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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - MAGAZIN Nr. 2/Sommer 2000 - Seite 4-6
Kolumbien. Ein Überblick in elf Teilen
[ Inhalt MAGAZIN Nr. 2.]
Kolumbien. Ein Überblick in elf Teilen


"Das ist alles was man sich für den Lohn eines Arbeiters kaufen kann!"
Kundgebung von Angehörigen der Verschwundenen, Bogota (1984)

I. Berufsrisiko
“Ende 1987 schrieb Hector Abad Gómez, dass ein Menschenleben nur acht Dollar wert sei. Als sein Artikel in einer Tageszeitung von Medellin erschien, hatte man ihn bereits ermordet. Hector Abad Gómez war Präsident der Menschenrechtskommission gewesen. In Kolumbien stirbt man selten eines natürlichen Todes. ‚Wie wünschen sie die Leiche, Euer Gnaden?' Der Killer bekommt die Hälfte des Kopfgeldes als Vorschuss. Er lädt die Pistole und bekreuzigt sich. Er bittet Gott, ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Sofern er gut gezielt hat, bekommt er nachher die andere Hälfte ausgezahlt. Dann geht er in die Kirche, kniet nieder und dankt Gott dafür, dass er sein Flehen erhört hat”. Eduardo Galeano


II. Demokratie
Während die bolivianische Geschichte 90 Putsche zählt, ist die demokratische Tradition Kolumbiens nur einmal in den 50er Jahren durch eine Militärdiktatur unterbrochen. Bei den Präsident-schaftswahlen 1990 errang César Gaviria einen deutlichen Sieg. Alle übrigen Kandidaten waren erschossen worden. Die Wahlbeteiligung lag bei 16%. Nachdem bei der Privatisierung der staatlichen Hafengesellschaft 5,4 Milliarden Dollar versickerten und Gaviria zum reichen Mann geworden war, löste ihn 1994 Ernesto Samper ab. Er überstand zunächst ein Amtsenthebungsverfahren wegen Bestechung durch ein Drogenkartell, dann fand man in Sampers Präsidentenflugzeug 3,5 Kilogramm Kokain. 1998 wurde Andrés Pastrana, ein Mann aus guter Familie, Präsident. Sein Vater Misael Pastrana war 1970 durch einen Wahlbetrug mexikanischen Ausmasses an die Macht gekommen.


III. Weltmarkt
1999 hatte die kolumbianische Wirtschaft das erste Mal seit 40 Jahren, was die meisten Nachbarländer seit 40 Jahren zu verzeichnen haben: ein sogenanntes Negativwachstum. Reich an Bodenschätzen, die teilweise in heimischer Industrie weiterverarbeitet werden, konnte Kolumbien bis dahin Zahlen vorweisen, von denen andere lateinamerikanische Finanzminister träumten. Kolumbien: weltweit grösster Exporteur von Kaffee und Smaragden, bei Blumen und Bananen an zweiter Stelle, mit bedeutenden Kohle-, Gold- und Erdölvorkommen ausgestattet. Das mit 20% der Deviseneinnahmen kapitalschwerste Exportprodukt ist in der Statistik nicht einmal enthalten: Kokain, bei dessen Export Kolumbien mit einem Weltmarktanteil von 37% ebenfalls Weltspitze ist. Ein reiches Land. Das einzig Essbare in der beeindruckenden Exportbilanz sind allerdings Bananen. Seitdem sich Kolumbien vor gut zehn Jahren dem Weltmarkt öffnete und jener begann, in den Überlegungen der Bauern den Platz einzunehmen, der bis dahin dem dörflichen Marktplatz vorbehalten war, wird kein Reis mehr angebaut. Den hätte man zwar immer noch essen, aber nicht mehr verkaufen können. Der Weltmarkt liefert jetzt den Reis und überhaupt zwei Drittel der Lebenmittel.


IV. Warum sind die Erdölarbeiter verschwunden?
British Petrol fördert das Erdöl, das in Barrancabermeja raffiniert wird. Die Arbeiter der Bohrtürme und Raffinerien gehören zur USO-Gewerkschaft, deren Vorstand des Terrorismus angeklagt im Gefängnis sitzt. In den Arbeitervierteln gibt es Milizen der Guerilla ELN, die ausländische Ingenieure entführt und Pipelines sprengt. Barrancabermeja wird von vier Armeekasernen, die Förderanlagen vom schwer bewaffneten BP-Sicherheitsdienst bewacht. Am 17. Mai 1998 patroullierten die Soldaten in den Strassen des Viertels Maria Eugenia. Abends, als sie sich zurückzogen, kamen die schwer bewaffneten Maskierten. Sie trieben 32 Menschen aus ihren Häusern. Sieben Arbeiter wurden getötet. 32 Arbeiter zwangen sie, auf die Ladefläche eines LKWs zu steigen. Seitdem sind sie verschwunden.


V. Die Grenze zwischen arm und reich
Von 39 Millionen Kolumbianer/innen leben 55%, das sind 22 Millionen, unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenstatistik erreichte 1999 erstmals die Marke von 20%. Was für einer Arbeit, fragt man sich, gehen jene 35% nach, die arbeiten, aber arm sind? Keiner anderen als die arbeitslos genannten Armen: mit dem Strassenverkauf von Schuhbändeln, Schuhe putzen und Schuhe stehlen versuchen 22 Millionen Kolumbianer/innen, sich über Wasser zu halten. Dazu gehören auch 2,5 Millionen werktätige Kinder, zu denen sich vier Millionen arbeitslose Kinder gesellen, die sich ebenfalls unterhalb der Armutsgrenze befinden. Wer ist weshalb arm? Knapp 20% der Bevölkerung sind arm, weil sie schwarz oder indigen sind. Ihre Lebenserwartung ist 20% geringer, weil die Wahrscheinlichkeit, im reinen Elend zu leben, bei 80% liegt. Es scheint auch allgemein besser, zu den 73% der Kolumbianer/innen zu gehören, die in einer Stadt wohnen, weil 76% der Landbevölkerung in Armut lebt. Über diese Frage können 1,8 Millionen Kolumbianer/innen schon deshalb nicht entscheiden, weil sie Flüchtlinge sind. Man kann davon ausgehen, dass sie zu der Million Familien gehören, die kein Obdach haben. Was ist mit jenen, die eine offizielle Arbeit haben? Frauen, die sich in dieser glücklicheren Lage wissen, verdienen immerhin 28% dessen, was ihre männlichen Kollegen für die gleiche Arbeit bekommen.


VI. Das Gewicht der Drogen
Das Einkommen der Bauern von Meta, einer grossen Provinz im Südosten Kolumbiens, liegt ein Drittel unter dem Landesschnitt. Nur wenige Strassen verbinden die weit auseinanderliegenden Dörfer, so dass viele der Bauern fünf Tagesmärsche zurücklegen müssen, um etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Ärzte und Lehrer sind rar, und gäbe es sie, könnte sie kaum jemand bezahlen. Meta ist ein Hauptanbaugebiet der Kokapflanze und eine Hochburg der FARC-Guerilla. Warum? "Es bleibt ihnen gar keine andere Wahl als die Guerilla oder der illegale Kokaanbau. Der bewaffnete Kampf ist für diejenigen interessant, die nichts besitzen. Und was die Drogen angeht, die lassen sich im Gegensatz zu Bananenkisten gut zu Fuß transportieren", sagt Alan Jara Urzola, der konservative Gouverneur von Meta.


VII. Die ehrenwerte Gesellschaft
Nach einem aufsehenerregenden Verfahren vor dem Kongress wurde Präsident Ernesto Samper am 15. Dezember 1995 mit den Stimmen von 110 Abgeordneten freigesprochen. Der Verteidigungsminister Fernando Botero hatte ihn beschuldigt, 3,9 Millionen Dollar vom Cali-Kartell entgegengenommen und den Drogenkapos dafür versprochen zu haben, ihre drohende Auslieferung an die USA zu verhindern. Eine breite Mehrheit der Kongressabgeordneten und Minister sah sich später vom Obersten Gerichtshof der Korruption angeklagt. Mit 15 Ausnahmen wurde die ehrenwerte Gesellschaft freigesprochen.


VIII. We have a serious problem down there
In den frühen Morgenstunden des 12. Dezember 1999 griffen 500 bis 600 Guerrilleros die Armeebasis von Jurado an. 28 Soldaten und Polizisten starben. Auf ihrem Rückzug übergaben die Guerilleros dem örtlichen Priester 68 entwaffnete Soldaten, die Offiziere nahmen sie mit. Die zerstörten Militäranlagen dienten der Überwachung der schmalen, aber umso bedeutsameren Grenze zum benachbarten Panama - das Land, das den Norden mit dem Süden Amerikas und dessen Kanal den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Aufgrund dieser strategischen Lage war vor knapp hundert Jahren, durch eine von der USA finanzierte Separationsbewegung, aus einer kolumbianischen Provinz ein Staat namens Panama entstanden. Mit dem Zweck, der us-amerikanischen Kanalzone billige Bauarbeiter und Prostituierte zur Verfügung zu stellen. Zwei Wochen nach dem Guerilla-Angriff stiegen nur wenige Kilometer nördlich von Jurado 3000 US-Soldaten in Transportflugzeuge. Die USA räumte widerwillig, aber vertragsgemäss zum Jahrtausendwechsel den Panamakanal. In Washington erklärte General Charles Wilhelm den besorgten Mitgliedern des aussenpolitischen Ausschusses, dass der Betrieb der Wasserstraße nun in ernster Gefahr sei, weil die panamaische Armee das Eindringen irregulärer kolumbianischer Gruppen nicht aufhalten könne. Vor einem Jahr hatte der General den Abgeordneten schon eingeschärft, dass die kolumbianische Guerilla innerhalb von fünf Jahren die Macht übernehmen könne, wenn nicht drastische Massnahmen ergriffen würden.


IX. Wo, bitte, wird das Durchschnittseinkommen ausgezahlt?
In Kolumbien sind die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung 46 mal reicher als die ärmsten zehn Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass 48% des Landes 1,3% der Landbesitzer gehört und auch daran, dass 92% des Finanzsektors von fünf Gesellschaften kontrolliert wird. Es trifft zu, dass ständig reicher wird, wer schon reich ist. So mehrt sich der Anteil der obersten zehn Prozent am Nationaleinkommen Jahr für Jahr um etwa 40%. Geht man davon aus, dass Wertpapierhandel eine Angelegenheit dieser obersten zehn Prozent ist, kann man aus der Tatsache, dass 0,9% der Aktionäre 90% der Aktienanteile halten, schliessen, dass sich nicht die Reichen, sondern ihr Reichtum vermehrt. Genauso beständig mehrt sich umgekehrt nicht das Einkommen, wohl aber die Zahl der Armen.
Vom statistischen Durchschnittseinkommen denkt man im allgemeinen, dass es in etwa das Einkommen der durchschnittlichen, also der meisten Menschen widergibt. Für die meisten Menschen Kolumbiens jedoch ist das Durchschnittseinkommen eine phantastische Summe.


X. Das Erbe der Menschheit
Knapp die Hälfte der 1,134 Millionen km² umfassenden Fläche Kolumbiens wird vom Amazonas-Regenwald eingenommen. Der durch Abholzung bedrohte Wald produziert einen bedeutenden Anteil des von den Abgasen der Industrieländer bedrohten Sauerstoffgehalts der Atmosphäre. Der Wald beherbergt mehr verschiedene Pflanzen und Tiere als Nordamerika, Europa und Japan zusammen. Eine für die Zukunft der Welt strategische Ressource. Was der Weltöffentlichkeit als "grüne Lunge der Erde" und "gemeinsames Erbe der Menschheit" gilt, ist den 81 indianischen Völkern Kolumbiens Lebensraum. Wem gehört die Welt? 68% des gemeinsam deklarierten Erbguts liegt inzwischen in den Tiefkühltruhen von 200 Pharmakonzernen, denen es einen jährlichen Umsatz von 50 Billionen US-Dollar einbringt. Biopros-pectors genannte Forscher/innen filmen indianische Ärzt/innen bei der Arbeit, um anschliessend die genetische Struktur ihrer Heilpflanzen patentieren zu lassen. Dann kommen sie, zum alternativen Medikament aufbereitet, auf den Markt. "Ein Mr. Miller hat die Yagé-Pflanze patentieren lassen. Das ist eine heilige Pflanze, die unsere Schamanen verwenden. Was würde passieren, wenn wir Indianer die Hostie und den Wein des Abendmahls patentieren liessen?", fragt ein kolumbianischer Indigena-Sprecher.


XI. Wer hat das Schwert?
Das erste, was die Guerilleros der Bewegung M-19 taten, war, aus einem Museum ein Schwert zu entwenden. Für einen Guerillakrieg reicht das nicht - kurz darauf stahlen sie aus einer Kaserne noch 5000 Gewehre. Die wirklichen Waffen konnten in ihrer politischen Kraft die Aneignung des Schwertes jedoch nicht übertreffen: das Schwert des Simon Bolivar, im Jahre 1810 erhoben, um die spanischen und amerikanischen Kolonialherren zu verjagen, wurde aus einer Vitrine der Bourgeoisie genommen, um das Werk des Libertadors fortzusetzen. An der Spitze einer Volksarmee hatte Simon Bolivar die Spanier besiegt, aber seine politische Vision, ein vereinigtes und freies Lateinamerika, nie erreicht. Niedergeschlagen starb der Unabhängigkeitsheld 1830 an Malaria. "Das Schwert wird erst niedergelegt, wenn die Freiheit, die Bolivar immer ersehnte, erreicht ist", erklärte 1974 die M-19. Als sich die sieben kolumbianischen Guerillas 1987 vereinigten, gaben sie sich den Namen Coordinadora Guerillera Simon Bolivar. Zwei Jahre später legten die M-19 die Gewehre nieder, aber die Vision Bolivars blieb: Movimiento Bolivariano heisst die neue Massenorganisation der FARC-Guerilla. Und Republica Bolivariana heisst nun der venezolanische Staat, seitdem der Offizier und Präsident Hugo Chavez eine neue Verfassung ausarbeiten liess. Chavez wird im übrigen in einer Nebenrolle eines Filmes über das Leben Bolivars zu sehen sein, der dieses Jahr gedreht wird. Den Namen des Unabhängigkeitskämpfers trägt auch ein Ort fern seines Wirkens. Bolíbar nennt sich ein baskisches Dorf zu Ehren des Mannes, der die Spanier verjagte und angeblich auch noch baskischer Herkunft gewesen sein soll.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:17
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