R
e i s e n o t i z e n (III)
Labor des Friedens
Nach misstrauischen
Fragen und eingehenden Kontrollen auf dem Flughafen Bogotás dauert
es eine gute Stunde, bis die kleine Maschine der Linie Satena, eine
Firma im Besitz der kolumbianischen Luftwaffe, auf der Asphaltpiste
des Flugplatzes von San Vicente aufsetzt. Besucher/innen erreichen den
Ort der Friedensverhandlungen meist auf dem Luftweg - die geräumten
Zone ist von Strassensperren der Armee umgeben, mehrfach kam es auch
zu Entführungen und Morden durch paramilitärische Gruppen.
Tropische Hitze, selbst nachts sinkt das Thermometer nicht unter 35
C. Am Rande des Amazonaswaldes gelegen, ist San Vicente mit seinen 13.000
Einwohner/innen ein geschäftiges Regionalzentrum. Pferdefuhrwerke,
lärmende Motorräder und alte LKWs rattern durch die schmalen
Strassen rund um den Marktplatz. Aus Geschäften und Kneipen dröhnt
Salsa, auf Pritschenwagen wird Zuckerrohrsaft und Gebäck angeboten.
Die Lebensverhältnisse sind bescheiden, die Arbeitslosigkeit beträgt
60%. Am Stadtrand werden die ein- bis zweistöckigen Häuser
von Bretterhütten, viele ohne Wasser und Strom, abgelöst.
"Labor des
Friedens" - die frische Inschrift prangt auf dem Rathaus. Gegenüber
blickt man auf die Kirche und rechts davon liegt die einzige Bank. Vor
fünf Jahren besetzte die FARC den Ort, legte die Polizeistation
in Schutt und Asche und räumte die Bank aus, so erzählt mir
ein LKW-Fahrer. Und jetzt sitzen sie hier gegenüber im ehemaligen
Kulturzentrum: ein halbes Dutzend Guerillakämpfer/innen stehen
vor dem hellblauen Haus, das der FARC als Büro dient. Insgesamt
sind auf den Strassen aber weniger Kämpfer/innen zu sehen, als
ich mir vorgestellt hatte. Hin und wieder trifft man auf junge Männer
und Frauen, in Uniformen und Gummistiefeln, AK47-Gewehre und Macheten
tragend, eher schlendernd als patroullierend. Die Atmosphäre wirkt
nicht angespannt, eher alltäglich.
"Comandante,
Comandante!" Mehrere ältere Frauen umringen einen etwa 40jährigen
Guerillero, der aus einem Jeep steigt. Mauricio Gareca ist der Stadtkommandant
der FARC. Sie reden alle zugleich auf ihn ein, in stoischer Ruhe und
mit leicht gequältem Gesicht hört der Guerillero den Anliegen
zu. Heute sei nicht sein Tag, sagt er mir später, er habe Kopfschmerzen
- es ist schliesslich der 1. Januar. Comandante Mauricio spricht gern
von seiner Arbeit. Er zählt die sechs Bürger/innenkomitees
auf, mit deren Hilfe das Leitungswasser gereinigt und die gesamte Bevölkerung
gegen Gelbfieber geimpft werden konnte. Mit wachsender Begeisterung
berichtet Mauricio Gareca vom Asphaltierungskomitee, dem er sich persönlich
angenommen hat. Die Strassen San Vicentes waren Sandpisten, die in der
Regenzeit schwer passierbar waren und im Sommer Staubwolken in die Häuser
trieben. Knapp 70%, vor allem in den ärmsten Stadtteilen, sind
innerhalb eines Jahres von Guerillakämpfer/innen und den Einwohner/innen
mit einer Strassendecke versehen worden. Wie - freiwillig? Der Comandante
zögert, dann sagt er: ja, aber... Wer nicht Teer schippen wollte,
den habe er gebeten, einen Suppentopf für die arbeitenden Nachbarn
hinzustellen. Auf das Verhältnis zum Stadtrat angesprochen, merkt
man dem Guerillero - obwohl er ruhig bleibt - Verachtung an. Seit Jahren
haben sie nichts für das Volk getan und die Steuergelder in die
eigene Tasche gesteckt. Er macht eine abfällige Handbewegung in
Richtung des Rathauses. Aber man müsse Kompromisse machen, schliesslich
habe sich die FARC verpflichtet, den Bürgermeister im Amt zu belassen.
Mauricio Gareca wirkt nicht, als ob er sich von Lokalpolitikern einschüchtern
liesse.
Es ist schwer zu
sagen, wie gross der Rückhalt in der Bevölkerung ist. Kneipenbesucher
und Ladenbesitzerinnen streichen vor allem positiv heraus, dass die
FARC für Ordnung gesorgt habe und man sich abends wieder auf die
Strasse wagen kann. Starben vor einem Jahr noch durchschnitllich zwei
Menschen pro Wochenende, ist die Mordrate in San Vicente nun um 98%
zurückgegangen. Zwei Beerdigungsinstitute mussten schliessen. Statistisch
muss der Ort einer der friedlichsten in Kolumbien sein. Jedenfalls begegnet
man an einem Tag in der Hauptstadt der FARC weniger Bewaffneten als
an einem Tag in der Hauptstadt der Regierung.
San Vicente de
Caguán, 1.1.2000
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