Kein Friede: T e x t  A r c h i v
no justice - no peace - "... damit überall der Klassenkampf tobt!"

Kein Knast wurde je geräumt, weil dort Verbrechen stattfanden. Sie sind Orte des Verbrechens
 
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© KEIN FRIEDE

Rede auf der Kundgebung beim Preungesheimer Knast in Frankfurt am 5. Mai 1995

Ist das ein Mensch?

Ihr, die ihr gesichert lebet In behaglicher Wohnung; Ihr, die ihr abends beim Heimkehren Warme Speise findet und vertraute Gesichter: Denket, ob dies ein Mann sei, Der schuftet im Schlamm, Der Frieden nicht kennt, Der kämpft um ein halbes Brot, Der stirbt auf ein Ja oder Nein. Denket, ob dies eine Frau sei, Die kein Haar mehr hat und keinen Namen, Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat, Leer die Augen und kalt ihr Schoß Wie im Winter die Kröte. Denket, daß solches gewesen. Es sollen diese Worte sein in eurem Herzen. Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen, Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht; Ihr sollt sie einschärfen euren Kindern. Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen, Krankheit soll euch niederringen, Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

Primo Levi

Die genaue Zahl der hingerichteten Frauen und Männer in Preungesheim ist unbekannt. Auch in dieser Stätte des Todes versuchten die Täter die Spuren ihrer Taten zu vernichten. Hinrichtungen politischer Gegner fanden über 10 Jahre statt. Gut 17.000 Menschen waren in der Zeit von 1933 bis 1945 in Preungesheim gefangen.

Schon im Jahr 1939, also vor Ausbruch des Krieges, gab es im faschistischen Deutschland 162.734 Schutzhäftlinge und 27.396 politische Angeklagte. Die Zahl der verurteilten politischen Gefangenen betrug 112.432. So die offizielle Statistik der Nazibürokraten.

Wir haben über den Kampf der Gefangenen gegen die Todesmaschine in Preungesheim keinerlei Aufzeichnungen gefunden.

Aber wir können davon ausgehen, daß auch an diesem Ort die Gefangenen solidarisch handelten und sie, da wo es ihnen möglich war, Sabotageaktionen durchführten.

Wieviele überlebten wissen wir nicht.

Vor der Befreiung und dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurden fast alle Unterlagen von den Nazis verbrannt. Die Gefangenen wurden auf Todesmärsche verschleppt und nur wenige überlebten die letzten Kriegstage. 971 Polizei -und Justizgefangene sollten per Bahn nach Bamberg gebracht werden. Ein Transport mit etwa 650 Gefangenen verließ am 21.3.1945 den Südbahnhof. Die Polizisten, die bei diesem Transport 3 Gefangene durch Genickschuß ermordeten, wurden im August 1950 vom OLG Frankfurt freigesprochen.

Ein weiterer Transport mit etwa 200 Gefangenen aus Preungesheim und Klapperfeld ging am 25.3.1945 vom Ostbahnhof los Richtung Aschaffenburg. In einem Wald bei Alzenau gelang einem von ihnen die Flucht, später machte er sich auf die Suche nach den mit ihm abtransportierten Gefangenen, er fand niemanden mehr. Die Amerikaner berichteten, sie hätten in diesem Wald 150 tote Menschen gefunden.

Die erste Hinrichtung in Preungesheim fand am 10. November 1934 statt. Ermordet wurde der 21 jährige Kommunist Josef Reitinger, an dem sich die Nazis für einen erschossenen SA-Mann rächten.

Die SA suchte nach einem Schuldigen für diesen SA-Mann, der im Sommer 1932 bei einer Schlägerei zwischen Kommunisten und Nazis in der Altstadt von Schüssen tödlich getroffen worden war.

Josef Reitinger wurde in der "Perlenfabrik", einem "wilden KZ" der SA in Bockenheim, verhört.

Rudolf Eims, Journalist bei der "Volksstimme", damals selbst in der "Perlenfabrik" gefangen, schrieb darüber:

"Ein Verhör jagte das andere. Wenn der Zwanzigjährige zwischen den Posten "spazierenging", erschrak man über sein Aussehen. Er nahm zusehends ab. Wirr hing das dunkle Haar um sein Gesicht, das eine fahle Blässe und tiefe Schatten unter den Augen zeigte. Zerknittert schlotterte der Anzug um den schmächtigen Körper. Endlich hatte man das Ziel erreicht. "Er hat ein Geständnis abgelegt", flüsterten SA-Männer auf dem Hof. Monate später stand Reitinger vor Gericht. Er widerrief hier das unter Mißhandlungen erpreßte Geständnis. Was half es ihm? SA-Männer beschworen, daß in der Perlenfabrik niemand geschlagen wurde. Der Prozeß nahm nun das von Gauleiter Sprenger erwünschte Ende, und am Morgen des 10. November 1934 ließ Josef Reitinger sein junges Leben."

Durch Verfügung des Reichsjustizministers Thierack vom 19.2.1939 wurden 19 der damaligen Strafanstalten "Vollstreckungsorte für die Hinrichtungen". Darunter wurde auch Preungesheim zur zentralen Hinrichtungsstätte für Hessen ausgebaut.

Das Exekutionsgerät befand sich in einem Schuppen, der durch die heutige Verwaltung oder durch das Krankenhaus über den Hof durch den Keller zu erreichen war. Es ist eine der 20 Guillotinen die Hitler persönlich 1933 bestellte und die von den Gefangenen in Berlin Tegel hergestellt werden mußten.

In Preungesheim wurden Todesurteile der Sondergerichte des NS-Staates aus den Oberlandgerichtsbezirken Frankfurt über Köln bis Bayreuth vollstreckt. Auch Opfer des "Volksgerichtshofes" und der Kriegsgerichte wurden hier hingerichtet.

Kurze Zeit nach den ersten Massenhinrichtungen gab es eine Anweisung, daß die Totenglocke nicht mehr angeschlagen werden darf, um die übrigen Gefangene durch die Häufigkeit der Hinrichtungen nicht zu schockieren, vor allem soll die Öffentlichkeit von den Massenhinrichtungen nichts erfahren.

Hier wurden Frauen und Männer aus Deutschland und aus den überfallenen Ländern ermordet.

500 Menschen, die in den Jahren 1938 bis 1945 aus politischen Gründen hingerichtet wurden sind heute namentlich bekannt.

Aus wenigen Berichten von Überlebenden wissen wir, daß die zum Tode Verurteilten über lange Zeit in Einzelhaft gefangen waren.

Hinrichtungsgründe hießen "Rassenschande", "Fahnenflucht", "Wehrkraftzerzetzung", "Sabotage", "Landesverrat"...

Diejenigen Gefangenen, die nicht zum Tode verurteilt waren, mußten in den umliegenden Betrieben und gefängniseigenen Werkstätten zwangsarbeiten. Vernichtung durch Arbeit. Seit Kriegsbeginn für die Rüstungsproduktion. Betriebe, wie Lurgi, Metall-AG, Hartmann & Braun unterhielten sog. Außenlager.

Auch das Leben dieser Gefangenen war nicht sicher, eine unbekannte Zahl ermordeten die Nazis im Vilbeler Wäldchen.

Die meisten der in Preungesheim Hingerichteten haben nie ein Grab bekommen. Ihre Körper wurden in die anatomischen Institute der Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg gebracht.

In einem Schreiben der Senkenbergischen Anatomie vom Oktober 1940 an den Generalstaatsanwalt heißt es: "Während bei den mit dem Handbeil Exekutierten die Schnittfläche jeweils haarscharf und glatt war und schon die unmittelbare Umgebung keinerlei Zerstörung mehr aufwies, was ja im Interesse der Verarbeitung der Organe und Gewebe für uns sehr begehrenswert ist, zeigten sich bei denen mit dem Preungesheimer Gerät Exekutierten schwere Veränderungen."

Der Verfasser empfiehlt, "im Interesse der Wissenschaft" ein neues Fallbeil anzuschaffen.

Das waren jetzt einige Stationen von damals.

Heute ist Preungesheim immer noch ein Knast.

Kein Knast wurde je geräumt, weil dort Verbrechen stattfanden. Sie sind Orte des Verbrechens.

Heute erinnern wir an die Opfer des Faschismus in diesem Knast. An sie zu erinnern heißt für uns aber auch, davon zu sprechen wie sich die Geschichte für sie und die meisten Verfolgten des Naziregimes nach 1945 fortsetzte.

Die Versuche aus den noch bestehenden oder neu aufgebauten Strukturen antifaschistische Arbeit zu leisten und zur Entnazifizierung beizutragen, wurde schnell von den Alliierten abgewürgt.

Etwa die Antifaschistischen Ausschüsse, in denen sich die kommunistischen, sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und christlichen Gegnerinnen und Gegner des Nazifaschismus trafen, und die dafür sorgen wollten, daß ein neues Gesellschaftssystem eine Chance bekommt. Sie wurden verboten und aufgelöst.

Die Voraussetzungen wurden geschaffen, daß sich die Macht von oben wieder etabliert.

Die Mehrheit des deutschen Volkes stellte sich nicht der eigenen Geschichte. Sie, die strammgestanden, mitgejubelt und voll Hoffnung in den Eroberungskrieg gezogen waren, empfingen die überlebenden Widerstandskämpferinnen und Kämpfer mit Hochmut und Verachtung.

Es war das gleiche reaktionäre Gedankengut, mit dem Kindern in Weimar nur kurze Zeit vorher noch gedroht wurde: "Wenn du nicht brav bist kommst du nach Buchenwald". Von wegen niemand hat etwas gewußt!

Dieses gesellschaftliche Verhalten machte möglich, daß eine revolutionäre Erhebung, die den vollständigen Bruch mit dem Faschismus erst geschaffen hätte, von Beginn an unterbunden wurde. Besonders viel Druck von Alliierter Seite war gar nicht notwendig. Vom revolutionären Volkszorn gegen die nunmehr entmachteten kleinen und großen Kriegsverbrecher, Parteibonzen, Handlanger und Denunzianten des Faschismus war nicht viel zu spüren. Jahrzehntelang eingeimpfte Autoritätshörigkeit und Antikommunismus zahlten sich einfach aus.

Auch das ist ein Grund, warum es Staat und Kapital bis heute gelingt zumindest eine finanzielle Entschädigung zu verschleppen und zu verweigern. Die Opfer, sie wurden, wo es eben ging, verleugnet und verschwiegen.

Tausend Beispiele gibt es, an denen der Zusammenhang einer nicht stattgefundenen gesellschaftlichen Aufarbeitung und der Kontinuität vom Faschismus in staatlichen Strukturen aufezeigt werden kann. Personell wie organisatorisch.

Die Überlebenden der Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse mußten erneut kämpfen. Diesmal für ihre Anerkennung und gegen das Vergessen. Damit die Erinnerung an die Opfer und den Widerstand gegen den Faschismus wachblieb, damit auch zumindest hier und da in Gestalt von Mahn- und Denkmälern ihnen Achtung und Würde zuteil wurde. Einfach war das nicht, Eher lästig für diejenigen, die erneut in staatlichen Amt und Würden waren. Den alten Nazis und den kapitalistischen Technokraten der neuen BRD.

Wie lange und mühsam dieser Kampf war, zeigt sich auch in Preungesheim. Im Knast selbst gibt es nichts, was an die Geschichte dieser Haft- und Todesmaschine erinnern soll. Seit 1962 stand vor dem Knast nur eine Plastik und das Gedicht "An unsere Märtyrer" von Ricarda Huch an der Außenmauer. Die Toten blieben ungenannt.

Das hat Gründe. Das Schicksal von Anne Frank hat auch viele deshalb aufgerüttelt, zu Tränen gerührt und auch zum Handeln gebracht, weil sie einen Namen hatte. Weil sie den Menschen nahe rückte durch ihr Tagebuch. Weil sie aus der Anonymität von Millionen Toten ein greifbarer Mensch mit Gefühlen, Hoffnungen und Utopien wurde.

Weil das nicht sein darf blieben die Ermordeten namenlos. Jeder Name hat eine Geschichte. Viele von ihnen kämpften gegen den Faschismus, leisteten Widerstand, retteten Andere vor dem sicheren Tod. Dafür wurden sie ermordet. Die Erinnerung daran muß wachgehalten werden, daß Menschen in einer aussichtslosen Situation aufgestanden sind gegen den Terror, gegen die Unterdrückung. Gegen die Entmenschlichung, weil sie ihre Würde als Mensch nicht verlieren wollten.

In den siebziger Jahren wurde zum alten Frauenknast ein neuer Männerknast hinzugebaut. Beton und neueste Überwachungstechniken ersetzen die wilhelminischen Backsteine der Zuchthäuser. Es war der neue deutsche Standart. Stammheim. Sichtblenden aus Beton, Hofgang in Parkdecks, keine Sonne, Einschluß in PCB-vergifteten Zellen.

Isolationstrakte, Trennscheiben bei Besuchen und Anwaltsgesprächen, all das diente und dient noch immer zum Kleinhalten und Zerstören von politischen Gefangenen. Nicht wenige Genossinnen und Genossen aus den bewaffneten Organisationen, militanten Widerstandsgruppen und linksradikalen Bewegungen wurden durch diese Maschine geschickt. Heute sind es vor allem Kurdinnen und Kurden. Gut und gerne 200 in diesem Land.

Im Laufe der letzten zwanzig Jahre betraf es aber noch Tausende andere Gefangene: Junkies, Wohnungslose, viele Menschen aus anderen Ländern, denen zum eigenen Überleben oft nichts anderes bleibt, als für die Drogenmafia Kurierdienste zu leisten. Viele Gefangene aus diesen Ländern müssen im Knast für Ausbeuterlöhne arbeiten, damit mit diesem Geld ihre Familien zu Hause überleben können.

Die Preungesheimer Zustände haben sich in den letzten Jahren durch die mörderischen neuen Asylgesetze noch verschärft. Viele Menschen werden zum Zweck der Abschiebung gefangen gehalten.

Das ist seit Jahren so. Nur durch die Knastmauern dringt heute weniger. Früher hatten wir noch die Möglichkeit durch politische Gefangene, die im von der Anstaltsleitung nie anerkannten Gefangenenrat organisiert waren, einige der größten Schweinereien öffentlich zu machen. Heute ist diese Verbindung gerissen.

Menschen aus vielen Ländern sitzen dort oben im Beton. Sie verstehen sich gegenseitig nicht, sie werden abgeschoben. Jede Möglichkeit sich zu wehren, soll durch die Isolation genommen werden. Immer wieder berichten ausländische Gefangene von rassistischen Übergriffen der deutschen Schließer. Die Selbstmordrate im Betonbunker Preungesheim war immer hoch.

1991 schrieben Frankfurter Zeitungen der Männerknast wird eingerissen. Durch PCB-vergifteten Beton entstehen schwerste gesundheitliche Schäden. Heute ist 1995: Der Klotz steht noch immer.

Das ist Preungesheim. Nach 50 Jahren "Lernen aus der Geschichte".

Wir selbst haben unsere Erfahrungen mit dem bundesdeutschen kapitalistischen und imperialistischen Nachfolgestaat des Naziregimes. Unser Widerstand hat seine Wurzeln nicht in der Zeit von 1933 bis 45. Unsere Feinde waren nicht die SS- Schergen. Aber unsere Genossinnen und Genossen, die den revolutionären und auch bewaffneten Kampf aufnahmen, waren mit den selben kapitalistischen, juristischen und geheimdienstlichen Machteliten konfrontiert. Zum Teil gab es in diesen Positionen sogar noch die personelle Kontinuität zum Nazifaschismus. Und es gäbe sie noch heute, wären diejenigen, die vor 1945 die Todesurteile, KZ-Einweisungen und Zuchthausstrafen verhängten, nicht zu alt oder in Rente.

Wir möchten hier an dieser Gedenkstätte auch an den frankfurter Antifaschisten Günter Sare erinnern. Im September ist es 10 Jahre her, daß ihn die Bullen während einer Demonstration gegen ein Nazitreffen im Gallusviertel mit einem Wasserwerfer überrollten und töteten.

Überall wird in diesen Tagen staatlicherseits gedacht. Wohl oder übel an die KZ's, viel lieber aber an Dresden. Die alten Verbrechen relativieren, die neuen legitimieren - dagegen müssen wir uns behaupten. Dem setzen wir unseren Kampf für einen freie und gerechte Welt entgegen.

Für die Abschaffung des Knastsystems!

No justice- no peace!

 

[HOCH]
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