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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 12
Reisenotizen (III): "Labor des Friedens"
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
R e i s e n o t i z e n (III)
„Labor des Friedens“

Nach misstrauischen Fragen und eingehenden Kontrollen auf dem Flughafen Bogotás dauert es eine gute Stunde, bis die kleine Maschine der Linie Satena, eine Firma im Besitz der kolumbianischen Luftwaffe, auf der Asphaltpiste des Flugplatzes von San Vicente aufsetzt. Besucher/innen erreichen den Ort der Friedensverhandlungen meist auf dem Luftweg - die geräumten Zone ist von Strassensperren der Armee umgeben, mehrfach kam es auch zu Entführungen und Morden durch paramilitärische Gruppen.
Tropische Hitze, selbst nachts sinkt das Thermometer nicht unter 35 C. Am Rande des Amazonaswaldes gelegen, ist San Vicente mit seinen 13.000 Einwohner/innen ein geschäftiges Regionalzentrum. Pferdefuhrwerke, lärmende Motorräder und alte LKWs rattern durch die schmalen Strassen rund um den Marktplatz. Aus Geschäften und Kneipen dröhnt Salsa, auf Pritschenwagen wird Zuckerrohrsaft und Gebäck angeboten. Die Lebensverhältnisse sind bescheiden, die Arbeitslosigkeit beträgt 60%. Am Stadtrand werden die ein- bis zweistöckigen Häuser von Bretterhütten, viele ohne Wasser und Strom, abgelöst.

"Labor des Friedens" - die frische Inschrift prangt auf dem Rathaus. Gegenüber blickt man auf die Kirche und rechts davon liegt die einzige Bank. Vor fünf Jahren besetzte die FARC den Ort, legte die Polizeistation in Schutt und Asche und räumte die Bank aus, so erzählt mir ein LKW-Fahrer. Und jetzt sitzen sie hier gegenüber im ehemaligen Kulturzentrum: ein halbes Dutzend Guerillakämpfer/innen stehen vor dem hellblauen Haus, das der FARC als Büro dient. Insgesamt sind auf den Strassen aber weniger Kämpfer/innen zu sehen, als ich mir vorgestellt hatte. Hin und wieder trifft man auf junge Männer und Frauen, in Uniformen und Gummistiefeln, AK47-Gewehre und Macheten tragend, eher schlendernd als patroullierend. Die Atmosphäre wirkt nicht angespannt, eher alltäglich.

"Comandante, Comandante!" Mehrere ältere Frauen umringen einen etwa 40jährigen Guerillero, der aus einem Jeep steigt. Mauricio Gareca ist der Stadtkommandant der FARC. Sie reden alle zugleich auf ihn ein, in stoischer Ruhe und mit leicht gequältem Gesicht hört der Guerillero den Anliegen zu. Heute sei nicht sein Tag, sagt er mir später, er habe Kopfschmerzen - es ist schliesslich der 1. Januar. Comandante Mauricio spricht gern von seiner Arbeit. Er zählt die sechs Bürger/innenkomitees auf, mit deren Hilfe das Leitungswasser gereinigt und die gesamte Bevölkerung gegen Gelbfieber geimpft werden konnte. Mit wachsender Begeisterung berichtet Mauricio Gareca vom Asphaltierungskomitee, dem er sich persönlich angenommen hat. Die Strassen San Vicentes waren Sandpisten, die in der Regenzeit schwer passierbar waren und im Sommer Staubwolken in die Häuser trieben. Knapp 70%, vor allem in den ärmsten Stadtteilen, sind innerhalb eines Jahres von Guerillakämpfer/innen und den Einwohner/innen mit einer Strassendecke versehen worden. Wie - freiwillig? Der Comandante zögert, dann sagt er: ja, aber... Wer nicht Teer schippen wollte, den habe er gebeten, einen Suppentopf für die arbeitenden Nachbarn hinzustellen. Auf das Verhältnis zum Stadtrat angesprochen, merkt man dem Guerillero - obwohl er ruhig bleibt - Verachtung an. Seit Jahren haben sie nichts für das Volk getan und die Steuergelder in die eigene Tasche gesteckt. Er macht eine abfällige Handbewegung in Richtung des Rathauses. Aber man müsse Kompromisse machen, schliesslich habe sich die FARC verpflichtet, den Bürgermeister im Amt zu belassen. Mauricio Gareca wirkt nicht, als ob er sich von Lokalpolitikern einschüchtern liesse.

Es ist schwer zu sagen, wie gross der Rückhalt in der Bevölkerung ist. Kneipenbesucher und Ladenbesitzerinnen streichen vor allem positiv heraus, dass die FARC für Ordnung gesorgt habe und man sich abends wieder auf die Strasse wagen kann. Starben vor einem Jahr noch durchschnitllich zwei Menschen pro Wochenende, ist die Mordrate in San Vicente nun um 98% zurückgegangen. Zwei Beerdigungsinstitute mussten schliessen. Statistisch muss der Ort einer der friedlichsten in Kolumbien sein. Jedenfalls begegnet man an einem Tag in der Hauptstadt der FARC weniger Bewaffneten als an einem Tag in der Hauptstadt der Regierung.

San Vicente de Caguán, 1.1.2000


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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