R
e i s e n o t i z e n (I)
Die Megapolis
Das sieht ja aus
wie in Niedersachsen - mein erster Gedanke beim Anflug auf Bogotá.
Freundlich sehen sie aus, die Vororte. Flach und grün, Feldwege
und Gewächshäuser. Mir fällt ein Artikel ein, den ich
vor einem halben Jahr in der Berliner Zeitung gelesen habe: grosse Guerillakolonnen
waren auf Bogotá marschiert und hatten mehrere der Vororte eingenommen.
Etwas unwirklich, aber es muss da unten, zwischen den Gewächshäusern,
gewesen sein. Das Pressefoto ist mir vor Augen: Soldaten mit Mundschutz
stehen präsentierend zum Beweis des Sieges zwischen langen Reihen
zerschossener und entblösster Körper. Es erinnerte mich an
ein Bild des Massakers von My Lai: ein amerikanischer Soldat lächelt
in die Kamera, den Stiefel auf einem toten Vietnamesen wie auf einem
erlegten Wild.
Die kolumbianische
Hauptstadt liegt auf einer Hochebene von 2600 Metern. Es ist kühl,
der Himmel trotz des Hochsommers wolkenverhangen. Düster. Bogotá
wirkt nicht wie eine Grossstadt, sondern wie eine flächenmäßig
gewucherte Kleinstadt. Ein Durcheinander von viktorianischem Charme
niedriger Villen, Plattenbauten, Hochhäusern und Holzhütten.
Sieben Millionen Menschen zählt die Stadt, die täglich anwächst.
Bauern, auf der Flucht vor Armut und Krieg, suchen an ihren Rändern
eine neue Existenz. Ciudad Bolivar, eine langgestreckte Armensiedlung
im Süden der Stadt, war vor zehn Jahren nicht da. Heute fristen
hier eineinhalb Millionen Menschen ein Leben bitterer Armut. Die Scheisse
läuft, behelfsmässig kanalisiert, in Bächen über
die festgetretene Erde, die als Strasse dient. Eine Stunde fährt
man mit dem Bus bis zum Plaza Bolivar: Präsidentenpalast, Rathaus
und el Bunker, so der treffende Beiname des neuen Justizpalastes. 1985
hatten Panzer das alte Gebäude in Brand geschossen, nachdem es
von einem M19-Guerillakommando besetzt worden war. Hinter dem Rathaus
beginnt der hübsch restaurierte Stadtteil Candela, der mit alternativen
Kinos und Strassentheater Student/innen und Tourist/innen anlockt. Hinter
dem Präsidentenpalast - nur fünf Minuten zu Fuss - Strassenzüge,
die aus aufgetürmten und stinkenden Müllbergen bestehen, in
denen zahnlose Obdachlose sitzen. Vielleicht empfängt der Präsident
deshalb die Staatsgäste lieber im karibischen Cartagena?
Zwischen den Glasfassaden
des Centro Comercial drängen sich gutgekleidete Männer und
Frauen, Handtaschen und Handys. Und: Waffen allerorten. Bevor man in
einer Kneipe auf eine Bedienung trifft, ist man vor der Tür mit
einem uniformierten und bewaffneten Mann konfrontiert. 200 000 sollen
es sein, die sich bei Sicherheitsdiensten verdingen und vor Wohnhäusern
wie Geschäften stehen. Mitten auf dem Bürgersteig vor mir
liegt ein regloses Kind in Lumpen. Ist es tot oder schläft es?
Der Strom der Passant/innen teilt sich so selbstverständlich, als
läge dort ein Stück Hundescheisse. Und schon nach ein paar
Tagen gehe auch ich einfach vorbei oder drumherum. Fünfjährige
Schuhputzer flitzen über die Plätze, StraßenverkäuferInnen
und BettlerInnen prägen das Bild. Aus der Hand werden BH-Träger,
Smaragde und alles, was man sich nur vorstellen kann, verkauft. Zwölfjährige
Mädchen bieten sich den Männern in vorbeifahrenden Autos an.
Rebusque ist der Name des Wirtschaftssektors, in dem sich 60% der arbeitenden
Bevölkerung auf der Jagd nach einem kärglichen Auskommen befindet.
Neben der Atmosphäre
dumpfer Gewalt vermittelt sich gleichzeitig ein paar Strassen weiter
der Eindruck unbeschwerten Alltags. Jugendliche spielen in den Parks
Basketball und vergnügen sich auf den Plätzen. Die latent
bedrohliche Stimmung des Samstag Abends weicht einem Sonntag Vormittag
im Sonnenschein. Ganze Familien auf Mountainbikes, Jogger/innen und
Jugendliche auf Inlineskates bevölkern während der ciclovia,
des autofreien Sonntagvormittag, die Innenstadt. Wir flanieren über
den Flohmarkt, später steigen wir in der Menge tausender Spaziergänger/innen
auf den Hausberg Bogotás. Ein schöner Tag. Abends fahren
wir in den vom Reiseführer als Partymeile angepriesenen Norden
der Stadt: Multiplex-Kino, Cabrios, Antipasti und Britney Spears' neue
Single. Eine andere Welt. Bogotá: der Süden bettelarm, der
Norden unbeschwerter Reichtum.
Bogotá, 25.12.1999
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