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Fliegen ist freiwillig
Schnell zur Tagesordnung übergehen - das würde den Konzernherren
von der Deutschen Lufthansa AG passen. Doch zwei Jahre nach dem gewaltsamen
Tod von Aamir Ageeb auf Linienflug LH 558 fordern AktivistInnen von
»kein mensch ist illegal« nachdrücklicher denn je den
Ausstieg aus der Deportation.Class
[Artikel aus "deportation.class",
gemeinsame Zeitung von 'kein mensch ist illegal' und 'Libertad!' - Juni
2001, Seite 1]
Fast
genau ein Jahr ist es her, dass Lufthansa-Chef Jürgen Weber auf
der Aktionärsversammlung eine ebenso vollmundige wie kleinlaute
Erklärung abgab: Die Luftfahrtgesellschaft werde in direkte Verhandlungen
mit dem Bundesinnenministerium treten. Ziel: Die Entbindung von der
sogenannten Beförderungspflicht, mit der die Konzern-Verantwortlichen
bislang ihr Mitwirken an gewaltsamen Abschiebungen rechtfertigten. Doch
bis heute kann sich die Lufthansa nicht zu einer eindeutigen Stellungnahme
durchringen, geschweige denn: die längst überfällige
Entbindung von der Beförderungspflicht, wie sie zum Beispiel für
tropische Ziervögel ohne viel Federlesen ergangen ist, mit dem
zu Gebote stehenden Nachdruck und zur Not auch juristisch durchzusetzen.
Windelweiche Ausflüchte
Stattdessen versuchte die Lufthansa AG, sich auf reichlich herkömmliche
Art und Weise der Kritik zu entziehen. Mit der Androhung horrender Geldstrafen
sollte ein einzelner »kein mensch ist illegal«-Aktivist
eingeschüchtert werden und eine Plakatausstellung im Internet verhindert
werden. Mit windelweichen Erklärungen und haarsträubenden
Ausflüchten wird auf die wachsende Aufmerksamkeit reagiert, die
die Deportation.Class Kampagne spätestens seit einem ganzseitigen
Artikel im Wall Street Journal nun auch in Börsen- und Analystenkreisen
auslöst. Dabei ist eines offensichtlich: In der Führungsetage
liegen die Nerven blank. Selbst eine Journalistin der BILD-Zeitung,
die sich erlaubte, kritisch nachzufragen, wurde von Vorstandmitgliedern
der Lufthansa AG unter Druck gesetzt.
Ganz anders die
AbschiebegegnerInnen. Sie bleiben beharrlich und vor allen Dingen: Sie
stehen zu ihrem Wort. Auf der Aktionärsversammlung im Juni 2000
hatte der renommierte Internetexperte Dr. Reinhold Grether die Anteilseigner
eindringlich vor den unabsehbaren Folgen einer Verlagerung der Auseinandersetzung
in den Cyberspace gewarnt. Vergeblich, denn die LH-Hauptversammlung
im Jahr 2001 könnte leicht zu einem Meilenstein in der Geschichte
des elektronischen Protestes werden. Abschiebegegner aus aller Welt
wollen, wenn LH-Chef Weber seinen Rechenschaftsbericht beginnt, vor
den offenbar ohnehin nicht allzu leistungsfähigen Servern der Luftlinie
demonstrieren. Rein virtuell versteht sich.
Globalisierung von unten
In Wirklichkeit verbreitert sich die Deportation-Class Kampagne zusehends.
Neben der Solidaritätsinitiative »Libertad!«, den JungdemokratInnen
und zahlreichen Menschenrechtsgruppen haben sich inzwischen die berühmte
US-amerikanische Künstlergruppe RTmark und Internetaktiv stInnen
aus aller Welt angeschlossen. Dabei ist eines klar: So wenig wie die
Deutsche Lufthansa AG alleinverantwortlich für die brutale Abschiebepolitik
ist, genauso wenig wird sich der Protest auf diese Fluglinie begrenzen
lassen. Mit der rumänischen Tarom, British Airways, Air France,
KLM und zahlreichen Charterfluggesellschaften profitieren auch andere
Unternehmen von der zwangsweisen Verschleppung von Menschen. Wenn Globalisierung
nicht nur ein Thema für Sonntagsreden und Hochglanzbroschüren
ist, dann machen die Abschiebegegner damit Ernst: Einmal, weil sie sich
für das Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit einsetzen, und zum
anderen, weil sie dazu neuartige Protestformen und weltweite Vernetzung
praktizieren.
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