Kein Friede: T e x t  A r c h i v
no justice - no peace - "... damit überall der Klassenkampf tobt!"

Rede beim Mahnmal der Gedenkstätte des KZ Buchenwald am 23. April 1995
 
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© KEIN FRIEDE

Diese Rede hielten wir beim Mahnmal der Gedenkstätte des KZ Buchenwald anläßlich einer organisierten Fahrt mit über 100 Teilnehmer/inn/en aus Frankfurt/Main und Bremen

Buchenwald 23.4.1995

Genossinnen und Genossen,

Wer hat hier nicht schon gesprochen? Zum Gedenken und zur Erinnerung: die ehemaligen Häftlinge des Lagers, die Angehörigen der Toten aus 33 Ländern, Vertreter des untergegangenen deutschen Sozialismus, Abgesandte der alten Sowjetunion und osteuropäischen Volksrepubliken.

In Einem waren sie sich alle einig: "Nie wieder! Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!" Und das verbindet uns mit ihnen.

Vieles, was die alte KPD verkörperte war nie unsere Sache. Da liegen nicht nur 50 Jahre dazwischen. Ihre deutsche Ordnungsliebe, ihr zentralistischer und starrer Parteiapparat - das blieb für die meisten von uns immer fremd.

Die Älteren von uns haben es vielleicht selbst miterlebt. Es ist gerade mal 10 Jahre her, daß die DKP Hand in Hand mit den Bullen versuchte radikale und militante Gegner in der damaligen Anti-Kriegsbewegung auszugrenzen. Nicht wenige ihrer damaligen Wortführer waren Überlebende der KZ-Höllen. Sie, die unter den Bedingungen des tagtäglichen Terrors der SS die bewaffnete Rebellion organisierten, standen den Genossinnen und Genossen, die versuchten mit Steinen in den Händen den Kampf gegen die bundesdeutschen Verhältnisse aufzunehmen, und erst recht denjenigen, die sich in bewaffneten Gruppen organisierten, überwiegend ablehnend und abwiegelnd gegenüber. Wir verstanden sie und ihren Legalismus nicht, sie sahen in uns nur Abenteurer, wenn nicht sogar Provokateure der anderen Seite.

In Buchenwald haben aber dieselben deutschen Kommmunisten zusammen mit Genossen aus den vom Nazifaschismus besetzten Ländern Europas den alltäglichen Widerstand organisiert und ihre Selbstbefreiung erkämpft. Mit enormen Opfern. Unter den entwürdigendsten Bedingungen menschlicher Existenz.

Das illegale Lagerkomitee hatte nicht nur das eigene Überleben im Sinn. Durch die Übernahme zentraler Funktionen innerhalb der Lagerverwaltung, durch abenteuerliche Tricks und geschickt eingefädelte Täuschungen, gelang es nicht nur unzählige Leben zu retten. Mehr noch, Waffen, Sprengstoff, sogar ein Sender konnte ins Lager geschmuggelt werden. Eine Versuchseinrichtung für das richtige Gemisch von Molotow-Coktails wurde eingerichtet. Sogar ein illegaler Schießstand zur militärischen Ausbildung. Und das alles unter den mörderischen Augen der SS und unzähligen Spitzeln. Jeder Fehler zog die Folter und den sicheren Tod nach sich.

Wir selbst haben die Erfahrung des Widerstandes und Überlebenskampfes unter diesen Bedingungen nicht. Heute wird mit einer bestimmten Leichtigkeit gerade von Linksradikalen die KPD und ihre Politik kritisiert. In gleichem Atemzug stößt eine Organisation der heutigen revolutionären Kräfte, seien sie auch noch so schwach und in der krassen Minderheit, weitgehend auf Ablehnung und tiefstes Mißtrauen. Nicht nur deshalb müssen sich alle schon die Frage gefallen lassen, wo sie damals gestanden hätten und wo sie morgen stehen werden? Auf Seiten derer, die den Widerstand organisieren, die sich mit aller Macht gegen die Verrohung und Entmenschlichung stemmen? Gestern wie heute?

Nicht sehr viele werden diese Frage mit letzter Gültigkeit für sich beantworten können. Wer weiß schon mit absoluter Sicherheit von sich, ob er unter der Folter reden würde oder nicht? Bisher war die Schwelle des Verrates und der Kollaboration in unseren Kämpfen und Bewegungen weit weniger blutig. Wie etwa in der Startbahnbewegung. Niemand von denen, die nach dem Tod der zwei Bullen vom Staatsschutz vorgeladen wurde, mußte mit Methoden der Gestapofolter und späterer Exekution rechnen. Trotzdem wurde geredet und unzählige Akten gefüllt. Genossinnen und Genossen wurden belastet und ausgeliefert. Nicht selten gerade von denjenigen, die für sich selbst nur wenig zu befürchten hatten.

So einfach sind die Dinge also nicht. Es gibt etwas, außerhalb verknöcherter Parteistrukturen, innerparteilichen Säuberungen und falschem Heldenmythos der KPD, was nicht aufgegeben und verloren werden darf: Es ist der Mut und der Sieg gegen die alltägliche Barbarei. Buchenwald steht dafür. Deswegen wird seine Geschichte geschliffen. Deswegen verschwindet der Akt der Selbstbefreiung aus dem Gedenken. Deswegen wird relativiert, verfälscht und gelogen. Weil es Kommunisten waren.

Die Tatsache der Selbstbefreiung soll aus dem Bewußtsein verschwinden. Solange es noch Überlebende gibt, die darüber berichten und erwidern, werden nicht alle Erfahrungen gänzlich verleugnet werden können. Das müssen wir unterstützen, dafür müssen wir uns einsetzen und ankämpfen gegen die staatliche Verfälschung. Ebenso, wie wir es nicht zulassen dürfen, daß unsere politische Geschichte, die Geschichte der revolutionären Linken der letzten 25 Jahre ausradiert wird. Gegen die militanten Genossinnen und Genossen, gegen die Guerillas und Guerilleros der bewaffneten Gruppen, ging diese Bundesrepublik mit aller Härte vor. Todesschüsse, Spezialknäste und Langzeitisolation politischer Gefangener stehen dafür, aber auch für den Kampf dagegen.

Buchenwald und der Widerstand der Häftlinge sagt uns nicht, wie eine Veränderung der neudeutschen Verhältnisse auf den Weg gebracht werden kann. Das müssen wir, soweit wir es wollen, selber herausbekommen.

Der Kampf in Buchenwald sagt uns aber, daß es immer und überall möglich ist, sich zu wehren. Und das es selbst unter Bedingungen der absoluten Defensive und Erniedrigung Chancen auf den Sieg gibt. Wenn wir das beherzigen, sind unsere Möglichkeiten nicht die schlechtesten. Es kommt nur darauf an, das wir sie nutzen und die richtige Konsequenz ermitteln.

NO JUSTICE ! NO PEACE !

HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT !

[HOCH]
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