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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 8-10
ANDAS: "Instrument des Lernens..."
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
Kundgebung der Angehörigen von Verschwundenen, Bogotá (1984)
ANDAS
“Instrument des Lernens und der Reorganisation”

Die Flüchtlingsorganisation ANDAS kämpft für das Recht auf Rückkehr - und sucht Wege für die Reintegration vertriebener Aktivistinnen und Aktivisten in die Volksorganisationen.


„Ich bin seit über 15 Jahren in der Menschen-rechtsbewegung. Mein Mann war Gewerkschaftsführer. Im Sommer 1984 verschwand er.“ An diesem Tag änderte sich das Leben von Gloria Mansilla. Sie begann in der kolumbianischen Organisation der Angehörigen von Verschwundenen zu arbeiten und wurde zweite Vorsitzende von FEDEFAM, einem lateinamerikaweiten Angehörigen-Zusammenschluss. Die Hoffnung, ihren Mann wiederzufinden, hat Gloria Mansilla verloren. Aber aufgegeben hat sie nicht. 1990 war sie eine der Gründer/innen der Asociación Nacional de Ayuda Solidaria (ANDAS), deren Präsidentin sie heute ist. „Wir wollten einen Rahmen schaffen, in dem wir, die Opfer politischer Gewalt, uns selbst organisieren und für unsere Rechte kämpfen können“.

„Wir setzen uns für politische Gefangene ein und arbeiten mit den Angehörigen der Verschwundenen und Gefangenen zusammen. Aber wir konzentrieren uns auf die Vertreibung, weil sie im Zentrum des Systems der Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien steht“, erklärt Juan Camilo, ein junger Dorfschullehrer, der nach seiner Flucht heute im Volksbildungsprogramm der Organisation arbeitet. Aus den 33 Gründungsmitgliedern von 1990 sind heute 3.500 geworden. Die meisten sind Flüchtlinge, die vor paramilitärischer Gewalt aus ländlichen Regionen vertrieben wurden. Etwa zwei Millionen Menschen seien in den letzten 15 Jahren Opfer der Vertreibung geworden, wobei allein für 1998 die erschreckende Zahl von 375.000 vorliege, so Juan Camilo. Allerdings gebe es noch zusätzliche Fälle, die von den Opfern nicht gemeldet werden. Durch den Krieg wird die ländliche Infrastruktur - Schulen, Gesundheitsposten und Strassen - zerstört und damit die Lebensgrundlagen der Bauernfamilien angegriffen. Auf der Suche nach Wohnung, Arbeit und Sicherheit ziehen die Bauern in die grossen Städte. „Die Opfer dieser mittelbaren Gewalt begreifen sich oftmals selbst nicht als Flüchtlinge, die um ihre Rechte kämpfen können“, erklärt der ANDAS-Mitarbeiter die hohe Zahl nicht anerkannter Binnenflücht-linge. In neun Regionalbüros und mehreren Wie-deransiedlungs- und Gesundheitsprojekten berät und hilft ANDAS diesen Menschen, ihre Rechte einzuklagen.

Nach dem Selbstverständnis ihrer Hilfsorganisation gefragt, betont Juan Camilo, dass ANDAS sich gar nicht als Hilfsorganisation, sondern als politische Selbsthilfeorganisation verstehe, genauer gesagt: als „ein Instrument des Lernens und der Reorganisation der Opfer von Gewalt“. Um Erläuterung gebeten, erklärt er, dass die elementaren und sichtbarsten Probleme der Flüchtlinge natürlich seien, dass sie nichts zu essen haben, in Armutssiedlungen am Rande der Grosstädte leben und sich mit Strassenhandel durchschlagen. Viele haben zusätzlich psychische Leiden durch die Folgen von Gewalt und den Verlust von Angehörigen davongetragen. ANDAS habe deshalb mit dem Aufbau einer psychologischen Beratung für Traumatisierte begonnen. Aber - und das sei sehr wichtig - ein Landarbeiter- oder Studentenaktivist verliere durch die Vertreibung auch den Rahmen seiner politischen und sozialen Aktivität. Und: „Der politische Kampf gehört zur Würde des Menschen. Wir versuchen deshalb, die Reintegration dieser Aktivisten in die Bewegung zu fördern. Der Wiederaufbau der politischen Organisationen, die durch die Vertreibung der Aktivisten zerstört wurden, ist eine zentrale Frage“.

Komplexe Ursachen

Die Frage nach den Ursachen und Opfern der Vertreibung stellt sich. Zielt der schmutzige Krieg paramilitärischer Verbände, die jährlich mehrere hundert Massaker begehen, in erster Linie auf unliebsame politische Aktivistinnen und Aktivisten? Oder sind die Parami-litärs nicht vielmehr eine Privatarmee der Gross-grundbesitzer, um Kleinbauern von ihrem Land zu vertreiben? „Die Ursachen sind komplex“, so Teófilo Rangel Ferreira. Der zweite Vorsitzende von ANDAS war bis 1988 Stadtrat des Linksbündnisses Unión Patriótica in Urabá im Nordwesten Kolumbiens.

"Die Wahrheitskommission in Chile registrierte in den 17 Jahren brutaler Militärdiktatur 2700 Fälle von politischem Mord und Verschwundenen. Diese Zahl, so schrecklich sie ist, ist weitaus niedriger als die Anzahl von Fällen, die unsere Datenbank jährlich registriert hat, seit dem wir unsere Arbeit aufgenommen haben” Javier Giraldo, Justicia y Paz: The genocidal democracy

1988-1995:
6.177 politische Morde
10.556 Morde mit vermutlich politischem Hintergrund
2.459 Morde bei "sozialen Säuberungen"
1.451 Verschwundene
Alle zwanzig Minuten ein Mord
Alle 53 Stunden starb oder verschwand ein Mitglied der Unión Patriótica.
260.000 Menschen fielen der Gewalt zum Opfer.

Mit 77,5 Morden auf 100.000 Menschen ist die Mordrate in Kolumbien die höchste der Welt. 30.000 Menschen werden jährlich umgebracht, 3.000 davon aus politischen Motiven. Der Tod ist ein Handwerkszweig, in dem nach Schätzungen der Regierung 10.000 Menschen tätig sind. Der Marktpreis für das Beenden eines Menschenlebens schwankt zwischen 25 und 25.000 DM. Die Straflosigkeit bei Mord beträgt 96%.

(Quellen: Giraldo 1996, afp 12/99, Zelik/Azzelini 1999)

Er wurde mit dem Tod bedroht und floh nach Bogotá. „In Urabá waren die Gewerkschaften sehr stark und die Unión Patriótica hatte in vielen Dörfern die Mehrheit. Hier bauten die Grossgrundbesitzer zusammen mit der Armee paramilitärische Gruppen auf, um die Region wiederzuerobern. Ihre Strategie bestand nicht nur in der Ermordung von Kadern, sondern auch in einer grossangelegten Vertreibung der Bevölkerung. Neben der direkten politischen Kontrolle ging es um eine soziale Auslese, die ihren Grund in der geostrate-gischen Bedeutung der Region hat. Urabá liegt an der Grenze zu Panama und hat eine Pazifik- und eine Karibikküste - diese Charakteristika haben zur Planung ökonomischer Grossprojekte geführt. In den Interessenzonen des Kapitals - dazu gehören auch die Erdölgebiete, die internationalen Häfen und die wichtigsten Verkehrswege - wird ein Teil der Bevölkerung als Entwicklungshemm-nis betrachtet. Dabei spielt die politische und soziale Aktivität eine Rolle, es geht aber auch schlicht um Aneignung von Ländereien“.

Entschieden weist der ehemalige Stadtrat die Auffassung zurück, die Guerilla sei durch ihre Kriegsführung neben der Armee und den Paramilitärs ebenfalls für Vertreibungen verantwortlich. „Einige politische Sektoren sind der Auffassung, dass die Tatsache des bewaffneten Konflikts die Ursache für die Vertreibung bildet. In Regionen wie Urabá oder dem Magdalena Medio ist aber sehr deutlich, dass sich militärische, politische, soziale und ökonomische Aspekte verschränken“, so Teófilo Rangel Ferreira. Die ANDAS-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werfen der Regierung von Andrés Pastrana vor, der internationalen Öffentlichkeit weismachen zu wollen, ein Ende des bewaffneten Konfliktes bringe Frieden und Respekt vor den Menschenrechten. Pastrana wolle damit aber nur die Auflösung der kriminellen paramilitärischen Verbände von einer Demobilisierung der Guerilla abhängig machen. „Das ist völlig inakzeptabel“, empört sich die ANDAS-Präsidentin. Die internationale Strategie der konservativen Regierung ziele darauf, mittels des „Plan Kolumbien“ und der ins Land fliessenden Hilfsgelder systematisch jene Nichtregierungsorganisa-tionen zu stärken, die den kolumbianischen Konflikt als ein „Problem der privaten gewalttätigen Akteure“ betrachten. Juan Camilo: „Der Staat ist dieser Sicht zufolge ein Opfer, das wehrlos zwischen den beiden Extremen Guerilla und Para-militärs aufgerieben wird. Diese Argumentation dient dazu, aus dem Ausland moderne Ausrüstung und Berater für die Polizei und die Armee zu bekommen. Und das, wo Organisationen wie amnesty international Fälle veröffentlicht haben, in denen die Paramilitärs nicht nur Armeehub-schrauber benutzten, sondern an ihrer Spitze diensttuende Armeeangehörige standen“.
Auch die grossen Friedensdemonstrationen, die seit zwei Jahren regelmässig unter dem Motto „Nie wieder“ veranstaltet werden und sich deutlich gegen die Guerilla richten, sind für die ANDAS-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Wirkung des Zivilgesellschaftsdiskurses unter den städtischen Mittelschichten zurückzuführen. Dazu gehörten schliesslich auch einige der Menschenrechts-organisationen, die dazu aufrufen und nun im Gegensatz zu ANDAS von den Geldern des „Plan Kolumbien“ profitieren. In den Augen von Gloria Mansilla und ihrer Mitstreiter kennzeichnet den kolumbianischen Bürgerkrieg nicht die Schwäche gesellschaftlicher und staatlicher Institutionen. Es handelt sich vielmehr um einen „bewaffneten, aber in erster Linie sozialen Konflikt. Die Aufständischen sind ein Teil der Gesellschaft, der sich aufgrund massiver wirtschaftlicher Widersprüche und der Verletzung seiner legalen Rechte in Waffen erhoben hat“.
Gloria Mansilla setzt grosse Hoffnungen in den Fortgang des Friedensprozesses. Ohne soziale Gerechtigkeit wird es niemals Frieden geben, meint sie - ein Satz, den man von vielen kolumbianischen Menschenrechtsaktivist/innen zu hören bekommt.

Rückkehr nur mit Garantien

Nach ihren Forderungen gefragt, antwortet Teófilo Rangel Ferreira: „Wir fordern eine Rückkehr in Würde und mit Garantien. Das beinhaltet staatliche Wiederaufbauprogramme für die Zonen, aus denen wir vertrieben wurden. Und die Auflösung und Bestrafung der Paramilitärs, die unsere Familien umgebracht und unsere Häuser verbrannt haben.“ Der ehemalige Stadtrat will lieber heute als morgen nach Urabá zurückkehren. Aber es sei für ihn zu gefährlich, sagt er schulterzuckend. „Manche unserer Mitglieder sind zwei oder dreimal vertrieben worden. 1994 eröffneten wir ein Büro in Urabá. Vier unserer Mitglieder wurden festgenommen. Nachdem sie wieder freigelassen wurden, verschwand einer von ihnen, eine wurde umgebracht, die anderen beiden mussten fliehen. Ich kann nicht zurück.“

Über 100 Menschen - alle Guerilleros, Richter, Angestellte - starben, als das kolumbianische Militär am 7.11.1985 die Besetzung des Justizpalastes durch die M-19-Guerilla blutig beendete.

„Jedes Individuum, das auf die eine oder andere Weise die Ziele des Feindes unterstützt, ist als Verräter zu betrachten und entsprechend zu behandeln.“
Handbuch der kolumbianischen Armee

„Wir bringen ein paar Leute um, damit es später nicht noch mehr Tote gibt.“
Carlos Castaño, Chef der paramilitärischen Selbst-verteidigungsgruppen AUC

Massaker und Vertreibungen 1999:

Die Zahl der Massaker und Vertreibungen steigt seit 1990 kontinuierlich an, im letzten Jahr um 20%. 1999 wurden bei 402 Massakern 1.863 Menschen getötet, wobei in 78% der Fälle Paramilitärs und in 6% der Fälle reguläre Militäreinheiten die Täter waren. Die Guerillaorganisationen FARC-EP und ELN waren für 16% der Massaker verantwortlich. 33.147 Todesdrohungen wurden ausgesprochen und 288.127 Menschen wurden vertrieben. Die Zahl der Binnenflüchtlinge erhöhte sich auf 1.823.000 - nach Angola und Sudan die höchste Zahl weltweit. 53% der Flüchtlinge sind Frauen und Mädchen, 70% sind unter 18 Jahre. Zur Gesundheitsfürsorge haben 34%, zu Bildungseinrichtungen nur 15% Zugang. 46% der Vertriebenen haben keine oder eine menschenunwürdige Wohnung. In den Elendsvierteln Bogotás leben inzwischen 327.000 Flüchtlinge.

(Quellen: Chomsky/Giraldo 1996, Lateinamerikanachrichten 12/99, UN High Commissioner on Human Rights 3/2000, Comité Permanente 4/2000)


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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