.: Hallo :.

Saturday, den 11.02.2012 - 05:58



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - EXTRA Juni 2001
 
Deportation.Class
[ Inhalt EXTRA Juni 2001.]

Was macht ein Elektro-Störer?

Ricardo Dominguez aus New York ist ein Pionier virtueller Aktionsformen. Er erläutert Geschichte, Hintergründe und die Wirkung von elektronischen Protestformen wie Virtual Sit-In und Onliner-Demonstration

[Interview aus "deportation.class", gemeinsame Zeitung von 'kein mensch ist illegal' und 'Libertad!' - Juni 2001, Seite 2]

Was, bitte schön, ist eine Online-Demonstration?
Eine Online-Demonstration ist eine Versammlung einer vernetzten Gemeinschaft auf einer Website oder auch auf verschiedenen Seiten mit dem Ziel, durch die kollektive Präsenz eine gewisse Störung zu verursachen. Die Werkzeuge für Online-Demonstrationen oder virtuelle Sit-Ins benutzen die Reload-Funktion auf dem Browser, um eine bestimmte Seite immer und immer wieder aufzurufen und berücksichtigen dabei, wie viele Menschen auf der Welt sich daran wie lange beteiligen. Das Neuladen von Netzangeboten, gegen die protestiert wird, führt zu einer Verlangsamung
Virtuelles Sit-In
der Geschwindungkeit der Seite - je mehr Menschen sich der Demonstration anschließen, desto langsamer wird die Seite geladen. Ganz ähnlich wie ein klassisches Sit-in von Tausenden von Leuten, das ebenfalls die Fortbewegung von Menschen verlangsamen würde. Das Sit-in zerstört nichts und verletzt niemanden, aber es führt zu einem grossen Durcheinander, weil die kollektive Präsenz der Protestierenden die tägliche Routine durchbricht und einen politischen und symbolischen Raum eröffnet. Das virtuelle Sit-in macht genau das gleiche auf der digitalen Ebene - mit dem großen Unterschied, dass sich jeder, der irgendwo auf der Welt über eine Internet-Verbindung verfügt, zur gleichen Zeit beteiligen kann.

Hat sowas denn schon jemals funktioniert?
Ja. Im Jahr 1998 erzeugte das Electronic Disturbance Theater aus Solidarität mit den Zapatisten in Chiapas starken symbolischen Druck auf die mexikanische Regierung. Durch das öffentliche Interesse an dem virtuellen Sit-in konnten die Forderungen der Zapatisten international bekanntgemacht werden. 1999 gab es zwei wichtige online-Aktionen. Die Elektrohippies aus Großbritannien machten eine größere Aktion gegen das WTO-Treffen in Seattle. 500.000 Menschen auf der ganzen Welt nahmen daran teil. Weitere Aktionen rund um die WTO und kürzlich gegen die FTAA, die amerikanische Freihandelszone, folgten. Im Dezember 1999 kam es dann zum berühmten "Toywar", bei dem eine ganze Reihe von Gruppen wie RTMark, The Thing und EDT eine kleine Netzkunstgruppe namens etoy.com gegen den Internet-Spielzeughandel Etoys.com unterstützten. Letzterer ist inzwischen pleite, hatte zuvor aber versucht, der Künstlergruppe den Namen streitig zu machen. Am 15. Januar 2000 kapitulierte Etoys.com und zog alle Klagen zurück.

Was charakterisiert oder bedingt den Erfolg von e-Protest? Ist hinsichtlich der Effizienz ein Unterschied zwischen online-Aktivitäten und dem festzustellen, was wir aus der Offline-Welt kennen?
Das, was bei Offline-Aktionen zählt, gilt auch für den e-Protest. Wichtig ist die Information - wann, wo, wie und vor allem, warum eine Aktion gemacht werden soll, so weit wie möglich zu verbreiten. Die Werkzeuge müssen für möglichst viele Menschen zugänglich sein und auf einer Reihe von Rechnern rund um die Welt liegen, damit nicht ein enziger Server die ganze Aktion tragen muß. Am wichtigsten ist, dass der e-Protest immer nur ein Element eines viel größeren und langfristiger angelegten Protests sein kann. E-Protest
Inhalte im Mittelpunkt
ist ohne Aktionen auf der Straße bedeutungslos. Und es muß natürlich darauf geachtet werden, das Medieninteresse so zu steuern, dass die Inhalte und Begründungen des Protests die dominierende Information ist und nicht die Aktionsform und ob diese nun legal oder illegal ist, ob es DoS (Denial of Service) ist, oder nicht... Jeder Aktivist sollte die Inhalte bei jeder Präsentation in den Vordergrund stellen. Die digitale Qualität des e-Protests ist eigentlich eine Nebensächlichkeit.

Ein »Hacktivist« ist ein Kunstwort, entstanden aus »Hacker« und »Activist«. Wie wurdest Du Hacktivist und warum?
Ich war von 1987 bis 1995 Mitglied des Critical Art Ensemble und arbeitete in dieser Zeit auch mit Act Up in Tallahassee. Die Idee des elektronischen zivilen Ungehorsams entstand aus der Idee eines möglichen zukünftigen Aktionsraumes. Ich versuchte, die Vorstellungen umzusetzen und begann, die Technik zu erlernen. 1994 wurde ich Mitglied der New York Zapatistas - für mich waren die Zapatisten der Dreh- und Angelpunkt dafür, was elektronischer ziviler Ungehorsam bedeuten könnte. Nach dem Massaker von Akteal am 22.12.1997, bei dem 45 Frauen und Kinder der Zapatistas von mexikanischen Paramilitärs mit US-amerikanischen Waffen ermordet worden waren, erhielten wir eine e-mail einer italienischen Gruppe, die dazu aufrief, vier Stunden lang manuell die Websites der mexikanischen Regierung abzufragen. So entstand das »Electronic Disturbance Theater«. Danach starteten Brett Stallbaum und Carmin Krasic das »Zapatista Floodnet«, das den Prozess automatisierte und führten gemeinsam mit dem Theoretiker und Aktivisten Stefan Wray eine ganze Reihe von virtuellen Sit-ins gegen die mexikanische Regierung durch. Wir versuchten dabei, die Praxis und den theoretischen Hintergrund des elektronischen zivilen Ungehorsams fortzuentwickeln: Transparenz, die Verbindung von virtuellen Aktionen mit Straßenaktionen, Gewaltlosigkeit, Open Source Codes und einfache Werkzeuge. Eine Minute nach Mitternacht 1999 veröffentlichten wir das Disturbance Developers Kit, mit dem jedeR e-Protest erzeugen kann - zu diesem Zeitpunkt hatten die Medien begonnen, uns Hacktivists zu nennen. EDT hat sich diesen Namen nie selbst gegeben, doch er blieb an uns haften und nun trägt eine ganze Bewegung den Namen.

Manche Leute denken, dass das "Virtuelle" ein Ersatz für die Realität ist, irgendwas irreales und deshalb schlimmes. Was antwortest Du auf solche Vorhaltungen?
Ich glaube nicht, dass die eine Art von Aktivismus besser als die andere ist. Wichtig ist doch, dass wir so viele Leute wie möglich in die Arbeit mit einbeziehen. E-Protest kann dazu beitragen, unsere Aktionen »glokal« zu machen, also zugleich global und lokal. Viele Leute können sich auch an Straßenaktionen nicht beteiligen, sei es, weil sie Familien haben, sei es, daß sie arbeiten müssen oder einfach nicht genug Geld haben, um zur Demo zu fahren. Man darf sie nicht links liegenlassen, weil sie sich nur an der Online-Aktion beteiligen und nicht an der Straßenaktion. E-Protest ist nur ein taktisches Mittel, dass wir unserem ganzen Haufen von anderen Mitteln hinzufügen können, er ist aber keine Strategie. Ein Werkzeug und nichts weiter.

Auf der anderen Seite scheint das Internet maßlos überschätzt. Wie soll man da nicht Hoffnungen wecken, die dann nicht zu erfüllen sind?
Also nochmal: E-Protest ist eine reine Taktik. Er wird die Probleme nicht deshalb lösen, weil er im Internet stattfindet. Das Internet ist weder der Weg nach Utopia noch in die Apokalypse und niemand sollte seine gesamten Hoffnungen darauf setzen.

Die Lufthansa AG behauptet, ihre Rechner seien so stark und die Aktivisten so schwach, dass die Aktion nicht mal einen sichtbaren oder überhaupt nur bemerkbaren Effekt haben werde. Würdest Du Dir dehalb Sorgen machen?
Nein, ganz und gar nicht. Es spielt keine Rolle, wie groß die Rechner der AG sind - es ist sehr schwer, symbolische Aktionen zu stoppen, wenn diese mit Medienarbeit und einer langfristigen Arbeit vor und nach der Aktion einhergehen.
Mit Poesie gegen Waffen
Die Online-Demo ist nur ein Fokus für die Gemeinschaft- es geht nicht um zusammenbrechende Server. EDT ging auf die Webserver des Pentagons, der Frankfurter Börse und der mexikanischen Regierung los - wir haben nie Server zum Absturz gebracht - egal, wie groß die Mythen um unsere Aktionen waren. Wir erzeugten viel Medienecho und Auseinandersetzung um unser Thema, die Zapatisten. Und das war schließlich das Hauptziel der ganzen Sache. Bei online-Aktionen geht es nicht um technische Effizienz sondern um symbolische Wirksamkeit. Die Zapatisten haben schließlich auch nicht mit Waffen gesiegt, sondern mit Worten, mit Poesie gegen Waffen und mit Gesten, die über die Grenzen dessen hinausgehen, was mit Technologie zu erreichen gewesen wäre.


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:16
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!