneten Kämpfer/innen der FARC, eine
feierliche Frie-densrede. Kaum waren die internationalen Staatsgäste
wieder abgereist, da legte die Guerilla die Gespräche gleich wieder
auf Eis. In der ersten Woche des Dialogs für den Frieden
hatten paramilitärische Gruppen 200 Bauern massakriert - die FARC
forderte die Regierung ultimativ auf, dem Terror ein Ende zu machen.
In einem Memorandum zählte die Guerilla minutiös die Hintermänner
des Paramilitarismus auf, mitsamt belastender Funksprüche, Adressen
und Bankverbin-dungen. Monate tat sich nichts - bis sich Manuel Marulanda,
Chefkommandant der FARC, mit dem Staatspräsidenten trotz der Straffreiheit
der Para-militärs auf die Fortsetzung der Gespräche einigte:
am 6. Mai 1999 stellten sie der internationalen Öffentlichkeit
eine 12 Punkte umfassende Ver-handlungsagenda vor. Nun war es offenbar
an der Regierung, die Gespräche zu unterbrechen: Die FARC habe
in der entmilitarisierten Zone 16 Menschen entführt und hingerichtet.
Eine internationale Wahrheitskommission, so die Regierung, müsse
die Vorfälle überprüfen. Die Guerilla lehnte umstandslos
ab: Imperialistische Einmischung. Mit schneidigen Worten,
die von einer grossangelegten Offensive begleitet wurden, drohte die
FARC stattdessen mit einer Ausweitung des Krieges. Wieder vergingen
Monate, bis Ende Oktober 1999 die Gespräche aufgenommen wurden
- ohne Wahrheitskomission.
Wirft man einen
Blick in die siebenseitige Agenda, auf die sich beide Seiten im Mai
1999 geeinigt haben, wird das Tauziehen verständlich. Es geht um
nicht weniger als den Aufbau eines neuen Staates auf der Grundlage
von Frieden und sozialer Gerechtigkeit, so die Vorbemerkung des
von Repräsentanten der Regierung und des Befehlsstabes der FARC
unterzeichneten Papiers. Eine Demobilisierung der Guerilla ist in keinem
der 48 Unterpunkte des Dokuments auch nur erwähnt. Stattdessen
sollen die Unterhändler Themen wie eine neue ökonomische Struktur,
Nationalisierung der strategischen Rohstoffe und die IWF-Verträge,
eine Staatsreform und den Umbau der Armee zu einem Volksheer, die überfällige
Agrarreform und Bekämpfung des Drogenhandels diskutieren. Während
die Regierung zunächst die Landfrage hatte behandeln wollen, setzte
die FARC ihre Forderung durch, am Beginn des Prozesses müsse eine
"Revision des neoliberalen Wirtschaftsmodells" stehen. Damit
wurde im Februar 2000 schliesslich begonnen.
Villa Nueva
Columbia
Nicht am Marmortisch
eines Regierungsgebäudes oder gar in einer repräsentablen
internationalen Metropole wird um die Zukunft Kolumbiens gerungen. Los
Pozos, der Ort der Verhandlungen, ist auch keine malerische Finca, sondern
ein von Viehtränken umstandenes, aus Holz und Wellblech bestehendes
Kaff, in dem barfüssige Kinder mit Autoreifen und Coladosen spielen
- für die Regierungsvertreter eine Anschauung dessen, was zur Diskussion
steht. Zwei Stunden fahren die Politiker von ihrem Standort in der geräumten
Militärkaserne San Vicentes ohne jede Eskorte über eine staubige,
schlaglochübersäte Piste, um auf stapelbaren Plastikstühlen
unter einer Zeltplane Platz zu nehmen. In der eigens errichteten Zeltstadt
mit dem optimistischen Namen Villa Nueva Colombia sitzen sie dreimal
die Woche den FARC-Kommandanten gegenüber, die mit Jeeps und Eskorte
aus in entgegengesetzer Richtung liegenden Guerillacamps kommen.
Die jeweils fünfköpfigen
Delegationen werden vom "Hochkommissar für Frieden",
einem vom Präsidenten mit Sondervollmachten ausgestatteten Minister,
und Rául Reyes, dem Sprecher des Befehlsstabes der FARC, angeführt.
Während an diesem "nationalen Verhandlungstisch" die
Diskussionspunkte festgelegt und debattiert werden, um zu einer Basis
für einen letztendlichen Friedensvertrag zu kommen, finden parallel
öffentliche Hearings statt, die von einem ebenfalls paritätisch
besetzten "Thematischen Komitee" geleitet werden. Das Ziel
der Anhörungen ist nicht weniger ehrgeizig als der zur Verhandlung
stehende "neue Staat": die Bevölkerung Kolumbiens und
ihre gewerkschaftlichen, sozialen und politischen Organisationen sind
aufgefordert, zu jedem Verhandlungspunkt eigene Vorschläge und
Diskussionsbeiträge einzureichen, die - vom "Thematischen
Komitee" zusammengefasst - ihren Weg an den nationalen Verhandlungstisch
finden sollen. Wir streben Verhandlungen zwischen dem Volk und
dem Staat an. Die Guerilla will nur eine Brückenfunktion einnehmen,
erläutert Raúl Reyes in übertriebener Bescheidenheit
das Verfahren.
Wie die Teilnahme
der Bevölkerung an den Verhandlungen zu gewährleisten ist,
war zwischen den Delegationen heftig umstritten. Der Vereinbarung gemäss
haben nun alle Kolumbianer/innen Anrecht auf kostenlosen öffentlichen
Transport nach Los Pozos, wo ihnen Verpflegung, Übernachtungsmöglichkeiten,
Computer und - für Analphabet/innen - Schreibkräfte zur Verfügung
stehen. Das erste Hearing zur Frage eines zukünftigen Wirtschaftsmodells
im Februar 2000 machte jedoch gleich die Achillesferse des Konzepts
deutlich: zwar waren Vertreter/innen von Gewerkschaften und Industrie
gekommen, aber von einer breiten, repräsentativen Teilnahme war
das Treffen weit entfernt. Iván Rios, für das "Thematische
Komitee" verantwortlicher FARC-Kommandant, sieht zwei Ursachen:
einige Sektoren fürchteten den Aufenthalt in einem Guerillagebiet,
andere vermuteten hingegen spätere Repressalien des Staates. Entscheidend
sei aber, dass die Themen der Hearings nicht genügend bekannt seien.
Mit Telekonferenzen und Radiojingles ("Wenn wir alle zusammenarbeiten,
erreichen wir den Frieden!") soll Abhilfe geschaffen werden. Zusätzlich
ist ein System kostenlosen Briefverkehrs eingerichtet worden, mit dem
schriftliche Beiträge nach Villa Nueva Colombia gesandt werden
können. Eine besonders bemerkenswerte Einrichtung ist www.dialogos.com.co
- Friedensverhandlungen online: durch zahlreichen Fotos, Schaubilder
und Comic-Strips illustriert, werden in wenigen und einfachen Worten
Tagesordnung, Funktionsweise und Teilnahmemöglichkeiten der öffentlichen
Hearings erklärt. Per Mausklick kann man Fragen stellen, sich zur
persönlichen Teilnahme anmelden oder einen Beitrag versenden. Der
kostenlose elektronische Zugang wird allerdings, selbst im Verhältnis
zur Zahl kolumbianischer Internet-zugänge, wenig genutzt.
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| "Früher
umßten wir sechs Tage marschieren bis ins nächste Dorf.
Die Genossen von der FARC haben die Strasse gebaut", San Vicente
de Caguán im Januar 2000 |
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Während das
"Thematische Komitee" sich bemühte, eine kolumbianische
Diskussion über das neoliberale Wirtschaftsmodell in Gang zu setzen,
sahen sich die Mitglieder des "nationalen Verhandlungstisches"
derweil nach internationalen Alternativen um: FARC-Kommandanten, die
Uniformen und Gewehre gegen dreiteilige Anzüge und Diplomatenkoffer
getauscht, informierten sich zusammen mit kolumbianischen Ministern
über das niederländische Steuersystem und die schweizerische
Rentenversicherung. Bereits vor der Europatournée hatte die kommunistische
FARC der kolumbianischen Bourgeoisie versichert, dass mit Enteignungen
zunächst nicht zu rechnen sei. Ihr besonderes Interesse an der
schwedischen Wirtschaftspolitik war sicherlich geeignet, auch die Befürchtungen
der zahlreichen, im rohstoffreichen Kolumbien vertretenen europäischen
Konzerne zu besänftigen. "Eine Revolution wird nicht am Verhandlungstisch
gemacht", erklärt Rául Reyes die lobenden Worte für
die Stockholmer Marktwirtschaft. "Wir wollen zunächst ein
demokratisches und soziales System erreichen, das die Lage der Bevölkerung
verbessert. Aber das ändert nichts daran, dass wir weiterhin für
den Sozialismus kämpfen. Der Kapitalismus blutet das Volk aus".
Inzwischen hat die FARC, unabhängig der Verhandlungen, eine Umsatzsteuer
erlassen: das "Gesetz Nr. 002" erhebt von allen Unternehmen
mit einem Umsatz über eine Million US-Dollar eine zehnprozentige
Friedensabgabe, die - so die Guerilla - die Einkünfte aus Entführungen
ersetzen soll.
Die Hinwendung
der Guerilla zu Europa verfolgt noch einen weiteren Zweck. "Europa
sollte ein Auge auf die USA haben", so der diplomatische Appell
der FARC-Delegation. Nach ihrer Rückkehr drohten die Kommandanten
den USA weniger diplomatisch mit einem "zweiten Vietnam",
sollten US-Truppen tatsächlich eine Intervention versuchen, wie
vielfach befürchtet wird. Die kolumbianische Regierung ist schwach,
sie steht unter massivem Druck des Militärs und Teilen der politischen
Klasse. Pastranas Schicksal hängt deshalb noch stärker von
der Unterstützung durch die USA ab. Im Pentagon wird die FARC als
ein "Problem der nationalen Sicherheit" und der Verhand-lungsprozess
als "Schwäche" betrachtet. Die kolumbianische Armee soll,
so US-Aussenministerin Albright, durch US-Militärberater und Black
Hawk-Hubschrauber in die Lage versetzt werden, "den Süden
des Landes wiederzuerobern" - um den Kokaanbau zu bekämpfen,
so versteht sich. Die FARC reagierte auf die Kriegsdrohungen nach der
Erinnerung an Vietnam nun mit einer politischen Initiative: Ende Mai
findet ein internationales Hearing zur Frage der Drogenbekämpfung
und Kokasubstitution in der entmilitarisierten Zone statt, für
das Spanien und Norwegen die Schirmherrschaft übernommen haben.
Präsident Pastrana sagte - im US-Senat wurde gerade die Bewilligung
von 1,6 Milliarden Dollar Militärhilfe diskutiert - seine Teilnahme
ab.
"Wenn der
Plan Kolumbien Wirklichkeit wird, die fünf Antidrogenbataillone
in Aktion treten und die Flugzeuge ihre giftige Last auf Bauerndörfer
abwerfen - an diesem Tag wird die Hoffnung auf Frieden beerdigt werden",
so Mitte Mai 2000 der Kolumnist von El Espectador, der zweiten grossen
Zeitung des Landes, zu den "besonderen Schwierigkeiten", die
sein Kollege von El Tiempo befürchtet hatte. Ob nun Schwierigkeiten
oder Beerdigung - der US-Senat hat den 1,6 Milliarden Dollar schweren
Plan Kolumbien bewilligt. Die Black Hawks sind im Anflug, Villa Nueva
Colombia steht auf sehr unsicherem Gelände.
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