| Eine
Reise
Das vorliegende
Magazin ist das Ergebnis der Eindrücke, Gespräche und Interviews,
die wir für Libertad! im Januar 2000 auf einer Reise durch Kolumbien
gewonnen haben. Vorangegangen war diesem Projekt der Austausch mit der
kolumbianischen Delegation auf der internationalen Konferenz "Befriedung
oder Befreiung? Perspektiven internationaler Solidarität - Freiheit
für alle politischen Gefangenen", die im April 1999 in Berlin
stattfand. 350 AktivistInnen aus 26 Ländern waren der Einladung
gefolgt, darunter siebzehn Vertreter/innen kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen,
Anwaltsvereinigungen und der Guerillaorganisation FARC-EP.
Es folgte die Gegeneinladung
an Libertad!: wir könnten, sollten der entmilitarisierten Zone,
ein Gebiet unter Kontrolle der FARC-EP, einen Besuch abstatten. In dieser
Region von der Grösse der Schweiz sitzen sich seit Anfang 1999
die Unterhändler der konservativen Regierung Pastrana und der FARC
bei zwar immer wieder unterbrochenen, aber andauernden Friedensgesprächen
gegenüber. Kennzeichnend ist, dass es in diesem Prozess nicht um
die Entwaffnung und Integration der Aufständischen, letztlich um
die Befriedung des Widerspruchs geht, der zu den bewaffneten Kämpfen
des Kontinents geführt hat. Der vierzigjährige Krieg hat die
Machtverhältnisse nicht grundlegend zum Kippen gebracht - aber
die FARC-EP ist eine Macht, die grosse Teile des Landes kontrolliert
und der Regierung Bedingungen diktieren kann. Die USA hat Kolumbien
dementsprechend zum militärstrategisch prioritären Gebiet
und die FARC zum Problem der nationalen Sicherheit (der USA) erklärt.
Trotzdem: die Guerilla - nicht nur die FARC-EP, auch die ELN - sucht
den Dialog.
Ein Friedensprozess mitten im Krieg.
Nach langem Tauziehen
hat vor kurzem auch die ELN ein kleineres Gebiet von der Regierung zugestanden
bekommen, in dem mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein gesellschaftlicher
Dialog gesucht wird, um Lösungsmöglichkeiten für die
gravierenden sozialen und politischen Probleme im Land zu entwickeln.
Dass in diesem Magazin der
Schwerpunkt neben der Menschenrechtssituation auf dem Prozess der FARC-EP
liegt, soll nicht als politische Stellungnahme missverstanden werden.
Es entspricht dem, was wir erfahren haben durch die Kontakte, die wir
knüpfen konnten. Ein Ausschnitt also.
Der politische
Spielraum für legale politische Opposition ist durch den paramilitärischen
Terror extrem eingeschränkt. Für die Aktivist/innen, die wir
kennenlernen konnten, gehört die Todesdrohung zum täglichen
Leben. In Kolumbien kommen jedes Jahr mehr Oppositionelle um als während
der gesamten Pinochet-Diktatur. Knapp zwei Millionen Menschen befinden
sich auf der Flucht. Dies und den im 21. Jahrhundert ungebrochenen Kampf
zweier kommunistischer Guerillaorganisationen vor Augen, ist es doch
erstaunlich, dass die kolumbianische Realität hierzulande kaum
"Thema" ist. Wir selbst waren erstaunt, wie wenig uns - nach
vielen Jahren internationalistischer Aktivität - letztendlich davon
bekannt war.
Die FARC-EP - für
die einen respektvoll die älteste Guerrilla Lateinamerikas, für
die anderen nur die "Narcoguerrilla". In Deutschland und Europa,
auch in der solidaritätsbewegten Linken, geniesst sie ein ausgesprochen
schlechtes Image. Also doch nur die Bilder von "Koka und Knarren"
im Kopf? Gerne hätten wir hier diese Frage beidseitig erörtert:
welche Bedeutung maß und mißt die FARC der Solidarität
bei? Welche Gründe gab und gibt es für die bundesdeutsche
Linke, die die Befreiungskämpfe in Nicaragua, El Salvador und Chiapas
unterstützte, so wenig Augenmerk darauf zu legen, was in Kolumbien
vor sich geht? Es gelang uns trotz intensiver Bemühungen leider
nicht, Beiträge zu diesen Fragen zu erhalten.
Die nicht gekennzeichneten
Artikel stammen von Sven Mayer, die Interviews und Reisenotizen von
Anne Morell, beide Mitglieder von Libertad!
Für die tatkräftige Unterstützung in Kolumbien bedanken
wir uns ganz herzlich bei Jairo Ramirez von der KP-Kolumbien, der Internationalen
Kommission der FARC-EP und dem Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo.
Juni 2000
|