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Kein
Stammheim am Bosporus
11 Argumente gegen die Einführung der Isolations- und Einzelhaftgefängnisse
in der Türkei
Propaganda
»Großmütige
Türkei: Einzelzimmer, private Dusche, Radio, Leibarzt, 2x wöchentlich
eine Rasur. Der Babymörder muss mit sich selbst sprechen.«
(Hürriyet-Schlagzeile am 5.12.99 über Abdullah
Öcalans Sonderhaft in Imrali)
Erfahrung
»Die einzige
Antwort auf diese staatszersetzenden Elemente, die sich auch in der
Gefangenschaft nicht zähmen lassen, ist sie voneinander zu trennen.
Die Bundesrepublik hat hier gute Erfahrungen gesammelt, die unser Vorbild
sind.«
(spanischer Generalkonsul zur Einführung der Einzelhaft
gegen politische Gefangene in Spanien, Schweiz 1990)
Wirkung
»Ich fühle mich als wäre ich in einem Grab der
einzige Weg hinaus ist die Teilnahme an einem Hungerstreik oder mich
selbst zu verbrennen.«
(Yunus çalis, 17 Jahre, gefangen im Isolationstrakt
des F-Typ-Gefängnisses von Kartal, im April 1999)
Editorial: Demokratisierung wie in Europa
Die Türkei
will nach Europa: Bei der Europameisterschaft im Fussball war sie dabei,
jetzt will sie auch die Gefängnisse entsprechend auf-rüsten.
Die Einführung des Einzelhaftsystem nach europäischem, nicht
zuletzt auch bundesdeutschem, Vorbild soll endlich die Kritik an Menschenrechtsverletzungen
stoppen. Die Türkei will in die Europäische Union. So als
wenn das europäische Knastsystem der reinste Segen für die
Gefangenen wäre. Die etwa 10.000 politischen Gefangenen in der
Türkei erwartet die in deutschen und europäischen Gefängnissen
gegen RAF u.a. militante Gruppen 30 Jahre praktzierte Isolationshaft.
Kein Ende der Tortur, sondern eine neue Stufe.
Mit diesem extrablatt startet Libertad! eine Kampagne gegen die neuen
Gefängnisse in der Türkei. Ziel ist es natürlich über
die Ebene der breiten Aufklärung zu Solidaritätsaktionen zu
kommen. Aber die Gegen-Information selbst ist schon dringend angesichts
der Normalität der Folter, von der wir natürlich alle wissen
und schulter-zuckend quitieren. Nicht immer, aber manchmal hilft es
da, das abstrakte Wissen zu konkretisieren. Diese 11 Argumente gegen
die Einführung der Einzel- und Isolationshaft im Aufruf von Libertad!
sind vor allem auch Argumente für Solidarität, Protest und
Widerstand. Wir hoffen deshalb auch, dass wir mit diesem extrablatt
andere Gruppen ermutigen können, sich zu engagieren, eigene Initativen
zu star-ten und in Aktionsbündnissen zusammen zu arbeiten. In den
nächsten Wochen und Monaten wird das ein Schwerpunkt von Libertad!
sein: Die Sache drängt. Der Überfall auf die Gefangenen in
Burdur Anfang Juli zeigt, mit welcher Brutalität die politischen
Gefangenen bei der Durchsetzung der Verlegung in die Einzelzellen zu
rechnen haben.
Dieses So oder So-extra erscheint in zwei Versionen: in deutsch/türkisch
(kann es zum Verteilen bestellt werden) und in deutsch als Zeitungsbeilage
- wie in Jungle World. Die nächste (reguläre) So oder So (Nr.
7) erscheint demnächst, u.a. als Schwerpunkt mit Hintergrundberichten
zur türkischen Gefängnisreform und kann wie immer
auch zum Verteilen angefordert werden. Im Rahmen der Libertad!-Kampagne
wird auch ein Plakat erstellt und eine Ausstellung, die von Interessierten
für eigene Veranstaltungen gerne bestellt oder ausgeliehen werden
kann.
Sicherlich, nach wie
vor gibt es Missstände, auf die man energisch hinweisen muss, aber:
Die Türkei demokratisiert sich. Politiker sagen es und die Zeitungen
schreiben es fast täglich. Mit einem »konkreten EU-Beitrittsprozess«,
»starken demokratischen Anreizen« und der »Abgleichung
des Rechtssystems«, so Kanzler Schröder, will Deutschland die
Europäische Union in der Türkei Realität werden lassen.
Auch in den Gefängnissen. 71.000 Gefangene gibt es in der Türkei.
46.000 sind aus politischen Gründen verurteilt, davon ca. 13.000
als Mitglieder linker türkischer und kurdischer Organisationen. Die
immer wieder blutige und tödliche türkische Gefängnisrealität
entspricht nicht dem europäischen Standart. Alle wissen das. Das
soll jetzt anders werden: sauberer, ziviler weg von dem in der
Türkei bislang üblichen System der Großzelle, hin zur
europäischen Gefängnisnorm. Dafür gibt es eine neue Sprache,
neue Haftprogramme, neue Gefängnisse. Die politischen Gefangenen
in der Türkei erwartet damit jetzt das, was die »wehrhafte
Demokratie« in Deutschland, aber auch in Frankreich oder Spanien
schon länger praktiziert: Hochsicherheitstrakte, Isolationsflügel
und Einzelhaft den Zustand einer Gesellschaft erkennt man an ihren
Gefängnissen.
Für die nächsten Wochen und Monate hat das türkische Justizministerium
die ersten Massenverlegungen in die neuen Gefängnisse vorgesehen.
Die politischen Gefangenen haben diesen Plänen ihren Kampf angesagt:
freiwillig werden sie nicht in die Einzelzelle gehen. Die Angehörigen-
und Menschenrechtsvereine rechnen täglich mit gezielten staatlichen
Angriffen auf die Gefangenengruppen.
Was kann getan werden? Wir meinen, die Aufgabe kann nur sein, die Gefangenen
und ihre Angehörigen in ihrem Widerstand und Protest mit aller Solidarität
zu unterstützen. Dafür gibt es viele Gründe: humanitäre,
moralische, politische aber auch geschichtliche. Sie alle zählen.
Wir nennen 11 Argumente, die von Bedeutung sind.
Seit dem Militärputsch
1980 sind die Gefängnisse der Türkei Schauplätze grausamster
Folter, aber auch Orte unzähliger Widerstandsaktionen und Hungerstreikkämpfe
gegen den alltäglichen Terror. Nach dem Putsch wurden 650.000 Menschen
aus politischen Gründen verhaftet. Gegen 210.000 von ihnen wurde
Anklage erhoben und 65.000 wurden verurteilt. Von über 500 Todesurteilen
wurden 50 vollstreckt. Mehr als 460 Gefangene starben in Folge von Misshandlungen,
Folter und Hungerstreiks.
1991 antwortete der Staat auf den Überlebenskampf der Gefangenen,
auf ihre kollektive Selbstorganisation in den Gefängnisblöcken
mit einem neuen Gesetz. Aber nicht die Überbelegung, die katastrophalen
hygienischen Verhältnisse, der vollständige Mangel an medizinischer
Versorgung, die Übergriffe der Wärter und Soldaten, sollten
beendet werden. Der Angriff auf die Selbstorganisation in den Großzellen,
den letzten Schutz der sozialen und politischen Identität der Gefangenen,
war eines der Ziele des neuen Anti-Terror-Gesetzes: »Diejenigen,
welche gemäß diesem Gesetz verurteilt sind, haben ihre Strafe
in speziellen Gefängnissen zu verbüßen, deren Zellen-System
für Einzelhaft oder maximal drei Personen vorgesehen ist. Verurteilten
Gefangenen soll jeglicher Kontakt und die Kommunikation mit anderen
Verurteilten untersagt bleiben.«
Im Sommer 1991 wurden über hundert Gefangene mit Gewalt in das
umgebaute Hochsicherheitsgefängnis von Eskisehir verschleppt. Die
Presse zeigte Bilder blutig geschlagener Gefangener, die Angehörigen
protestierten. »Weiße Särge« nannten die Gefangenen
nach den ersten Wochen in Eskisehir die neuen Isolationszellen und antworteten
mit Hungerstreiks und Barrikadenbau. Ein erster kurzer Sieg wurde errungen:
Eskisehir wurde vorerst für politische Gefangene wieder geschlossen.
Hochsicherheitsgefängnis
Bayrampasa (Istanbul). »Der Morgen ist kalt. Das Café
gegenüber dem Gefängnis ist vollgepfropft mit den Angehörigen
der Gefangenen. Frauen und Männer verschiedener Herkunft und
eine ganze Schar Kinder warten darauf, ihren Angehörigen saubere
Wäsche, Geld oder Bücher geben können. Sazimet Özger
hat die 40 überschritten und ist Mutter von vier Kindern. Mein
Sohn ist 27 und seit drei Jahren im Gefängnis. Er ist zu lebenslänglich
verurteilt. Sie raucht ununterbrochen. Es ist nicht leicht,
ihren Redestrom zu unterbrechen. Sie erzählt noch eine ganze
Menge, über die Verbotsstempel und die Bücher, die letzte
Woche erlaubt und diese Woche verboten sind. Auf einmal fängt
sie unerwartet zu weinen an. Sofort kommt es von allen Umstehenden:
Nein, das geht nicht. Weinen und so was gibt es hier nicht.
Diese Genugtuung dürfen wir denen nicht geben. Sazimet
seufzt und geht aus dem Café an die frische Luft. Sie überquert
die Straße und reiht sich in die Menge der Wartenden vor dem
Gefängnis ein....« (Nokta-Magazin, Herbst 1994). Nach
Angaben des IHD befinden sich in Bayrampasa ca. 1.000 politische
Gefangene. |
Der 4. Januar 1996:
die politischen Gefangenen im Istanbuler Ümraniye-Gefängnis
verweigerten den morgendlichen Zählappell. Ihr Protest richtete
sich gegen ständige Provokationen und tägliches Schlagen und
Schikanieren durch Polizei- und Militärkräfte. Ein paramilitärisches
Sonderkommando der Gendarmerie, Polizei und Gefängniswärter
stürmten daraufhin die Zellenflügel; erst mit Wasserwerfern,
dann mit Ketten, Eisenstangen und Knüppeln. Drei Gefangene wurden
totgeschlagen, mindestens 65 weitere schwer verletzt. Der Protest weitete
sich aus, Hungerstreiks begannen, Knasthöfe wurden besetzt. Im
Bayrampasa-Gefängnis und in Buca setzten Gefangene Justizbeamte
und Wärter fest. In Stadtvierteln von Istanbul begannen Solidaritätsaktionen.
Spezialeinheiten der Polizei verhafteten mehr als 300 Angehörige
der Gefangenen von Ümraniye und griffen die Beerdigungen der getöteten
Gefangenen an. Metin Göktepe, Journalist der Zeitung Evrensel,
wurde solange geprügelt, bis er bewusstlos am Boden lag. Polizisten
schleppten ihn weg. Nachts wurde er in einem Park tot aufgefunden. Der
spätere Autopsiebericht nannte als Todesursache Blutgerinnsel im
Kopf und eine gebrochene Rippe in Folge von Schlägen. Der Polizeichef
erklärte, Metin Göktepe sei beim Verhör vom Stuhl gefallen.
Der Justizminister erließ kurz darauf die neue Richtlinie über
die »Verhinderung unvorhersehbarer Ereignisse« in den Gefängnissen.
Die Verordnung sah Isolationshaft für politische Gefangene sowie
eine Kontaktsperre für »führende Persönlichkeiten
verbotener Organisationen« vor. Das Besuchsrecht für die
Gefangenen in den 47 Sondergefängnissen (»E-Typ«) wurde
eingeschränkt oder völlig abgeschafft.
Am 21. Mai antworteten tausende Gefangene nahezu aller linken Organisationen
mit einem Hungerstreik. Zentrale Forderungen: Keine neuen Verlegungen,
Schließung der Isolationstrakte, Verbesserung der Lebens- und
Versorgungsverhältnisse, Anerkennung der Gefangenenräte in
der Kommunikation zwischen Knast und Gefangenen, keine Übergriffe
gegen Angehörige. Zwischen dem 63. und 69. Tag des Hungerstreiks
starben 12 Gefangene. Der verlustreichste Kampf politischer Gefangener
in der Türkei endete nach 70 Tagen mit der Unterschrift staatlicher
Vertreter unter ein Zwei-Punkte-Papier: Zugesichert wurde die Einschränkung
der Verlegungen, der zweite Punkt lautete: »Bezüglich der
berechtigten menschlichen und rechtlichen Forderungen der Gefangenen
werden in kürzester Zeit die erforderlichen Maßnahmen zu
deren Umsetzung in die Praxis ergriffen.«
Das Jahr der Toten: Am 24. September wurden 37 PKK-Gefangene im Pausenraum
des Militärgefängnisses Nr.5 von Diyarbakir eingeschlossen.
Stunden später ermordete ein Spezialkommando der Gendarmerie und
Polizei 10 Gefangene und verletzten weitere 27 schwer. Wieder wurden
mit Eisenstangen die Schädel zertrümmert.
Im Handbuch der
türkischen Gefängnisverwaltung steht: »Terroristen sollen
nicht miteinander kommunizieren. Denn wenn ein Terrorist nicht kommuniziert,
dann stirbt er wie ein Fisch an Land. ...Wird ein Terrorist ausgetrocknet,
indem seine geistigen und ideologischen Quellen abgeschnitten werden,
dann stirbt seine revolutionäre, d.h. zerstörerische Seite.«
Am 28. Februar 1997 begann das Justizministerium auf Anordnung des Nationalen
Sicherheitsrates (MGK) den Bau von weiteren Isolations- und Einzelzellen.
Im offiziellen Bericht an die 12. Konferenz der Gefängnisdirektoren
Europas (Straßburg, 26.-28.11.1997) bedauerte die Türkei
die Existenz des Großzellensystems, da es »ein förderliches
Klima für Straftaten politischer Gefangener biete«.
Auf einer anschließenden Pressekonferenz am 29. September '97
gab das Justizministerium zynisch-abwiegelnd bekannt, die Isolationszellen
seien »...ausschließlich für Homosexuelle, Bisexuelle,
Personen deren Leben gefährdet sei, Personen die das Alleinsein
bevorzugen, Gefangene mit ansteckenden Krankheiten wie Hepatitis, Tuberkulose
und Aids, durch andere Insassen abgelehnte Gefangene, Psychopathen,
Geisteskranke, Zellenbosse und deren Mafia-Mitglieder vorgesehen«.
Zusätzlich kündigte das Justizministerium die Ausarbeitung
»spezieller psychologischer Erziehungsprogramme« an.
Am 6. Januar 2000 kündigte das Justizministerium mit dem »F-Typ«-Dekret
an, binnen der nächsten Monate die Verlegung der politischen Gefangenen
in die bereits fertiggestellten Einzelzellen zu vollziehen.
Um die Öffentlichkeit gegen das neue Isolationsregime und dessen
Folgen für die Gefangenen zu mobilisieren, legte im Mai der IHD-Menschenrechtsverein
seinen Report »Lautlose Schreie: Zellen« vor. Danach stehen
von den geplanten 11 Isolationsgefängnissen (»F-Typ«)
bereits sechs in Sincan (Ankara), Bolu, Edirne, Izmir, Kocaeli und Tekirdag
für jeweils 386 Gefangene kurz vor der Inbetriebnahme und sind
ausschließlich für Verurteilte nach dem Anti-Terror-Gesetz
vorgesehen. Weiter wurden bislang in insgesamt 37 »E-Typ«-Hochsicherheitsgefängnissen
und in 17 Spezialgefängnissen Abteilungen in Einzelzellen umgewandelt.
Laut Regierungsplänen sollen nach Beendigung aller Umbauten insgesamt
5.000 Gefangene in die neuen »F-Typ«-Zellen verlegt werden.
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Der
"Menschenrechts"-Imperialismus
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Das neue Deutschland
gibt sich redlich Mühe, seine Zusammenarbeit mit der Türkei
ins Licht demokratischer Aufbauhilfe zu rücken. Das ist einfacher
geworden. Der Reformkapitalismus rot-grüner Außenpolitik
gibt sich moralisch einwandfrei. Die NATO-Bomben auf jugoslawische Großstädte
sollten so Fischer »ein neues Auschwitz verhindern«.
Daher seien die deutschen Truppen »wie die Internationalen Brigaden
im spanischen Bürgerkrieg«. Nach dem Kosovokrieg, so der
Außenminister, »sind die Deutschen mit sich im Reinen. Auch
mit ihrer Geschichte«. Das Ziel des rot-grünen Projektes
ist nun die Süd-Ost-Erweiterung der EU mit ihrem Kern, der geplanten
Föderation, als »Avantgardegruppe« ihrer mächtigsten
Staaten: »Damit die europäischen Interessen unter den Bedingungen
der Globalisierung des 21. Jahrhunderts ganz anders zum Tragen gebracht
werden«. (Die Zeit, 21.6.2000)
Kohl wollte die
Türkei nicht in der EU. Aber Rot-Grün ist moderner als die
konservative Klasse mit ihren christlich-chauvinistischen Ressentiments:
»Die Türkei ist für uns wesentlicher Faktor im europäischen
Staatensystem« (Fischer). Den Konservativen diente die Menschenrechtsfrage
zur politisch-wirtschaftlichen Ausgrenzung des NATO-Partners, Rot-Grün
funktionalisiert sie in Koordination mit den USA als moralische Metapher
für den neuen europäischen Expansionismus. Der Plan ist die
forcierte Einbindung der Türkei in ein zukünftiges »Großeuropa«,
dessen Süd-Ost-Grenzen im Iran, Irak, Syrien und im Kaukasus liegen.
Der Kandidatenstatus von Helsinki »das Werk der neuen Bundesregierung«
(Staatssekretär im Auswärtigen Amt Volmer) ist der
Anfang. Und der kemalistische Stahlhelm-Demokrat und Chauvinist Ecevit
ist als türkischer Ministerpräsident der Garant dafür.
Kurden kannte der nicht im Krieg gegen sie, und auch jetzt, wo die kurdische
Guerilla abgezogen und die PKK den Frieden ohne Waffen schaffen will,
kennt er nur Türken und Terroristen. Aber weil die USA nicht
ernsthaft gegen die Exekution von Abdullah Öcalan stimmen kann,
ist das Sache der Europäer und der rot-grünen Kosovo-Moral.
Der neue »Menschenrechts«-Imperialismus verlangt auch Job-Sharing.
Also findet Europa in Gestalt des EU-Kommissars und SPD-Mannes Verheugen
trotz aller misslicher »politischer Stillstände« immer
noch »einen guten Weg« (afp, 14.7.2000) in der Menschenrechtslage
der Türkei. Türkische Parlamentarier dagegen entdeckten beim
Besuch ihrer Polizeistationen offene Stromkabel und Falange-Haken (Milliyet,
2.3.2000); der TV-Sender CNN Türk zeigte im Abendprogramm ihm zugespielte
Privatvideos von »Schlauch Süleyman«, die den berüchtigten
Polizeischläger im Istanbuler Polizeirevier von Beyoglu
500 Meter Luftlinie zum deutschen Goethe-Institut bei der Spezialität
zeigen, der er seinen Spitznamen verdankt: Dem Auspeitschen verhafteter
kurdischer Straßenkinder, Schwuler und Gelegenheitsdiebe mit einem
mit Wasser und kleinen Bleikugeln gefüllten Fahrradschlauch. (Radikal,
1.6.2000)
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Die
Gefängniszivilisation
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Im kurdischen Diyarbakir
hängt ein Blechschild am Militärgefängnis Nr. 5: »Die
unzivilisierten Nationen sind dazu verurteilt von den Füßen
der zivilisierten Nationen getreten zu werden!«. Es ist diese
»Hölle Nr.5«, in der der PKK-Militante Mazlum Dogan
am 21. März 1982 ein Fanal setzte: Gegen die völlige Entrechtung
und unmenschlichste Haftbedingungen zündete er seine Zelle an und
erhängte sich. Vier Gefangene folgten ihm. Ein Todesfasten begann,
in dem Kemal Pir nach 55 Tagen, Hayri Durmus nach 60, Akif Yilmaz nach
63 und Ali çiçek nach 65 Tagen starben. Die Gefangenen
gaben ihr Leben, aber ihre Unbeugsamkeit in der Folter des Militärgefängnisses
war einer der Katalysatoren für den bewaffneten Aufbruch des kurdischen
Freiheitswillens Mitte der 80er Jahre.
Die geltende Exekutionsbestimmung der türkischen Rechtsordnung
sieht vor, dass Abdullah Öcalan früh morgens beim ersten Sonnenstrahl
barfuss und im weißen Hemd gehängt wird. Die offenen Faschisten
in der Regierung, die MHP-Partei, wollen dafür noch immer eine
Volksabstimmung und erst danach die Todesstrafe abschaffen. Der Sozialdemokrat
Ecevit will das gleich, weil er weiß, dass ein toter Abdullah
Öcalan die Waffen der Guerilla wieder sprechen lassen kann. Er
will die soziale Hygiene: Einzelzellen, Amnestieangebote gegen Reue
und Kollaboration, Wegschließen auf ewig statt dem Galgen, der
rohen Gewalt aufgerissener Füße und gequetschter Gelenke
am »Palästinenser-Haken«. Der letzte Gesetzentwurf
sieht vor, dass Todesstrafen generell durch lebenslanges Zuchthaus ersetzt
werden: ausdrücklich für den Rest des Lebens, ohne Kontakt
zur Außenwelt, ohne Chance auf Entlassung oder Gnade. »Schlimmer
als der Tod« muss es sein, betonte der Regierungsbeauftragte Anfang
Juli. Damit scheinen dann auch alle einverstanden: »In europäischen
Diplomatenkreisen in Ankara ... überwog die Befriedigung darüber,
dass der Reformprozess zur Abschaffung der Todesstrafe endlich begonnen
hat«. (Tagesspiegel, 6.7.2000)
Ein einziger Gefangener,
13 Quadratmeter-Zelle, künstliches Licht, weiße Wände,
24-stündige Kameraüberwachung, Dauereinschluss, täglich
eine Stunde Hof auf 40 Quadratmetern im Betonkäfig, militärisches
Wachpersonal, eine Stunde pro Woche Anwaltsbesuche bei vollständiger
akustischer und optischer Überwachung, Angehörigenbesuch eine
Stunde im Monat, Kopie aller Gesprächsnotizen vor und nach Besuchen,
Postzensur und streng limitierter Zugang zu Radio und Zeitungen: das
ist Imrali, militärischer Sperrbezirk. Patrouillenboote der Kieler
HDW-Werft sichern die Gefängnisinsel im Marmarameer.
Das Programm der Sonderhaft gegen den PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan
lautet systematischer Reizentzug, genannt: sensorische Deprivation,
durch Totalisolation. Erste Ergebnisse sind der Verlust des Geschmacks-
und Farbempfindens, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, dazu chronisches
Asthma, erklärten seine Anwälte im Juni.
Der US-Psychologe und CIA-Berater McConnell 1970 über den Sinn
solcher Maßnahmen: »Wir haben nur zwei Möglichkeiten,
wenn wir Menschen, Ratten oder Flachwürmer erziehen wir
können sie entweder belohnen oder bestrafen. Sensorische Deprivation,
mit einem ausgeklügelten System von Belohnung und Strafe kombiniert,
lässt uns eine fast absolute Kontrolle über das Verhalten
eines Individuums errichten. Die Techniken der Verhaltenskontrolle lassen
selbst Wasserstoffbomben wie ein Kinderspielzeug aussehen.« Zuvor
trainierte McConnell zwei Jahrzehnte Plattwürmer, in einem Labyrinth
nur auf weißen Strichen entlang zu kriechen und entgegen
ihrem natürlichen Verhalten nicht in dunkle Zonen auszuweichen.
Für jede Abweichung wurden die Würmer mit Elektroschocks bestraft.
Die Strafe war nicht zu früh und nicht zu spät zu verabreichen,
sonst prägten die Würmer sich nicht ein, wofür sie bestraft
wurden.
Amnesty international
protestiert gegen die Isolationsfolter auf Imrali mit Verweis auf ihre
Ächtung durch die Anti-Folter-Konvention der UN. Schily erklärte
nach einem Treffen im März 2000 mit dem türkischen Innenminister
Sadettin Tantan, dass Deutschland die Türkei ermutigt »auf
dem Weg der Reformen voranzukommen«. Tantan sagte, die Türkei
wird mit Deutschland besser gegen den Terrorismus kämpfen (Handelsblatt,
23.3.2000). Schily protestierte mit keinem Wort gegen die Zustände
in Imrali. Warum auch? Für ihn ist das der »Weg der Reformen«.
Als ehemaliger Rechtsanwalt schätzt er das blutige Fleisch nicht.
Er kennt Stammheim von innen und weiß, was die »wehrhafte
Demokratie« besser verträgt.
»Seht her!«
schreit das Massenblatt Sabah am 24. Juni auf Seite 1: »Luxushotel
im Gefängnis: Wandteppiche, Handys, 30-Kanal-Fernseher, Kühlschrank,
parfümierte Klimaanlage« und zeigt Fotos der Mafiazellen
im Gefängnis von Kartal. Die Öffentlichkeit soll glauben,
dass Kartal das Paradies ist. Die Propaganda soll konditionieren: Die
Knäste sind außer Kontrolle, die harte Hand muss durchgreifen
und: reformieren. Kartal ist ein Reformknast. 1986 gebaut, war er ein
sogenannter »E-Typ«: Sondergefängnis, höchste
Sicherheitsstufe. Nach dem Umbau lautet die Chiffre »F-Typ«:
Isolations- und Einzelzellen-»Reform«. Der Istanbuler IHD-Menschenrechtsverein
legte im Frühjahr 2000 eine Studie über Kartal vor: Einzelzellen,
24-Stunden Einschluss, Klo auf der Zelle, Essen durch ein Loch in der
Stahltür, kein Tageslicht, keine Sichtmöglichkeit nach draußen,
kein Kontakt zu Mitgefangenen, Hofgang unter Stacheldraht, Verwandtenbesuch
eine halbe Stunde pro Woche, Verbot von Lebensmittelpaketen (1999 bezifferte
das Justizministerium die Tagesration eines Gefangenen: Frühstück,
Mittag- und Abendessen, auf 165.000 Türkische Lira, ein Brot kostet
40.000 TL, eine Suppe 250.000 TL).
Ali Osman Zor nach sechsmonatiger Totalisolation in Kartal zu seinem
Anwalt: »Deine Geschmacksnerven, das Riechen, Hören, Fühlen
und Sehen verflüchtigen sich. Über nichts mehr kann man lachen
und weint über die kleinste Angelegenheit. Die Isolation nimmt
einer Person jedes Gefühl der persönlichen Sicherheit... du
fühlst dich, als könntest du in jedem Moment getötet
werden. Das Ziel ist diese alles durchdringende Angst zu verstärken,
Selbstmordgedanken zu erzeugen, schlussendlich deine Psyche völlig
zu brechen.«
Die Mafia-Gefangenen in Kartal wickeln ihre Kommunikation mit der Anstaltsleitung
über Zimmerboys und Handys ab. Die Gefangenen der islamistischen
IBDA-C (»Kämpfer des großen islamischen Osten«)
eine frühe Abspaltung der Hizbullah-Organisation, die sich
der staatlichen Funktionalisierung als Todesschwadron gegen Kurden und
die PKK verweigerte sind dagegen in der Totalisolation. Sie sind
die Testratten für das »Labor« Kartal, wie nach dem
Selbstmordversuch des IBDA-C-Führers Salih Mirzabeyoglu sein Verteidiger
erklärte: »Seit fünf Monaten war er ununterbrochen eingeschlossen.
Zuletzt berichtete er über Stimmen im Kopf, über Halluzinationen
und ein permanentes Rauschen. Er vermutet, um die Wirkung der Isolation
zu potenzieren, wurden seinem Essen möglicherweise Chemikalien
oder Drogen zugesetzt.« (Yeni Gündem, 30.6.2000)
Auch die Gefangenen der 2. Friedensdelegation der PKK sind in Kartal.
Ihr Weg für den Frieden aus dem europäischen Exil in die Türkei
endete in den neuen »Europa-Zellen« (Justizminister Turk).
Kartal-F-Typ, das ist die türkische Chiffre für Stammheim,
den Toten Trakt in Köln-Ossendorf, Frankenthal, Moabit oder Celle.
Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte
in einem Memorandum das Isolationsregime in Kartal. Die keinesfalls
links einzuordnende Organisation verwies dabei auf eine Stellungnahme
der Europäischen Kommission für Menschenrechte von 1975: »Isolation
kann die Psyche und Physis nachhaltig und tiefgreifend beeinträchtigen.
Festgestellt werden kann u.a. chronische Apathie, emotionale Instabilität,
Verminderung der mentalen Fähigkeiten, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen.«
Die damaligen Kläger waren im 7. Stock von Stammheim isoliert.
Ihre Namen: Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe
Gefangene aus der RAF.
Isolationshaft
in Deutschland fand gegen Gefangene aus den Stadtguerillaorganisationen
RAF und Bewegung 2. Juni, später auch aus Widerstandsgruppen, in
»Toten Trakten« oder isolierten Knastabteilungen statt.
Ab Mitte der 70er Jahre in Hochsicherheitstrakten. Kennzeichen dieser
Trakte: ständige Beleuchtung, fast völlige Stille, weiße
Einrichtung und Zellenwände, Verbot etwas an die Wand zu hängen
und nahezu ununterbrochene Überwachung. Dazu Kommunikationsverbot,
Postzensur, Besuchsüberwachung, Kontaktverbot und Trennscheibe
bei Besuchen. Andere Gefangene sollten weder visuell noch akustisch
wahrgenommen werden.
Diyarbakir
Militärgefängnis Nr. 5. »Es gibt unzählige
Übergriffe in der Abgeschiedenheit der Kerker und Verhörzimmer
in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Gefängnis von
Diyarbakir, das in der Welt der türkischen Gefängnisse
in punkto Gewaltanwendung alle Rekorde bricht und in dieser
Welt ist die Konkurrenz sehr hart« schrieb die französische
le monde am 24.5.1993. Das Gefängnis befindet sich auf einem
Militärgelände. Es ist in sogenannte Blocks aufgeteilt,
die aus großen, vierstöckigen Zellentrakten bestehen,
wobei sich in jedem Stockwerk 10 Zellen befinden. Befanden sich
in den 80er Jahren dort bis zu 2.500 politische Gefangene, sind
es heute ca. 1.200. Für das Frühjahr 2001 ist ein neues
F-Typ-Isolationsgefängnis am Stadtrand von Diyarbakir geplant.
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Die Angehörigen
der politischen Gefangenen in der BRD dazu: »Die Barbarei des
Mittelalters, die Augen auszustechen, die Zungen abzuschneiden, die
Sinnesorgane zu zerstören, ist heute durch eine wissenschaftlich
entwickelte Foltermethode perfektioniert worden: die sensorische Deprivation.
Das ist der Versuch, die Sinnesorgane verhungern zu lassen.
Vernichtung durch Isolation ist Entzug von sinnlichen Empfindungen,
Kommunikation, Menschen, Bewegungen, von Leben. Dem Gefangenen wird
nicht die physische Fähigkeit der Sinnesorgane entzogen, sondern
ihr Inhalt. In dieser Form der Folter liegt der Grund dafür, dass
sie als Folter so unvorstellbar ist für den, der ihr nicht ausgesetzt
ist.«
Isolationshaft ist auch ein deutsches Exportprodukt. In Spanien wurden
die »Europa-Zellen« 1987 gegen den Widerstand der politischen
Gefangenenkollektive eingeführt. Auch Spanien war damals
wie die Türkei heute ein EU-Kandidat. Die Bundesregierung
bestätigte unlängst, dass bereits 1990 türkische Beamte
die JVA Stammheim besichtigten, um sich über die europäische
Gefängnis-Norm zu informieren.
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Die
Wissenschaft der Isolation
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Sjen Teuns, Facharzt
für Psychiatrie, auf einer Veranstaltung gegen die Folter an den
politischen Gefangenen 1973 in Frankfurt am Main:
»Unter sensorischer Deprivation verstehen wir eine drastische
Einschränkung Deprivation der sinnlichen Wahrnehmung
des Sensoriums durch die der Mensch sich in seiner Umwelt
orientiert, also Isolation von der Umwelt durch Aushungerung der Seh-,
Hör-, Riech-, Geschmacks- und Tastorgane. ...Sensorische Deprivation
ist weil sie nur unter von Menschen arbeitsteilig produzierten
Bedingungen durchgeführt werden kann zugleich die menschlichste
und unmenschlichste Methode der verzögerten Auslöschung von
Leben. Über Monate und Jahre angewendet, ist sie der sprichwörtliche
perfekte Mord, für den keiner oder alle, außer
den Opfern verantwortlich sind.
Die rein wissenschaftliche Erforschung der Auswirkungen der sensorischen
Deprivation wurde erst vor etwa 20 Jahren systematisch in Angriff genommen.
Vorläufer der Isolierzellen, in denen sensorische Deprivation durchgeführt
wird, sind nicht nur die Tigerkäfige, die Isolierabteilungen psychiatrischer
Krankenhäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager, sondern
schon viel früher die Felshöhlen und Kellerräume, in
denen Menschen eingemauert wurden, die sogenannten oubliettes.
Aus dem vorigen Jahrhundert stammt ein reiches Arsenal von Zellen-Einrichtungen,
auf dem unser heutiges Gefängniswesen noch immer aufbaut. ....In
derartigen (Isolier)Zellen wurden zu Beginn der fünfziger Jahre
mit Menschen in Absonderungssituationen Beobachtungen angestellt und
Versuche durchgeführt. Gegen Ende der fünfziger Jahre wurden
für diese Zwecke besondere Experimentierzellen gebaut, vor allem
in den USA und in Kanada, die sogenannten silent rooms.
Viel später wurden derartige Forschungen in Deutschland aufgenommen,
wo sich momentan die am meisten perfektionierte stille Zelle
befindet: im Laboratorium für klinische Verhaltensforschung
an der Universität Hamburg. Hier werden nicht nur körperliche
Reaktionen von Versuchspersonen beobachtet und gemessen, sondern auch
psychologische Testmaßstäbe erarbeitet an Versuchspersonen,
die sich für einige Zeit in die camera silenta begeben.
...Es wird behauptet, dass die Reaktionen von Menschen eine Indikation
des wesentlichen Kerns der Persönlichkeit seien. Dem
Richter wird so ein Freibrief ausgestellt, die verhafteten, ihm
anvertrauten Personen unter den Folterdruck der sensorischen Deprivation
zu setzen, um mit der eigentlichen Person sprechen zu können.«
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Die
Gefangenenkämpfe in der BRD
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International ist
Isolationshaft als »weiße Folter« geächtet. In
Uruguay wurde nach der Diktatur der Militärs den politischen Gefangenen
ein Jahr ihrer erlittenen Isolationshaft als drei Jahre Normalvollzug
berechnet. So was kennt Deutschland nicht: Offiziell gab es keine Isolationshaft
und keine »weiße Folter«. Die deutsche Staatsgewalt
ist, das ist in unzähligen Gerichtsbeschlüssen der Staatsschutzsenate
nachlesbar, damit so umgegangen, dass sie ein zynisches Doppelspiel
veranstaltete. Auf der einen Seite wurden Isolationshaft und Folterwirkung
einfach geleugnet, auf der anderen Seite wurde Sonderbehandlung politischer
Gefangener nachdrücklich gerechtfertigt, wenn sie nicht bereit
waren, ihre politische Identität aufzugeben.
Die Gefangenen aus der RAF forderten 1973 in ihrem ersten großen
Hungerstreik: »...Freie politische Information für alle Gefangenen,
weil das die Bedingung für Politisierung, Bewusstsein ist. Wir
verlangen jetzt nichts von dem, was sonst in den Knästen aktuell
ist tarifliche Bezahlung, Bildung/Ausbildung, Schutz der Familien,
Selbstverwaltung usw. weil das ohne Gefangenenselbstorganisation
Reformklimbim ist, integriert in Reformversprechen die mobilisierende,
politisierende Luft raus wäre, integriert in die Diktatur der Vollzugsschweine
dabei Kraft durch Freude rauskommt. Was wir brauchen ist:
Solidarität der Politischen nicht nur als Idee, sondern
real. Unser Hungerstreik ist dabei nichts als unsere Möglichkeit
zu solidarischem Widerstand in der Isolation. Ohne die Macht, die Gewalt
der Strasse, ohne Mobilisierung der antifaschistischen Bürger,
die für Menschenrechte und gegen Folter eintreten, auf deren Loyalität
die Schweine noch angewiesen sind hebt unser Hungerstreik unsere
Ohnmacht nicht auf.«
Nicht nur der Evangelische Kirchentag protestierte im gleichen Jahr
gegen die zerstörerischen Haftbedingungen. Auch der Rechtsanwalt
Rupert von Plottnitz forderte unmissverständlich: »Aufhebung
der Isolationsfolter!« und rief öffentlich zur Bildung von
Solidaritätskomitees auf. In den 90er Jahren, als grüner Justizminister
in Hessen, verweigerte er die Verlegung von Christian Klar zu Rolf-Clemens
Wagner ins hessische Schwalmstadt. Beide, Gefangene aus der RAF, sind
seit etwa 20 Jahren nahezu ununterbrochen in Einzelhaft und abgestufter
Isolation.
Insgesamt zehn Hungerstreiks gegen Isolationsfolter und für Zusammenlegung
in interaktionsfähige Gruppen führten die Gefangenen aus den
Stadtguerilla- und Widerstandsgruppen. Zwei Gefangene, Holger Meins
(1974) und Sigurd Debus (1981), starben in diesen Kämpfen. Die
Gefangenen durchbrachen die anfängliche »Ohnmacht«:
Die Handlungsfähigkeit und »Solidarität der Politischen«
wurde kollektiv immer wieder erkämpft. Das Isolationsregime der
Hochsicherheitstrakte konnte partiell besiegt, nicht aber gebrochen
werden. Die Trakte bestehen weiter und sind heute Normalzustand im Sondervollzug
gegen die »Schwerstkriminellen« und »unangepasste«
Gefangene. Noch immer sind sechs Militante der RAF gefangen. Ihr Haftprogramm
lautet nicht mehr Totalisolation. Aber nach mehr als 20 Jahren Knast
ist das Ergebnis das gleiche: Einzelhaft im Normalvollzug, Restriktionen,
Haftlaufzeiten bis ewig, so lautet die staatliche ultima ratio. Isoliert
wird weiter. Ilhan Yelkuvan, türkischer politischer Gefangener,
kämpfte Anfang 2000 mit einem Hungerstreik dagegen. Erst kurz vor
seinem drohenden Tod, nach 63 Tagen Streik, wurde er verlegt.
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Die
aktuelle Haltung der Gefangenen
in der Türkei
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Die politischen Gefangenen
in der Türkei erklärten die Isolations- und Einzelzellen als
Angriff auf ihr Leben. Für sie ist das System der Großzellen
und die Möglichkeit der gemeinsamen Organisierung im Knast existentiell.
Nach der Falange auf der Polizeistation, dem Hochdruckschlauch und Eisblock
des Verhörs, ist die Isolations- und Einzelhaft der verdeckte Mordanschlag:
Den Schreien der Zusammengeschlagenen folgt der lautlose Terror der
Vereinzelung, der physischen Tortur der psychologische Angriff
schutzlos ausgeliefert, alleine, ohne Möglichkeit der solidarischen
Hilfe und therapeutischen Unterstützung derer, die gleiches durchstehen
mussten. Auch das ist ein Grund, warum die Gefangenen betonen gezwungen
zu sein, bis zum Äußersten zu gehen: ihr Leben einzusetzen,
um ihr Leben zu schützen.
Die Zentrale Gefängniskoordination der Gefangenen verschiedener
linker türkischer Organisationen (DHKP-C, TKP(ML), MLKP u.a.) erklärte
im Februar 2000: »Die Überschrift Republik Bayrampasa
soll in der Öffentlichkeit suggerieren, dass der Staat die Kontrolle
über die Gefängnisse verloren hat. Jetzt reden sie wieder
von Individualzellen, und jetzt versuchen sie, die Zellenattacke mit
Phrasen wie F-Typ-Gefängnis, ein System zwischen
Gemeinschafts- und Einzelraum, oder ein Raumsystem für
3 bis 4 Personen zu verschleiern. Der faschistische Staat weiß
sehr genau, dass die revolutionären Gefangenen diesem Angriff widerstehen
werden. Wir rufen alle Menschen, alle demokratischen Organisationen
und Institutionen auf, die Entwicklung zu verfolgen und einzugreifen.
Wir als Gefangene werden dem geplanten Angriff widerstehen, was immer
auch der Preis sein mag.«
Burdur-E-Typ-Gefängnis.
»Die Erinnerung an Burdur« lautete die Schlagzeile der
Tageszeitung Radikal am 18.7. 2000. Die zur Hürriyet-Verlagsgruppe
gehörende Zeitung druckte auf Seite 1 die Fotos der gefolterten
politischen Gefangenen aus Burdur. Um Gefangene zwangsweise zu verlegen,
hatten am 5. Juni Sicherheitskräfte einen Zellenflügel
des Gefängnis erstürmt. 18 Gefangene wurden durch Eisenstangen
und Gewehrkolbenhiebe schwer verletzt, einzelne weibliche Gefangene
mit Polizeiknüppeln vergewaltigt. Beim Durchbrechen der Zellenwände
mit einem Bulldozer wurde Veli Calilik ein Arm abgerissen. Der spätere
Versuch ihn wieder anzunähen, scheiterte. Später wurde
nahe des Krankenhauses ein streunender Hund entdeckt, der einen
Arm im Maul trug. Es war der von Veli Calilik. Die Krankenhausleitung
konnte den Angehörigen keine Antwort geben, wie der Arm aus
dem Operationssaal in den Besitz eines Straßenhundes gelangen
konnte.
Die Fotos wurden von den Gefangenen nach ihrer Verlegung im Gefängnis
Bergama aufgenommen |
Im April dieses
Jahres sagten die PKK-Gefangenen im Bursa-E-Typ-Gefängnis anlässlich
eines zehntägigen Protesthungerstreiks gegen die neuen Gefängnisse:
»In einer Zeit, wo die kurdische Frage mit all ihrer Freiheit
und Gleichheit zur Lösung ansteht, stellt sich die herrschende
Front hin und sagt: Mit dem Eintritt in die Europäische Union
wird mehr Demokratie, Menschenrechte und Freiheit eintreten. Gleichzeitig
werden die menschenverachtenden F-Typ-Gefängnisse weitergebaut.
Das ist nichts anderes als Doppelzüngigkeit. Für sie kann
noch so oft mit Begriffen wie Doppelzimmer geworben werden,
sie bleiben doch Isolationskerker, ...und sind ein unmittelbarer Angriff
gegen die Natur des Menschen. Der Übergang von Großraumzellen
zu Einzelzellen bedeutet nur noch mehr Verbote und Unterdrückung.«
Widerstand
gegen Isolationshaft ist ein Kampf für Menschenwürde und gegen
Folter!
Die Lage ist ernst.
In den Gefängnissen der Türkei haben bereits befristete Hungerstreiks
und Protestaktionen gegen die geplanten Verlegungen in Einzel- und Isolationszellen
stattgefunden. Der IHD-Menschenrechtsverein, Angehörige von politischen
Gefangenen und andere Organisationen begannen mit Informationsveranstaltungen,
Protestmärschen und Öffentlichkeitsaktionen gegen die anstehenden
Massenverlegungen. 24 demokratische Organisationen und Institutionen
haben sich dafür zusammengeschlossen. Befürchtet wird nicht
zuletzt ein neues »Ulucanlar«: am 26.9.99 widersetzten sich
im Ulucanlar-E-Typ-Gefängnis von Ankara politische Gefangene mit
Barrikaden und Hofbesetzungen den versuchten Verlegungen; 10 von ihnen
starben durch Maschinengewehrsalven und Gasbomben der die Zellenflügel
stürmenden Militär- und Polizeieinheiten. Osman Baydemir,
Mitglied des IHD-Vorstandes, erklärte anlässlich der Kampagne
gegen die neuen Gefängnisse: »Wir fürchten um das Leben
der politischen Gefangenen, sie sollen bei lebendigem Leibe in den F-Typ-Gefängnissen
begraben werden«.
Kartal
F-Typ-Gefängnis. Kartal ist neben dem vor kurzem fertiggestellten
Gefängnis von Sincan (Ankara) der Prototyp der neuen Isolationsge-fängnisse.
Für 500 Gefangene ausgelegt, befinden sich zur Zeit 190 in Kartal.
»Meine Zelle ist 1,5m x 2,5m groß. Weil sie im Untergeschoss ist,
riecht das Bett aufgrund der Feuchtigkeit nach Schimmel. Man kann
kaum atmen, weil es keine Belüftungsanlage gibt. Ich habe keinerlei
Kommunikation mit anderen Ge-fangenen. Alles, auch das Essen, wird
durch ein Loch in der Stahltür hindurchgeschoben. Ständig höre ich
das Schreien anderer Gefangener. Allein dies macht einen kaputt.
Schlafen ist unmöglich. Kopfschmerzen und stän-diges Erbrechen wird
in kürzester Zeit ein Teil deines Lebens. Nach einiger Zeit fängt
man an, mit sich selbst zu sprechen. Ich möchte unterstreichen,
dass man durch Isolation die Identität der Gefangenen brechen will.
Isolation bedeutet den Tod. Deswegen müssen wir, bevor alles zu
spät ist, allen erklären, was das Ziel dieser neuen Zellen ist.«
(Hasan Sonkaya, Gewerkschaftler, Kartal, Mai 2000) |
Über diese
Worte sollte niemand leichtfertig hinweggehen. Die Zeit drängt.
Nur mit Widerstand und Protest kann die Einzelhaft in der Türkei
verhindert werden. Die Sondertrakte und Isolationszellen sind nicht
zuletzt auch eingeschrieben in die Revolten und Kämpfe der radikalen
und militanten Linken Westdeutschlands. In ihre Geschichte wie in ihre
Niederlage. 1989 schrieben Angehörige der türkischen politischen
Gefangenen in einer Solidaritätsbotschaft an die hungerstreikenden
Gefangenen in der BRD: »Trotz Unterdrückung, Festnahmen und
polizeilicher Bedrohungen und ständiger Observierungen werden wir
unseren Kampf für Freiheit für alle Gefangenen in der Türkei
und unsere Solidarität mit Euch fortsetzen. Die Menschenwürde
wird die Folter besiegen!« Heute behaupten sich die politischen
Gefangenen in der Türkei gegen das geplante Isolationsregime. Sie
sagen: Mit allen Mitteln, die ein Gefangener hat. Sie selbst, ihre Angehörigen,
die Menschenrechtsaktivisten und politischen Gruppen der Solidarität,
ob in Istanbul, Ankara oder Diyarbakir, brauchen heute die Unterstützung
und Solidarität aller in unserem Land, für die weiterhin gilt:
»Die Menschenwürde wird die Folter besiegen!«
Kein
Stammheim am Bosporus!
Freiheit für alle politischen Gefangenen!
Die Kampagne Libertad!
fordert alle fortschrittlichen, demokratischen, linken Initiativen und
Menschen auf, mit ihren Ideen und Möglichkeiten für den Schutz
der Gefangenen und gegen die Isolationsgefängnisse einzutreten:
von der Faxkette bis zur Protestaktion, von eigenen Aufrufen für
Bündnisse und Initiativen bis zur Teilnahme an Solidaritätsdelegationen....
Libertad!
28. Juli 2000
Kontaktadressen
& laufende Informationen sind zu finden unter / Ýliþki
adresleri ve aktuel bilgiler için:
Libertad!,
Internet: http://www.libertad.de/projekte/spezial/tuerkei
So oder So Zeitung der Kampagne Libertad! / Libertad! Kampanyasý
Gazetesi: Internet: http://www.sooderso.de
Informationsstelle Kurdistan e.V. / Kürdistan Ýnfornmasyon
Bürosu (IsKu), Internet: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/
Komitee gegen die Isolationshaft / Tecrit Ýþkencesine Karþý
Mücadele Komitesi (IKM), Internet: http://www.noisolation.de
DETUDAK (Solidaritätskomitee mit den pol. Gefangenen in der Türkei
/ Tutsaklarla Dayaniþma Komitesi )
e-mail: Detudak@gmx.de
Tageszeitung Özgür Politika (engl. News)
Internet: http://www.kurdishobserver.com/
IHD-Menschenrechtsvereine in der Türkei (Sektion Istanbul /Ýstanbul
Þubesi ) Internet: http://www.ihd.org.tr
Tel: 00902122513526 / 244 44 23, Fax: 00902122514155
Protestfaxe an / Protesto faxlar için:
Justizminister / Adalet Bakaný Hikmet Sami Türk:
0090312417 39 54, e-mail: sturk@adalet.gov.tr
Innenminister / Ýçiþleri Bakaný Sadettin
Tantan:
0090312 417 23 90
Staatspräsident / Cumhurbaþkaný Ahmet Necdet Sezer:
0090 312427 13 30
Ministerpräsident / Baþbakan Bülent Ecevit:
0090312 417 04 76
Generaldirektor der Haftanstalten / Cezaevleri Genel Müdürü
Ali Suat Ertosun:
0090312414 63 01, e-mail: ertosun@adalet.gov.tr
Deutsche Botschaft
/ Alman Büyük Elçiliði Ankara:
0090312426 6959
Außenminister / Alman Dýþiþleri Bakaný
Fischer:
01888173402, e-mail: poststelle@auswaertiges-amt.de
Innenminister / Alman Ýçiþleri Bakaný Schily:
018886812926, e-mail: poststelle@bmi.bund400.de
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74, 60487 Frankfurt, Fax: 069-79201774, eMail: kampagne@libertad.de
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