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(1995): Kein Friede zum Ende des Antirassistischen Notruf- und Infotelefon Frankfurt: 069-703337
"Rassismus ist kein Thema unter vielen. Das ist nicht nur eine moralische Kategorie. Wir denken, daß eine antirassistische Bewegung aufgebaut werden muß, die wirklich zentral ist, d.h. die verschiedenen Schwerpunkte und Ansätze gegen Rassismus, Sexismus und Faschismus vereinigt. Die Basis ist die Selbstorganisierung von unten - keine Appelle an die Regierung. ... Dieser Aufbau wird sich - im Verhältnis zu einer revolutionären Organisierung - in den nächsten Jahren wahrscheinlich oft diametral gegenüberstehen. Es ist aber unumgänglich. Die Verbindung von beidem muß geschaffen werden." ("Die Mühen der Ebene", Dezember 1992)
Vorbemerkung:
Nach gut dreieinhalb Jahren Arbeit hat das antirassistische, antifaschistische Notruf- und Infotelefon Frankfurt Ende Februar seine Arbeit eingestellt. Das hatte die Vollversammlung am 29.1.95 beschlossen. In den Monaten Dezember '94 und Januar '95 plädierten wir in den Vollversammlungen für diese Auflösung des Telefons. Seit der Ausgangsinitiative 1991 dabei, erschien es uns richtiger, die Arbeit geplant einzustellen, als einer schleichenden Beerdigung beizuwohnen. Die Auflösung sollte öffentlich erklärt werden. Erst danach wollten wir uns als Gruppe zu Wort melden, um einer möglichen gemeinsamen Reflexion nicht vorweg zugreifen. Mit der Pressemitteilung vom 26.2.95 wurde die Einstellung der Telefonarbeit bekanntgemacht. Ob ein umfassenderes gemeinsames Papier zustande kommt, ist noch unklar; unserer Meinung nach beteiligen sich eindeutig zu wenig Gruppen und Leute daran, was das Problem, einen Konsens zu finden, noch verstärkt. Unser Text erhebt nicht den Anspruch der Vollständigkeit und ist auch keine Chronologie oder "Biographie" des Telefons. Das wäre noch eine andere Arbeit, die wir allein auch nicht leisten wollen. Wir stellen einige Gedanken zur Diskussion und erhoffen, daß auch andere Gruppen ("Schichten") sich zu Wort melden. Trotz all unserer Kritik, wollen wir betonen, daß die dreieinhalb Jahre Telefon für uns eine wichtige Arbeit und Erfahrung war. Die Anstrengungen von vielen hat das möglich gemacht, und wir glauben, daß diese Erfahrungen nicht umsonst waren. Bis zuletzt gab es immer wieder Aktivistinnen wie Aktivisten einzelner "Schichten", die trotz der offenkundigen Mängel unserer Arbeit nicht bereit waren die Arbeit des Telefons einzustellen. Sie wollten das Telefon in einer neuen, veränderten Bestimmung und Zielsetzung weiter betreiben. Wir haben uns in den letzten Monaten an dieser Rettungsgemeinschaft des frankfurter Notruftelefons nicht mehr beteiligt. Nicht, weil wir eine Weiterführung der Telefonarbeit ablehnten, oder die von einem kleinen Kreis innerhalb des Telefons formulierte Bereitschaft eines Neuanfangs in Frage stellten, sondern weil wir die für eine Weiterarbeit notwendigen Voraussetzungen nicht mehr als gegeben sahen. Über diese fehlenden Voraussetzungen gilt es zu reden. Nicht als resignativer Rückblick, sondern weil wir die Erfahrungen aus drei Jahren Arbeit im Telefon in jedem Fall für nachdenkens- und mitteilenswert halten. Die Schließung sagt viel über Schwäche und Konzeptionslosigkeit eines antistaatlichen, basisorientierten Antirassismus auf Seiten linksradikaler Gruppen und Zusammenhänge aus. Und das, obwohl nicht Wenige zeitaufreibende Arbeit und Energie über die Jahre in dieses Projekt steckten. Zudem ist das Ganze sicher auch kein "Frankfurter Problem". Im Gegenteil. Das Frankfurter Telefon war mehr oder weniger das einzige seiner Art: Werktags abends und nachts und am Wochenende durchgehend besetzt, verband es die Weitergabe von antirassistischen und antifaschistischen Informationen ausdrücklich mit einer Notrufkonzeption. Sie sollte uns in der Lage versetzen, über angeschlossene Telefonketten und einen öffentlichen Verteiler schnell und effektiv antirassistische Hilfe in Alarmfällen zu organisieren. Weil das anfangs sehr gut lief, hatte das Telefon in der Region und bundesweit einen guten Ruf. Aber davon können wir nicht auf Dauer leben. Denn es sind wir, die Aktivistinnen und Aktivisten selbst, welche die Schließung zu verantworten haben. Niemand sonst. Sie hat nichts mit einer Gefährdung von außen zu tun. Weder durch Faschisten, noch durch Bullen oder andere staatliche Verfolgungsorgane. In der über dreijährigen Arbeit war das Telefon durch diese Kräfte nicht eine einzige Minute substantiell bedroht. Viel stärker wirkte sich Verfaßtheit und Zustand einer linksradikalen antifaschistischen Szene aus, deren Organisationsgrad und politische Flexibilität nicht den gesellschaftlichen Erfordernissen entspricht. Ebenso die im Blick auf die eigene Praxis seltsam symptomatische Aufbauschung der Gefahr durch neofaschistische Schlägertrupps, während gleichzeitig der alltägliche staatliche Rassismus und die Ordnung deutscher Abschiebedemokraten verharmlost wurde.
Kurzer Rückblick Das Notruf- und Infotelefon nahm am 24. Oktober 1991 seine Arbeit auf. Zeitgleich entstanden die antirassistischen Stadtteilgruppen (dieser Name setzte sich durch; von uns favorisiert war "Basisgruppen"), die am 13.10.91 ihre stadtweite "Gründungversammlung" hatten. Vorausgegangen war (in Fortsetzung von Plenas aus der Anti-Golfkriegsmobilisierung) ein Versuch eine Aktivität zur damals von der Regierung zum 30.6.91 geplanten massenhaften Abschiebung zu initiieren. Dort entstand die Idee eines Notruftelefons in Verbindung mit der Organisierung von Untertauchmöglichkeiten für die von Abschiebung Bedrohten. Die Idee fand dort keine Unterstützung und wurde als "Feuerwehr"-Politik abgelehnt. Die unmittelbaren Erfahrungen einer Alarmbereitschaft zum 3. Oktober ("Tag der Wiedervereinigung"), die zur Abwehr befürchteter faschistischer Übergriffe hergestellt wurde, machten vielen deutlich, daß es eine Einrichtung eines Alarmfalltelefons braucht. So zynisch das klingt, das Pogrom in Hoyerswerda (Spätsommer 1991) öffnete vielen die Augen - und setzte aktives Eingreifen auf die Tagesordnung. Das antifaschistische, antirassistische Notruf- und Infotelefon hatte für uns die gleiche politische Bedeutung wie der Versuch antirassistische Basisgruppen in frankfurter Vierteln zu etablieren. Auch wenn beides organisatorisch getrennt war, gingen wir doch in beiden Initiativen von der gleichen Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung aus. "Wir leben in bürgerlichen Klassenstaaten. Diese hierarchische Trennung zwischen denjenigen, die den Reichtum schaffen, und denjenigen, die über ihn verfügen, setzt sich international fort in der Spaltung der Welt in reiche und arme Länder usw. Aber quer zu dieser horizontalen gesellschaftlichen (und gleichzeitig globalen) Spaltung verlaufen vertikale Bruchlinien. Teils sind sie älter als kolonialistische und kapitalistische Ausbeutung, so die patriarchale Unterdrückung und sexistische Ausbeutung. Für Erhalt und ständige Reproduktion dieser Weltordnung haben sie den gleichen Stellenwert wie der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital. Es ist lang genug versucht worden, diese verschiedenen grundsätzlichen Widersprüche in ein Hierarchiemodell einzupassen. Rassistische Gewalt oder die Unterwerfung und Ausbeutung der Frauen läßt sich nicht allein von der Ökonomie und der Macht her erklären". ("In die Herzen ein Feuer", Januar 1992) "Hoyerswerda ist der bisher spektakulärste Ausdruck einer seit 1974 in Gang gesetzten und geschürten Entwicklung. Vom Anwerbestopp und dem Wiedereinreiseverbot von 500.000 ArbeitsimigrantInnen 1974 ...über die Abschiebeaktionen Lummers 1981 .. die Einschränkung der Asylgründe durch deutsche Gerichte.., Angriffe auf Flüchtlingsheime Ende der 70er Jahre ... bis zu den Angriffen heute. Das Ganze hat eine Entwicklung losgetreten, die nicht so schnell vorbei sein wird. Die Rassisten und Faschisten haben Mut gefaßt: Auf den Straßen, an den Stammtischen, in den Fabriken und Büros, in den Behörden und Ministerien. Von der materiellen Auswirkung, Durchschlagskraft und methodischen Perfidie ist der institutionelle Rassismus der relevanteste. Jede staatliche Maßnahme gegen Flüchtlinge, jede Diskriminierung gegen ImmigrantInnen auf der Arbeit, bei der Wohnungssuche, auf Behörden, durch die Bullen legitimiert den Straßenterror und alltäglichen Rassismus - wie gleichzeitig die Regierung, die Parteien, der staatliche Apparat den Straßenrassismus funktionalisiert für die Durchsetzung und Akzeptanz institutioneller rassistischer Praktiken. Auch hier zeigt sich, das Potential institutioneller Strategien rassistischen und faschistischen Charakters. ... Deswegen: Es ist unsere Existenz und Zukunft, die aller Menschen. Ja klar, insbesondere für uns in Deutschland ist antirassistischer Kampf eine Frage der grundsätzlichen politischen Existenz. Ohne hier, jetzt in dieser Situation, eine eindeutige Haltung und Praxis zu finden, werden die Diskussionen, Pläne und Träume revolutionärer Politik belanglos bleiben." ("Arbo-Papier", Oktober 1991) Notruftelefon und Stadtteilgruppen zielten auf eine organisatorische und politische Struktur von unten. "Revolutionär-demokratische Basisorganisierung" nannten wir das in unserem Sprachgebrauch. Eine eigenständige Organisierung von Revolutionärinnen und Revolutionären sollte dies keineswegs ersetzen. Aber eine Möglichkeit und ein Ort für gesellschaftlich relevanten Widerstand gegen den Rassismus von oben und unten sollte geschaffen werden. Öffentlich und zugänglich für alle, die nicht bereit waren den gesellschaftlichen Status Quo aus rot-grünen Abschiebedemokraten in Hessen und alltäglicher Gefahr rassistischer Übergriffe zu akzeptieren. Niemand sollte in diesem Konzept antirassistischer Gegenwehr von unten ausgeschlossen sein; deswegen standen Notruftelefon und antirassistische Stadtteilgruppen auch in enger Beziehung zueinander. Und es war klar, daß in diesen Initiativen, wie auch in allen anderen, eine Widerspruchslinie am "männlich-weißen Normalfall" und der Stufenleiter gesellschaftlicher Unterdrücksverhältnisse laufen wird. Wir wollten das als einen Ausgangspunkt nehmen, sie weder verdecken noch voneinander abspalten. Innerhalb unserer Überlegungen, daß sich radikale und revolutionäre Gruppen in Basisinitiativen verankern, bzw. diese selber aufbauen müssen, spielte die Schaffung einer antirassistischen Bewegung eine zentrale Rolle. Von der gesellschaftlichen Entwicklung her ohnehin absolut notwendig, sollten gemeinsame Diskussion und Praxis entlang unmittelbarer Ziele, Forderungen und Handlungen eine gemeinsame, gruppenübergreifende Organisierung einzelner Menschen und Gruppen von der Basis und an der Basis hervorbringen. Notruftelefon und Stadtteilgruppen waren darin für uns zwei Versuche das anzugehen. "Viel guter Wille, spontanes Engagement reicht nicht; das hebt die Vereinzelung, Unklarheit von Initiativen, Unverbindlichkeit von Plenas etc. nicht auf. Es braucht die Anstrengung, die unmittelbare Notwendigkeit von antirassistischer Propaganda und Tat, materieller Hilfe und Schutz mit dem Aufbau einer politischen und organisatorischen Basisstruktur zu verbinden. Dadurch können die unmittelbaren Notwendigkeiten auch wirksamer angegangen werden." ("Arbo-Papier") Dieses von uns verfaßte Papier für eine Antirassistische Basisorganisierung (ARBO) war ein Diskussionsvorschlag für die Stadtteilgruppen, die sich im Oktober 1991 in 11 Stadtteilen Frankfurts bildeten. Zu Beginn der Initiativen war ein Großteil der am Telefon Beteiligten auch in den Stadtteilgruppen aktiv. Das Papier war nie eine gemeinsam diskutierte und akzeptierte Grundlage, im Gegenteil. Zu Beginn der Arbeit des Telefons und in den Stadtteilen gab es mühselige und letztendlich gescheiterte Versuche eine gemeinsame Plattform zu erstellen. Gescheitert deshalb, weil viele keine Notwendigkeit für eine solche politische Grundlage sahen. Später haben wir dieses Papier nicht mehr eingebracht; beziehen uns aber darauf, wie auch auf die anderen zitierten Texte, weil sie für uns ein Ausgangspunkt waren, bzw. unsere damalige Einschätzung wiedergeben.
Fazit Ein Fazit können wir ziehen: Alle Beteiligten haben gemeinsam nie einen solchen Anspruch umsetzen wollen, bzw. sich nicht das Gleiche vorgenommen. Die einen sahen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer antifaschistischen Gruppe für sich keine Notwendigkeit der Teilnahme, einige sahen dadrin den Ort linksradikaler Organisierungsdiskussionen, andere wiederum begriffen die Stadtteilgruppen nur als ein weiteres Plenum. Aufgrund dieser Schwierigkeiten läßt sich jetzt auch kein abschließendes Resümee ziehen, inwieweit das Konzept sinnvoll gewesen wäre oder nicht. Fest stehen nur zwei Dinge: Zum einen traf dieser Vorschlag weder den damaligen Lebensnerv der linksradikalen Strukturen, sie sahen darin schlicht und einfach für sich keine Notwendigkeit, zum anderen stellten wir auch fest, daß der Schritt vom Protest zur aktiven Teilnahme in antirassistischen Initiativen für viele Leute außerhalb der Szene doch eher die Ausnahme denn die Regel ist. Natürlich hat auch dazu beigetragen, daß das äußere Erscheinungsbild der Stadtteilgruppen, ihre - bis auf wenige Ausnahmen - fehlende oder zum Teil nur sehr sporadisch stattfindende öffentliche Präsenz, die eigene Attraktivität nicht gerade gesteigert hat. Auf den ersten Blick widersprüchlich: Obwohl das Telefon mit drei Jahren zu den langlebigsten Projekten gehört, ist es nicht gelungen, eine von der (Bewegungs-)Konjunktur unabhängige Initiative aufzubauen. Mit der Normalisierung rassistischer Politik durch den Staat, nahm die eigene Betroffenheit ab, die letztlich doch starker Motor des Engagements war. Die ebenfalls langlebige politische Herangehensweise, Praxis als Thema zu behandeln, führte dazu, daß die am Telefon beteiligten Gruppen, das eigene Handeln nicht in den Rahmen einer allgemeinen Politik der gesellschaftlichen Veränderung einordnen konnten - und so auch nicht die sich daraus ergebenen Notwendigkeiten.
Zum Beispiel war die eigene "Öffentlichkeitsarbeit" ziemlich ziel- und konzeptionslos und dem anfänglichen Ansturm von Medienanfragen gar nicht gewachsen. Das stürzte uns auch in ein Dilemma, eine öffentliche Praxis öffentlich nicht vertreten zu können (Stichwort Angst vor "Kriminalisierung"). Während die bürgerliche Empörung gegen AusländerInnenfeindlichkeit und Gewalt in Lichterketten und in "Heute die, morgen du"-Massenkonzerten ihren Ausdruck fand, war es innerhalb des Telefons Streitpunkt, ob dort überhaupt ein Flugblatt verteilt wird, um die Leute anzusprechen. Da konnte die schleichende Entwicklung zu einem "Szene-Telefon", was nur die eigenen Leute mit Infos versorgt, auch meistens gar nicht als Problem gesehen werden. Der tendenzielle Fall der politischen Wirkung war deswegen kein erkanntes Krisenzeichen, sondern gewollte Selbstgenügsamkeit. Ein Mißverständnis konnten wir nie ausräumen: Unser Vorschlag zur Basisorganisierung wurde von einigen als großartiges Organisationskonzept verstanden; Selbstverständlichkeiten wie Verbindlichkeit von Beschlüssen, Transparenz von Entscheidungen, Vollversammlungen und beauftragte Strukturen etc wurde darin nicht als Form verstanden, die sich eine Initiative gibt und deswegen selber gestalten kann, sondern quasi sofort "Partei". Die Organisierungs- und Organisationsfeindlichkeit auf der einen Seite führte dazu, daß nicht mal frei über eigene notwendige Strukturen nachgedacht werden konnte. Auf der anderen Seite halten viele von denjenigen, die für sich aus ihren Erfahrungen zum Schluß kommen, sich fest und verbindlich organisieren zu wollen, das schon für den Inhalt selbst. Das mußte gegeneinander stehen, weil nicht nach dem Zweck unterschieden wurde. Was in den drei Jahren erstaunlich gut lief, war die Aufrechterhaltung der Bereitschaftsstruktur des Telefons. Schichtausfälle in den ersten zwei Jahren kamen kaum vor. Am Anfang war es uns eine Frage, ob das Ganze länger als drei Monate besteht. Diese Kontinuität sehr verschiedener Leute war beeindruckend. Das machte auch Hoffnung auf weitergehende Diskussionen, verbindliche Entscheidungsstrukturen, gemeinsam getragene Beschlüsse, Konsense und Aktionen. Aber viele Linke sind nicht mehr in Gruppen organisiert und das hatte zur Konsequenz, daß mehr und mehr Einzelne diese Struktur trugen. Auch die Angst vor politischer Verbindlichkeit, vor der vermeintlichen Unveränderbarkeit von Festlegungen, prägte die Entwicklung innerhalb des Telefons. Der Fetisch "Spontanität" (als ewiger Widerspruch zur Organisierung) verbunden mit der Betonung der individuelle Herangehensweise war vielen näher.
Versuche Beispielhaft hier nur die Liste einiger Initiativen und Vorstöße, die unternommen wurden, um die Arbeit des Telefons entsprechend den eigenen Zielen, voranzubringen: * Ein vorgeschlagener SprecherInnenrat wurde mehrheitlich kategorisch abgelehnt. Er sollte nach innen die Transparenz von Entscheidungen sicherstellen und nach außen das Telefon repräsentieren. Eine stattdessen ins Leben gerufene "Öffentlichkeits-AG" stellte die Arbeit nach einigen Monaten mangels Beteiligung ein. * Eine regelmäßige "Sprechstunde" des Telefons z.B. im Antifa-Café, und später die Überlegungen zur Schaffung eines "Offenen Raumes", um ansprechbar zu sein für interessierte Leute, kam trotz mehrfacher Versuche nicht zustande. * Die immer wieder eingeforderte Bildung von schichtenübergreifenden Arbeitsgruppen, um eine interne Diskussion zu ermöglichen und gemeinsame Positionen und Aktionen zu erarbeiten, setzte sich nicht durch. Zum Beispiel für die für das Telefon konzeptionell wichtige Verbindung mit Flüchtlingen konnte keine Arbeitsgruppe eingerichtet werden. Kontinuierlich arbeitete nur die Redaktionsgruppe des "Infobulletins". * "Alarmfrühstücke", ausgerufen um nach Alarmen immer wieder gemeinsam zu überprüfen, was in solchen Situationen gemacht wurde und was möglich gewesen wäre, fanden nur sporadisch und ohne größere Beteiligung statt. Die Parallelstruktur der "Alarmketten" und ihrer Vollversammlung, als Möglichkeit gedacht für Leute, die nicht direkt beim Telefon mitarbeiteten, aber im Alarmfall eingebunden waren, bekam keine Kontinuität und wurde von den am Telefon Beteiligten nicht ernst genug genommen. * Die zum damaligen zweijährigen Bestehen des Telefons geplante Großveranstaltung, wurde mangels Teilnahmebereitschaft und Unterstützung innerhalb des Telefons von der Vorbereitungsgruppe abgesagt. * Eine umfassende und arbeitsintensive Umfrage mittels Fragebögen und schriftlich festgehaltenen Kurzinterviews innerhalb aller beteiligten Schichten des Telefons im Jahr 1992 blieb trotz der darin enthaltenen Vorschläge zur Strukturveränderung ohne jede Konsequenz. * Der Versuch, eine wechselnde verantwortliche Gruppe für Alarmsituationen zu installieren, bei der alle Informationen zusammenlaufen sollten und die in einer oft hektischen Situation die Aufgabe haben sollte, die Entscheidung zu organisieren, wurde von den meisten abgelehnt. Das wurde unter anderem als Befehlsstruktur mißverstanden. Das Herzstück eines Notruftelefons, in Alarmsituationen effektiv und geschlossen handeln zu können, wich einer dauernden Frustrationserfahrung. Die ersatzweise versuchten "Alarmbereitschaften" zumindest für Wochenenden, da die meisten Alarme gerade in Bezug auf Ansammlungen von Straßenfaschisten im Rhein-Main-Gebiet am Wochenende stattfanden, wurde nur von einer kleinen Minderheit umgesetzt. * Die wöchentlichen Delegiertentreffen aller Schichten zur Bearbeitung der anfallenden Anrufe und kurzer Aussprache über aktuelle Anlässe wurde nur von wenigen Schichten regelmäßig wahrgenommen. * Zwei Anläufe gab es, dem Telefon ein eigenes "Sprachrohr" zu geben: Das "Infobulletin" sollte in großer Auflage kostenlos verteilt werden und so "Breitenwirkung" haben. Die Arbeit und Verteilung kam nur mit wenigen Ausnahmen über die Redaktionsgruppe hinaus. Das "Infobulletin" garantierte zum Schluß allein ein kleinen Spendeneingang zur Finanzierung der Arbeit und sorgte über seine Verteilung für die alleinige öffentliche Präsenz des Telefons. Umgekehrt wurde aber z.B. die Aufforderung der Redaktion im August '94, eine grundsätzliche Strukturreform und Neubestimmung vorzunehmen, nicht mal diskutiert. Das Infobulletin stellte sein Erscheinen vorrübergehend ein, um die Dringlichkeit zu verdeutlichen. Es tat sich nichts, aus vorübergehend wurde endgültig.
Endphase Auch bei uns wurde die Bereitschaft, allein für die Aufrechterhaltung der technischen Struktur des Telefons zu arbeiten, immer geringer. Je weniger die eigenen Parolen realisiert werden konnten, je weniger Änderungsvorschläge diskutiert wurden, je weniger eine tatsächliche Veränderung stattfand, desto ineffektiver und mühseliger wurde die Arbeit. "Gegen den Rassismus auf der Straße und in den Behörden! Bleiberecht für Alle! Schaut nicht weg! Greift ein!" Diese Parolen trugen alle am Telefon Beteiligten inhaltlich mit. Das war auch die Bedingung für die Mitarbeit, bedeutete aber nicht, daß sich das auf eine Aktionsform beschränkte. Diesen Konsens finden wir noch immer für eine antirassistische Bewegung unentbehrlich. Aber selbst bei zu tausenden geklebten Plakaten mit diesen Parolen stand das Verständnis davon und die Herangehensweisen oft im Gegensatz zu dem verbal geäußerten Einverständnis. Das sorgte schon bei den ersten Aktionen für eine Menge Uneinigkeit und konnte auch in den 3 1/2 Jahren nicht aufgelöst werden. In den ganzen drei Jahren ist kein einziger neuer gemeinsamer politischer Standpunkt von allen erarbeitet worden. Das Telefon wurde von einer Struktur getragen, die politisch am Anfangspunkt stehengeblieben ist. Rechts von der gesellschaftlichen Situation überholt, steht sie nun ohne Politik da. Wir fanden es sinnlos, wie andere es nannten, einen Dienstleistungsbetrieb für die Szene aufrechtzuerhalten. Im Mai und Juni '94 reflektierten wir in der Gruppe die Entwicklung des Telefons im vergangenen Jahr. Unsere Einschätzung war bitterbös und schwarz, aber noch geprägt davon, den Karren nicht im Dreck stecken lassen zu wollen. Innerhalb unserer "Schicht", an der sich nicht nur unsere Gruppe sondern auch andere Genossinnen und Genossen beteiligten, schlugen wir vor, noch mal einen gemeinsamen Versuch zu starten, das Telefon wieder zu einem wirkungsvollen Instrument antirassistischen und antifaschistischen Kampfes zu entwickeln. Die Tatsache berücksichtigend, daß die Interessen, Bedürfnisse und der Einsatz der am Telefon Beteiligten unterschiedlich bleiben würden und ein gemeinsamer, von allen getragener Aufbruch, keine Basis kriegen würde, sollte unsere Schicht die Initiative in die Hand nehmen, die Aktivitäten machen, die sie für richtig und notwendig hielt und alle, die es genauso sehen, um sich herum sammeln. Also eine Art innere Revolution, um die verkrusteten Strukturen und Bequemlichkeiten aufbrechen. Bis zum 3. Jahrestag, (24.10.) sollte das stehen. Für uns viel zu zögerlich, wurde dieser Vorschlag innerhalb der "Schicht" aufgegriffen und begonnen. Die Dringlichkeit dieser Initiative wurde unterschiedlich gesehen; zumindest im Verhältnis zu anderen Aktivitäten und Vorhaben, an denen einzelne beteiligt waren. So vergingen drei Monate. Im Spätsommer 1994, kurz vor dem 3. Jahrestag, kamen wir immer mehr zu der Einschätzung, daß das Telefon so wie es ist, keine Perspektive mehr hat. Eine Weiterarbeit gemäß den selbst gesetzten Zielsetzungen hätte nur noch ein Trugbild genährt: Das einer organisierten linksradikalen Handlungsstruktur. Die Aufrechterhaltung dieser Selbsttäuschung der Aktivistinnen und Aktivisten über die reale eigene Situation, Handlungsfähigkeit und Bedeutung, aber auch im Verhältnis zu Flüchtlingen, ausländischen Leute und der allgemeinen Öffentlichkeit, wurde unserer Meinung nach politisch unverantwortlich. Für die zwei Vorschläge, die dann auf der Vollversammlung im Dezember eingebracht wurden, sahen wir nach Herbst 1994 keine Chance mehr. Die eine, "Telefonerneuerung" war aus dem Vorschlag vom Sommer entstanden. Zu diesem Zeitpunkt war sie unserer Meinung nach nur noch gut gemeint, aber nicht mehr realistisch und angemessen. Die andere, der tatsächlichen gegenwärtigen Praxis des Telefons entsprechend, ein Infotelefon daraus zu machen, lehnten wir in der geplanten Form ab. Überlegt auch aus der Hoffnung einer "Arbeitsentlastung", war es letztlich konzeptionslos; als eine wirklich neue Initiative, mit einer eigenen Vorstellungen von Zielen und Aufgaben war es nicht überlegt gewesen. Mehr als 3 Jahre sind nun vergangen. Der Versuch, innerhalb des Zerfallsprozesses der Linken, eine antirassistische Basisbewegung in Frankfurt aufzubauen, ist gescheitert. Hatte sie überhaupt eine Chance? Die von uns gesehene Möglichkeit, eine selbständige Basisinitiative mit Telefon und Stadtteilgruppen aufzubauen, ist nicht entstanden. Von den ursprünglich 11 Stadtteilgruppen sind gerade noch zwei aktiv. Die Verbindung mit anderen Gruppen und Initiativen blieb in den Anfängen stecken und somit die Möglichkeit, ein Baustein zu werden für eine antirassistische Bewegung ungenutzt. Zuletzt wäre dieses Telefon dazu auch beim besten Willen nicht mehr in der Lage gewesen. Wir sind mit dem Ergebnis, der Auflösung des Telefons, höchst unzufrieden. Es erscheint uns aber als der einzig richtige Schritt, um die zersetzende Wirkung der seit anderthalb Jahren andauernden Lähmung einzugrenzen und die guten, wie die schlechten Erfahrungen, neuen Initiativen zur Verfügung zu stellen. Schon deshalb, weil die Arbeit und der Einsatz so vieler darin weiter wirken kann, also nicht nutzlos war. An dieser Stelle wollen wir auch den Freundinnen und Freunden danken, die dem Telefon über Jahre einen Raum überlassen haben. Für einen organisierten revolutionären Antifaschismus! Kein Friede mit dem Imperialismus! No Justice - No Peace Frankfurt, März 1995 [HOCH] [Kontakt: Über Literaturversand,
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