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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 10
Reisenotizen (II): Die Mörder
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
R e i s e n o t i z e n (II)
Die Mörder

Der Zentralfriedhof ist eine Sehenswürdigkeit. Vor dem mit einer Statue versehenen Grab eines Bierbrauers hat sich eine Schlange gebildet. Alte Frauen und junge Männer warten auf die Gelegenheit, der Statue ihre geheimen Wünsche ins Ohr zu flüstern - schliesslich, so ihre feste Auffassung, sollen sie dann in Erfüllung gehen. Ein paar Meter weiter liegen die Präsidentschaftskandidaten der Unión Patriótica, Carlos Pizarro von der M-19 sowie mehrere Vorsitzende der Kommunistischen Partei. Die Todesursachen sind die gleichen: Kugeln von Paramilitärs.

Miguel macht eine Grimasse in die Videokamera, die Schleuse öffnet sich summend. "Wenn der Uniformierte da ist, haben sie heute keine Bombe gelegt", scherzt er mit Blick auf den freundlich grüssenden Polizisten, der vor der Tür der kommunistischen Parteizentrale steht. Dreimal schon ist die Zentrale in Bogotá ausgebombt worden. Vor der gesicherten Tür steigen wir in einen Jeep mit verdunkelten Scheiben, der von zwei bewaffneten Parteimitgliedern gesteuert wird. "Ich habe heute mit dem Innenminister gesprochen. Wir wollen mehr Autos, bombensichere Fenster und Maschinengewehre," berichtet uns Jaime, der Finanzchef der Partei. Ich verstehe nicht. Jaime erklärt, dass der Geheimdienst seit fünf Jahren der Partei zwei gepanzerte Autos, Waffen und den Lohn für mehrere Leibwächter zur Verfügung stellt. Das sei aber bei weitem nicht ausreichend. Vor zwei Wochen wurde erneut einer ihrer Kader erschossen.

Etwa 4.000 Mitglieder haben die KP und die Unión Patriótica in den letzten fünfzehn Jahren durch paramilitärische Attentate verloren. 1993 erhoben sie vor dem Interamerikanischen Gerichtshof deshalb eine Völkermord-Klage gegen die kolumbianische Regierung. Die Richter nahmen die Klage zur Prüfung an und zwangen die Regierung, sofort ein Programm zum Schutz der politischen Opposition und der Menschenrechtsgruppen aufzulegen. "Das war ein harter Kampf", erklärt uns Flor Munera vom Solidaritätskomitee für die politischen Gefangenen FCSPP. "Nachdem zwei unserer Mitarbeiter erschossen wurden, hätten wir ohne Schutz unsere Büros schliessen müssen". Wie das Komitee erhält auch das Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo staatliche Gelder zum Schutz vor Anschlägen. Um überhaupt den Fahrstuhl betreten zu dürfen, der zur Anwält/innenkanzlei führt, muss man zunächst bei der Pförtnerin den Ausweis kontrollieren lassen, anschliessend werden die Taschen durchsucht. Ist man oben angekommen, steht man vor einer Schleuse aus schusssicherem Glas. Der Geheimdienst, als Urheber einiger der Attentate gerichtskundig, sorgt für den Schutz der potentiellen Opfer? Befremdlich, aber doch irgendwie passend zu einem Land, in dem eine parlamentarische Demokratie jedes Jahr mehr tote Oppositionelle hervorbringt als die 17-jährige Pinochet-Diktatur, wie die kirchliche Menschenrechtsgruppe Justicia y Paz bilanzierte.

Die Mörder: Knapp 5.000 Mitglieder sollen die paramilitärischen Selbstverteidigungsgruppen AUC haben. Die AUC sind uniformiert, besoldet, kaserniert. Sie benutzen Armeehubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge. Ihr Anführer Carlos Castaño trifft sich mit Parlamentariern und tritt im Fernsehen auf. Sein politisches Programm ist klar, es ist in Interviews nachzulesen: „Wir bringen ein paar Leute um, damit es später nicht noch mehr Tote gibt. Es kommen 20 oder 30 Menschen um. Wir haben das genau untersucht: die Leute fliehen von ihrem Land, und 30% kommen dann wieder zurück. Mit diesen und einigen anderen, die wir dort ansiedeln, bauen wir dann das Land wieder auf“. In einer Kneipe höre ich nun, wie der Nachrichtensprecher eine seiner Erklärungen wiedergibt: "Für jeden Strommasten werden zehn Guerillaanhänger sterben". Die Paramilitärs reagieren damit auf eine Kampagne der ELN-Guerilla gegen den Energiesektor, bei der 122 Strommasten gefällt wurden. Ich kann nicht umhin, an die Massaker der Nazis nach Partisanenangriffen zu denken. Zwei Tage später sehe ich in der Zeitung ein Foto. Sieben Bauern, tot, die Körper teilweise mit Foltermalen bedeckt, einem wurde der Kopf abgetrennt. Schon die Beliebigkeit in der Wahl seiner Opfer enthüllt den Charakter des Paramilitarismus. Aber die Sorgfalt im Auslöschen menschlicher Körper - sie schneiden Bauern, lebend, mit Motorsägen durch - enthält eine noch deutlichere Botschaft: Ist das ein Mensch?

Bogotá, 16.1.2000


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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