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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - EXTRA Juni 2001
 
Deportation.Class
[ Inhalt EXTRA Juni 2001.]

Warum Tarom?
Neues Mitglied in der Deportation-Alliance: Die rumänische Tarom führt Sammelabschiebungen durch

[Artikel aus "deportation.class", gemeinsame Zeitung von 'kein mensch ist illegal' und 'Libertad!' - Juni 2001, Seite 3]


Achmed saß drei Wochen lang in Abschiebehaft in Kassel, bis er an einem frühen Dienstag morgen wieder aus dem Gefängnis abgeholt und die ganze Fahrt über mit auf dem Rücken gefesselten Händen zum Flughafen nach Düsseldorf transportiert wurde. Dort sperrte ihn der BGS in eine große Halle, in der bereits zwei Dutzend Menschen warteten und in den nächsten Stunden weitere hinzukamen. Unter den Eingesperrten befanden sich eine Familie und drei junge Männer aus Rumänien, zwei Personen aus dem Libanon und etwa 50 Personen türkischer Staatsangehörigkeit. Die meisten Leute waren, wie er selbst, zuvor wegen fehlender Aufenthaltspapiere bereits seit Wochen oder Monaten in Abschiebehaft. Es gab aber auch drei Familien mit kleinen Kindern, die frühmorgens in ihren Wohnheimen regelrecht überfallen, festgenommen und hier nach Düsseldorf gekarrt wurden.
Gegen 15.30 Uhr, als Achmed sich bereits seit über 5 Stunden in der Halle befand, wurde das Tor geöffnet. Vom Ausgang der Halle bis zur Tür eines großen Busses bildeten etwa 30 BGS-Beamte ein Spalier. In einigen Metern Abstand waren weitere, mit Maschinengewehren bewaffnete BGSler postiert. Die Botschaft war klar: Fluchtversuche sind ohne Chance. Der Bus brachte die knapp 60 »Deportees« in wenigen Minuten zu dem bereits wartenden Flugzeug, dort dasselbe Spiel nochmals: eine Doppelreihe BGS, reichlich rassistische »Abschiedssprüche«, bevor die »Deportees« im Flugzeug der rumänischen Airline Tarom verschwinden.
Etwa zwei Stunden später am Flughafen in Bukarest müssen alle aussteigen, unter massiver bewaffneter Begleitung rumänischer Polizisten werden die türkischen Staatsangehörigen in eine große Halle gesperrt, die Flüchtlinge aus Rumänien und dem Libanon werden in andere Richtungen weggebracht. Mit einem weiteren Tarom-Flug landen die abgeschobenen türkischen Staastangehörigen gegen 20 Uhr in Istanbul, wo für sie dann Verhöre und Befragungen beginnen.
Jeden Dienstag findet eine solche Charterabschiebung von Düsseldorf nach Bukarest und oft weiter nach Istanbul oder Beirut statt. Über 10.000 Menschen sind in den vergangenen zwei bis drei Jahren auf diese Weise mit der rumänischen Fluglinie Tarom abgeschoben worden.
Neue Charter-Strategien
Der offizielle Report vom Mai 2000 formuliert es eindeutig: »Bei Personen, die gewalttätigen Widerstand gegen ihre Abschiebung leisten, sollen verstärkt Kleinstchartermaschinen (sog. Lear-Jets) und Sammelrückführungen eingesetzt werden«. Die deutschen Innenminister beauftragten eigens eine Arbeitsgruppe von Staatssekretären zur Erarbeitung von Vorschlägen »zur Beseitigung von Rückführungsschwierigkeiten«. Deren Empfehlung dürfte forciert haben, was die auf Abschiebungen spezialisierten Stäbe des Bundesgrenzschutzes in Koblenz mit geradezu krimineller Energie seit mehreren Jahren betreiben: kleine und größere Gruppen »potentiell renitenter« Flüchtlinge und MigrantInnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit aller Gewalt abzuschieben.
Hintergrund dieser veränderten Strategie sind die wachsenden Hindernisse, mit denen die Profiabschieber spätestens seit dem Tod von Aamir Ageeb zu kämpfen haben. Schon im Jahr 1999 war die Zahl der Abschiebungen auf dem Flughafen Düsseldorf rasant gestiegen, von den 4355 Abgeschobenen waren nach offizieller Statistik die meisten von privatem Sicherheitspersonal »begleitet«. Dieser Entwicklung liegen in erster Linie die Sammelabschie-bungen mit Tarom zugrunde. Bei wöchentlich 30 bis 80 »Deportees« müssen jährlich 2500 bis 3000 Abschiebungen allein von Düsseldorf aus hochgerechnet werden: sicherlich der größte und profitabelste Posten im Abschiebegeschäft der Tarom. Zudem bemüht sich Tarom um weitere Abschiebever-einbarungen mit deutschen Behörden; konkret war Ende 1999 Abschiebungen in die D.R. Kongo im Gespräch.
Allround-Abschieber
Tarom bietet einen Allround-Abschiebeservice an, dem bezüglich der wöchentlichen Dienstagsflüge ein spezieller Beförderungsvertrag mit Nordrhein-Westfalen zugrunde liegt. Planung und Koordinierung der Sammelrückführungen liegen zumindest teilweise bei der Bezirksregierung Düsseldorf. Doch auch die BGS-Direktion Koblenz hat in der Antwort auf eine Anfrage zumindest »Absprachen« mit der Fluggesellschaft Tarom eingestanden. Der BGS hat sicherlich ein hohes Eigeninteresse an dieser Zusammenarbeit. Denn nach der Übergabe am Flugzeug müssen sich BGS-Beamte bei Sammelabschiebungen mit Tarom die Finger nicht mehr schmutzig machen. Wie bereits 1999 öffentlich bekannt wurde, übernehmen die Sicherheitsbegleiter der Tarom diesen Job, notfalls sogar unter Einsatz von Elektroschockgeräten.
Deportation-Class Kampagne gegen Tarom?! Romanian Air Transport, kurz Tarom, meldet enorme Wachstumszahlen. Mittlerweile werden jährlich über eine Million Passagiere auf internationalen und inlän-dischen Routen durch diese staatliche rumänische Fluggesellschaft befördert. Doch weniger Schwarzmeertouristen als vielmehr Geschäftsreisende hat Tarom im Visier, orientiert am seit 1990 stetig wachsenden Ost-West-Handel mit dem »östlichen Wirtschaftszentrum Bukarest«. Im letzten Jahr als 28. Mitglied in der Assoziation Europäischer Airlines (AEA) aufgenommen, bemüht sich Tarom, ihr Schmuddelimage loszuwerden. Tarom erhält EU-Gelder und kooperiert in Consulting-Programmen mit Lufthansa. Bei ihrer Luftflotte aus mittlerweile 21 Flugzeugen setzt sie auf Jets aus dem Westen. »Comfort, Safety and Style« werden betont, und Vielflieger können »Smart Miles«-Vergünstigungen erwarten. In ihrer Zeitschrift »Insight« zelebriert Tarom den »Dialog« mit ihren Passagieren. Zwar ist als Kontakt noch keine Email-Adresse angegeben, doch ein Webseiten existieren: http://tarom.digiro.net als internationale homepage und http://www.tarom-online.de als Präsentation für Deutschland. In Berlin, Frankfurt und Düsseldorf befinden sich eigene Tarom-Büros, in München und Stuttgart Agenturen. Die Dienstagscharter von Düsseldorf aus sind leicht berechenbar. So bestehen mehrere Anknüpfungspunkte für den Versuch, dem aufstrebenden Unternehmen Tarom mit einer Imagekampagne zu begenen, wenn sie ihre Rolle in der Deportation-Alliance nicht überdenkt.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:16
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