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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 6
Reisenotizen (I): Die Megapolis
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
R e i s e n o t i z e n (I)
Die Megapolis

Das sieht ja aus wie in Niedersachsen - mein erster Gedanke beim Anflug auf Bogotá. Freundlich sehen sie aus, die Vororte. Flach und grün, Feldwege und Gewächshäuser. Mir fällt ein Artikel ein, den ich vor einem halben Jahr in der Berliner Zeitung gelesen habe: grosse Guerillakolonnen waren auf Bogotá marschiert und hatten mehrere der Vororte eingenommen. Etwas unwirklich, aber es muss da unten, zwischen den Gewächshäusern, gewesen sein. Das Pressefoto ist mir vor Augen: Soldaten mit Mundschutz stehen präsentierend zum Beweis des Sieges zwischen langen Reihen zerschossener und entblösster Körper. Es erinnerte mich an ein Bild des Massakers von My Lai: ein amerikanischer Soldat lächelt in die Kamera, den Stiefel auf einem toten Vietnamesen wie auf einem erlegten Wild.

Die kolumbianische Hauptstadt liegt auf einer Hochebene von 2600 Metern. Es ist kühl, der Himmel trotz des Hochsommers wolkenverhangen. Düster. Bogotá wirkt nicht wie eine Grossstadt, sondern wie eine flächenmäßig gewucherte Kleinstadt. Ein Durcheinander von viktorianischem Charme niedriger Villen, Plattenbauten, Hochhäusern und Holzhütten. Sieben Millionen Menschen zählt die Stadt, die täglich anwächst. Bauern, auf der Flucht vor Armut und Krieg, suchen an ihren Rändern eine neue Existenz. Ciudad Bolivar, eine langgestreckte Armensiedlung im Süden der Stadt, war vor zehn Jahren nicht da. Heute fristen hier eineinhalb Millionen Menschen ein Leben bitterer Armut. Die Scheisse läuft, behelfsmässig kanalisiert, in Bächen über die festgetretene Erde, die als Strasse dient. Eine Stunde fährt man mit dem Bus bis zum Plaza Bolivar: Präsidentenpalast, Rathaus und el Bunker, so der treffende Beiname des neuen Justizpalastes. 1985 hatten Panzer das alte Gebäude in Brand geschossen, nachdem es von einem M19-Guerillakommando besetzt worden war. Hinter dem Rathaus beginnt der hübsch restaurierte Stadtteil Candela, der mit alternativen Kinos und Strassentheater Student/innen und Tourist/innen anlockt. Hinter dem Präsidentenpalast - nur fünf Minuten zu Fuss - Strassenzüge, die aus aufgetürmten und stinkenden Müllbergen bestehen, in denen zahnlose Obdachlose sitzen. Vielleicht empfängt der Präsident deshalb die Staatsgäste lieber im karibischen Cartagena?

Zwischen den Glasfassaden des Centro Comercial drängen sich gutgekleidete Männer und Frauen, Handtaschen und Handys. Und: Waffen allerorten. Bevor man in einer Kneipe auf eine Bedienung trifft, ist man vor der Tür mit einem uniformierten und bewaffneten Mann konfrontiert. 200 000 sollen es sein, die sich bei Sicherheitsdiensten verdingen und vor Wohnhäusern wie Geschäften stehen. Mitten auf dem Bürgersteig vor mir liegt ein regloses Kind in Lumpen. Ist es tot oder schläft es? Der Strom der Passant/innen teilt sich so selbstverständlich, als läge dort ein Stück Hundescheisse. Und schon nach ein paar Tagen gehe auch ich einfach vorbei oder drumherum. Fünfjährige Schuhputzer flitzen über die Plätze, StraßenverkäuferInnen und BettlerInnen prägen das Bild. Aus der Hand werden BH-Träger, Smaragde und alles, was man sich nur vorstellen kann, verkauft. Zwölfjährige Mädchen bieten sich den Männern in vorbeifahrenden Autos an. Rebusque ist der Name des Wirtschaftssektors, in dem sich 60% der arbeitenden Bevölkerung auf der Jagd nach einem kärglichen Auskommen befindet.

Neben der Atmosphäre dumpfer Gewalt vermittelt sich gleichzeitig ein paar Strassen weiter der Eindruck unbeschwerten Alltags. Jugendliche spielen in den Parks Basketball und vergnügen sich auf den Plätzen. Die latent bedrohliche Stimmung des Samstag Abends weicht einem Sonntag Vormittag im Sonnenschein. Ganze Familien auf Mountainbikes, Jogger/innen und Jugendliche auf Inlineskates bevölkern während der ciclovia, des autofreien Sonntagvormittag, die Innenstadt. Wir flanieren über den Flohmarkt, später steigen wir in der Menge tausender Spaziergänger/innen auf den Hausberg Bogotás. Ein schöner Tag. Abends fahren wir in den vom Reiseführer als Partymeile angepriesenen Norden der Stadt: Multiplex-Kino, Cabrios, Antipasti und Britney Spears' neue Single. Eine andere Welt. Bogotá: der Süden bettelarm, der Norden unbeschwerter Reichtum.
Bogotá, 25.12.1999


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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