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Jaime
Cedano: Eine ganze Bewegung wurde ausgelöscht
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Beerdigung
von Jaime Pardo Leál (UP)
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Jaime
Cedano, Führungsmitglied der Unión Patriótica, über
den schweren Weg einer legalen Organisation in dem Land mit der höchstens
Rate politischer Morde auf der Welt.
Bogotá, Oktober
1987: Eine Demonstration von hunderttausend Menschen paralysiert für
zwei Tage das Leben der kolumbianischen Hauptstadt. Seitdem 1948 der
linke Präsidentschaftskandidat Jorge Elicier Gaitán unter
den Kugeln eines Attentäters zusammengebrochen war, hatte es in
Kolumbien keine derart grosse Demonstration gegeben wie nun anlässlich
der Beerdigung des linken Präsidentschaftskandidaten Jaime Pardo
Leál. Der kommunistische Jura-Professor und Vorsitzende des Linksbündnisses
Unión Patriótica (UP) war, wie 40 Jahre zuvor der Anwalt
Elicier Gaitán, einem paramilitärischen Anschlag zum Opfer
gefallen.
Grösse und Anlass der Demonstration verweisen auf Macht und Ohnmacht
seiner Organisation, der Unión Patriótica. Die 1984 gegründete
UP stieg schnell zur stärksten Kraft der kolumbianischen Linken
auf. Zehn Jahre später hatte der Tod von 4.000 Mitgliedern und
Wähler/innen das Linksbündnis weitgehend zerstört. Die
ländlichen Hochburgen waren von den Paramilitärs derart systematisch
politisch gesäubert worden, dass sich kolumbianische
Parlamentarier in einer Gesetzesvorlage Ende 1999 dazu veranlasst sahen,
den paramilitärischen Feldzug gegen die UP als politischen
Genozid zu charakterisieren.
Heute bemüht
sich die UP im Rahmen der Gewerkschaftsbewegung und des Friedensprozesses
der FARC-Guerilla um politischen Wiederaufbau. Die FARC allerdings,
die die UP 1984 gründete, zog andere Schlüsse aus dem Blutzoll
der Legalität: am 29. April 2000 gründete die Guerilla das
Movimiento Bolivariano, eine neue linke Sammlungsbewegung, die sich
von der UP dadurch unterscheiden soll, dass sie klandestin agieren wird.
Die UP entstand 1984 in der Folge von Friedensvereinbarungen zwischen
der FARC und der kolumbianischen Regierung. Kannst Du uns etwas über
diese Gründungsphase berichten?
1984 unterzeichneten
drei Guerillabewegungen - die EPL1 , die M-192 und die FARC - in La
Uribe jeweils eigene Friedensverträge mit der Regierung von Belisario
Betancur. Zu diesen Vereinbarungen gehörte ein programmatisches
Dokument, in dem sich die Regierung zu einer Reihe sozialer, politischer
und ökonomischer Veränderungen verpflichtete. Vereinbart wurde
auch, die Bedingungen für einen Transformationsprozess der FARC
von einer bewaffneten zu einer in erster Linie politischen Bewegung
zu schaffen.
War damals eine
Demobilisierung und Entwaffnung der FARC im Gespräch?
Nein, es ging nicht
darum, die Waffen abzugeben, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem
die FARC politisch arbeiten kann. Zu diesem Zweck entstand die UP. Die
Idee war nicht so sehr eine Partei zu gründen, der Vorschlag der
FARC war vielmehr eine breite, pluralistische Bewegung mit einem demokratischen
Programm und dem Ziel, eine politische Alternative zum Zweiparteiensystem
aufzubauen. Die Kommunistische Partei, verschiedene regionale politische
Gruppen, Gewerkschaften und Intellektuelle traten der Organisation bei.
Zunächst war die Führung identisch mit dem Sekretariat der
FARC, erst später wurde auf einem Kongress eine gemischte Führung
gewählt. Die FARC schickte 25 Kommandant/innen in die Städte,
um die UP aufzubauen. Sie hatten mit der Regierung ausgehandelt, dass
diese Kader amnestiert werden.
Die UP trat
zu den Wahlen an...
Das war 1986. Die
UP erreichte ein historisches Ergebnis, knapp vier Prozent. Die kolumbianische
Linke hatte davor nie mehr als 2% bekommen. Jetzt sassen Guerilla-Führer
als Abgeordnete im Parlament, in einigen Regionen wie Urabá gewannen
wir die meisten Bürgermeisterämter. Die UP wuchs, allein in
Urabá hatten wir plötzlich 10.000 Mitglieder.
Wann begann der schmutzige Krieg?
Es gab von Anfang
an Attentate, aber die schlimmste Zeit war von 1988 bis 1992. Sie haben
unsere Führer umgebracht, zwei Präsidentschaftskandidaten
und den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, die Bürgermeister
und die Parteimitglieder, aber auch einfache Wähler/innen und Sym-phatisant/innen.
In einigen Gebieten hat eine regelrechte politische Säuberung stattgefunden.
Es gab täglich Massaker mit fünf, zehn, zwanzig Toten. Wir
haben seit 1985 4.000 Tote.
Du erwähntest
Urabá. Das ist heute eine Region, die teilweise vom Paramilitarismus
kontrolliert wird.
Wir haben einige
Gebiete ganz verloren. Man muss ehrlicherweise sagen, dass es auch eigene
Fehler waren, die dazu beigetragen haben. Die UP wuchs sehr schnell,
es war eine Zeit grosser Kämpfe und der allgemeinen Entfaltung
der sozialen Bewegung. Es gab ein politisches Vertrauen in die Führung.
Besonders auf lokaler Ebene war die UP oft stärker oder gleich
stark wie die traditionellen Parteien. Also begannen diese, uns Bündnisse
vorzuschlagen: kleine Stimmabsprachen, Geld für einen Kindergarten,
eine Baugenehmigung für eine Schule, und so weiter. Die UP-Vertreter/innen
gewöhnten sich daran, mit ihnen zu verhandeln. Einige unserer Kader
bewegten sich zunehmend auf der gleichen Ebene wie die Kaziken der traditionellen
Parteien. Es gab in der UP keine allgemeine Korruption, aber wohl eine
politische Tendenz, die ausgereicht hat, das Vertrauen in die Führung
zu zerstören. Das hat eine Rolle gespielt; aber ausschlaggebend
war der schmutzige Krieg.
Wie reagierte
die FARC auf den schmutzigen Krieg? Ganz offensichtlich wurden doch
die Vereinbarungen von Regierungsseite nicht eingehalten. Wann wurde
der Waffenstillstand gebrochen?
Niemand hatte den
Mut, die politische Verantwortung dafür zu übernehmen. Weder
die FARC noch die Regierung. Es gab einfach zunehmend mehr Gefechte
und 1988 gingen die Kommandanten zurück in die Berge. Die Friedensverträge
waren im Krieg ausgehandelt worden und so ging es weiter. Die M-19 war
damals mit einer riesigen Kolonne Guerillas nach La Uribe marschiert.
Carlos Pizarro, einer ihrer bedeutendsten Genossen, unterzeichnete den
Friedensvertrag mit einer Schusswunde im Arm.
Ein Jahr nach
den Friedensverträgen besetzte die M-19 den Justizpalast.
Einer ihrer Führer
war umgebracht worden. Das Militär schoss den Justizpalast in Brand.
In den Flammen kamen alle Guerillas und auch die Richter um. Die M-19
war eine städtische Bewegung mit einer breiten Verankerung in den
Mittelschichten. Das hat sich in verschiedener Weise bemerkbar gemacht.
Ihre strategischen Überlegungen waren sehr kurzatmig, sie waren
stark auf die Propaganda ausgerichtet. Aber sie hatten eine frische,
moderne Sprache, während wir noch dieser klassisch kommunistischen
Diktion anhingen. Das hat uns später, als sich die M-19 demobilisierte,
eine innerorganisatorische Opposition eingetragen. Die M-19 gründete
die Alianza Democratica und erreichte 25% der Stimmen. Ein Teil der
UP, der durch die ideologischen Kämpfe nach der Niederlage des
Sozialismus beeinflusst war, wollte der neuen Organisation beitreten.
Kurz danach wurde die Alianza Democrática M-19 Teil der Regierung.
Die ELN3 hatte
es 1984 von vornherein abgelehnt, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen.
Sie haben auch eine legale Organisation, A Luchar! gegründet. Waren
sie erfolgreicher?
Sie bezeichneten
den Prozess von 1984 als Reformismus. A Luchar! hatte eine gewisse Stärke,
aber auch sie sind gescheitert. Der Niedergang der sozialen Bewegungen
war allgemein.
Wenn Du zu der
Niederlage der legalen Linken noch die Demobilisierung mehrerer Guerillas
betrachtest, die M-19 ist vollständig vom System aufgesogen, ein
Teil der EPL ist sogar zu den Paramili-tärs übergelaufen:
diese Erfahrungen tragen nicht zu einem positiven Panorama für
Friedensprozesse bei...
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Friedhof,
Bogotá (1982) - Maria Eugenia Haya
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Das sind die Phänomene,
die dazu führten, dass es ab Mitte der 90er Jahre praktisch zum
Stillstand der sozialen Protestbewegungen kam. Es gab kaum Streiks,
kaum Demonstrationen. Es war eine Zeit schwerer ideologischer Auseinandersetzungen
in der Gewerkschaftsbewegung. CUT, der Dachverband geriet in den 90er
Jahren immer stärker unter den Einfluss der M-19. Zwei Vorsitzende
der CUT wurden in Folge als Arbeitsminister in die Regierung geholt.
Aber vor drei Jahren gelang es einem linken Block, den CUT-Vorsitz zu
gewinnen und so begann eine Wiederbelebung des gewerkschaftlichen Kampfes.
Trotzdem ist doch sehr augenscheinlich, dass parallel zu einer tiefgreifenden
Krise der legalen Linken die bewaffneten Organisationen immer stärker
wurden.
Nach dem Angriff
auf das Generalsekretariat der FARC Ende 1990 änderte die Guerilla
ihre innere Struktur: die Führungskader verteilten sich im Land.
Statt immer im Hauptquartier zu sitzen, waren die besten Kader jetzt
direkt im Kampf. Die FARC entwickelte sich rasant, ihre Angriffe wurden
massiver und häufiger, bis sie schliesslich von einer klassischen
Guerilla zum Aufbau der Volksarmee überging. Die strategische Perspektive
ist klar. Jede radikale Veränderung verlangt eine starke Guerilla,
aber auch eine organisierte und kampffähige Bewegung in den Städten,
verbunden durch eine programmatische Einheit.
Diese Einheit
liegt doch eher in der Zukunft.
Programmatisch
sind wir mit der FARC einig, in den taktischen Konzeptionen nicht. Vor
drei Jahren sagte die FARC: in der Stadt kann man nichts machen, sie
schiessen die Leute einfach zusammen, das einzige was zählt ist
der bewaffnete Kampf.
Die Geschichte
der UP lieferte ihnen schwerwiegende Argumente.
Unsere Geschichte
ist ohne Frage voller Fehler. Aber man muss auch sehen, dass wir uns
in einer Phase der Berichtigung befinden. Wir haben Niederlagen einstecken
müssen, aber wir sind hier um zu kämpfen - also kämpfen
wir! Der bewaffnete Kampf ist sicherlich das bestimmende Element. Aber
die FARC hat heute mehr Bezüge zur sozialen Bewegung als vor drei
Jahren.
Die FARC bestand
gegenüber der Regierung darauf, nicht zuerst über die Agrarfrage,
sondern über die Arbeitslosigkeit und das neoliberale Modell zu
verhandeln.
Wir mussten lernen,
aber auch die FARC musste dies tun. Letztes Jahr gab es einen Generalstreik.
Eine Woche lang haben wir jeden Tag die Innenstadt besetzt und jeden
Tag kamen die Bullen und haben mit Gas auf uns geschossen. Die Arbeiter-/innen
warfen Steine, es gab regelrechte Strassenschlachten. Das war genau
zu der Zeit, als sich Manuel Marulanda, der Oberste Kommandant der FARC,
erstmals mit dem Präsidenten traf. Und die FARC hat damals nichts
gesagt, nicht einmal einen Gruss an die kämpfenden Arbeiter/innen,
einfach nichts! Die Position der FARC bezüglich der Arbeitslosigkeit
ist da sehr wichtig, weil sie die Annäherung zwischen der Gewerkschafts-
und der Guerillabewegung fördert.
In den letzten
Wochen gab es eine grosse öffentliche Diskussion um ein Gesetzesvorhaben,
das das Verschwindenlassen unter Strafe stellen soll. Im Mittelpunkt
der Debatte stand der Begriff des politischen Völkermordes.
Der Regierungschef
Pastrana lehnte das Gesetz ab, weil er wegen der Verhandlungen unter
grossem Druck von der Seite des Militärs steht also muss
er ihnen in anderen Fragen nachgeben. Die Ablehnung des Begriffs politischer
Völkermord war nur ein Vorwand. Das Gesetzesvorhaben geht
zurück auf eine Klage der UP vor dem Interamerikanischen Gerichtshof
1993. Die Klage wurde akzeptiert, allerdings wird sie noch modifiziert
werden müssen, weil der Begriff des politischen Völkermordes
im internationalen Recht bisher nicht verankert ist. Im kolumbianischen
Parlament, wo das Gesetz debattiert wurde, zweifelte niemand daran,
dass die UP aus rein politischen Kriterien ausgelöscht wurde.
Was erhofft
sich die UP von der Klage?
Wir befinden uns
noch in der Phase der Beweisaufnahme, es sind erst 1350 Fälle erfasst.
Das wichtigste Ziel ist die Übernahme der politischen Verantwortung
durch den Staat. Wir wollen vollständige Aufklärung und die
Täter müssen bestraft werden. Wir fordern soziale und politische
Reparationen sowie Entschädigungszahlungen für die Angehörigen.
Wir wissen nicht, wie eine politische Reparation genau aussehen kann,
aber wo eine ganze Bewegung ausgelöscht wurde, ist sie unverzichtbar.
1 Die 1967 entstandene
maoistische Volksbefreiungs-armee zerfiel Anfang der 90er Jahre: ein
Teil der Organisation demobilisierte sich, ein weiterer Teil lief zum
Paramilitarismus über. Eine verkleinerte EPL setzt den Guerillakampf
bis heute fort.
2 Die nach einen Wahlbetrug 1970 gegründete Bewegung des 19. April
war die einzige in den Grosstädten aktive Guerillaorganisation.
1990 demobilisierte sich die M-19 und wandelte sich zu einer sozialdemokratischen
Partei.
3 Das von der kubanischen Revolution inspirierte Nationale Befreiungsheer
ist eine seit 1964 bestehende Gue-rillaorganisation mit mehreren tausend
Kämpferinnen und Kämpfern.
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