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Was macht ein
Elektro-Störer?
Ricardo Dominguez
aus New York ist ein Pionier virtueller Aktionsformen. Er erläutert
Geschichte, Hintergründe und die Wirkung von elektronischen Protestformen
wie Virtual Sit-In und Onliner-Demonstration
[Interview aus "deportation.class",
gemeinsame Zeitung von 'kein mensch ist illegal' und 'Libertad!' - Juni
2001, Seite 2]
Was, bitte schön,
ist eine Online-Demonstration?
Eine Online-Demonstration ist eine Versammlung einer vernetzten Gemeinschaft
auf einer Website oder auch auf verschiedenen Seiten mit dem Ziel, durch
die kollektive Präsenz eine gewisse Störung zu verursachen.
Die Werkzeuge für Online-Demonstrationen oder virtuelle Sit-Ins
benutzen die Reload-Funktion auf dem Browser, um eine bestimmte Seite
immer und immer wieder aufzurufen und berücksichtigen dabei, wie
viele Menschen auf der Welt sich daran wie lange beteiligen. Das Neuladen
von Netzangeboten, gegen die protestiert wird, führt zu einer Verlangsamung
Virtuelles Sit-In
der
Geschwindungkeit der Seite - je mehr Menschen sich der Demonstration
anschließen, desto langsamer wird die Seite geladen. Ganz ähnlich
wie ein klassisches Sit-in von Tausenden von Leuten, das ebenfalls die
Fortbewegung von Menschen verlangsamen würde. Das Sit-in zerstört
nichts und verletzt niemanden, aber es führt zu einem grossen Durcheinander,
weil die kollektive Präsenz der Protestierenden die tägliche
Routine durchbricht und einen politischen und symbolischen Raum eröffnet.
Das virtuelle Sit-in macht genau das gleiche auf der digitalen Ebene
- mit dem großen Unterschied, dass sich jeder, der irgendwo auf
der Welt über eine Internet-Verbindung verfügt, zur gleichen
Zeit beteiligen kann.
Hat sowas denn
schon jemals funktioniert?
Ja. Im Jahr 1998 erzeugte das Electronic Disturbance Theater aus Solidarität
mit den Zapatisten in Chiapas starken symbolischen Druck auf die mexikanische
Regierung. Durch das öffentliche Interesse an dem virtuellen Sit-in
konnten die Forderungen der Zapatisten international bekanntgemacht
werden. 1999 gab es zwei wichtige online-Aktionen. Die Elektrohippies
aus Großbritannien machten eine größere Aktion gegen
das WTO-Treffen in Seattle. 500.000 Menschen auf der ganzen Welt nahmen
daran teil. Weitere Aktionen rund um die WTO und kürzlich gegen
die FTAA, die amerikanische Freihandelszone, folgten. Im Dezember 1999
kam es dann zum berühmten "Toywar", bei dem eine ganze
Reihe von Gruppen wie RTMark, The Thing und EDT eine kleine Netzkunstgruppe
namens etoy.com gegen den Internet-Spielzeughandel Etoys.com unterstützten.
Letzterer ist inzwischen pleite, hatte zuvor aber versucht, der Künstlergruppe
den Namen streitig zu machen. Am 15. Januar 2000 kapitulierte Etoys.com
und zog alle Klagen zurück.
Was charakterisiert
oder bedingt den Erfolg von e-Protest? Ist hinsichtlich der Effizienz
ein Unterschied zwischen online-Aktivitäten und dem festzustellen,
was wir aus der Offline-Welt kennen?
Das, was bei Offline-Aktionen zählt, gilt auch für den e-Protest.
Wichtig ist die Information - wann, wo, wie und vor allem, warum eine
Aktion gemacht werden soll, so weit wie möglich zu verbreiten.
Die Werkzeuge müssen für möglichst viele Menschen zugänglich
sein und auf einer Reihe von Rechnern rund um die Welt liegen, damit
nicht ein enziger Server die ganze Aktion tragen muß. Am wichtigsten
ist, dass der e-Protest immer nur ein Element eines viel größeren
und langfristiger angelegten Protests sein kann. E-Protest
Inhalte im Mittelpunkt
ist ohne Aktionen auf der Straße bedeutungslos. Und es muß
natürlich darauf geachtet werden, das Medieninteresse so zu steuern,
dass die Inhalte und Begründungen des Protests die dominierende
Information ist und nicht die Aktionsform und ob diese nun legal oder
illegal ist, ob es DoS (Denial of Service) ist, oder nicht... Jeder
Aktivist sollte die Inhalte bei jeder Präsentation in den Vordergrund
stellen. Die digitale Qualität des e-Protests ist eigentlich eine
Nebensächlichkeit.
Ein »Hacktivist«
ist ein Kunstwort, entstanden aus »Hacker« und »Activist«.
Wie wurdest Du Hacktivist und warum?
Ich
war von 1987 bis 1995 Mitglied des Critical Art Ensemble und arbeitete
in dieser Zeit auch mit Act Up in Tallahassee. Die Idee des elektronischen
zivilen Ungehorsams entstand aus der Idee eines möglichen zukünftigen
Aktionsraumes. Ich versuchte, die Vorstellungen umzusetzen und begann,
die Technik zu erlernen. 1994 wurde ich Mitglied der New York Zapatistas
- für mich waren die Zapatisten der Dreh- und Angelpunkt dafür,
was elektronischer ziviler Ungehorsam bedeuten könnte. Nach dem
Massaker von Akteal am 22.12.1997, bei dem 45 Frauen und Kinder der
Zapatistas von mexikanischen Paramilitärs mit US-amerikanischen
Waffen ermordet worden waren, erhielten wir eine e-mail einer italienischen
Gruppe, die dazu aufrief, vier Stunden lang manuell die Websites der
mexikanischen Regierung abzufragen. So entstand das »Electronic
Disturbance Theater«. Danach starteten Brett Stallbaum und Carmin
Krasic das »Zapatista Floodnet«, das den Prozess automatisierte
und führten gemeinsam mit dem Theoretiker und Aktivisten Stefan
Wray eine ganze Reihe von virtuellen Sit-ins gegen die mexikanische
Regierung durch. Wir versuchten dabei, die Praxis und den theoretischen
Hintergrund des elektronischen zivilen Ungehorsams fortzuentwickeln:
Transparenz, die Verbindung von virtuellen Aktionen mit Straßenaktionen,
Gewaltlosigkeit, Open Source Codes und einfache Werkzeuge. Eine Minute
nach Mitternacht 1999 veröffentlichten wir das Disturbance Developers
Kit, mit dem jedeR e-Protest erzeugen kann - zu diesem Zeitpunkt hatten
die Medien begonnen, uns Hacktivists zu nennen. EDT hat sich diesen
Namen nie selbst gegeben, doch er blieb an uns haften und nun trägt
eine ganze Bewegung den Namen.
Manche Leute
denken, dass das "Virtuelle" ein Ersatz für die Realität
ist, irgendwas irreales und deshalb schlimmes. Was antwortest Du auf
solche Vorhaltungen?
Ich glaube nicht, dass die eine Art von Aktivismus besser als die andere
ist. Wichtig ist doch, dass wir so viele Leute wie möglich in die
Arbeit mit einbeziehen. E-Protest kann dazu beitragen, unsere Aktionen
»glokal« zu machen, also zugleich global und lokal. Viele
Leute können sich auch an Straßenaktionen nicht beteiligen,
sei es, weil sie Familien haben, sei es, daß sie arbeiten müssen
oder einfach nicht genug Geld haben, um zur Demo zu fahren. Man darf
sie nicht links liegenlassen, weil sie sich nur an der Online-Aktion
beteiligen und nicht an der Straßenaktion. E-Protest ist nur ein
taktisches Mittel, dass wir unserem ganzen Haufen von anderen Mitteln
hinzufügen können, er ist aber keine Strategie. Ein Werkzeug
und nichts weiter.
Auf der anderen
Seite scheint das Internet maßlos überschätzt. Wie soll
man da nicht Hoffnungen wecken, die dann nicht zu erfüllen sind?
Also nochmal: E-Protest ist eine reine Taktik. Er wird die Probleme
nicht deshalb lösen, weil er im Internet stattfindet. Das Internet
ist weder der Weg nach Utopia noch in die Apokalypse und niemand sollte
seine gesamten Hoffnungen darauf setzen.
Die Lufthansa
AG behauptet, ihre Rechner seien so stark und die Aktivisten so schwach,
dass die Aktion nicht mal einen sichtbaren oder überhaupt nur bemerkbaren
Effekt haben werde. Würdest Du Dir dehalb Sorgen machen?
Nein, ganz und gar nicht. Es spielt keine Rolle, wie groß die
Rechner der AG sind - es ist sehr schwer, symbolische Aktionen zu stoppen,
wenn diese mit Medienarbeit und einer langfristigen Arbeit vor und nach
der Aktion einhergehen.
Mit Poesie gegen Waffen
Die Online-Demo ist nur ein Fokus für die Gemeinschaft- es geht
nicht um zusammenbrechende Server. EDT ging auf die Webserver des Pentagons,
der Frankfurter Börse und der mexikanischen Regierung los - wir
haben nie Server zum Absturz gebracht - egal, wie groß die Mythen
um unsere Aktionen waren. Wir erzeugten viel Medienecho und Auseinandersetzung
um unser Thema, die Zapatisten. Und das war schließlich das Hauptziel
der ganzen Sache. Bei online-Aktionen geht es nicht um technische Effizienz
sondern um symbolische Wirksamkeit. Die Zapatisten haben schließlich
auch nicht mit Waffen gesiegt, sondern mit Worten, mit Poesie gegen
Waffen und mit Gesten, die über die Grenzen dessen hinausgehen,
was mit Technologie zu erreichen gewesen wäre.
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