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Flugblatt/Aufruf zum Kundgebung am 3.5.1995 vor dem Preungesheimer Knast "Jeden Tag fanden Hinrichtungen statt. Wir waren in strenger Einzelhaft in einem Raum, in dem nichts war als eine dünne Matratze auf dem Boden, kein Stuhl, kein Tisch, kein Schränkchen, nichts, gar nichts. Wir waren mit schwerem Eisen an Händen und Füssen gefesselt, von denen wir nicht einmal zum Essen befreit wurden, und die jeweils für die Nacht noch besonders fest zugeschraubt wurden, fünf Monate lang in meinem hohen Alter, jede Nacht die Henker zum Abholen zur Hinrichtung erwartend." Dies schrieb Alfred Kaufmann, ein Überlebender der Todeszellen von Preungesheim.
1888 als Gefängnis für preussisch-kaiserliche Zucht und Ordnung in Preungesheim gebaut, diente es seitdem allen deutschen Regimen. Die Nazis hielten in dem "Straf- und Frauenjugendgefängnis" zwischen 1933 und 1945 rund 17000 Frauen und Männer gefangen. Sie bauten es zur zentralen Hinrichtungsstätte für Hessen aus. In Preungesheim wurden Todesurteile des "Volksgerichtshofes" und der Kriegsgerichte vollstreckt. Hier wurden Frauen und Männer aus Deutschland und aus den überfallenen Ländern ermordet. Zwischen 1938 und 1945 über 500 Hinrichtungen. Von mehr als 250 Menschen, die aus politischen Gründen ermordet wurden, sind die Namen bekannt. Hinrichtungsgründe hießen "Rassenschande", "Fahnenflucht", "Wehrkraftzersetzung", "Sabotage", "Landesverrat" ... Die erste Hinrichtung fand 1934 statt. Ermordet wurde der 20jährige Kommunist Josef Reitinger, an dem sich die Nazis für einen erschossenen SA-Mann aus dem antifaschistischen Kampf vor 1933 rächten.
Das Gefängnis war Teil des Zwangsarbeitssystems des Hitler-Faschismus: Die Gefangenen mußten in gefängniseigenen Werkstätten und umliegenden Betrieben zwangsarbeiten. Seit Kriegsbeginn fast ausschließlich für die Rüstungsproduktion. Betriebe, wie Lurgi, Metall-AG, Hartmann & Braun unterhielten sog. Außenlager, so daß nur ein Teil der Gefangenen am Abend zurück in das Gefängnis gebracht wurden.
No Justice - No Peace! Ohne Gerechtigkeit - Keinen Frieden!
Keiner der Mörder wurde zur Rechenschaft gezogen. Nicht der Gefängnisdirektor, nicht die Henker, nicht die Richter z.B. des Kriegsgerichts Darmstadt, die Verurteilte zu Dutzenden nach Preungesheim unter die Guillotine schickten. Die Polizisten, die beim Abtransport der Gefangenen vor den anrückenden Allierten auf dem Aschaffenburger Bahnhof drei Gefangene durch Genickschuß ermordeten, wurden im August 1950 vom OLG Frankfurt freigesprochen.
Aber 20 Jahre dauerte es, bis vor der Gefängnismauer überhaupt eine Plastik und ein Gedicht an die Verbrechen in Preungesheim erinnerten. Die Gestaltung ließ keine Schlüsse zu auf das, was dort passierte. Und weitere 30 Jahre vergingen bis eine würdige Gedenkstätte im September 1994 eingeweiht wurde.
Preungesheim ist noch das was es immer war: ein Knast. Kein Knast wurde je geräumt, weil dort Verbrechen stattfanden. Sie sind Orte des Verbrechens. Die Gedenkstätte befindet sich vor dem Knast; drinnen erinnert keine Tafel an die ermordeten Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer.
Knäste haben ihre eigene Kontinuität. Auch seit 1945 sind in Preungesheim Gefangene aus politischen Gründen inhaftiert. Nach dem Verbot der FDJ und KPD in den 50er Jahren und seit den 70er Jahren Gefangene aus den antiimperialistischen und sozialen Organisationen und Bewegungen. Also gerade diejenigen, in deren Entscheidung den herrschenden Verhältnissen den Krieg zu erklären, die Auseinandersetzung mit dem Nazifaschismus und dem Widerstand gegen ihn zentrale Bedeutung hatte. Mit dieser bürgerlichen Ordnung, die Ausschwitz zu verantworten hat und schon wenige Jahre nach Kriegsende erneut als imperialistischer Staat auf der Bühne war, sollte radikal gebrochen werden. Darum geht es auch heute noch.
Kundgebung gegen Verdrängung, Vergessen und Verfälschung der Geschichte!
Wir werden mit dieser Kundgebung an den Kampf der Gefangenen in Preungesheim erinnern und von ihm berichten. Roter Faden ist die Notwendigkeit von organisiertem Widerstand gegen Faschismus und Rassismus, Imperialismus und Krieg, heute wie damals.
5. Mai 1995, 17 Uhr - Gedenkstätte, Homburger Landstraße - an der Mauer des Frauenknastes [HOCH] [Kontakt: Über Literaturversand,
Falkstr. 74, 60487 Frankfurt]
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